Frage von Katzenpfote73, 28

Warum wird der 2. Weltkrieg von den "damaligen dabei gewesenen" oftmals so glorifiziert?

Meine Familie ist sehr groß und über ganz Deutschland und Österreich verteilt. Dementsprechend hatte ich viele Großonkels und ältere Verwandte und da ich als Junge sehr neugierig war und immer nachgefragt habe, haben sie mir alle viele Geschichten vom 2. Weltkrieg erzählt.
Der eine war U-Bootfahrer im Atlantik, der andere Stuka-Kampfpilot, wiederum ein Opa Panzerfahrer an der Ostfront, zuletzt Plattenseeoffensive im Tiger I, dann ein anderer normaler Fußsoldat in der Wehrmacht in Jugoslawien, Griechenland und Krim, der andere SS-Mann in Frankreich, Normandie. Immer habe ich "spannende" Geschichten vom großen Abenteuer, Kameradschaft und Heldentum gehört, kaum aber Geschichten über die fürchterlichen Schrecken, Grauen und Verbrechen.
War das bei Euch auch so? Auch meine Oma, damals junges Mädchen um die 18, hat den Hitler vergöttert und immer wieder von der "guten alten Zeit" gesprochen (und mir gesagt: "das darfst Du aber niemandem sagen ..."). War das bei Euch auch so, oder hat man sich da kritischer mit der Vergangenheit auseinandergesetzt?

Antwort
von wolfgang11, 16

Ich bin Jahrgang 1924 und habe die erlebt.

 Wer die Zeit nicht erlebt hat, wird sie sich kaum vorstellen können. Zudem verblassen grausame Erlebnisse und werden durch freudige Erlebnisse verdrängt.

Hitler kam an die Macht, als Chaos in Deutschland herrschte. Anhänger unterschiedlicher Parteien schlugen sich die Köpfe ein. Es gab 6 Millionen Arbeitslose. Hitler beendete das Chaos. Es gab wieder Arbeit. Wer hat da schon danach gefragt nach dem warum.

Die Propaganda hatte die Menschen fest im Griff. Mit 10 kam ich ins Jungvolk. Mit 14 in die HJ. Mit 18 wurde ich Soldat im Glauben an Deutschland und eine rosige Zukunft. Als Soldat wurde ich zum Befehlsempfänger. Wie anders soll auch eine Wehrmacht funktionieren. Ich war an der Ostfront und kam in der Normandie in Gefangenschaft. Es waren grausame Erlebnisse. Die sind auch verblasst, gegenüber Erlebnissen, die mich überleben ließen. Die große Ernüchterung kam, als ich nach 5 Jahren Soldat und Kriegsgefangenschaft in die völlig zerstörte Heimat zurückkehrte.

So weit verstehe ich Soldaten, die von ihren Heldentaten reden, um andere Situationen zu verdrängen.

Ich habe nach dem Krieg mit französischen und Englischen Soldaten gesprochen, die mir vielleicht gegenüber gelegen haben, und gefragt, warum haben wir aufeinander geschossen? Es gab immer die gleiche Antwort. Weil wir mussten.

Ich stelle mir heute viele Fragen zur damaligen Zeit. Warum musste es eigentlich zu dem 2. Weltkrieg kommen? Konnte man Hitler nicht ausbremsen, als er mit der Aufrüstung begann, obwohl  Deutschland im Versailler Vertrag nur ein leicht bewaffnetes Heer von 100 000 Mann erlaubt war.

Ich frage mich aber auch, was die Menschen aus der Zeit gelernt haben? Die Menschen lassen sich nach wie vor manipulieren. Ziehen freiwillig in immer brutalere Kriege und sind stolz, wenn sie einen Gegner enthauptet haben. 

Kommentar von GanjaIsTheCure ,

Sie haben meinen vollen Respekt. Ich denke ich könnte mich mit ihnen stundenlang unterhalten.

