Warum steigt die Zahl der Scheinkrankheiten (ADHS, Intoleranzen)?

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6 Antworten

Vielleicht sehe ich das falsch, korrigiert mich bitte in diesem Falle.

Du liegst tatsächlich falsch. Es kommt dir nur so vor, als wäre es so. Laktoseintoleranz beispielsweise haben 75% der Weltbevölkerung. Laktose zu vertragen ist eigentlich schon eher unwahrscheinlich. Dass es Zöliakie (Glutenunverträglichkeit/Allergie) gibt, ist außer Frage, man sieht die Entzündungen im Darm.

Was das AD(H)S angeht, ich als Betroffener kann dir sagen, dass es einfach nur weh tut und sich wie Hohn anfühlt, wenn das tägliche Leiden vieler Menschen einfach so abgetan wird mit "das gibt es nicht", obwohl sich diese Leute einfach gar nicht mit der Thematik beschäftigt haben. Geh mal in ein Betroffenenforum und sag mir dann noch einmal, diese Störung gibt es nicht. Man muss (als Erwachsener) fast schon dafür kämpfen, diagnostiziert und behandelt zu werden. Dass es das damals noch nicht gab, liegt ganz einfach daran, dass es bis vor 15 Jahren keinen Krankheitsstatus hatte. AD(H)Sler gab es schon immer und wird es vermutlich auch immer geben.

Was die Diagnosehäufigkeit angeht, diese hat sogar in den letzten Jahren abgenommen.

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Es gibt nicht mehr Krankheiten, sondern nur mehr Diagnosen da ist ein himmelweiter Unterschied, auch wenn er oft nicht so gesehen wird

Aber zu allererst mal etwas allgemeines zu ADHS. Das ist weder eine Modeerscheinung oder ähnliches. Das erste mal wurde das Krankheitsbild von einem Kinderarzt irgendwann im 19. Jahrhundert berichtet und ich wette du kennst sogar den Arzt der dieses Krankheitsbild veröffentlicht hat. Es stammt von Autor des Struwwelpeters.

Außerdem  ist nicht jedes Kind, das aktiv ist gleich hyperaktiv und hat ADHS. In diesem Wort steckt schon die Vorsilbe Hyper. Die in etwa "mehr" oder "vermehrt" bedeutet. Das heißt jedes Kind ist aktiv, mit 5 ist man auch aktiver, als mit 10 und mit 10 ist man aktiver als mit 18.  Das weiß auch jeder Arzt und Psychiater, aber wenn ein Kind eben im Vergleich zu seiner Referenzgruppe also Kindern in seinem Alter) aktiver ist, dann ist das schon ein Indiz für ADHS. Das selbe gilt für das Thema Konzentration. Klar kann man von keinem Menschen erwarten, dass er sich stundenlang konzentriert, aber auch untern Kindern gibt es welche, die sich sehr gut konzentrieren können und andere, die sich weniger konzentrieren können und es gibt jene Kinder, die sehr große Probleme mit der Konzentration haben. 

Ein vielleicht einfacheres Beispiel sind Depressionen. Jeder Mensch kennt es, wenn er mal traurig ist und sich nicht motivieren lässt, am liebsten nur im Bett liegen würde und nichts tun will, weil er niedergeschlagen ist. 

Das ist ganz normal, deswegen hat man nicht gleich Depressionen, aber wenn dieser Zustand dauerhaft bleibt, also man über lange Zeit kaum positives Gedanken hat, dann sollte man sich Gedanken machen.

Was das Thema Diagnosen angeht (das sprach ich schon ganz am Anfang an), muss gesagt werden, dass die Gesellschaft sehr im Wandel ist. Heute zählen  manche Dinge und Kompetenzen viel mehr, als andere. So ist es heute gar nicht mehr so einfach einen Job zu bekommen. Heute gilt die Hauptschule ja schon fast als komplett chancenlos. Vor dreißig Jahren sah das noch ganz anders aus.

