Frage von peachesx3, 79

Warum verwenden wir das Präteritum so gut wie nur in der Schriftsprache?

Hey Leute Ich habe mich eigentlich schon immer gefragt warum wir normalerweise nie im Präteritum sprechen. Also fast jeder von uns benutzt ja eigentlich immer das Perfekt oder Plusquamperfekt.

Z.B: Ich sah aus dem Fenster Ich habe aus dem Fenster geschaut.

Also wer von uns würde schon das erste sagen. Ich höre sowas nicht wirklich.

Gibt es einen Grund dafür warum der Tempus eigentlich nur in der Schriftsprache verwendet wird? Das interessiert mich einfach mal.

Thx.

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Sprache, deutsch, 49

In seinem Sprachgebrauch nutzt der Deutsche grundsätzlich lieber die näheren Zeiten als die ferneren.

Um ein nahes Futur auszudrücken, nimmt er gern gleich das Präsens:
ich fahre morgen nach Hamburg.

Bei Übersetzungen ins Englische ist die Angewohnheit nicht gut; es gibt häufig rote Striche, weil Lehrer darauf Wert legen, dass dann wirklich das Futur genommen wird, wie auch die Engländer es tun.

Das Perfekt ist im Deutschen die Vollendete Gegenwart. Sie liegt näher dran am Präsens als das Präteritum (aus dem Lat.: das Vorbeigegangene) und wird auch gleichermaßen präferiert, wenn auch ungleich weniger häufig als in Latein, wo Perfekt die Standardzeit für Vergangenes ist. (Übersetzt heißt es ja auch: das Vollendete, das Vergangene.)

Die Vorliebe für nähere Zeiten kommt auch beim Konjunktiv zur Geltung, wo die Deutschen immer gleich den Konjunktiv Präsens nehmen, es sei denn, er sei identisch mit dem Indikativ.

Antwort
von Riverside85, 26

Das hat verschiedene Gründe. Erstens läßt sich in fast jeder Sprache eine Tendenz zu analytischen Konstruktionen feststellen. Analytisch (im Gegensatz zu synthetisch) heißt, daß grammatische Informationen in mehrere einzelne Wörter gepackt werden und nicht als Affixe ans Wort angehängt werden (oder der Wortstamm verändert wird). "Ich sah" = synthetisch, "Ich habe gesehen" = eher analytisch. Man vermutet, daß das etwas damit zu tun hat, daß die Aussagen so expressiver wirken (sollen), außerdem entspricht dieses "1 Wort pro grammatischer Funktion" eher dem spontanen Denken, daher kommt dies auch vorrangig in der gesprochenen Sprache vor. 

Derselbe Trend war im Lateinischen zu beobachten (an sich eine hoch synthetische Sprache) und auch das heutige Französisch geht immer mehr in die Richtung einer analytischen Sprache. 

Auf weitere mögliche Gründe ist in der Antwort von Volens schon eingegangen worden. 

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