Frage von LindaaBlue, 105

Warum und was wurde in der DDR vertuscht?

Genaues Beispiel: Warum wurden Mordfälle oder Tötungsdelikte in der DDR vertuscht? Was durfte nicht an die Öffentlichkeit gelangen?

Antwort
von Claud18, 19

Zum einen: man wollte die Bevölkerung nicht beunruhigen und Nachahmer abhalten. An die Öffentlichkeit gelangten etliche Fälle aber doch ganz offiziell und in der Zeitung, und zwar meist, nachdem man den bzw. die Verbrecher gefasst hatte. In der "Wochenpost"  gab es sogar einen regelmäßigen Bericht über Gerichtsverfahren. Dass die Kriminalitätsrate in der DDR niedriger war als heute, ist Fakt, denn zum einen war die soziale Kontrolle viel stärker ausgeprägt, zum anderenwar unser Geld nichts wert. Was wollte man auch mit einem Koffer voll Alu-Chips? Mit dem kam man 1. nicht über die Grenze und hätte 2. nicht viel anfangen können. Aus diesem Grund waren eher kleinere Diebstähle verbreitet, z. B. von Autoteilen. Die Polizei verfolgte diese Delikte jedoch auch, was sie heute wegen Geringfügigkeit eher nicht mehr tut. Und Drogenhandel, länderübergreifende kriminelle Banden, Prostitution im großen Stil usw. gab es einfach nicht.

Vertuscht wurden Fälle, in die hochgestellte Persönlichkeiten bzw. auch Soldaten der Sowjetarmee verwickelt waren. Ich denke noch an einen Fall von Kindesentführung, von dem zunächst alle Zeitungen berichteten (damals stellten die Mütter ihre Kinderwagen samt Babys vor den Läden und Kaufhäusern ab). Normalerweise wurden solche Fälle rasch aufgeklärt - dieser aber nicht. Ein paar Tage später fand man ein ausgesetztes behindertes Kind gleichen Alters, das Operationsnarben am Kopf hatte, die aus einer veralteten OP-Methode stammten, wie sie in der DDR nicht mehr praktiziert wurde. Das war dann das Letzte, was man darüber in der Zeitung las, mehr wurde nicht berichtet. Nach der Wende erfuhr man, dass die Suche nach dem Kind in eine sowjetische Garnison führte. Von dort aus ließ man weitere Nachforschungen nicht zu. Der entführte Junge ist dann offenbar in der Sowjetunion aufgewachsen und weiß nichts über seine deutsche Herkunft.

Weiterhin bat man die Bevölkerung oft um Mithilfe bei der Aufklärung von Straftaten. Ich kann mich noch an die regelmäßigen Aushänge "Wer kann Angaben machen?" erinnern. Leider gibt es das heute nicht mehr, und wenn dann doch um Mithilfe gebeten wird, liegen die Fälle oft schon so weit zurück, dass man sich an Einzelheiten des betreffenden Tages nicht mehr erinnern kann.

Antwort
von dataways, 22

Erstens gab anreizbedingt weniger Verbrechen in der DDR und zweitens wurden besonders gerne Straftaten, die die Soldaten der "Freunde" begangen haben, vertuscht.

Im Bezirk Potsdam versuchte sich ein bewaffneter sowjetischer Deserteur nach Westberlin durchzuschlagen, wurde aber von der Volkspolizei gestellt und verschanzte sich in einem Konsum. Die sowjetische Militärpolizei traf ein, die Volkspolizei müsste sich zurückziehen und dann wurde der Deserteur samt Konsum zusammengeschossen. Ein Bericht in den Zeitungen? Fehlanzeige!

Antwort
von me2312la, 34

es gab mal ein sehr schönes spontanes interview bei kesslers expeditionen zwischen michael kessler und zwei damen die zu ddr zeiten und auch heute noch bei gericht gearbeitet haben...auch diese haben bestätigt, dass es solche schweren verbrechen wie mord und tötungsdelikte sehr viel weniger gab... 

Antwort
von Huckebein3, 37

Mordfälle und Tötungsdelikte wurden in der DDR nicht unter den Tisch gekehrt. Die Sensations-Berichterstattung war in der DDR nur nicht ausgeprägt, was nicht heißt, dass Mord und Totschlag ebenso verbreitet waren wie das jetzt der Fall ist.

Über Gewaltverbrechen wurde berichtet, aber nur über den Fakt und darüber, wie im Falle der Aufklärung der  Täter bestraft worden ist.

