Vollmond62 am 18.05.2007 um 1:45 Uhr
Ich bin selber trockener Alkoholiker, besuche auch eine SHG (Kreuzbund) - und stelle immer wieder die Frage, warum sich so viele Menschen nicht zu ihrer Alkoholkrankheit "bekennen". Also, sich das zugestehen und einfach zu erkennen, dass dagegen etwas unternommen werden müsste. Ich kenne so viele Menschen, die wie ich - zur Entgiftung und anschließend therapiert werden müssten. Warum immer erst so tief sinken (wie ich), bis man merkt, dass es nicht geht. Das ist mir bis heute noch schleierhaft... Aber ich weiß: "wer im Glashaus sitzt..."

Wahrscheinlich sind nur "therapierte" Alkoholiker bekennende Alkoholiker. Denn es gehört zum Verarbeitungsprozeß dazu, sich seine Abhängigkeit und Schwäche einzugestehen und dazu zu stehen. Es ist ein Entwicklungsprozeß - zunächst ist man wohl noch stolz auf seine "Trinkfestigkeit", man "kann jederzeit aufhören", dann kommen Zweifel, die weggetrunken werden, dann versucht man zu verschleiern (diese Phase kann lange dauern), und erst am persönlichen Tiefpunkt (der bei jedem anders aussehen kann und bei manchen nie erreicht wird) entsteht der Wunsch und Wille, von der Sucht wegzukommen. Sich dann dazu auch zu bekennen, muß "erarbeitet" werden und wird z. B. bei den Anonymen Alkoholikern systematisch geübt.
Es ist schön für Dich, daß Du schon so weit gekommen bist und Dein Leben wieder im Griff hast. Wenn Du anderen helfen willst, sprich offensichtliche Gewohnheitstrinker in Deiner Umgebung unter vier Augen an und mach sie auf die Gefahren der Alkoholsucht aufmerksam. Rechne aber damit, daß Dir zu mindestens 90 % heftige Abwehr entgegen schlägt. Die Verleugnungstendenz gerade bei Alkoholsucht ist sehr groß.
Und sei jeden Tag neu stolz auf Dich, daß Du es für Dich selbst geschafft hast.
Weil es bei jeder Sucht immer erst ein langer Weg ist, bis man sich die Abhängigkeit eingesteht!

Wer süchtig ist, hat Angst vorm Entzug. Man zeige mir den süchtigen Menschen, der davor keine recht große Angst hätte. Und wenn der Alkoholiker sich und/oder anderen eingesteht, dass er abhängig ist, dann ist das der Zeitpunkt, wo er weiß, dass er etwas dagegen unternehmen muss. Also wird das Erkennen vermieden, um nichts ändern zu müssen, um sich nicht dem Entzug stellen zu müssen.
Man muss also erst ganz unten sein, um zu erkennen, dass das Leid des Entzugs nicht mehr viel schlimmer ist, als der aktuelle Dauerzustand.

Wir haben bei uns im Haus Räume an eine Selbsthilfegruppe vermietet, mit den Leuten habe ich einen guten Kontakt. Wir haben viele Gespräche geführt. Es ist schon so, die Leute glauben nicht, dass sie ein Alkoholproblem haben, so lügen sich in die eigene Tasche, glauben immer noch damit umgehen zu können. Oder es ist ein Makel, den man vor den Menschen verbergen muß. Und solange sie es so sehen, kann man ihnen nicht helfen. Ein Alkoholkranker muß selbst dahinterkommen, dass er Hilfe braucht und bis dahin ist es oft ein langer Weg. Oft hilft es, wenn der Partener dicht macht, auflaufen läßt, nicht immer helfend zur Seite steht. Ein Alkoholkranker muß wirklich ganz tief unten sein, um zu begreifen, dass er krank ist.
Vollmond62 am 18. Mai 2007 10:39 Hallo Mokli... Das kann ich nur 100 %ig unterschreiben. Die wichtigste Ursache ist das "Sich-Selbst-Belügen"... daraus folgt, dass der Alkohlkranke sich selten selber eingesteht, dass er krank ist. Hilflosigkeit, Scham und Mutlosikeit (uvm) spielen eine wichtige Rolle. Der einzige Ausweg ist: Flucht und Alk...

weil sie es selbst nicht wahrhaben wollen und überzeugt sind, alles unter kontrolle zu haben

Zusätzlich zu den schon gegebenen Antworten möchte ich noch einen Grund hinzufügen: Trinken ist einerseits immer noch gesellschaftllich sanktioniert: "Komm, gehen wir auf ein gepflegtes Pils in 'ne Bar.", "Wir besprechen das gemütlich bei einem schönen Glas Wein.", nur dass es eben bei manchen Leuten nicht bei dem einen Glas bleibt... Anders als beim Rauchen oder bei Essstörungen gibt es keine breite öffentliche Kampagne gegen diese Sucht, außer in Ausnahmefällen gegen Alcopops und ähnliche Erscheinungen bei Jugendlichen (jedenfalls, soweit mir bekannt ist).
Andererseits: wer sich mal als schwerer Trinker geoffenbart hat, rutscht im Ansehen ganz tief nach unten: wir stellen uns ihn im Vollrausch vor, lallend, sich erbrechend, Ekel erregend... Diese Vorstellung haben wir sonst nur noch bei Drogensucht.
Weil sie es nicht merken, weil sie es nicht zugestehen wollen, weil sie sich schaemen, weil sie keinen Ausweg sehen, weil sie zu niemand Vertrauen haben... bis es nicht mehr zu verheimlichen, der Absturz so gross, dass ohne Hilfe nichts mehr geht.
Questor am 19. Mai 2007 08:25 Zu verheimlichen ist es von Anfang an nicht - ein Alkoholiker denkt das nur immer.

Gute Frage, die ich leider nicht beantworten kann. Ich kenne tatsächlich nur einen der offen und unproblematisch damit umgeht, nicht nur das die anderen es nicht zugeben, nein - sie streiten es auch noch energisch ab!

Weil sie sich ganz stark schuldig fühlen und sowieso in totaler Selbstverleugnung leben.

WEIL MAN IHNEN GESAGT HAT DASS ALKOHOL (UND DIE MENSCHEN DIE IHN TRINKEN/BRAUCHEN) SCHLECHT SEIEN.

weil die meisten ihre krankheit noch nicht erkannt haben und die anderen sich schämen. Daran ist aber die gesellschaft schuld.
Hallo evestie... Danke für Deine Worte. Ja, wichtig ist es für mich, "am Ball" zu bleiben, und das heißt auch weiterhin am Thema Alkohol zu bleiben. Einerseits tu' ich das in meiner realen und virtuellen SHG und andererseits spreche ich offen mit meiner Umgebung darüber. Erstaunlich ist, wieviel Verständnis mir da entgegen kommt.
Also was evestie da schreibt trifft schon den Nagel auf den Kopf... Nur das Fazit muss ich doch bemängeln, 'geschafft' hat es der Alkoholiker nie, ob trocken oder nass, die Alkoholabhägigkeit bleibt ein Leben und die Sucht kann nur gestoppt, jedoch nicht geheilt werden. Ansonsten eine 100%ig gute und vor allem wohl überlegte Antwort!!!