Hinzu kommt, dass Kinder heute einen ganz anderen Stellenwert haben, als früher. Sie werden ganz anders (vielleicht viel feinfühliger) behandelt. 

Außerdem hat sich auch das Bild einer Psychiatrie gewandelt. Das was früher noch eine Irrenanstalt war, wo nur Verrükte rein und nie wieder raus kamen, wird heute, wie eine (fast) ganz normale Arztpraxis betrachtet. Es ist keine "schande" mehr, wenn man zum Psychiater geht. 

Alles das führt eben dazu, dass viel mehr Diagnosen gestellt werden, als früher. Es werden auch in den kommenden Jahren noch mehr Diagnosen werden, da die Kinder, die ADHS-Diagnosen erhielten auch irgendwann Kinder bekommen und viel besser bestimmte Symptome erkennen können und so viel eher handeln. 

Was Intoleranzen und Allergien angeht, fragen sich ja auch viele Forscher, warum diese vermehrt auftreten. Es ist ja schon auffällig, dass es viel weniger Allergien und co auf dem Land gibt. Da werden wohl irgendwo die Gründe in unseren Lebensumständen liegen. Ich vermute ja, dass sich das Immunsystem nicht richtig entwickelt, wenn Eltern viel auf Sauberkeit achten und auf die ein oder anderen Stoffe verzichten.

Und zu guter Letzt spielt natürlich auch der Wandel der Gesellschaft eine große Rolle. Früher galt man unter jungen Menschen noch als "cool", wenn man lange Haare hatte, Gitarre spielen konnte und eine große Klappe hatte. Heute sind ganz andere Dinge wichtig. Heute ist man auch teilweise schon in der Schule angesehen, wenn man gute Noten hat, weil doch unterschwellig irgendwie klar ist, dass man so später beruflich Erfolg hat. 

In Bezug auf deine Frage will ich sagen, dass man früher nicht mehr wirklich "cool" war, wenn man schwach (also durch eine "Krakheit" geschwächt) war. Heute wird viel mehr toleranz und Akzeptanz gepredigt. Es ist kein Ding mehr, wenn man sagt ich bin krank. 

und jetzt wirklich mein Schlusswort. Auch die sozialen Medien spielen doch eine bedeutend große Rolle. Wenn irgendwo auf facebook ein Bild gepostet und geteilt wird, welches Aussagt "alle menschen mit ADHS sind doof", dann werden sich vermutlich hunderte Menschen melden und sagen, dass es gar nicht stimmt. Und diese Masse an Menschen erscheint doch ziemlich viel. Wobei es eigentlich nicht unbedingt viel ist, wenn man das auf's ganze Land rechnet. Aber vielleicht kann man sagen, dass so etwas mehr oder weniger ein Magnet für erkrankte ist. So wie eine Selbsthilfegruppe, da wirst du auch mehr ADHSler oder anders erkrankte auf einem Haufen treffen, als zufällig auf der Straße

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Ein paar meiner Gedanken dazu, keine Garantie auf medizinische Richtigkeit, nur Vermutungen ;)

1. Vielleicht ist nicht die Anzahl der Scheinkranken gestiegen, sondern die Leute werden nur aufmerksamer gegenüber diesen Krankheiten. Früher war es eben ein Zappelphillipp und heute ist es eine anerkannte Krankheit, die man auch behandeln kann – ist doch schön, wenn man den Kindern zu helfen versucht und ihre Probleme ernst nimmt, anstatt sie als ungezogen abzustempeln. Vielleicht also geht man den Sachen nur mehr auf den Grund.
2. Ich kann mir vorstellen, dass Leute, die Wehwehchen haben, einfach froh sind, endlich sagen zu können, welche Krankheit sie nun haben, egal ob es tatsächlich Intoleranz ist oder doch etwas anderes. Wenn der Arzt nichts findet, probiert man eben selbst Intoleranzen und Allergien aus. Es ist immer beruhigender, zu "wissen", was man hat.

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Hallo!

