Frage von Lottilein1998, 93

Warum spricht sich der Utilitarismus für die Präimplantationsdiagnostik aus?

hallo :) Singer spricht sich für die PID aus,weil er sagt, dass Embryonen keine vollwertigen Personen sind und deshalb auch keinen Lebensschtz genießen. Aber betrachten wir mal den regelutiliraismus von Bentham. Würde er sich für oder gegen die PID ausprechen? das Glück von der Familie und von dem gesunden Kind wird gesteigert. Allerdings könnte dadurch die Diskriminierung von Behinderten steigen und Leute haben Angst, dass die Menschenzucht gefördert wird und das führt zu einer Steigerung ihres Leides. Was sagt ihr dazu? Vielen vielen dank

Antwort
von berkersheim, 54

Um es nochmal zu unterstreichen: Peter Singer ist nicht DER UTILITARISMUS! Philosophen, die man in die Schublade Utilitarismus steckt, gibt es seit gut 250 Jahren! Was z.B. Jeremy Bentham über die PID gedacht hat, wissen wir nicht, weil es das zu seiner Zeit noch nicht gab. Der Utilitarismus ist keine Schablone! Das Gemeinsame aller, die zum Utilitarismus gezählt werden, ist ihre Überzeugung, dass die Menschen als freie Bürger für sich und die Regelungen ihres gemeinschaftlichen Miteinanders selbst verantwortlich sind, das selbst demokratisch regeln müssen und kein Gott oder eine abstrakte Vernunft Vorgaben gemacht hat, die auserwählte Herrschaften willkürlich interpretieren. Ansonsten muss jeder unter der Prämisse selbst nachdenken, dass ein Gleichgewicht gewahrt bleibt zwischen den Rechten des Individuums und den Rechten der Gemeinschaft. Anders als hin und wieder dargestellt sind Utilitaristen keine Egoisten.

Singer ist Australier und lehnt es ab, die deutschen, historisch durch Missbrauch im 3. Reich bedingten Ängste zu akzeptieren. Die PID ist teil des Verfahrens, kinderlosen Paaren ein eigenes Kind zu ermöglichen. Da es mit der PID möglich ist, nicht lebensfähige Vereinigungen erst gar nicht in die Gebährmutter einzupflanzen, ist es vernünftig die Auswahl zu treffen. Das Problem ist die Definition, ab wann wir von einem Menschen mit Menschenrechten sprechen. Alle Länder um uns, die die PID erlauben, sind der Meinung, dass das in diesem frühen Stadium nicht möglich sei.

Die Gründe, warum Behinderte diskriminiert werden, sind vielfältiger Natur. Die extrem selten angewandte PID betrifft nur die Eltern, die aus medizinischen Gründen selbst keine Kinder bekommen können und ihren Kinderwunsch unbedingt realisieren wollen. Das berührt das öffentliche Bewusstsein kaum anders als z.B. die Werbung, die uns ständig perfekte und schöne Menschen in einer heilen Welt vorgaukelt. Die PID hat nichts mit Menschenzucht zu tun! Die ist meines Wissens nirgendwo zugelassen und meines Wissens auch nicht möglich. Aber ich will nicht abstreiten, dass es in ferner Zukunft Intelligenztests für männliche Spermien gibt, denn ein intelligenter Spender ist keine Gewähr für intelligente Spermien.

Hallo, Lottilein1998, was Du gerade tust, ist utilitaristisch. Du stützt Deine Argumente auf keine religiösen oder ideologischen Vorgaben, sondern Du willst die Vor- und Nachteile ausdiskutieren, den besten Weg finden. Wie es aussieht, sind Dir auch Gemeinschaftswerte wichtig, nicht nur die individuellen Vorteile. Alles das entspricht den Grundintensionen der Utilitaristen. Dabei kann durchaus offen sein, zu welchem Ergebnis man nach ausführlicher Diskussion kommt.

Kommentar von Lottilein1998 ,

Vielen Dank! Ich bin auch der Meinung, dass Menschenzucht nicht wirklich relevant ist für das Thema, da es nur eine Vermutung ist und die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt für mich relative gering ist. Ich finde das problem am Utilitarismus ist, dass immer gesagt wird, welche Folge die Entscheidung für alle beteiligten bringt. In diesem Fall werde ich mich auf die Familie beschränken, also das unmittelbare Umfeld. Nun muss ich das ganze Thema auch noch auf die deontologische Ethik beziehen nach Kant. Was würden Sie dazu sagen? auch hier ist ja wieder die Frage ab wann der Embryo eine Personein Mensch ist. wie genau kann man darauf die Maxime anwenden? es wäre sehr nett wenn sie mir hier auch noch weiterhelfen könnten.

Kommentar von berkersheim ,

Das ist eine gute Frage. Es wäre interessant, was Kant heute urteilen würde, doch das bleibt Spekulation. Deontologisch, das Geforderte, das Gesollte wird, wenn es als göttliches Gebot ausgelegt wird, das "berufene Autoritäten" auslegen, von Utilitaristen abgelehnt. Wie weit aber ist die auf abstrakte Vernunft gegründete Pflichtvorstellung Kants weg von den angeblich konsequentialistischen Theorien? Dabei wird immer schnell unterstellt dass die Konsequenzen sehr eng gesehen werden und nicht umfassend.

