Frage von susau, 72

Warum werden Süchte als psychische Krankheit gewertet?

Ich hab mir die Frage gestellt, warum die Sucht nach einer Substanz als psychische Krankheit gewertet wird. Unter psychische Krankheiten verstehe ich u.a. Wahrnehmungsstörungen die quasi aus dem Körper selbst entstehen ohne Einfluss von irgendwelchen Mitteln. Das sich bestimmte Mittel oder die Sucht an sich auf Körper und Psyche auswirken ist mir klar, aber dennoch fällt es mir schwer die Sucht selbst als psychische Erkrankung zu sehen.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Seanna, 36

Weil der Konsum von (in der Regel) illegalen Substanzen (bzw. illegal beschafften Substanzen) üblicherweise langfristig gewisse Folgen hat, die die Kriterien psychischer Krankheiten erfüllen.

Da wäre zum einen das ständige Gedankenkreisen um die Substanz (Fixierung - auch einhergehend Craving), damit einhergehend oft auch Beschaffungskriminalität, die objektiv gesehen unverhältnismäßig ist dafür, dass man sich damit schadet. Dann dass sich Betroffene oft aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen, Kontakte abbrechen, kein normales Sozialleben außerhalb anderer Konsumenten haben (weil sie bei Nicht-Konsumenten oft auf Ablehnung stoßen). Auch affektive Veränderungen sind oft Folge von Konsum, nicht zuletzt weil die Betroffenen ohne die Substanz oft starke Anhedonie verspüren, da durch "normale" Freuden des Lebens nicht die Glücksgefühle erreicht werden können wie durch den Konsum. Außerdem beeinträchtigt der Konsum die Persönlichkeitsentwicklung. Auch, weil der Konsum von Drogen eine langfristig nicht adäquate Copingstrategie darstellt, um mit Stress umzugehen. Sie beeinflussen Wahrnehmung und Verhalten auf unvorhersehbare Weise, so dass viele Bereiche des Lebens für Betroffene zum Problem werden: Sozialleben, Arbeit, selbst Dinge wie Auto fahren (ist ja verboten), außerdem zieht es meist auch rechtliche Probleme nach sich oder zumindest oft ständige Angst vor dem Erwischtwerden. Und nicht zuletzt sind da auch noch die Nebenwirkungen der Substanzen, die mit Affektveränderungen, Wahrnehmungsveränderungen, Paranoia, Psychose, Dissoziation, Kreislaufschwierigkeiten, Delir (und weiteres) und nicht zuletzt Überdosierung und Tod nicht zu unterschätzen sind.

Diese Substanzen ungeachtet all dieser negativen Konsequenzen zu konsumieren ist meiner Meinung nach Grund genug, Sucht als psychische Krankheit zu definieren.

Und zum Körperlichen: die Ursachen der Sucht bzw Suchtneigung sind ja bis heute nicht ganz geklärt, da sie aber in Familien gehäuft auftritt, ist eine biologische Komponente wahrscheinlich. Insofern liegt der Verdacht nahe, dass es etwas mit den neurologischen Vorgängen zu tun hat. Dass psychisch vorbelastete Menschen anfälliger für Süchte sind, spricht ebenfalls dafür.

Für eine nähere Erläuterung, falls dies nicht reicht oder deine Frage nicht beantwortet, kannst du dich evtl. am ZI Mannheim informieren, dort gibt es meines Wissens eine Professur für diese Thematik.

Kommentar von susau ,

Danke für deine ausführliche Antwort.

Bei manchen Substanzen kann ich die Einstufung nachvollziehen, weil sie sich negativ auf den Körper und Geist auswirken.

Kommentar von Seanna ,

Welche sind das? Vielleicht findet sich dafür ja eine schlüssige Argumentation.

Kommentar von susau ,

Naja zum einen die, die du im Allgemeinen unter illegale Substanzen gezählt hast (Drogen quasi) und zum anderen Alkohol.

Substanzen wie Schokolade finde ich z.B. als unbedenklich, mal davon abgesehen, dass man davon dick werden kann.

Man kann ja nach so ziemlich allem süchtig sein, aber ohne psychische und körperliche Folgen, würde ich die Sucht dann nicht als psychische Krankheit betiteln.

Kommentar von Seanna ,

Dh. für die "illegalen Substanzen" und Alkohol ist die Argumentation schlüssig, für Schokolade (was noch?) fehlen Argumente? Meines Wissens zählt Schoko-Sucht aber nicht als psychische Krankheit - oder doch?

