Frage von Daniel7979, 148

Warum verschreiben Ärzte keine leichten Opiate gegen Depressionen?

Nach jahrelangen Depressionen und unzähligen Antidepressiva bei denen die Nebenwirkungen stets überwiegten, bekam ich von normalen algem. Arzt gegen starke Schmerzen das leichte Opiat Tilidin auf Dauer verordnet und mein Gemütszustand verbesserte sich. Warum wird Menschen mit starken Depressionen die bald von der Brücke springen damit nicht geholfen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von AskScape, 66

Das ist eine sehr gute und überaus wichtige Frage. Eine ehrliche und sachgerechte Anwort würde tatsächlich dazu beitragen, dass sich weniger Menschen aufgrund von Depressionen, Angsterkrankungen, und weiteren verschiedenen psychiatrischen Störungsbildern (endogen oder als Reaktion auf belastende Lebensereignisse) jedes Jahr das Leben nehmen. Dogmatische Scheuklappen (historisch verursacht; eines der vielen Kollateralschäden des gescheiterten "war on drugs") und Fehlinformationen über diese Stoffgruppe innerhalb der Ärzteschaft und der Bevölkerung verhindern eine offene und ehrliche Debatte über dieses Thema.

Kurz gesagt: Das Risiko einer Sucht ist natürlich real, wird aber völlig überbewertet, v.a. wenn es um chronisch an Depressionen Erkrankte geht, die ein ebenso reales Suizidrisiko haben. Eine unbehandelte Depression ist tödlich. Eine Abhängigkeit von legalen Opiaten/Opioiden in pharmazeutischer Qulität ist nicht tödlich und noch nicht einmal schädlich. Gute, mutige Ärzte, die es zum Glück noch gibt, wägen daher eben ab, was schwerer wiegt und ob nicht im begründeten Einzelfall eine Opiatabhängigkeit medizinisch betrachtet das geringere Übel darstellt.

Übrigens: Die dauerhafte Anwendung von Medikamenten führt häuftig zur Gewöhnung des Körpers an den betreffenden Stoff. Allerdings wird dies bei vielen Medikamenten nicht weiter thematisiert und schon garnicht als Sucht oder Abhängigkeit! Wenn wir von einem Tag auf den andern einem ein Antidepressiivum absetzen, dann kann es zu recht krassen Absetzungserscheinungen kommen. Angst, Schwitzen, Unruhe, Überkeit, Depressionen, ... Zum Glück muten wir Patienten, denen durch Antidepressiva geholfen werden konnte, eine solche Tortur nicht an! Sie dürfen ihr Medikament jahrelang und wenn es sein muss, auch ein Leben lang einnehmen. Wegen der Vorteile für den Patienten werden dabei sogar erhebliche Nebenwirkungen und medizinische Risiken in Kauf genommen. Ein Standard-Arztgespräch läuft fast spiegelverkehrt zum Opiat-Gespräch ab: Die Bedenken der Patienten hinsichtlich der Antidepressiva werden in der Regel relativiert, während vermeintliche medizinische Bedenken hinsichtlich der Opioide regelrecht aufgebauscht werden. In Wirklichkeit habe Opiate/Opioide toxikologisch betrachtet ein ziemlich harmloses Profil. Sie sind eigentlich unbedenklich und können sehr sicher kurz- und längerfristig eingesetzt werden.

Immer wieder kann man aus den Biographien von Opiatabhängigen erfahren, dass die Opiatabhängigkeit eine lebensrettende Funktion hatte. Endlich, so berichten Betroffene immer wieder, ist ein Leben möglich. Man sollte endlich aufhören, denjendigen Patienten, denen Opiate helfen (egal ob "starke" oder "schwache" Opiate) mit ihrer psychiatrischen Störung (d.h. mit ihrem Leben, sich selbst und den Einschränkungen, die sie erleiden) zurechtzukommen, Steine in den Weg zu legen. Opiate gehören zu den ältesten Heilmitteln der Welt und ihre historisch-ideologisch bedingte Stigmatisierung sollte endlich aufhören!

Kommentar von Daniel7979 ,

Danke für Deine Antwort. Habe 10 Jahre Tavor, Benzodiazepine genommen, welche gut gegen Angst wirkten aber mit der Zeit immer schlechter wirken es sei denn man nimmt immer mehr (bis 20-30 Tabletten am Tag) außerdem Frage ich mich bis heute noch wie ich alleine den kalten Entzug überlebt habe. Bei den Schmerzmittel Tilidin steht drin dass es Depressionen verschlimmert, was bei mir genau umgekehrt ist. Für mich ist das vorenthalten dieser Medikamente für Menschen mit Depressionen und Angsterkrankung, einfach nur Unterlassene Hilfeleistung. Ich gehe davon aus dass es für diese Krankheitsbilder nicht verschrieben wird, da man mit Antidepressiva ein Haufen Geld machen kann. Profit vor Gesundheit!

