Frage von mondeofahrer, 47

Warum vergisst man scheinbar einfach das Schlechte nach dem Tod einer Person?

Hallo!

Ich habe eine Frage, die mich schon länger beschäftigt und ich hoffe, dass Sie mir vielleicht einige Antworten geben können.

Vor etwa einem Jahr sind in meiner Straße zwei ältere Herren verstorben. Sie waren 77 und 78 Jahre alt. Beides bis zuletzt mehr oder weniger starke Alkoholiker, aggressiv, reizbar, pöbelnd, in der ganzen Straße verhasst. Einer hat seine Frau bis zuletzt geschlagen und warf auch schon mal den Teller aus dem Fenster, wenn ihm das Essen nicht schmeckte. Der andere hat früher vor allem seine Kinder verprügelt, betrog seine Frau und wurde auch ihr gegenüber bis zuletzt handgreiflich (wenn auch nicht so schlimm wie der andere). Vor einigen Jahren hat er seinen Enkel nach einer schlechten Schulnote gar krankenhausreif geschlagen. Ein schönes Leben hatten die Familien unter diesen Männern/Vätern nicht.

Die Frauen/Witwen und auch die Kinder haben unter den beiden Verstorbenen 40-50 Jahre lang nur gelitten. Bei jeder Gelegenheit wurde geklagt, was das Zeug hielt. Nach dem Tod allerdings heißt es nur noch "der liabe Karl" und "der liabe Johann", die man bei Wind und Wetter täglich auf dem Friedhof besucht, um stundenlang die Gräber zu bepflanzen und in Schuss zu halten.

Dass "Karl" und "Johann" zu Lebzeiten wirklich böse, unleidliche Menschen waren, die ihre Familien wie den letzten Dreck behandelten, dass sogar der Enkel krankenhausreif geprügelt wurde und auch alle anderen in Nachbarschaft und Betrieb nach allen Regeln der Kunst schikanierten, was im ganzen Ort (wir haben 3000 Einwohner, jeder kennt jeden, schwäbische Gemeinde), scheint die Witwen nicht zu interessieren. Es waren "der liebe Karl" und "der liebe Johann", die ja so lieb gewesen sind, dass man denkt, sie seien Engel gewesen. Die Witwe des Mannes, der seinen Enkel verprügelt hat, verniedlicht/verleugnet ja bis heute, dass "der liebe Karl" jemals seinen Enkel krankenhausreif schlug und dessen Mutter früher genauso, bis sie ca. 1990 nach der Lehre ausgezogen ist (ich kenne die Geschichte; wohne seit meiner Geburt in der Straße und bin 61, und dieses Mädchen lernte unter mir). Obwohl es jeder genau weiß, wie es war. Die Enkel-Sache ging ja bis zur Verhandlung, wo "der liebe Karl" mit 75 Jahren sogar verurteilt wurde.

Ich frage mich schon lang ernsthaft, warum das so ist und hoffe auf sinnvolle Antworten.

Danke und Gruß, Joachim

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Gwennydoline, 47

Das liegt an der Einwohnerzahl... kenne auch solche Fälle in ähnlich großen Dörfchen.
Eine Schande ist das! Ich hab bei diesem Unsinn nie mitgemacht und meine Meinung offen gesagt, wenn jemand etwas beschönigen wollte.

Ich bin so erzogen worden, dass man über Tote nicht herzieht (und das ist auch gut so), aber es gibt Fälle in denen man seinen Mund ruhig aufmachen kann

Kommentar von mondeofahrer ,

Die ganze Straße (!) erschien damals nicht auf den Beerdigungen bis auf meinen weit über 80 Jahre alten Onkel, der es nicht übers Herz brachte. Auch wegen "Anstand" wie er sagte.

Mir tat es so leid, dass "der liebe Karl" seinen armen Enkel (der war damals 8-9 Jahre alt) krankenhausreif verprügelte, weil er eine schlechte Note bekam. Die Schreie des kleinen Jungen höre ich heute noch vor mir. Ich war gerade in meinem Garten, als es passierte. Dessen Oma verleugnet das immer noch. Was mich fassungslos macht.

Ich danke Ihnen.

Gruß, Joachim

Kommentar von DonkeyDerby ,

Ich bin so erzogen worden, dass man über Tote nicht herzieht

Das ist allerdings genau genommen unlogisch. ;-) Denn dem Toten ist es herzlich egal, ob man über ihn herzieht. Es sind die Lebenden, die unter übler Nachrede leiden.

Kommentar von Gwennydoline ,

Da hast du recht... Aber genauso wie man keine Gräber aus Ehrfurcht und Anstand schändet redet man auch nicht schlecht über Menschen die sich nicht mehr wehren/dazu zu Wort melden können.