Kommentar von Katzenpfote73 ,

danke für die interessanten Einblicke

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte, 13

Viele Menschen, die diese furchtbare Zeit bewusst erlebt haben, können sich mit den Verbrechen des Naziregimes nicht kritisch auseinandersetzen. Sie haben es als junge Menschen in der frühen Bundesrepublik nicht gelernt - und sind im Alter dazu auch nicht mehr in der Lage. Sie weigern sich anzuerkennen, einer schlechten Sache angehangen bzw. als Soldat gedient zu haben. Daher verdrängen sie alles Unangenehme und Schlechte und erinnern sich nur an das Gute, das sie vielleicht erlebt haben.

MfG

Arnold

Kommentar von thetee99 ,

Denke ich auch. Allerdings ist es auch ein allgemeines Phänomen, dass man sich in der Vergangenheit eher nur an die guten Momente erinnert, zumindest in Relation zum "Hier und Jetzt". Daher hört man auch so oft den Satz: "früher war ja alles besser".

Kommentar von wolfgang11 ,

Früher war nicht alles besser. aber manches. Das hat aber nicht unbedingt mit der NS zu tun.

Beispiel: Mehrfamilienhäuser standen tagsüber offen. Der Briefträger, der Milchmann und der Bäcker liefen treppauf und treppab durch das Haus. Diebstähle gab es kaum. Der Ortsbüttel lief umher und beäugte arglistig jeden Fremden. Frauen konnten auch nachts allein auf den Straßen gehen, ohne belästigt zu werden. Zivilcourage war größer und auch die Hilfsbereitschaft.

Der Arbeitstag der Frau sah anders aus als heute. Die Frauen hatten eine Familie mit Kinder, die es zu versorgen galt. Es gab kaum Waschmaschinen und andere Elektrogeräte. Es gab keine Pampers. Die Frauen waren in der Regel nur Hausfrauen. Männer arbeiteten 48 Stunden in der Woche.

Der technische Fortschritt hat einige Vorteile gebracht. Aber das Leben ist hektischer und unpersönlicher geworden. Heute arbeiten Mann und Frau je 35 Stunden die Woche, insgesamt also mehr als früher der Mann alleine. Ob die die heutige Spaß- und Wegwerfgesellschaft besser ist???

Jemand, der die Zeit "früher" nicht erlebt hat, kann wohl kaum verstehen, dass Menschen, die diese Zeit erlebt haben, sie ruhiger, sicherer und gemütlich empfinden. An Gutes erinnert man sich eher als an Schlechtes.    

Kommentar von veritas55 ,

Heute arbeiten Mann und Frau je 35 Stunden die Woche, insgesamt also mehr als früher der Mann alleine.

Aha - Windeln waschen ohne Maschine war also keine Arbeit ?

Kommentar von wolfgang11 ,

Natürlich war das Arbeit. Sowohl der Mann als auch die Frau arbeiteten härter als heute. Der technische Fortschritt hat den Menschen viele Vorteile gebracht. Hat der Mensch sie aber richtig genutzt?

Wenn Maschinen und Roboter die Arbeit der Menschen übernehmen, warum muss der Mensch heute länger einer bezahlten Arbeit nachgehen? Warum ist des Leben heute so unpersönlicher geworden?

Antwort
von soissesPDF, 4

Verklärte Heldenromantik.
Geschichten können immer nur die Überlebenden erzählen.
Für die Opfer war die Veranstaltung umsonst.

Antwort
von thetee99, 13

Schade, die Antwort von diesem Typen der folgendes über Hitler und seinen Idealismus geschrieben hatte:

Im Gegenteil ich finde ihn gut und werde ihn unterstützen.

wurde bereits gelöscht. Falls er meine Antwort hier trotzdem noch liest:

xD Hervorragend! Leider galt sein Idealismus geprägt durch seinen Nationalismus... wenn auch für ein fremdes Land... nur einer bestimmten Gruppe von Menschen und zum Nachteil aller anderen Menschen, die nicht durch ihr bestes Talent/Fähigkeit, ihr bestes Können... zu dieser Gruppe dazugehörten, nämlich: als Deutscher geboren zu sein...

