Frage von 120grammButter, 94

Warum verwendet man oft die Bezeichnung "asozial" für das Aussehen anstatt für das jeweilige Verhalten?

Wenn z.B. eine Person nicht der neusten Mode folgt, nicht wohlhabend aussieht oder einach eine Jogginghose oder ähnliches trägt, wird die Person hier oft zu Lande als "asozial" abgestempelt, obwohl diese Person keine schlechten Intentionen hat und niemanden was böses tut.

Dabei ist doch ironischer Weise, das Verhalten des darüber Lästernden eher asozial, weil derjenige/diejenige fremde Menschen nur anhand des ihm nicht passendes Erscheinungsbildes abwertet.

Viele arrogante Selbstdarsteller und Snobs bieten doch eben dieses abwertende asoziale Verhalten, sie werden aber von der Gesellschaft im Durchschnitt als hochwertiger angesehen, wenn sie dann in ihren neuen teuren modischen Klamotten, samt sonniger Orangenhaut in den Lamborghini steigen.

Definition: Asozialität ist eine zumeist als abwertend empfundene und gemeinte Zuschreibung für Verhaltensweisen von Individuen oder Gruppen, die von den gesellschaftlichen Normen abweichen und die Gesellschaft schädigen. Im wissenschaftlichen Bereich wird neutraler von Devianz als Oberbegriff gesprochen und dabei von abweichendem, nicht unbedingt strafbarem Verhalten (Delinquenz) abgegrenzt.

Wurde der Begriff "asozial" in den letzten Dekaden zunehmend umdefiniert?

Antwort
von WelleErdball, 47

Ich denke die Begrifflichkeit wird genauso "zweckentfremdet" wie viele andere auch, nur um noch ein artfremdes Beispiel zu nennen "pädophil". Ein Jugendlicher oder generell Menschen die nicht so viel nachdenken oder hinterfragen interessieren sich kaum für Definitionen, sondern hört man irgendwo und damit wird das in den eigenen Wortschatz übernommen. Assoziiert wird das wohl mit dem Unverständnis, warum sich wie im genannten Beispiel derjenige nicht sauber kleiden kann.

Es ist im Grunde nicht notwendig "schlampig" daherzukommen wenn man nicht gerade ein Straßenleben führt. Die äußere Unsauberkeit wird direkt mit der Persönlichkeit in Verbindung gebracht. Dann spinnt man weiter "wie muss das wohl dann erst zuhause aussehen, der hat in seinen Unterlagen sicher auch keine Ordnung" und dann ist man asozial weil man ein unstrukturiertes, chaotisches Leben führt oder eben dies rückgeschlossen wird.

Man selbst ist es natürlich nie, wer läd schon gerne Schuld auf sich oder lässt sich sagen, dass die eigenen Denkstrukturen nicht in Ordnung sind?! Das eigene intolerante Verhalten wird entschuldigt im scheinbaren Auftreten und verhalten anderer.


Antwort
von Kajjo, 17
  • Sicherlich mag "asozial" in manchen Kreisen einfach ein Schimpfwort sein. Das gibt es ja mit allen möglichen Begriffen und darüber lohnt es sich kaum, genauer nachzudenken. In diesem Falle wäre keine tiefere Bedeutung vorhanden.
  • Deine Definition passt sicherlich halbwegs. Asoziales Verhalten ist solches, dass eine Gemeinschaft schädigt und dem Miteinander schadet. Auch schon mangelnde Rücksicht und absichtliche Unhöflichkeit kann als asozial empfunden werden.
  • Wenn man so ein Adjektiv auf Kleidung anwendet, dann weil man die Entscheidung zu so einer Kleidung entweder tatsächlich als asozial ansieht oder aber als Hinweis dafür sieht, dass die Person sich nicht nur so kleidet, sondern auch so verhalten wird. Bestimmte gesellschaftliche Situationen erfordern eben eine bestimmte Art von Kleidung, sei es aus Hygiene, Höflichkeit, Zweckmäßigkeit oder was auch immer. 
Antwort
von dasadi, 24

Weil heute diesen Begriff niemand mehr in der eigentlichen Bedeutung benutzt, sondern als Schimpfwort. Menschen verbinden Äußerlichkeiten mit Armut, Verwahrlosung etc., um sich dann dem Vorurteil der Asozialität hinzugeben, der in Wirklichkeit ja etwas ganz anderes bedeutet udn rein auf das Verhalten bezogen ist. Schlimm finde ich auch, wenn das Wort behindert als Schimpfwort für eine Sache oder einen Menschen benutzt wird. Mir dreht sich immer der Magen um, wenn ich junge Leute sagen höre:" Du bist ja vollkommen behindert" Ich würde eher eine solche Ausdrucksweise als asozial empfinden.

