Frage von Ontario, 155

Warum werden ehemalige Verbrecher in Konzentrationslagern erst nach so langer Zeit vor Gericht gestellt?

Eine ernsthafte Frage, die ich bitte, nicht zu löschen. Ich frage mich, warum man ehemalige Kriegsverbrecher erst so spät vor ein Gericht zitiert ? Jetzt wudfe wieder ein 94 jähriger zu 5 Jahren Haft verurteilt, weil ihm Mithilfe beim Mord an 170 000 KZ Häftlingen angelastet wird. Wie ist so etwas möglich ? Der hat quasi ein Leben lang keine Strafe für seine Taten bekommen. Jetzt mit 94 Jahren verurteilt man ihn zu 5 Jahren Haft. Die wird er sicher nicht absitzen müssen. Bestimmt findet sich ein Arzt der Haftunfähigkeit bescheinigt und so bleiben seine Taten ungesühnt. Beweise gegen diesen Kriegsverbrecher gab es doch schon vor Jahrzehnten, warum also beschäftigt man sich erst jetzt damit ? Jetzt wo fast alle möglichen Zeugen verstorben sind.

Antwort
von wfwbinder, 27

Wenn man auf dem Gebiet Gerechtigkeit herstellen wollte, hätten man direkt nach dem Krieg, in der Zeit bis 1955 systematisch nach den Unterlagen der SS versuchen müssen die Leute zu ermitteln um sie dann vor Gericht zu stellen.

Ausserdem sind das alles kleine Helfer, die bei Weigerung selbst an die Wand gestellt worden wären.

Ich habe mal eben nach den Lagerkommandanten von Auschwitz gesucht. Die Meisten wurden entweder in Polen, oder von britischen Militärgerichten zum Tode verurteilt. Einer in Frankreich. zwei von deutschen Gerichten zu zeitigen Freiheitsstrafen. 2 gelten als verschollen, bzw. wurden für tod erklärt.

Also hat man da auch zum großen Teil die Verantwortlichen geschnappt.

Kommentar von Matermace ,

Du hast zwar Recht dass das nur kleine Lichter waren, ihre Beteiligung war aber freiwillig. Siehe hierzu auch Aussagen von Klaus Hornig in späteren SS-Prozessen.

Antwort
von frederick, 15

Tastaturid: So locker sehe ich das nicht. Aber mit einem hast Du recht – und das sollte uns stets zu denken geben: „Wessen Brot Du isst, dessen Lied Du singst.“ Das nämlich ist jene Devise, die von der Wirtschaft, die von Vorgesetzten (auch in Verwaltungen der öffentlichen Hand, nicht nur der Wirtschaft) verlangt wird. Quertreiber, die das System durch Einwände stören, die den reibungslosen „Betriebsablauf“ behindern, sind nicht gefragt und werden ihrerseits behindert, werden kaltgestellt, werden bei guter Gelegenheit rausgeworfen (oder schlicht wird ihr befristeter Vertrag nicht verlängert). Und so wird auch heute der Ja-Sager zum Ja-Sagen erzogen und in seinem Ja-Sagen durch den „Erfolg“ bestätigt, dass er seine Arbeit behält, dass er eine „bessere“ Position in Aussicht gestellt bekommt (oder tatsächlich bekommt), usw.

HariboMSc: So weit muss man wirklich nicht gehen. De facto die wenigsten sind nach Südamerika geflohen. Das waren nur diejenigen, die man andernfalls ganz gepflegt aufgeknöpft hätte, die nicht mit einem „blauen Auge“ davongekommen wären – und die, wie stets, Verbindungen, so genannte Beziehungen hatten, an die sie anknüpfen konnten, um in der Ferne ein „neues Leben“ anfangen zu können, ohne ganz bei Null anzufangen.

Heute betreffend: Alles ist globalisiert. Und wir fragen nicht nach dem Preis. Wer nach dem Preis fragt, wer ankreidet, wer anklagt, wird beruflich benachteiligt – und bald also auch persönlich. Denn das Berufliche ist am Anfang „nur“ der Beruf – aber sehr bald wesentlicher Teil der gesamten Lebensgestaltung.

Vielleicht sind diese späten Anklagen auch der letzte Versuch, noch einen Anlass zu nutzen, Menschen aufzurütteln und ihnen klar zu machen, wie leicht wir uns heute „verführen“ lassen – und nur bloß nicht dahinter schauen, was es kostet und inwieweit wir uns mitschuldig machen.

Ursusmaritimus: In der Tat hatte man lange Zeit die Ansicht vertreten, dass man die Befehlsempfänger nicht anklagen sollte. Weil Gesellschaft schlechthin so funktioniert. Der gesamte Wiederaufbau hat so funktioniert: Man hat jene in Funktion gesetzt und auch gebraucht, die im Nationalsozialismus auch schon gut funktioniert hatten.

