Warum wird das Buch "Kampf der Kulturen" von Samuel Huntington so heftig kritisiert?

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3 Antworten

So, wie ich es verstanden habe, vertrat Huntington die Meinung, dass künftig nicht mehr Krieg zwischen Staaten, sondern zwischen Kulturen stattfinden würde. Er schrieb ausserdem, dass sich alle Kulturen (konfuzianische, japanische, islamische, hinduistische, slawisch-orthodoxe, lateinamerikanische) gegen die westliche Kultur stellen würden.

Im Klartext würde das bedeuten, dass der Westen die anderen Kulturen besiegen muss, um selbst nicht unterzugehen. Also die ganze Welt sollte westlich werden. Das ist meiner Meinung nach schon mal ziemlich rassistisch.

Das Problem ist, dass am Terror, der von Einzelpersonen oder radikalen Gruppen ausgeht, nicht zwingend eine bestimmte Kultur schuld ist. Es darf nicht die ganze Kultur ausgelöscht werden, weil einige Extremisten sich falsch verhalten. 

Wenn jedoch trotzdem die ganze Kultur angegriffen wird, dann wird sich die These dadurch bewahrheiten, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn man davon ausgeht, dass ein Kulturenkrieg entstehen wird, und aus diesem Grund einer Kultur den Krieg erklärt, dann entsteht selbstverständlich ein Kulturenkrieg.

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Kommentar von iParadox15
11.02.2016, 23:20

Danke für die ausführliche Antwort. Wenn das richtig ist, habe ich das endlich verstanden. :D

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Der Kern ist folgender: Huntington geht davon aus, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des kalten Krieges folge zwangsläufig ein Kampf der Kulturen, dabei geht er von einer natürlich gegebenen Führungsrolle des Westens aus. Andere Kulturen hätten einmal die Möglichkeit diese Führungsrolle anzuerkennen und sich selbst zu "verwestlichen" oder aber die westliche Vorherrschaft abzulehnen. Ein Nebeneinander der Kulturen schließt er aus weil das der Verlust der westlichen Vormachtstellung bedeute. Eine Welt ohne Anspruch auf Dominanz kommt in Huntingtons Ausführungen schlichtweg nicht vor.
Ein weiterer Kritikpunkt: Huntington ist nicht nur Politikwissenschaftler sondern auch Berater des US-Außenministeriums. Man könnte hier also unterstellen, daß man in Washington daran interessiert war neue Feindbilder zu finden.

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Ich habe jetzt nicht noch einmal nachgeschlagen, aber vielleicht wird es gerade deshalb verständlich genug:

H. behauptet , dass in den großen Kulturräumen unterschiedliche bis gegensätzliche Wertvorstellungen dominieren (Toleranz gegenüber Anders- und auch Ungläubigen/ Vorrang der Freiheit des Individuums vor dessen kollektiver Einbindung in Familien- oder Clanstrukturen/ rechtliche Gleichheit aller/ Mündigkeit aller volljährigen Familienmitglieder etc.) und dass diese wegen verschiedener weltweiter Verflechtungen auch zu Konflikten führen (s. jüngstes Bsp. Silvesterereignisse in Köln).

Die Kritik an Huntington lief, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, auf zwei wesentliche Argumente hinaus:

1. Alle Kulturen seien gleichwertig, keine der anderen überlegen (womit z.
B. implizit behauptet wird, die Unterdrückung der Frauen sei genauso
"wertvoll" wie deren Gleichberechtigung).

2. Huntingtons Kulturen seien keine  in sich  geschlossenen Blöcke; die Konfliktlinien, die H. zwischen den Kulturen verorte, verliefen vielmehr innerhalb dieser Kulturen (z. B., wenn in Nord-Korea jemand für Meinungsfreiheit eintrete).

Dem letzten Argument ließe sich allerdings entgegenhalten, dass es auch
immer darum gehen muss, die Abweichler von den vorherrschenden Normen zu quantifizieren (Wieviele gibt es? Wie groß ist ihr Einfluss?)  und den Umgang der Mehrheit mit  nicht-konformistischem Verhalten näher zu betrachten.  Wird es toleriert, oder versucht man lieber, es z. B. per öffentlicher Auspeitschung auszutreiben?

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