Warum wird man "gesiehts" und in Schweden nur "gedutzt" ?

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12 Antworten

Das "Siezen", also die Anrede mit der (grammatikalischen) 3.Person Plural ist mir nur aus dem Deutschen bekannt. In vielen Sprachen ist die 2.Person Plural üblich als "Höflichkeitsform" (ich meine, das ist so im Russischen,

Здравствуйте! (ist 2.Person Plural, wenn ich mich nicht irre)

und im Finnischen, und im alten Schwedisch). Im modernen Schwedisch gibt es zwar noch das "ni" (wörtlich "ihr"), das wird aber nur sehr selten benutzt (Adel, Königshaus, Polizei vielleicht noch...). Im Alltag sind alle per "du".

In Finnland werden ältere Leute noch "ge-ihrt" (te hanki-tte... = Sie erhielten), aber sonst werden alle geduzt (auch im Beruf) (kiitos vastauksesta-si = danke für deine Antwort).

Ich meine, es gab auch mal im Deutschen eine Phase, in der "ihr" benutzt wurde ("ihr erhieltet", das klingt heute sehr altmodisch). Im Englischen gab es eine Angleichung der 2. Person Singular (die war mal "thou"/"thee") und der 2. Person Plural ("you"). 

Ich musste mich ziemlich an das "du" gewöhnen, und habe Schweden (im Land und auch hier) noch recht lange mit "ni" angesprochen, inzwischen habe ich mir das "ni" aber abgewöhnt, und finde es angenehm, nur noch "du" zu verwenden. Auch wenn man jemanden zum ersten Mal sieht.

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Die Frage ist falsch herum gestellt.
Warum wirst du in Deutschland (und einigen anderen Ländern) gesiezt?
Meist ist es nämlich nicht so.

Der Grund ist geschichtlich. Die oberen Adelsschichten im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit konnten sich in ihrer Abgehobenheit auch in der Anrede gar nicht weit genug von ihren Untertanen entfernen und haben mit der Anrederangfolge "er - du - Ihr - Euer Gnaden - Euer Hochwohlgeboren - Ihro Majestät" eine zusätzliche Möglichkeit gesehen, das Volk bescheiden und dumm zu halten.

Im Althochdeutschen reden sich alle mit du an, in Latein auch.

Nicht alle Sprachen haben den Unsinn einiger "Hochwohlgeborener" mitgemacht, - nur die, wo dann auch das gehobene Bürgertum so etepetete war wie der Adel, dem es gleichkommen wollte.

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Das „Siezen“ – die förmliche Anrede einer Person in einer
Weise, wie wenn man von abwesenden Personen spricht, ist im Barock entstanden, als alles, was künstlich war, dem
Natürlichen vorgezogen wurde. 

Diese Gegensätzlichkeit entstand aus dem Elend der Zeit und dem Widerspruch dieser  Erde als Jammertal und dem seligen Jenseits.  Alles auf dieser Erde ist „eitel“, nichts kann man ins Jenseits mitnehmen. Leben und  Tod, Diesseits und Jenseits, Schein und Wirklichkeit,   der Gegensatz war  allgegenwärtig.  Denk an die geometrischen Schlossgärten, an die prächtigen Perücken,  an die Benutzung von Parfums statt Waschwasser, oder an die Märchenprinzessin, die  so fürchterlich enttäuscht ist, als die herrlich duftende Rose und die wunderschön singende Nachtigall keine Kunstgegenstände, sondern „bloß“ natürlich sind.

Eine  unnatürlich schwulstige  Künstlichkeit prägte im
Barock auch  die Sprache,  und die Unnatürlichkeit beherrscht seit damals auch den Verkehr der Menschen
untereinander: Ich spreche zu jemandem, wie wenn er oder sie nicht da wäre -  nach unten tat man’s bis lange  ins 19. Jh. im Singular der 3. Person:  Wo bleibt Er?  Was fällt Ihm ein?  Und  Sie,  hat Sie nichts zu tun? Hole  Sie  mir doch  mein Riechfläschchen!“

Zu nicht vertrauten Höhergestellten aber, die zuvor mit der
2. P. Mehrzahl angesprochen worden waren (Herr
Ritter, ist Eure lieb so heiß, wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund…</i>), zu denen  spricht man nun so, als wäre
eine ganze Gruppe
 abwesend -  in der 3. P. Plural: Wie geht es Ihnen? Darf ich Sie bitten, mir Ihre Meinung zu sagen?“  Die 3. P.  Sg. ist dann  im 19. Jh.  verschwunden, die Unterschichte wurde aufgewertet,  die 3. P. Mehrzahl hat sich ausgebreitet. 