Meiner Ansicht nach handelt es sich um Intoleranz, das durch ein Normendenken entsteht welcher seit gefühlt ca. 10-15 Jahren groteske Züge annimmt.. alles was nicht normal ist muss "normal gemacht" bzw. "wegtherapiert" werden denken viele.. und das ist zur zweifelhaften Mode geworden!

Früher gab es kein ADHS, da waren das "lebhafte" Kinder. Genauso wie jemand, der heute Alzheimer hat früher "verkalkt" war und jemand, der unter Burnout- oder Chronicfatigue-Symptomen leidet "abgeschafft" war.. da war das durchaus nix Schlimmes,es war halt nun mal so. 

Es ist dahingehend mMn tatsächlich 'ne Art Modeerscheinung, dass alle möglichen "Krankheiten" da sind die es so eigentlich nicht gibt. Zur Mode wurde es gleichsam, dass viele gern behaupten "schüchtern" zu sein bzw. den Mund nicht aufzukriegen oder allen Diskussionen/Konflikten aus dem Weg zu gehen aus Angst, aufzufallen...! "Ich bin schüchtern" ist anno 2016 m.E. - sorry wenn ich das so sage - gleichzusetzen mit "ich bin unsicher" oder "ich traue mich nicht, ich selbst zu sein". Was auch mit dem Normendenken zusammenhängt das alles abwürgt was eigene Wege geht.. ich gehe meine eigenen Wege & habe damit schon Erfahrungen gemacht. Mich wollte auch mal jmd. "normal machen" & dessen größte Strafe ist es, dass er es nicht geschafft hat ;)

Ein bisschen mehr Toleranz ggü. Kindern die nicht nur wie Duckmäuser alles akzeptieren, herumsitzen und "schüchtern" sind, würde die Welt entschärfen & den Kindern vieles erleichtern. Es muss ja nicht in Laisser-faire ausarten, aber man sollte mMn (bin 25) damit aufhören alles zu verurteilen, alles auszulegen, alles auszurotten was nicht "normal" ist und dadurch Kindern auch ggf. Zukunftschancen zu nehmen oder ihnen psychischen Schaden zuzufügen. 

Die halbe Welt redet davon wie cool Toleranz ist... wenn's aber um die Umsetzung geht hapert es dann doch. Zum Beispiel in solchen Fällen!

Meine ehrliche Ansicht!

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Kommentar von kalippo314
27.01.2016, 23:28

Es muss ja nicht in Laisser-faire ausarten, aber man sollte mMn (bin 25)
damit aufhören alles zu verurteilen, alles auszulegen, alles
auszurotten was nicht "normal" ist und dadurch Kindern auch ggf.
Zukunftschancen zu nehmen oder ihnen psychischen Schaden zuzufügen.

Du hast ein Fehler in der Logik. Wenn Kinder nicht der Norm entsprechen, kann man schlecht die Norm den Kindern anpassen. Wäre diese Norm eine andere würde es wieder Kinder geben, die dieser Norm nicht entsprechen. Man muss den Kindern aber beibringen, wie man damit umgeht, nicht der Norm zu entsprechen. Ihnen helfen, Strategien zu entwickeln wie sich diese im Alltag zurechtfinden.

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Moin,

ich sehe es so: Durch die immer stärkere Verarbeitung der Lebensmittel können Unverträglichkeiten wie Lactoseunverträglichkeit auftreten.

ADHS wird schnell diagnostiziert, meines Erachtens zu schnell. Es können sich auch um Teilleistungsschwächen handeln. Ich glaube, die Diagnose wird in vielen Fällen zu schnell gestellt, weil sich die Ärzte nicht ausreichend um ein Ausschlussverfahren kümmern.

LG Nordlicht

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Oh ja, das mit den Zappelphilippen kenne ich auch. Mitunter gibt es sogar Spontanheilungen oder sogar wundersame Heilungen, wenn sie mal einen Klapps bekommen. Das könnten dann Fälle für Lourdes oder den Vatikan sein. :-))

Das Versagen in der Erziehung von einigen Eltern wird dann ganz einfach als Krankheit deklariert.

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