Aber wie gesagt: In diesem Fall sehe ich das etwas anders

Antwort
von Undsonstso, 25

Johann und Karl sind Beispiele - es ist anzuzweifeln, dass dies generell so ist, dass die Johanns und Karls dieser Welt so vermisst werden.

Ich denke, dass bei Alkohol eines Angehörigen  auf  familierärer Ebene generell  emotionale Verschwurbelungen bei den anderen nächsten Verwandtenvorherrschen. Da gibt es Verdrängung, Co-Abhängigkeiten usw. usf.

Ich denke, es ist eine Schutzfunktion, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass man selbst Jahrelang einem Johann-Karl so eine Macht über das eigene Leben gegeben hatte.

Antwort
von Malavatica, 19

Trifft auf mich nicht zu. 

Das sind schon besondere Fälle. Kann ich mir nur so erklären, dass die Witwen keinerlei Umgang haben, niemanden zum Reden, nichts zu tun. Also sprich kein Lebensinhalt da ist. 

Da wird Manches im Nachhinein verklärt, wohl eine Schutzreaktion des Gehirns. 

Du musst das nicht verstehen, lass die Leutchen einfach machen. 

Antwort
von kugel, 14

Hallo Mondeofahrer!

Hier mal ein schöner Artikel - mit einem noch schöneren Bild *grins*

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/32544/Die-Gewissensfrage

Das erklärt ein bißchen Deine Frage.

Meine Meinung - da ich derartig "Friedhof-fleißige" Witwen ebenfalls kenne:

Es gehört sich nicht. Vielleicht gilt es einfach als schlechter Stil. Viele leben ja nach dem Grundsatz: „Wenn du über jemanden nichts Nettes sagen kannst, halt den Mund.“ Bei Verstorbenen kommt sicher noch das Gerechtigkeitsempfinden hinzu: Der andere kann sich nicht mehr dazu äußern, geschweige denn wehren.

Schlechtes Karma. Vielleicht gibt es ja ein oder mehrere Leben nach dem Tod und man soll sich lieber am Riemen reißen, damit man nicht als Käfer oder Fuchsbandwurm wiedergeboren wird. Oder als Fuchs, der einen Bandwurm hat.

Wenn jemand stirbt, wird er automatisch gut. Vielleicht gilt, dass man mit dem Tod eine weiße Weste bekommt - weil ihm ja selbige angezogen wird. Sobald das Leben beendet ist, ist alles, was man so Schlimmes getan hat, Schnee von gestern. Körper zerfällt, Leben aus.

Du sollst nicht nachtragend sein. Vielleicht geht es ums Loslassen. Die Dinge abschließen können – auch, um sich selbst nicht weiter zu versklaven. Dann hätte der Grundsatz, nicht schlecht über andere zu reden, den Sinn, sich zu befreien.

Antwort
von Otilie1, 11

das ist eine art selbsthilfe unseres gehirns, unserer erinnerung, das schlechte vergisst man..................

Antwort
von DonkeyDerby, 12

Es handeln ja nicht alle Menschen so wie die beschriebenen Witwen. Jeder hat eine andere Art, mit dem Tod von Nahestehenden umzugehen. Wenn ihnen es hilft, den Verstorbenen im Nachhinein zu verklären, sollen sie es ruhig tun. Dadurch werden die Toten schließlich nicht wieder lebendig.

Antwort
von mariannelund, 8

in der Bibel heißt es " lasset die toten ihre toten begraben"

was immer das heißen mag.

was genau passiert ist wissen nur die beteiligten und man muß dazusagen das besonders kinder ihre grenzen täglich austesten und ihre eltern in grenzsituationen bringen

eltern die ihre kinder schlagen sind im grunde hilflos und machtlos oder auch ohnmächtig

kein mensch möchte sein kind schlagen , sondern ist von der situation überfordert

dazu kommt das diese männer in deinem beispiel mit sicherheit selber eine schwere kindheit hinter sich hatten

deren frauen genauso und vermutlich sind sie aus genau diesem grund nicht aus der beziehung herausgegangen und haben sich jahrelang schlagen lassen, weil sie es von kind an so kannten.

kinder zu schlagen war lange erlaubt und sogar in der schule wurden die kinder vom lehrer verprügelt.

wer so aufwächst kann daran nichts schlimmes erkennen

jeder mensch hat auch zwei seiten und diese frauen haben ihre männer geliebt und aus ihrer erziehung sind sie bei ihnen geblieben und hätten alles für sie getan

und vieleicht haben diese frauen ihren männern auch ihre fehltritte vergeben und sind daher frei von hass

kein mensch ist perfekt, wenn ich meinen lebenslauf in stillen stunden anschaue denke ich das sehr viele geduldige menschen meinen weg begleitet haben

was ich so alles angestellt habe und sicher fallen dir selber auch einige dinge ein die gott sei dank nicht bemerkt wurden

und man soll nicht urteilen

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