Kommentar von 120grammButter ,

Seh ich ähnlich. Genau so wie bei den Begriff "Ey, du Opfer!" - Da fragt man sich wovon man nun Opfer ist, von der Dummheit, Belästigung und potentiellen Gewalttat der jeweiligen Person? Wahrscheinlich.

Antwort
von thetee99, 37

Asozial ist einfach nur eine Negation vom Adjektiv, durch das vorausgehende "a" gekennzeichnet (Latein/Altgriechisch), so wie z. B. auch in "asexuell", "atrophie" (Trophie = Nahrung, Atrophie = Nahrungsmangel, ...bzw. Gewebeschwund, Abmagerung etc.)

Asozial bedeutet nichts anderes als "unsozial", nicht gemeinschaftlich bzw. für die Allgemeinheit unpassend. Daher auch auf Äußerlichkeiten anwendbar, wenn man will....

Antwort
von MickyFinn, 17

Das jemand als Asozial bezeichnet wird, weil er nicht die neueste Mode trägt habe ich NOCH NIE mitbekommen.

Ganz anders sieht es bei den Jogginghosen-trägern aus, wo man vermehrt ein asoziales Verhaltensmuster bei den Personen wahrnimmt, die solche tragen. Es wird bei solchen Menschen gern pauschalisiert... aber nur aus dem Grund, da recht viele (die jetzt nicht mal eben mit solch einer Hose einkaufen gehen, oder joggen) arbeitsscheu sind, in Casinos Hartz-4-Geld verschleudern, mittags betrunken draußen rumhängen, Sachbeschädigungen verüben, oder einfach laut pöbeln.

Wie sagte Karl Lagerfeld einst zutreffend: ,,wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren"

Und nein... es ist auch keine Sache des Geldes. In meiner Ausbildung hatte auch ich sehr wenig Geld. Habe monatlich mein Jobticket zahlen müssen, Kostgeld an die Eltern abgedrückt und ständig Bücher gekauft. Neben diesen Ausgaben musste ich adrett auf der Arbeit erscheinen und man bekommt Business-Hosen auch für 15 € (die gut aussahen)... was kostet eine Jogginghose? 10-20 €? Da sehe ich keinen großen Unterschied.

Ebenso kann man auch für kleines Geld sich Pflegeprodukte kaufen, da braucht man auch nicht ungekämmt das Haus verlassen...

Wenn jemand als ,,Asi-Aussehend" bezeichnet wird, dann sollte diese Person sich mal Gedanken machen ob was dran ist. Im wesentlichen ist es Faulheit (mangelnder Wille aktiv zu werden) und das hat schon was mit dem Verhalten zu tun.

Kommentar von 120grammButter ,

Legeres Aussehen wird also hierzulande mit asozialen Verhalten assoziiert? Vielleicht wird da nicht stark genug differenziert. Eine andere soziale Schicht, eine fremde Subkultur oder ein anderes Milieu muss ja nicht zwangsläufig durch asoziales Verhalten bestechen.

Aber ich versteh das schon. Das sind nunmal kulturell etablierte Dogmen. Besonders in Deutschland erfüllen ja viele "Gangster-Rap-Kids" dieses Klischee. Und die Deutschen kleideten sich zuvor auch immer relativ ähnlich. "Völkische Einheitlichkeit". :P

In den Usa  z.B. ist man dies bzgl. toleranter in bodenständigen Regionen. Aber das hängt wohl auch mit der anderen Mentalität zusammen.

Kommentar von MickyFinn ,

,,Legeres Aussehen wird also hierzulande mit asozialen Verhalten assoziiert?"  Zutreffend !

Kommentar von voayager ,

Was ist denn das für ein Quatsch, seit wann kann ein Mensch mit H-4 Geld verschleudern? seit wann ein Casino aufsuchen?

Kommentar von 120grammButter ,

Naja, das stimmt schon was er sagt. Viele arbeitslose Poser mit Migrationshintergrund sind schon dafür bekannt, dass sie mal zumindest in der Spielothek rumlungern.

In dem Stil halt: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/integration/rapper-haftbefehl-im-...

Kommentar von MickyFinn ,

wow.. der Link ist gut... und auf brutale Art auch wahr.

Kommentar von MickyFinn ,

@voayager... Vielleicht habe ich mich was unglücklich mit dem Begriff ,,Casino" geäußert, aber kennst du nicht diese Spielhallen die seit den letzten Jahren wie Pilze aus den Boden schießen?

Glaub mir... da tummeln sich viele Hartz-4-Empfänger (und nicht wenige tragen Jogginghosen.. um ansatzweise beim Thema zu weilen ;)).

Antwort
von BellAnna89, 15

«Wurde der Begriff "asozial" in den letzten Dekaden zunehmend umdefiniert?»

Auf jeden Fall. Wie so viele andere Modewörter auch, z.B. geil oder krass...

Antwort
von peace1287, 18

Weiß ich auch nicht. Ich verwende es nur wenn ich damit ausdrücken will, das dass Verhalten einer Person fern der Sozialen Norm und der Sozialen Gepflogenheiten ist. 