019095: „Die Juden“ hatten nicht viel Geld. Das ist ausgemachter Blödsinn und die Nachwirkung jener Propaganda von damals. Sondern etwa seit dem Mittelalter war in den meisten Städten den Juden das Handwerk verboten. Und einmal vertrieb diese Stadt die Juden, dann jene – so ging es hin uns her. Also wurden sie in hohem Maße Händler und Geldverleiher. Aber etwa im Verlaufe des 19. Jhdts gab es eine erfolgreiche Assimilation jüdischer Mitbürger auf deutschem Boden (und auch europaweit). Juden waren in allen gesellschaftlichen und beruflichen Schichten zu finden. Jüdische Deutsche waren auch dt. Partioten – die im 1. WK mit flammendem Eifer für Dtschld gekämpft haben, wie viele andere, denen der Eifer verging, als der Krieg nicht nach 6 Wochen vorbei war. Aber später wurden nur die "Deutschen" dafür gerühmt – die Juden wurden plötzlich als Feinde Dtschlds verfolgt. Falls das durchschnittlich bessere Wohlergehen „der Juden“ statistisch haltbar ist, so war es gemacht von jenen, die sie hassten: Von deren Vor- und Vorvor-Generationen.

HariboMSc + DerBoilsFly: Deutschland WOLLTE vergessen. Und die Alliierten haben über – was man lange nur Mitläufer nannte – hinweggesehen, weil sie das System im zerstörten Dtschld wieder ans Laufen bekommen wollten. Also: Ja, man muss sie erst einmal bekommen. Man muss ihnen drauf kommen. Ich hatte es kürzlich schon einmal in einer anderen Antwort geschrieben, und es ist wieder aktualisiert worden durch die Ausstrahlung des Films „Die Mörder sind unter uns“ jüngst auf ARTE. Ich habe diesen Film schon seit langem auf DVD unter meinen „Filmschätzen“: Der Film ist von 1946! Es ist NICHT so, dass man nichts wusste. Sondern man hat verschwiegen. Und man hat daran gearbeitet: am eigenen Schweigen, und am Schweigen der anderen. Damit nach außen hin alles hübsch aussah, was da wieder gedieh in Dtschld und in den Familien.

Die Wirksamkeit der Schweigeverpflichtung wird auch hier in vielen Antworten sehr deutlich: Man erinnert an die eigenen Verfehlungen und blinden Flecken eines jeden – und ruft zur Nachsicht auf. Genau SO aber hat das ganze 3te Reich funktioniert. Und so funktioniert heute Kapitalismus, Globalisierung… Wirtschaft. Wir machen uns (mit-) schuldig auf unsere Weise – und müssten also auch immer auf uns selbst zeigen. Wer will das? Niemand will das. Es soll laufen. Es laufen wie geschmiert. Es soll laufen in Glückseligkeit – und (Bitte!) ohne dieses ewige Schuldbewusstsein.

Diese Schuldigkeiten gehen noch nicht einmal bis nach Bangladesh. Die Mitschuld muss nicht in China oder irgendwo in Afrika gesucht werden. Schon die Verschuldungen und das Verschweigen in den eigenen Familien ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft. Gewalt, Vergehen, Missbrauch. Aber auch mit weniger offener Methodik, ob nun sichtbar oder "nur" subtil: An den Kindern wird damit begonnen – und am Ende werden ganze Lebensläufe vernichtet. 

Was also? Nur weiter so? Lasst den Alten ihren Frieden? Auf dass die mittleren und jungen Generationen auch ihren Persilschein haben?

Es ist nur noch ein später Unfriede, den die Gesellschaft sich da an Tageslicht holt. Und ja: Sie kommen nicht hinter Gitter, weil sie dann doch von Alters wegen haftunfähig sind. Aber dennoch: Holt sie aus den Wohnzimmern. Holt sie aus ihrem verlogenen Frieden, diese Greise, die sich mitschuldig gemacht haben. Dieses Verschweigen darf nicht die Herrschaft bewahren. Dafür haben auch die 1968er nicht mit Molotows und Pflastersteinen um sich geworfen, dass das alles untergeht im Frieden der Eigenheime und der gepflegten Vorgärten.

Bleibt wachsam! Verdammt noch mal.

Kommentar von Matermace ,

*An dieser Stelle bitte stehende Ovationen vorstellen.

Antwort
von HariboMSc, 73

die Täter sind oft untergetaucht (oft in Südamerika) oder es gab keine Kläger - weil im Falle eines Konzentrationslagers wenige überlebt haben. Ich denke, viele Opfer sind aus Deutschland weg und wollten auch einfach vergessen ...

Antwort
von Tastaturid, 80

Huhu. Schade dass diese Menschen die so viel erlebt und mitgemacht haben Kriegsverbrecher genannt werden. Versetzt dich mal bitte in die Lage dieses Mannes. Denkst du dass er es aus Spaß an der Freude gemacht hat weil ihm mal so danach war tausende von Menschen den tot zu geben? Du hast die Wahl entweder du machst was dir der über dir behielt oder du bist genauso dran. Um deine Haut und Familie zu retten was würdest du da tun? Sagen dass du es nicht machst und du und deine Familie darauf hin genauso del Tod erliegen oder würdest du tun was man dir befiehlt und deine Frau und Kinder schützen?
Auch dieser man hat grausames gesehen und hat sich das sicherlich nicht ausgesucht. Frech ist es ihn dafür zu bestrafen.