Sinn und Zweck dieser unspektakulären Vorgehensweise, indem man nur das Notwendigste berichtete, hatte tatsächlich den Zweck, nicht zu
beunruhigen, worüber man sicherlich diskutieren könnte.



Viele DDR-Bürger sind auch heute noch der Meinung, dass es in der DDR
wesentlich weniger Verbrechen gab als in der damaligen Bundesrepublik.

Ein Vergleich zu heute ist insofern absurd, da in 40 Jahren DDR nicht annähernd so viel Gewalttaten geschehen sind wie heutzutage, was u.a. mit Drogen zu tun hat, die in der DDR nicht zugänglich waren und eine nicht unerhebliche Zahl von Gewalttaten ausschlossen.

Über andere Ursachen wie fehlende Arbeitslosigkeit, keine Obdachlosigkeit, oder fehlende MafiaStrukturen für weniger Gewalttaten in der DDR  zu reden, würde den Rahmen der Frage sprengen, aber es lohnte sich...

http://www.kriminalfaelle.de/\_storys/story02.html

Kommentar von BiggerMama ,

Du hast bei meinem Zitat den anderen Teil des Absatzes vergessen.

"
Man konnte halt auch nicht mit einer Millionen DDR-Mark nach Rio fliehen.

"

Die Bedingungen für manche Verbrechen waren einfach nicht gegeben.

Dass es die typischen Drogendelikte samt Beschaffungskriminalität nicht (kaum) geben konnte, daran hatte ich nicht gedacht.

Es wurde lange nicht über alle Verbrechen berichtet, und natürlich wurde einiges vertuscht.

Antwort
von Woropa, 13

Die SED-Führung wollte gerne so eine Heile-Welt-Bild von der DDR vermitteln und verbreiten. Sie wollte den Leuten einreden, das im Sozialismus alles schön und toll ist und es keine böse Menschen und keine Verbrechen gibt. Deshalb erfuhr die Öffentlichkeit meistens nichts davon, wenn ein Mord passiert war.

Antwort
von newcomer, 37

alles was dem hohen Ziel des Kommunismus bzw Sozialismus entgegen wirkte

Antwort
von BiggerMama, 28

Alles zu beschreiben, wäre wirklich etwas zu aufwendig.

Da die DDR ihre Staatsbürger eher wie kleine Kinder behandelte, wollte auch die Staatsführung wie bei kleinen Kindern entscheiden, was ihre Staatsbürger erfahren sollten und was nicht.

Dass der Sozialismus siegt und im Sozialismus auch bessere Menschen erzogen werden, ware einer der Grundgedanken im Sozialismus. Im "Schwarzen Kanal" konnte ein DDR-Bürger allwöchentlich erfahren, wie böse der Westen war.

Im Gegenzug konnte der DDR-Bürger in keiner der Zeitungen lesen, wenn es in der DDR Mord und Totschlag gab. Die wenigen Fälle, die es wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit doch noch in die Zeitung geschafft hatten, wurden von besonders schlechten, nicht im Sinne des Sozialismus erzogenen Bösewichten begangen.

Deshalb ging es im "Polizeiruf 110" auch oft nur um Betrugs- und Einbruchsdelikte.

Ein anderer, nicht unwesentlicher Aspekt war, dass man die DDR-Bürger nicht unnötig in Unruhe versetzen wollte, also den Bürgerfrieden wahren wollte. Das wollte man u. a. durch Einlullen erreichen.

Viele DDR-Bürger sind auch heute noch der Meinung, dass es in der DDR wesentlich weniger Verbrechen gab als in der damaligen Bundesrepublik. Man konnte halt auch nicht mit einer Millionen DDR-Mark nach Rio fliehen.

Für heute stimmt das in gewisser Weise, weil jetzt die Verbrecher eine bessere Flucht- und Verwertungsalternative als früher haben.

Kommentar von LindaaBlue ,

Ich danke dir erstmal für deine Antwort. (: Ich hätte da noch eine Frage: Es wurden ja in statistischen Jahresbüchern Daten über Mordfälle etc. Veröffentlicht. Hatten die Bürger der DDR Einsicht in diese Bücher?  

Kommentar von BiggerMama ,

Das weiß ich nicht. Ich habe so etwas nicht zu Gesicht bekommen. Ich weiß nicht, ob ich Einblick hätte nehmen können, wenn ich das gewollt hätte.

Kommentar von Huckebein3 ,

@LindaaBlue,

s. Link unter meiner Antwort.

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