Du scheinst dabei zu vergessen, dass Hitler und seine Staatspolizei zuerst auch ihr eigenes Volk der deutschen massiv terrorisiert und eingeschüchtert haben, bevor auch wirklich alle auf Spur liefen. Dazu noch ein bisschen Propaganda-Gehirnwäsche und fertig war der Prototyp-Deutsche, der lachend ins Maschinengewehrfeuer rennt, während der kleine Lebensversager Hitler (keine Berufsausbildung, keine Schulbildung, nicht mal "Führer"schein) sich zu Hause von seinen Groupies bejubeln lässt...

Diese zunehmende Romantisierung von diesen Menschen verachtenden Dingen, die durch die NSDAP passiert sind, ist alarmierend.

Antwort
von veritas55, 14

Der Grund wird sein, dass sich deine Verwandten vollkommen mit dem Naziregime identifiziert haben und auch im Nachhinein nicht zugeben konnten sich geirrt zu haben weil sie sonst hätten einsehen müssen, Verbrechern auf den Leim gegangen zu sein bzw. durch Leichtgläubigkeit selber Verbrecher geworden zu sein - damit hätten sie ihre gesamte Persönlichkeit in Frage stellen müssen und das kann nicht jeder. Verdrängung und Verklärung sind einfacher...

Zum Glück haben sich meine Großeltern immer vollständig von den Ereignissen dieser Zeit distanziert und hatten den Mut beschämt einzugestehen, dass sie aus Angst um ihr eigenes Leben nicht in der Lage waren gegen die Kriegspläne und Judenverfolgungen angegangen zu sein. Sie haben mir immer wieder erzählt, dass sie die Nazis zunächst nicht für voll genommen und die Gefahr nicht rechtzeitig erkannt hatten. Nach der Machtübernahme  war es für Widerstand  zu spät weil Verhaftungen durch die Gestapo an der Tagesordnung waren.

Von klein auf haben meine Großeltern mich mit den grauenhaften KZ-Fotos konfrontiert und dabei glaubhaft versichert, dass sie zwar Deportationen von Nachbarn miterleben mussten, aber vor der Befreiung und Veröffentlichung der Fotos niemals für möglich gehalten hatten was tatsächlich in den Vernichtungslagern geschehen war. Sie glaubten bis zum Schluss, dass die Juden zwar enteignet und aus Deutschland verbannt wurden was sie  schrecklich fanden aber hilflos hinnehmen mussten weil sie wussten, dass alle Gegner der Nazis in Arbeitslagern zu Zwangsarbeit verpflichtet oder gleich erschossen wurden. Dazu reichte schon wenn man einen mißgünstigen Nachbarn oder Verwandten hatte der sich als Denunziant dem Regime anbiederte, so dass sich niemand mehr traute seine Meinung zu sagen. Die Geschwister Scholl und Leute wie Stauffenberg galten für meine Großeltern immer als Helden, die sie selber zugegeben nicht waren - für diese Ansicht, ihre Offenheit und Selbstkritik bin ich ihnen sehr dankbar.

Mein Vater redete dagegen nie über die Zeit - er war nach seinem "Notabitur" mit 17 Jahren eingezogen und an die Front geschickt worden, war anschließend in französischer Gefangenschaft. Wenn ich ihn fragte was er erlebt hatte, wich er immer aus: entweder waren die Erlebnisse zu schlimm gewesen oder es war ihm peinlich zuzugeben, dass er der Propaganda als Jugendlicher geglaubt hatte - das habe ich nie rausgefunden und auf meine Frage, ob er jemals einen Menschen getötet hat, sagte er nur: ich hoffe nicht. Mehr war von ihm nicht zu erfahren.

Kommentar von Katzenpfote73 ,

Wenn man von Stauffenberg als Helden sprechen möchte, sollte man aber wissen, dass er vor seinem Attentatsversuch selbst ein fanatischer und überzeugter Nazi, Kriegstreiber und -verbrecher war. Erst als er im Laufe des Krieges erkannte, dass der Krieg aussichtsslos verloren geht, hat er sich für die Beseitung Hitlers entschieden und das auch noch sehr erfolglos und dadurch viele andere "unschuldige" mit in den Tod gerissen.