Ich frag mich auch immer warum es Menschen verwenden, wenn zb jemand ungepflegt und ähnliches ist. Den mit Asozial hat das eigentlich dann nichts zu tun...

Antwort
von voayager, 9

Wer ein Hose mit weißem oder sonstigem "Generalsstreifen" am seitlichen Hosenbein trägt, sowie die blauen Jogginghosen, gleichfalls meist mit Genralsstreifen, das Hemd zuweilen in und z.T. außerhalb der Hose, der wirkt einfach asozial. Die Erfahrung lehrt, dass bei derlei unästhetischer "Maskerade" oft auch ein asoziales Benehmen zum Vorschein kommt.

Kommentar von 120grammButter ,

Sowie alle Frauen mit Burka potentielle Terroristen sind und der konservative, heterosexuelle, weiße und politisch kritische Mann ein Nazi ist. Verstehe.

Kommentar von voayager ,

Iss recht Herr Gutmensch, der du deinen Moralkompaß justierst und mit ihm jonglierst. Ich hingegen lasse mich im Zweifelsfall von meinen persönlichen Erfahrungen gleichfalls leiten. Geht es Spitz auf Knopf, messe ich ihnen gar oftmals den Vorrang ein.

Fazit: meine persönlichen Erfahrungen lasse ich mir ganz gewiß nicht von einem Moralapostel madig machen, merke es dir Herr Butter, mithin iss alles somit in Butter ob in kleiner 120-Packung (gibt es die eigentlich?) oder in einer üblicherweise größeren oder ggf. ohne Grammangabe und ungepackt, das geht auch.

Antwort
von DietmarDreist, 31

Man sollte den Begriff Asozial gar nicht verwenden, weil er in diesem Land Maßgeblich von den Nationalsozialisten gebraucht und gegen "Arbeitsscheue" gerichtet war. 
Demnach passt die Zuschreibung auf verwarlost aussehende Menschen und Menschen die beispielsweise von Erwerbslosenhilfe leben sehr gut, es ist nämlich genau der Wortsinn, indem es die Nazis gebrauchten um diese "Arbeitsscheuen" "Asozialen" zu verfolgen. 

An deiner Stelle würde ich diesen Begriff restlos aus meinem Sprachschatz streichen. 

Kommentar von 120grammButter ,

Ich würde es ja per se nicht in der Öffentlichkeit gegenüber fremden Menschen äußern. Mich interessiert lediglich nur warum es sich derartig (nach Aussehen) bis heute etabliert hat und wie man es evtl. aus der Gesellschaft entfernt.

Kommentar von DietmarDreist ,

Ich glaube, die Etablierung nach Aussehen ist relativ einfach her zu leiten, genau wie jeder wohl schon mal den Satz "Der sieht ja aus wie ein Penner" gehört hat, wird eben auch das Wort Asozial schon an Äußerlichkeiten fest gemacht, die auf einen gewissen sozialen Status schließen lassen. 
Die da wären: Alte Klamotten, ungepflegtes Äußeres etc. pp. 

Das beweist nur, dass der Begriff "Asozial" schon immer Klassenspezifisch und gegen die unteren Teile der Gesellschaft gerichtet war. 

Kommentar von peace1287 ,

Ja gut aber die Nazis haben ja so allerhand Dinge zweckentfremdet...

Den Begriff gab es aber auch sicher schon vor den Nationalsozialisten.


Kommentar von DietmarDreist ,

Da gebe ich dir natürlich recht, natürlich haben die Nazis allerhand Zweckentfremdet, das fängt bei unverfänglich wirkenden Worten an und hört dabei auf, dass sie Kommunistische, Sozialdemokratische, Christliche Bräuche für ihre Ideologie Nutzbar gemacht, entkernt haben. 

Allerdings denke ich, dass sie im Falle des Wortes "Asozial" keine Zweckentfremdung vornahmen, sondern dieses Wort völlig korrekt gebraucht haben. 
Auch in den vorherigen Epochen, beschrieb dieses Wort den Teil der Gesellschaft der in äußerstem Elend dahinvegetierte. 
Vor allem die Erwerbslosen, die den Tag auf der Straße auf der Suche nach Arbeit und Brot verbrachten. 

Allein einem Menschen die Sozialität, also die Berechtigung in dieser Gesellschaft zu existieren ab zu sprechen, ist vom Kern her zutiefst menschenverachtend. 
Richtiger wäre es doch einfach mal fest zu halten, dass ein großer Teil der Menschen in dieser Gesellschaft, vom gesellschaftlichen Leben schlicht ausgeschlossen wird und damit natürlich auch verroht. 
Aber diese Menschen ab zu qualifizieren finde ich schädlich. 
Brecht hatte recht als er formulierte "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", dieser Satz gilt noch heute für eine nicht kleine Anzahl an Menschen. 

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