Erst in den letzten Jahrzehnten geht das „Sie“ offenbar  zurück. Während die Freunde Goethe und Schiller einander  ihr ganzes Leben gesiezt und noch vor 50 Jahren alle Studenten an den Hochschulen  einander ganz selbstverständlich lange gesiezt haben, ehe einige miteinander so vertraut wurden, dass sie sich zum Du
entschlossen,  ist  jetzt das Du an Universitäten eher die Regel und im Internet eine Selbstverständlichkeit,  und auch außerhalb nimmt das Du rapide zu – und ich meine damit nicht die gegenseitige Beschimpfung von Verkehrsteilnehmern.

In Skandinavien  der 1960er  ist die alte förmliche Anrede immer rarer geworden und zu   Anfang der 1970er hat sich das Du  nicht nur im  Schwedischen  durchgesetzt, die förmliche Höflichkeit – Was
meint der Herr Professor?  Darf ich der  Dame noch einen Tee bringen?
- war aber vorher schon recht selten und ein „Sie“, also ein Pronomen wie unsere nach  französischem Vorbild geformte 3. P. Mehrzahl  hat’s nie gegeben.

Im Englischen hingegen ist ja etwas anderes Kurioses
geschehen: Die alte Höflichkeitsform der 2. P. Mehrzahl  (you, your = Ihr, Euch, Euer) wurde zur  allgemeinen Anrede für jedermann, selbst für kleine Kinder, während die natürliche vertrauliche  alte  Anrede mit der 2. P. Einzahl, das DU (thou, thy, thine) fast exklusiv für das Gebet zu Gott erhalten blieb (wenn es auch  in ein paar kl.  Dialekt-Gebieten  und z.B. bei  den Quakern weiterlebt).

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Kommentar von Koschutnig
08.02.2016, 19:51

Etwas ist unrichtig: vorletzter Absatz, letzte Zeile:  Wörter 1-4 weg.

1

In Schweden hat man einen enorm hohen Sinn für "Gleichheit"! Niemand soll sich je als Mensch "höher" fühlen, als ein anderer Mensch. Die Betonung liegt auf Mensch - unabhängig von irgendwelchen Titeln, Wissen, Reichtum, etc.

Deswegen wurde 1967 die früher auch dort vorhandene Form des "Sie" abgeschafft. Das Wort ("Ni") selber gibt es immer noch. Es wird auch noch - sehr selten - eingesetzt, nämlich z.B. wenn du zufällig den König auf der Strasse triffst oder in einzelnen Fällen alter schwedischer Adeligen, die sich bis heute nicht daran gewöhnen wollten. Ansonste ist aber jede/r andere einfach gleich - und wird in der Regel sogar mit dem Vornamen angeredet, egal ob Lehrer, Arzt, Polizist, Beamte,...

Ich finde das übrigens 1000x angenehmer, als die gekünstelte Sie-Gesellschaft hierzulande!

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Also ich werde vielleicht gesehen. Oder gesiezt. Gedutzt bin ich noch nie worden. Ich bin höchstens verdutzt, dass jemand sich Gedanken über Sprache macht, aber nicht weiß, wie man "geduzt" schreibt.

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Ist bei denen halt nicht so drin. Andere sitten

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In Schweden rücken aufgrund der Kälte die Herzen näher zusammen. 

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Das " Sie " ist in vielen Ländern nicht üblich.

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Andere Kultur

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Warum bitte nicht? In englisch sprechenden Länder sind auch alle beim "you"!

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Warum man in Schweden generell gedutzt wird?

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Kommentar von Raabtt
08.02.2016, 11:42

Jo  und in Deutschland  gesietzt

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