Kommentar von veritas55 ,

Dass es an der Person Stauffenberg einiges zu kritisieren gibt, ist mir auch klar nachdem ich mich eingehender darüber informiert habe.

Ich habe deshalb auch nicht meine Meinung sondern die Ansicht meiner Großeltern wiedergegeben und die war vor 50 Jahren bemerkenswert weil zu der Zeit noch Alle als Volksverräter galten die gegen Hitler angegangen waren.

Meine Großeltern haben ihn verständlicherweise dafür bewundert dass er den Mut hatte der ihnen gefehlt hat, nämlich für den Widerstand das eigene Leben zu riskieren...

Antwort
von JBEZorg, 10

Das Problem ist, dass viele aber nicht alle auf ihre alten Jahre bei ihren Geschichten immer heroischer werden. Glaub' mir, als ihnen der Dreck der Schützengräben noch unter den Fingernägeln zu schaffen machte haben sie ganz anders gesprochen.

Antwort
von GanjaIsTheCure, 4

Mein Opa musste Ins Gulag und hat nie wirklich viel darüber gesprochen und wenn ich ihn gefragt habe wurde er danach immer ganz still.

Ich denke das deine Oma gute alte Zeit sagt weil Hitler Deutschland aus der Wirtschaftskriese geholt hat. Und es dem Deutschen Reich vor dem Krieg vergleichsweise zu den Jahren davor sehr gut ging..

Kommentar von Katzenpfote73 ,

ja, in meiner Verwandtschaft sind alle irgendwie relativ "gut" davongekommen, zumindest gab es keine Gulags oder Todesfälle. Meine Oma hat auch auf dem Land gelebt und von Bombardements und Todeslagern etc. nichts mitbekommen. Sie meinte immer unter Hitler gab es keine Verbrecher und Kinderschänder und so, das hätte sich damals keiner getraut ...

Kommentar von thetee99 ,

Dann hatte deine Oma sicher auch noch nie was von Dr. Mengele gehört? Die systematische Ermordung am Fließband von KZ-Inhaftierten wurde ja auch Jahrelang vor der deutschen Bevölkerung verheimlicht, oder mit Propaganda-Videos vom gemütlichen Ferienlager vertuscht.

Im KZ Buchenwald bei Weimar haben es die Alliierten nach der Befreiung besonders schön gelöst. Nirgendwo sonst lagen ja Kunst und Bildung bzw. Aufklärung und eine Todesfabrik so nah beieinander. Die Bewohner von Weimar wurden von den Befreiern "herzlichst" zur Besichtigung eingeladen... nicht wenige mussten sich übergeben.

Wenn die Alten sich heute ernsthaft damit auseinandersetzen müssten, wen oder was sie da damals in ihrer Jugend zugejubelt haben, müssten sie ja feststellen, dass sie die besten Jahre ihres Lebens vergeudet haben... also besser alles ignorieren und der letzte macht das Licht aus... ;)

Kommentar von GanjaIsTheCure ,

In vielen Bereichen war es auch besser als heute z.B die Einbruchrate. Die Leute konnten ihre Türen offen stehen lassen, aber zu welchem Preis?

Antwort
von Freshii, 13

Also für die meisten Männer war das eine Ehren Sache damals für Deutschland zu dienen, für die meisten aber wiederum nicht. Die einzige Zeugin des zweiten Weltkrieges in meiner Familie ist meine Oma, sie war damals vielleicht 7 Jahre alt und musste ihre Heimat verlassen, da die Russen auf den Vormarsch waren, tja sie war dann 9 Wochen mit Pferd und Wagen unterwegs und sagt doch immer wieder, dass es ne schlimme Zeit war. 

Antwort
von Dahika, 12

Also meine Familie hat den Krieg nie glorifiziert, sondern fand nur alles entsetzlich. Das liegt aber vielleicht daran, dass sie alle keine Nazis waren.

Antwort
von Andrastor, 7

Die Antwort ist dieselbe wie auf die Frage warum es heute noch Religionen gibt und deren Gräueltaten soweit es geht verschwiegen werden:

Erfolgreiche Propaganda.

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