Frage von FrauStressfrei, 70

Warum war vor 40 oder 50 Jahren den Eltern die Gesundheit ihrer Kinder total egal?

Ich bin jetzt knapp 50 und wir hätten bestimmt gute Eltern. Sie schickten uns raus zum Spielen, wir hatten viele Werte, gute Regeln und Rituale. Von den meisten Kindern arbeitete die Mütter nicht und hatten Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. In den 70 ger Jahren hatten irgendwie alle Geld. Niemand war zwar reich, aber Familien wohnten in hübschen Einfamilienhaus, die Mädchen hatten ein Pony und die Jungs spielten Fußball. Aber, was ich bis heute frage: es wurde überhaupt gar nicht auf die Gesundheit der Kinder geachtet. Ok, vieles gab es nicht, aber es war auch oft nicht üblich.  Wenn das Kind sich verletzt hatte, gabs n Pflaster, auch beim gebrochenen Arm. Und Kinder in meiner Kindheit brachen sich oft den Arm, weil wir auf Bäumen spielten. Zum Arzt gingen die Elter erst, wenn das Kind nach 3 Tagen immer noch rumheulte. Ich hatte mir als Kind immer und ständig die Arme ausgekugelt und musste oft den halben Tag mit ausgekugelter Schulter da liegen, bis es wieder reinsprang. Das tat irre weh, wurde von den Eltern total ignoriert. Ich hatte keine schlechten Eltern! Alle Eltern waren so.  Ein Arzt kostete auch nichts. Aber niemand ging hin. Auch wenn ein Kind eine Brille oder Zahnspangen brauchte, dann wurde das dem Kind nur selten ermöglicht. Das war ein Mangel und Eltern war das schrecklich peinlich, wenn ein Kind was hatte diesbezüglich. Wer kann mir dieses Phänomen erklären?

Antwort
von hertajess, 12

Ich kann nur aus eigenem Erleben darstellen: 

Es war schlicht nicht üblich denn über sehr viele Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende zählten Kinder in unserer Gesellschaft nicht. Sooo lange ist es noch gar nicht her dass Kindern von Geburt an Rechte zuerkannt wurden. Auch heute noch brauchst Du nur hier die Antworten durchlesen um festzustellen dass selbst sogenannte Experten die von sich behaupten das Thema beruflich zu betreiben - es gibt manche Themen die sich mit Kinderrechten und Elternpflichten zu beschäftigen haben - Minderjährigen jegliche Rechte aberkennen. Es handelt sich also um ein gesellschaftliches Phänomen. Dieses zeigt sich in manchen Fakten wie z.B. der Tatsache dass es 13 Bundesländern nicht mal die Mühe wert ist in ihren Kriminalstatistiken Gewalttaten welche gegen Minderjährige gelebt werden aufzuführen. Unser zuständiges Bundesministerium musste von der Europäischen Kommission für Menschenrechte mit einer Strafe in dreistelliger Millionenhöhe bedroht werden um eine entsprechende Statistik zuzusenden. Und diese ist schlicht falsch. Das lässt sich sehr einfach recherchieren wenn diese Statistik mit der Kriminalitätsstatistik des Landes Berlin verglichen wird. 

Was nun die Ernährung angeht so erinnere ich große Auseinandersetzungen bei uns zuhause rund um das Thema. Unser Vater fuhr regelmäßig mit uns nach Holland um Gemüse einzukaufen welches dann in die Tiko kam. Für unsere Mutter war der Aufwand jedes Mal viel zu hoch für ihre Kinder. Sie war durch ihre Erlebnisse im Frauen-KZ Dannenberg massivst gestört. Wir wir heute wissen war sie damit absolut nicht alleine. Aber wie alle anderen damit alleine gelassen. Denn es war ja wichtiger das Bruttosozialprodukt zu steigern, wieder aufzurüsten, Atomenergie zu fördern... . Hatte Adenauer nicht gesagt: "Um de Kinder müssen wir uns net kümmern. Die kriejen de Leut immer."? Danach richteten sich die Menschen. 

Heute können uns Historiker beweisen dass es vor der Industriellen Revolution und auch in deren Anfängen durchaus üblich war ein Baby morgens zu stillen, dann so zu wickeln dass es aufgehängt werden konnte, die Mutter ging dann ihrer Arbeit nach auf dem Feld oder in der Fabrik. Und wenn sie abends Zeit hatte dann wurde das Kind erneut gestillt. Die Exkremente waren auf den Boden gefallen. Weiter ist es bis heute in manchen dörflichen Gegenden noch üblich schon Babys den Schnuller in Schnaps zu tauchen damit sie die Erwachsenen nicht belästigen. Und Essen? Erst kam der Mann, dann die Frau und Was übrig blieb war für die Kinder. 