Es gibt ein tolles Sprichwort welches dazu passt..

WESSEN BROT DU ISST, DESSEN LIED DU SINGST.

Es ist nur meine Meinung und ich denke dass dieser Mensch schon genug leiden musste...

Kommentar von Matermace ,

Der Mann hat sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Wachpersonal aus KZ hat sich regelmäßig aus eigenem Antrieb versetzen lassen, Konsequenzen hatte das für keinen. Oh, er hat so viel erlebt und mitgemacht, muss schon hart gewesen sein etliche Zivilisten zu ermorden, der Ärmste...

Kommentar von Tastaturid ,

naja es sei deine Meinung und ich habe meine!:)

Kommentar von Matermace ,

Du nennst es Meinung, ich nenne es Zynismus.

Kommentar von papavonsteffi ,

Was schreibst denn du für einen Scheißdreck ???

Das ist ein gemeiner Mörder der damals vielleicht sogar Spass daran hatte, andere Menschen zu quälen.

Und als Antwort für Ontario ...  weil man sie erst finden muss !!!

Kommentar von Ontario ,

Ich glaube nicht, dass man die erst finden musste. Die waren bekannt. Wie war das damals mit dem Ministerpräsidenten von BW ?Er hat zunächst jegliche Schuld von sich gewiesen, bis man ihm nachweisen konnte, was er als Major unterschrieben hat. Strafe ? Fehlanzeige. Rücktritt und das war es. Er wurde sogar noch von der CDU zu Feierlichkeiten eingeladen, nachdem er zurückgetreten war.

Antwort
von 019095, 54

Ich glaube, es geht nur darum, das wir uns schuldig fühlen sollen. Der böse Deutsche.
Mann sollte sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Hohe Arbeitslosigkeit und die Juden hatten viel Geld. So entstand Hass.
Und wenn es den Glauben nicht geben würde, wäre die Geschichte andere verlaufen.

Kommentar von Ursusmaritimus ,

Viel zu einfach....

Kommentar von Matermace ,

Wieso sollte ICH mich schuldig fühlen wenn ein uneinsichtiger Altnazi verurteilt wird?

Kommentar von 019095 ,

Es gibt da so was wie ein Gewissen...

Kommentar von 019095 ,

Ich habe mit Absicht einfach geantwortet. Mann muß sich die Wirtschaftliche Situation vor Augen halten.

Kommentar von Matermace ,

Was hat die witschaftliche Situation damit zu tun?

Kommentar von Kickflip99 ,

So ein Blödsinn. Gerade dieses Urteil ist eine Sternstunde des deutsches Rechtsstaats und gäbe Anlass auf unser System stolz zu sein.  

Kommentar von 019095 ,

Durch die Wirtschaftliche Situation kam es zum Krieg!

Kommentar von Matermace ,

Erstens viel zu kurz gegriffen, zweitens was hat das mit Auschwitz zu tun?

Kommentar von 019095 ,

Das Urteil ist Schwachsinnig.

Kommentar von Matermace ,

Wie kommst du zu diesem Schluss?

Kommentar von 019095 ,

Es macht keinen Sinn da weit aus zu holen, ich denke, die Ursache ist beim Glauben jeder Art zu suchen. Gäbe es den nicht, wären viele dieses Elend erspart worden. Schade ist, das ich keinen Juden kenne. Dann hätte man sein Wissen noch erweitern können.

Kommentar von 019095 ,

Ich kann die Menschen die im KZ waren auch verstehen. Sie wollen Genugtuung, aber das macht auch nicht Glücklich. Die Vergangenheit bleibt. Dem Angeklagten haben sie nun die Last von der Seele genommen. Und dass soll eine Bestrafung sein ???

Antwort
von Ursusmaritimus, 83

Die Sicht auf die Untaten von damals hat sich verändert. Er war ein kleines Licht und wurde damals als Befehlsempfänger ohne eigene Verantwortung eingestuft. Diese Ansicht hat sich verändert.......

Bedenke, auch Marinerichter welche Todesurteile wegen Fahnenflucht/Feigheit knapp vor Kriegsende aussprachen/erfüllten konnten mit dem Zitat "Was damals Recht war kann heute kein Unrecht sein" Ministerpräsident (BW) werden.


Kommentar von BiggerMama ,

Filbinger

Kommentar von Ursusmaritimus ,

* Ich wollte keinen Namen nennen

Antwort
von Kickflip99, 55

Weil es nach dem Krieg verdrängt wurde. Es gab die Nürnberger Prozesse, aber wer nicht unter den Radar der Alliierten gerat konnte davonkommen. Und danach wurde jahrzehntelang verdrängt, verharmlost und verschwiegen.

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