Ja die Frage sagt eigentlich alles, ich muss ein Vortrag über ihn halten und ich würde gerne mit reinbringen, warum er für die heutige Zeit noch so wichtig ist, also warum wir seine Werke in der Schule lesen...

Selbst auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: ich frage mich das auch. Die Geschichten sind gute, sehr gute Geschichten sogar - für Erwachsene. Jugendliche bemerken nur die "altmodische" Sprache - und kommen darum kaum dazu, die Ironie und den Humor zu spüren. Ich kann mir kaum vorstellen, daß es junge Menschen gibt, die daran Gefallen finden. Weder heute - noch damals, als wir jung waren. Wir haben nur vergessen, daß es damals so war - und betrachten diese Geschichten mit den "heutigen" Augen, Erfahrungen und dem Wissen, das wir im Laufe unseres Lebens gewonnen haben. Für junge Menschen halte ich Keller nach wie vor für - zu "erfahren".
Vieles von dem, was er schreibt, ist grundsätzlich, auch heute, hundert bis hundertfünfzig Jahre später noch aktuell. Nimm als Beispiel die Geschichte des Wenzel Strapinski in " Kleider machen Leute". Regisseure und Filmemacher haben sich mit Lust daran versucht. Das Problem Sein - Schein, Kern - Schale ist ein wichtiges, in der Literatur und im Leben drumherum

Mit Schmunzeln und doch einem Fingerzeig ist Gottfried Keller wohl aus keinem Klassenzimmer zu verbannen. Mit einer Leichtigkeit nimmt er Klischees auf die Schippe und ermahnt doch zum Nachdenken-Was will ich Euch mit dieser Geschichte lehren. Aus den Anfangs sehr guten lyrischen Gedichten der Liebe wurden dann Romane, Novellen mit Charakter von Anekdoten und nicht nur schriftlich hat er sich meisterlich auszudrücken gewußt-seine Malereien sprechen für sich. Das Bücher auch fesseln und Spaß machen sollen, hier mutmaße ich, dass er diese Anregung seinem Lieblingbuch Don Quichotte, entnommen hat. Und wenn ich ehrlich bin, ist er eine gute Alternative unsere Kiddys zum Lesen zu bewegen, im Computerzeitalter.
mattendehas am 7. November 2009 16:30 Wunderbar, ein Fan der "alten" (noch gar nicht so alten) Erzählkunst! und dazu ein wirklich beschlagener "Fachmann"! Ich bin immer wieder begeistert von diesem Forum, in das ich "aus Kaninchengründen" hineingeraten bin!
Leider,- so mein Eindruck beim Begleiten meiner jetzt 21-jährigen studierenden Tochter -, scheint sich die Einstellung unter Pädagogen mehr und mehr breitzumachen, dass man den Jugendlichen heute nichts Literarisches mehr zumuten kann, es sei denn in der Sprache und Thematik ihrer Zeit und Welt. Natürlich gehört eine gewisse Überwindung und Geduld dazu, sich auf die "Denke" und die ausgiebig-umständliche Formulierungskunst beispielsweise des 19. Jahrhunderts einzulassen Auch ich habe vor langer, langer Zeit fasziniert Andersch's "Die Rote" gelesen und fand die im Vergleich dazu behandelte "Effie Briest" wenig packend. Nach ein paar Jährchen, man denke, bin ich zum begeisterten Fontane-Fan mutiert, und so geht es sicher vielen Menschen, denen Literatur prinzipiell etwas bedeutet: Der Horizont wächst. Wie schade, wenn man uns nicht die ganze Zeitreise europäischer (einschließlich angloamerkanischer) Verbalkunst zumindest exemplarisch vorgestellt hätte. Beim Lernen ist es ein wenig wie beim Essen: "L'appetit vient en mangeant". Oder auch später. Wichtig ist ja auch nicht nur das einzelne Werk an sich, sondern die Botschaft aus der Zeit, in der es entstand.