Verletzungen? Ein Kind überlebt sie oder eben nicht. Fertig. Das war schon immer so, das gehört sich so. Warum soll darüber nachgedacht werden? - Auch dazu gab es in unserer Familie manchen kräftigen Streit. Und nicht nur innerhalb unserer Familie. In Schule war es noch sehr lange üblich dass Lehrkräfte prügelten. Mein Bruder musste wegen dieser Ohrendreherei ins Krankenhaus. Hat der Lehrkraft ihre Karrierepläne gekostet. Und unser Vater wurde vom ganzen Dorf angegriffen weil er eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die verschickt hatte. 

Als ich 1974 nach Lamstedt in die Schule kam erlebte ich am ersten Tag eine Prügelei. Ich wunderte mich dass sich da mehrere Jungs von einem Mädchen ohne Gegenwehr verprügeln ließen. Ich ging dazwischen. Dann erfuhr ich dass es sich um eine Lehrkraft handelte. Der habe ich wie von meinem Vater gelernt den Kopf gewaschen. Zwei Tage später erklärte mir meine gesamte Klasse dass sie mit mir nicht verkehren werden. Denn sie hätten mit ihren Eltern über den Vorfall gesprochen und bei ihnen seien nun mal Prügel üblich. Entweder ich passe mich an oder werde ausgeschlossen. 

Und heute? Heute steht auf der Seite des Bundesfamilienminsteriums manche Falschinformation zu kindgerechter Ernährung. Fachleute aus ganz Europa werfen diesem Ministerium aus guten Gründen vor die Entstehung von mindestens zwei Kliniken für Essstörungen zu verantworten. 

Ja. Es ist besser geworden und es wird besser. Aber optimal ist es auf gar keinen Fall. Wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns um wieder so sozial zu werden wie es natürlich ist, wie es unsere Vorfahren erlebten bevor sie sich auf ihre lange Wanderschaft von irgendwo aus dem fernen Osten nach Europa machten. Du bist herzlichst eingeladen diesen langen Weg aktiv zu begleiten. 

Doch. Ich hatte auch eine sehr gute Kindheit, Eltern die den Namen mit gutem Recht verdienten. 

Antwort
von Schnuckikinder, 11

Das kann ich so überhaupt nicht bestätigen und widerspreche sogar. Auch ich werde im kommenden Jahr 50. Ich habe mir zwar keine Knochen gebrochen, aber meine Mutter ist mit mir (uns) immer zum Arzt, wenn irgendwas war. Ich war sogar dreimal im Krankenhaus wegen Scharlach. Da muss ich doch mal fragen, wo Du groß geworden bist.

Antwort
von alphonso, 48

Total egal würde ich nicht sagen - ich hatte eine Zahnspange und war auch wegen meinen damals üblichen "outdoor- Aktivitäten" Stammgast beim Röntgenarzt. Aber Helikopter-Eltern gab es damals nicht.

Antwort
von mohrmatthias, 70

ich kann das so nicht bestätigen,ich werde auch 50, bin in der ddr aufgewachsen  und meine eltern sind immer gleich  mit uns (bruder)zum arzt gegangen obwohl bei uns die mutter fast immer arbeiten war. in der ehemaligen ddr war das gesundheitssystem etwas anders.vieleicht lag es daran.

Antwort
von Schwoaze, 25

Nein, das kann ich so nicht bestätigen. Ich bin schon älter als Du, hab sogar eine Zahnregulierung bekommen,... vielleicht liegt das aber auch daran, daß ich bis zu meinem 11. Lebensjahr Einzelkind war.

Antwort
von Virginia47, 17

Bei mir war es ähnlich. Total egal würde ich nicht sagen. Aber:

Bei uns auf dem Dorf hatte der Arzt nur zweimal in der Woche Sprechstunde für jung und alt und der Zahnarzt nur einmal. Da wurde eben nicht wegen jeder Kleinigkeit hingegangen. Leider.

Man behalf sich mit Hausrezepten. Die waren auch nicht schlecht.

Ich bin eher der Meinung, dass heute zu schnell zum Arzt gerannt wird.

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