Je nachdem jedoch, wie weit die Konsequenzen gefasst werden, berühren sich beide. Kants kategorischer Imperativ sucht ja auch ein Gleichgewicht zwischen Individuum und Gesellschaft. Immer wenn Kants Regel in eine konkrete Situation angewandt werden soll, kann man sich nicht so einfach ins Allgemeine flüchten. Wenn es bei Wikipedia heißt, dass bei Kant auch "intrinsische" Werte zum Zuge kommen, wer bestimmt diese, wonach und wie fallen sie je nach Perspektive auf die Frage aus? "Intrinsisch" ist eine Mogelpackung, die elegant verbirgt, dass ihr anzuwendender Wert im Wort "intrinsisch" nicht enthalten ist.

Im Fall PID: PID ist nicht gleich PID. Wie ist die PID konkret rechlich geregelt. Wie weit ist Missbrauch ausgeschlossen. Wird die PID als Hilfe für kinderlose Paare bei unbedingtem Kinderwunsch propagiert oder als Modell, überhaupt Behinderung auszuschließen (das wäre dann allerdings ein anderes Verfahren). Um die Frage, wo beginnt der Mensch, käme auch Kant nicht herum. Religiöse Bewertungen würde er dabei ausschließen, denn da vertraut er auf die Vernunft und Argumente und steckt im gleichen Dilemma wie die Utilitaristen. 

Kommentar von Lottilein1998 ,

ich habe gelesen, dass Kant sagt, dass ein Wesen ein Bewusstsein besitzen muss um als Mensch/Person zu gelten. Nun ist umstritten ob er damit gemeint hat, dass das Wesen die Möglichkeit zu einem Bewusstsein besitzt oder ob das Bewusstsein vorhanden sein muss. Falls es richtig ist das zu sagen: Angenommen ich gehe davon aus, dass ein Wesen als Person zählt, wenn die Möglichkeit besteht, dass es ein Bewusstsein besitz (und diese Annahme somit gegen die von Singer geht) wäre die PID bei Erbkrankheiten falsch. Hier werden Menschen getötet würde man das als maxime sehen können wir das auf keinen fall wollen, da ja sonst jeder jeden umbringen kann. Könnte ich das so darstellen oder ist das falsch? 

und mal angenommen ich sage, dass Embryonen keine vollwertigen Menschen sind. dann würde dieses ja trotzdem (wenn die PID nur auf den Rahmen von Erbkrankheiten beschränkt ist) zur Freude der Eltern führen und auch in der Maxime wäre da ja nichts gegen einzuwenden, da nur das Glück von mehreren gefördert wird oder?

es wäre ser freundlich wenn sie mir zu meinen Überlegungen Feedback geben könnten. Kann ich das so in meiner Präsentation im Philosophie unterricht vorstellen?

Kommentar von berkersheim ,

Kant lebte vor über 200 Jahren! Da galt noch Mensch und Bewusstsein und Tier und Instinkt. Also in der Art, wie wir heute nach der Hirnforschung und Forschungen der Philosophie des Geistes und Tierforschung usw. diese Dinge sehen, kann man das Kant nicht unterstellen. Auf diese wissenschaftlichen Ergebnisse bezieht sich auch Singer. Da kommen ja zum Teil Argumente hoch, die Abtreibungsgegner gegen die Emanzipationsbewegung ins Feld geführt haben. Die PID liegt weit vor allen frühen Daten, die zum Thema Abtreibung diskutiert worden sind. Ob dann ein behindertes Kind zur Freude der Eltern führen würde, wenn man es vorher hätte ausschließen können, das wage ich zu bezweifeln.

Übrigens - zur Philosophie - es rentiert sich in diesem Fall das dreifache Seelen-Modell des Aristoteles durchzulesen. Dazu empfehle ich zu lesen:

http://www.tabvlarasa.de/28/Bleecken1.php

1) Die vegetative Seele - die Lebenskraft, die schon die Pflanzen besitzen, die Tiere und die Menschen.

2) Die sensitive Seele, die Tiere und Menschen besitzen und

3) Die Geist-Seele, die dem Menschen geistiges Bewusstsein vermittelt.

Was wenn die Geist-Seele keine von außen, vom Göttlichen eingepflanzte Sonderheit ist, von Anfang an da, sozusagen ein Stück Gottheit sondern, wie man es heute eher sieht, sich aus der vegetativen Seele über die sensitive erst entwickelt? Diese Vorsellung hat Epikur dahingehend bereits abgeändert, dass die Geist-Seele als Ergebnis einer kulturellen Evolution betrachet wurde. Und wenn man sich der Vorstellung anschließt, dass der Mensch von klein auf die Phasen der Evolution durchschreitet, auch der kulturellen, wann ist er dann am Geist-Bewusstsein angekommen? Schwierig.

Ich lehne persönlich die PID nicht ab, bin aber aus vielen Gründen dafür, sie sehr eng in Grenzen zu halten. Kulturellen Fortschritt aufhalten zu wollen, hat noch nie funktioniert.

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