Kommentar von AskScape ,

Genau das ist es: "Vorenthalten dieser Medikamente" = "Unterlassene Hilfeleistung" (Deine treffenden Worte). Und als entmündigter Patient muss man das dann so hinnehmen. Zunächst einmal tun wir das vermutlich alle. Sollten wir aber nicht! Genau deswegen brauchen wir eine Art "Emanzipationsbewegung" und Freiheitsbewegung für den selbstbestimmten Einsatz von Opiaten, damit jeder endlich wieder selber (wie bis ins 19. Jh. immer üblich war!) sein Heilmittel (auch andere natürlich) frei wählen darf! Ich will nicht immer erst darauf warten müssen, dass die Ärzte ihre Irrlehren irgendwann durchschauen. Oft ist das ja so, dass dann irgenwann Forschung die Erfahrungen der Menschen bestätigt. Hinsichtlich Opiate gibt es mittlerweile eine ganze Reihe neuerer Forschunsberichte und Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Opiaten bei Depressionen belegen. Wen es interessiert: 1999 schon über Oxycodon (übrigens in sehr kleinen Mengen und ohne Toleranzentwicklung!) zu finden in der American Journal of Psychiatry "Treatment Augmentation With Opiates in Severe and Refractory Major Depression" link: http://ajp.psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/ajp.156.12.2017

oder jüngeren Datums in diesem Jahr (Mai 2016) gleiches Blatt über niedrigdosiertes Buprenorphin. link: http://ajp.psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.2015.15070921

Der letztere Bericht kommt zu folgendem Ergebnis:

"Conclusions:

The
buprenorphine/samidorphan combination is a novel and promising
candidate for treatment of major depressive disorder in patients who
have an inadequate response to standard antidepressants."

Und es geht sogar noch weiter: Klinische Studien beweisen den Wert von Opiaten um suizidale Gedankengänge zu durchbrechen! Endlich!

Lieben Gruß!

Kommentar von AskScape ,

Von Benzodiazepinen halte ich übrigens weniger. Die sind wirklich gefährlich. Auch hier können teilweise Opiate Abhilfe schaffen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Opiate haben ganz klares anxiolytisches (angstlösendes) Profil.

Ich fasse also nochmals zusammen, was dies für unser Verständnis von Opiaten bzw. Opiatabhängigkeit bedeutet: "Opiatabhängigkeit" müssen wir konsequent als Selbstmedikation (E.J. Khantzian) von depressiven Störungen (häufig mit suizidaler Tendenz) und komorbider Angsterkrankung interpretieren.

Antwort
von GradWach, 89

Dein Arzt hat es dir doch verschrieben..erübrigt sich damit nicht die Frage?^^ 

Ich denke mal es liegt daran dass es sich bei Opiaten um Drogen handelt, und das nicht so gerne gemacht wird wenn es (theoretisch) auch anders geht, ergo mit speziellen Arzneien etc.

Antwort
von swobsie, 80

Dauerhafte Schmerzmittel, insbesondere Opiate, sind bei Depressionen so ziemlich das schlechteste und kontraproduktivste was ein Arzt verschreiben kann und so etwas macht auch kein Arzt.

Insbesondere Opiate verschlechtern, fördern noch Depressionen, steht auch immer in den Beipackzetteln..

Allerdings ist Tillidin (wenn auch ein Schmerzmittel, bei mittelschweren und schweren Schmerzen anzuwenden) kein Opiat und wird auf ein normales Rezept geschrieben und nicht wie z.B. Fentanyl auf ein BTM Rezept. (Betäubungsmittel)

Trotzdem besteht bei Tillidin (ehemals Valeron) ein hohes Abhängigkeitsrisiko und das schon bei einer recht kurzen Einnahme. 

Solltest du wirklich echte Schmerzen hast, geh zu einem Schmerztherapeuten und ebenso zu einem Facharzt, wegen der Depressionen.

Dein Hausarzt tut dir keinen Gefallen..

Kommentar von Daniel7979 ,

10 Jahre Antidepressiva von Facharzt hat aber nichts gebracht außer schlimmer Nebenwirkungen wie zb. hoher Blutdruck, trockener Mund, Impotenz, Verwirrtheit ua

Kommentar von swobsie ,

Ich verstehe dein Dilemma und kenne selbst die Nebenwirkungen von Antidepressiva..

.. doch du darfst da nicht aufgeben und mußt am Ball bleiben, die Medizin entwickelt sich gerade auf diesem Gebiet rasend schnell..

Ich musste einen fast doppelt so langen Zeitraum versch. Medikamente ausprobieren, bis ich vor drei Jahren beim richtigen Arzt landete und jetzt eine Kombination von BTM und Neuropharma bekomme.. (bin seit über 25 Jahren Chronische Schmerzpatientin, das mit der Zeit auch auf die Psyche ging)

... also gib nicht auf ;-)

LG Swobsie

Antwort
von aleah, 67

Weil diese Medikamente ein hohes Abhängigkeitspotential mit sich bringen.

Antwort
von pablopikante876, 78

Mit Drogen zu forschen hat in unserer Gesellschaft einen bitteren Beigeschmack, folglich finden sich nicht so viele Geldgeber usw..

Hier ein guter Zeitungsartikel darüber:

http://www.welt.de/gesundheit/article137769368/Partydrogen-sollen-Depressionen-u...

Kommentar von Daniel7979 ,

Hier wird auf Kosten von Kranken Menschen über Jahrzehnte von der Pharmaindustrie Geld verdient für wirkungslose Medikamente mit schlimmen Nebenwirkungen, auch der Suizid dieser Menschen wird anscheinend gern in Kauf genommen, Hauptsache der Rubel rollt. Das sind Verbrecher! Droge hin oder her, Kranke sollten Sie bekommen anstatt Selbstmord zu begehen

Kommentar von pablopikante876 ,

Niemand zwingt dich solche Medikamente zu nehmen!

Antwort
von xnihc, 70

Weil es natürlich ganz schlaue idee ist suchtanfälligen leuten btm zu verschreiben

Kommentar von Daniel7979 ,

Lieber süchtig glücklich, als freiwillig vor einen Zug aus Verzweiflung zu springen

Kommentar von xnihc ,

Dann warst du nie wirklich süchtig

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community