Kommentar von susau ,

Mir geht es ja darum, dass ich ein Problem damit habe die Sucht nach irgendwas als psychische Krankheit zu betiteln, weil es für mich nichts ist, was in der Psyche seinen Ursprung hat sondern in der Substanz, egal was es ist. Bei Substanzen, wie Alkohol und Drogen, die den Körper und die Psyche schädigen, sehe ich das Problem in der Substanz an sich was die Schäden bewirkt und nicht das mein Psyche ein Verlangen nach etwas hat. Würde mich aber darauf einlassen, dass aus der Sucht psychische Störungen folgen können, welche aber unter Umständen auch ohne Sucht entstehen können.

Und das mit der Schokisucht oder von mir aus Rauchen...ist halt die Frage. Ist eine Sucht nur eine psychische Krankheit, je nachdem von welcher Substanz ich abhängig bin?

Antwort
von MariaM83, 25

das ist eigentlich sehr einfach...
Entweder du hast psych. Probleme und nimmst desshalb Drogen, oder du nimmst Drogen und bekommst welche.

Nein, Ernst:
Keine Abhängikeit ohne dass die Psyche eine Rolle spielt.
Man sagt ja auch so schön: der Betroffene muss es "wollen". Ja, aber weil die Suchtstoffe unser Hirn angreifen, werden unsere Gefühle beeinträchtigt und wir können diese entweder nicht mehr richtig einordnen, geschweige denn sie empfinden und wissen somit garnicht mehr wad wir wollen... Wir entwickeln eine verschrobene Warnehmung unseres selbst.
Das ist schon ziemlich strange und desshalb braucht man jemanden, der einen durch dieses Schlammassell durchführt, und diese Aufgabe übernimmt dann ein mehre oder minder guter Therapeut.

Antwort
von DoublePP, 66

Hey, da gibt es ganz genaue richtlinien ab wann jemand als psychisch krank gilt. (hab da die abkürzung 'icd' oder so im kopf, kannst du ja mal googlen)
grundsätzlich könnte man denke ich sagen, dass alles, was ins extreme geht und von der norm abweicht als krankhaftes verhalten angesehen werden kann.

Kommentar von susau ,

Ja du meinst das ICD-10. Damit habe ich mich auch schon beschäftigt, allerdings haben die z.B. auch den Rausch  (Intoxikation) mitaufgeführt. Den kann man allerdings auch haben, wenn man nicht süchtig ist sondern nur übermäßig konsumiert hat. Deswegen finde ich die Einordnung des Substanzmissbrauches als psychische Störung ja so schwammig

Kommentar von Laury95 ,

Der Rausch ist auch im ICD-10 aufgeführt, aber es heißt : Psychische UND Verhaltensstörung durch Alkohol, also die Folge von übermäßigem Verzehr. Eigentlich sollte es besser formuliert werden, psychische Störung halte ich bei dem Rausch auch zu schlecht dargestellt, da es ja nur kurzfristig ist. Soweit ich weiß wird der Rausch im DSM- IV nicht genannt.

Kommentar von susau ,

In der Überschrift liegt quasi die Trennung von psychische Störungen durch Substanzen und Verhaltensstörungen durch Substanzen, die nicht zwangsläufig eine psychische Krankheit sind, vor, richtig?

Also könnte man gemäß ICD-10 sagen, dass die Süchte zu den psychischen Krankheiten gezählt werden, die Ausfallerscheinungen durch unregelmäßigen überhöhten Konsum aber nicht.

Kommentar von Laury95 ,

So könnte man es sehen, aber der DSM und ICD sind schon seit Jahrzehnten sehr kritisiert worden, gerade wegen den ungenauen Definitionen ^^

Antwort
von BrilleHN, 53

Die Behandlung von Süchten (Therapie) und wenn es keine Krankheit wäre, dann dürften die Krankenkassen und LVA die Kosten nicht übernehmen - es hat also ganz praktische Gründe.

Antwort
von Laury95, 40

Als psychische Störung wird bezeichnet, wenn eine Störung: langfristig ist, sich von der Norm der Gesellschaft abhebt und es einen erheblichen Leidensdruck für sich; und die Umwelt darstellt.

Daher ist eine Sucht klassifiziert als psychische Krankheit.

Kommentar von susau ,

Hast du eine Quelle für diese Definition?

Das mit der Norm der Gesellschaft ist interessant. Folglich werden Menschen welche süchtig nach etwas sind, was von der Gesellschaft nicht akzeptiert ist als psychisch krank abgestempelt und andere nihct, weil es normkonfom ist.

Kommentar von Laury95 ,

Das war mal ein Arbeitsblatt im Pädagogikunterricht, als wir das Thema hatten. Ich schaue mal im Internet..

http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psychische_Storungen/psychische...

Hier steht es genauer beschrieben..

Kommentar von Laury95 ,
Kommentar von susau ,

Merci :)

Antwort
von MidnightWine, 72

Weil das krankhafte Verhalten ab dem Zeitpunkt anfängt, wenn du in einen Entzug kommst. Bei Drogen kann das unkontrolliertes Verhalten hervorrufen. Und diese Leute sind dann garantiert nicht mehr normal...

Kommentar von susau ,

Ok aber wäre das dann nicht auf die Nebenwirkungen der Mittel zurückzuführen und weniger auf die Psyche an sich?

Kommentar von MidnightWine ,

das ist ein komplexes Thema :) Entzugserscheinungen gehören zur Such selbst. Die Sucht nach Süßigkeiten ist auch sehr verbreitet. Wenn du dann keine mehr hast, fängst du auch mit ganz typischen Entzugserscheinungen an.

Kommentar von susau ,

Ja, ich finde es halt schwierig bei Sucht von einer psychische Krankheit zu reden, wenn man sich dahingegen Schizophrenie, Depressionen etc. anschaut.

Denn demnach müsst man Raucher ja auch als psychisch krank einstufen.... das die Sucht nach manchen Dingen Folgeschäden mit sich zieht ist logisch, aber meines Erachtens nicht auf die Psyche sondern auf den Konsum der Mittel zurückzuführen.

Kommentar von Laury95 ,

Rauchen ist aber weit verbreitet und wird daher nicht als psychische Störung angesehen, siehe die Richtlinien einer psychischen Störung in meiner Antwort. Zudem schränkt es die Person im Alltag nicht ein, da Raucher "kontaktfreudig" mit anderen Rauchern rauchen.

Kommentar von susau ,

Und genau da liegt halt das Problem. Letzendlich sind Raucher genauso süchtig wie andere die nach anderen Mitteln süchtig sind, warum also zweigleisig fahren. Bei schizophrenen Menschen sagt man ja auch nicht Ok der ist psychisch krank, der andere aber nicht, der hat nur eine blühende Fantasie.

Kommentar von Laury95 ,

Ja, du hast Recht, aber ich denke, Schizophrenie schränkt das alltägliche Leben mehr ein und macht es stark betroffenen fast unmöglich, einen Beruf auszuführen. Ich denke aber, es kommt immer auf die Ausprägung an.

Kommentar von MidnightWine ,

Der Vergleich mit Krankheiten wie Schizophrenie und einer Sucht ist etwa genauso wie zwischen Erkältung und Krebs würde ich sagen. Das Rauchen ist eine der am weitesten verbreiteten Süchte. Das ist bei vielen ein Nervositäts-Thema. Außerdem schränkt es ein. Habt ihr schon einmal vor einen 1000-Meter Lauf eine Zigarette geraucht? ^^

Kommentar von Laury95 ,

Durch die Sucht können auch schizophrene Züge entstehen :) Das eine schließt das andere nicht aus.

Kommentar von susau ,

Das stimmt. Hab auch schon gelesen, dass Substanzmittel Symptome verschlimmern kann.

Kommentar von susau ,

Ja aber bei einer Erkältung und Krebs kann man zweifelsfrei sagen, dass das "richtige" Krankheiten sind. :)

Die Sucht ist in meinen Augen sowas künstlich herbeigeführtes...

Die Raucher in meiner Klasse damals, konnten in Nicht-Rauch-Phasen schlechter laufen als in Rauch-Phasen ^^

Kommentar von MidnightWine ,

Was meinst du mit „künstlich herbeigeführt“? Ich denke wenige wollten ihre Sucht haben ^^ Aber sehr interessante Diskussion für GF :)

Kommentar von susau ,

Nein so meinte ich das nicht ^^. Aber würde es gewisse Substanzen, die abhängig machen nicht geben, dann gäbe es auch die Sucht nicht und wäre somit keine psychische Erkrankung. Anders als andere psychische Erkrankungen, die eben nicht durch Mittel herbeigeführt werden sondern einfach so entstehen. Deswegen sehe ich Süchte als künstlich

Kommentar von MidnightWine ,

Aber viele andere psychische Krankheiten können doch auch durch äußere Einflüsse hervorgerufen werden :) 

Kommentar von susau ,

Das würde aber heißen, dass die Krankheit oder der Hang dazu schon irgendwo in meinem Körper ist und nur durch äußere Einflüsse hervorgebracht wird. Bei der Sucht liegt ja vorher nichts vor sondern ist quasi durch das Mittel selbst erzeugt

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