Frage von Franz577, 178

Warum sagen viele bei uns "Ciao" bzw. werden im Ausland auch deutsche oder bayrische Grußformeln verwendet?

Es hat sich ja bei vielen Leuten (u.a. auch in Bayern) eingebürgert, beim Abschied "Ciao" zu sagen, was ich ehrlich gesagt doof finde.

Denn ich kann mir kaum vorstellen, daß Italiener in Italien etwa "Auf Wiedersehen" oder "Servus" oder dergleichen zu ihren Landsleuten sagen.

Warum dann also bei uns "Ciao"?

Oder gibt es noch andere Länder außer Deutschland bzw. den deutschsprachigen Raum, in denen deutsche oder generell ausländische Grußformeln verwendet werden?

Antwort
von OlliBjoern, 38

Ich benutze recht gerne "ciao". Übrigens ist "servus" nicht deutsch, sondern (natürlich) lateinisch ("Diener"). Ein Kollege von mir benutzt das regelmäßig.

Auch das beliebte "tschüß" ist wahrscheinlich herstammend von "(ad) deus".
Hier bei uns im Schwabenland ist "adé" (mit selber Herkunft) weit verbreitet.
Französisch "à dieu" > "adieu"

Schweden sagen zur Begrüßung "hej" und die Finnen ebenso "hei".
Auch wenn man zur Verabschiedung eher "hej då" sagt, so verstehen die Schweden auch "adjö". 

Antwort
von Ruenbezahl, 84

Spontan fällt mir ein, dass man in Ungarn z. B. "Küss die Hand" sagt, wenn man jemanden besonders höflich begrüßen will. "Ciao" wird in Deutschland seltsamerweise als Abschiedgruß verwendet, während es in Italien mehr ein Willkommensgruß ist. "Ciao" kommt vom venetischen "s'ciao", was soviel wie Sklave oder Diener heißt. Die Grußformel "ciao" wurde hauptsächlich von den Offizieren der österreichisch-ungarischen Marine verwendet, die ja zu einem Großteil Veneter oder Dalmatiner waren und an der Marineakademie Venedig studiert haben (wie etwa der berühmte Admiral Tegetthoff. "Ciao" ist daher hauptsächlich in Norditalien verbreitet und ist erst in jüngster Zeit infolge von Fernsehen und Filmen auch in den Süden vorgedrungen. Inzwischen ist dieses Grußwort ja auch in den deutschsprachigen Raum vorgedrungen. Die Offiziere des österreichischen Landheeres begrüßten sich mit "Servus", was ebenfalls Sklave oder Diener heißt. Servus hat sich daher vor allem in Österreich verbreitet und ist dann von Bayern übernommen worden. Tschüss kommt vom Spanischen Adios, das bayerisch-österreichische "Pfiati" ist eine Verballhornung von Behüte dich Gott. Es wird in der Form "fiati" auch von Italienern verwendet.

Kommentar von Franz577 ,

Interessant, das mit Ungarn wußte ich nicht!

Kommentar von OlliBjoern ,

Ich dachte, dass man als Mann einer Frau gegenüber ruhig "kézet csókolom!" (küss' die Hand!) sagen darf in Ungarn. Unter Männern scheint mir das eher unüblich zu sein.

Ich denke, das ist eine Übersetzung aus dem österreichischen Sprachgebrauch (ins Ungarische).

Aber so gut Ungarisch kann ich nicht, ich bin schon froh, wenn ich den nyugati palyaudvar finde.

Antwort
von Kuestenflieger, 57

Die meisten sagen halt dumpfes tschau , nicht das italienische ciao.

Kommentar von Ruenbezahl ,

Bereits das italienische ciao ist total verballhornt aus dem venetischen s'ciao. Es spricht also nichts dagegen, wenn es im Deutschen weiter  verändert wird, so wie es ja auch das spanische Asios zum deutschen Tshcüss geschafft hat.

Kommentar von Kuestenflieger ,

ob ihr hinweis bei dem spanischen trifft , glaube ich nicht ganz. mehrheitlich kommt es vom französischen einfluß aus napolebums zeiten und "on parlè français" bei hofe; vom adieu über ad schüs zum tschüß .

Kommentar von Ruenbezahl ,

Ob Tschüss vom spanischen Adios ("mit Gott", von den spanischen Niederlanden nach Deutschland gelangt), oder vom französischen Adieu (ebenfalls "mit Gott") kommt, ist umstritten. Ich persönlich halte das spanische Adios vor allem wegen des Schluss -s-  für wahrscheinlicher, aber ich will nicht unbedingt darauf bestehen. Die Aussage ist auf jeden Fall die gleiche wie beim bayerisch-österreichischen Pfiati Gott (Behüte dich Gott), wobei Gott heute meist weggelassen wird.

Expertenantwort
von latricolore, Community-Experte für Italien, Italienisch, Deutsch, Sprache & Schule, 55

beim Abschied "Ciao" zu sagen

Da hat man dann nur die Hälfte übernommen, sozusagen, denn Ciao! sagt man gleichfalls zur Begrüßung.

Ich denke, dass es ein netter Touristen~, Urlauberimport war.
Hilfreich war dann auch sicherlich noch die Nähe der Aussprache des Anfangslauts wie bei Tschüss.

Antwort
von Lohengrimm, 85

In Bayern ist es so, dass man sehr sorgfältig bei der Wahl der Abschieds-Formel sein muss. Ciao ist noch am Neutralsten. Da wird man nicht gleich als "Zuagroaster" abgeurteilt. ;-D 

Als Dazugehörig wird man eingestuft, wenn man sich mit "Pfiad di", "Pfiads eich", "Seavas" oder "Habe d`Ehre" verabschiedet. Aber es ist nicht jedermanns Sache, sich mit der Aussprache dieser mundartlichen Gepflogenheiten anzufreunden und wenn die Betonung nicht sitzt oder man leicht zögert, ist es auch gleich geschehen um die Dazugehörigkeit. :-D 

Als Zugereist, also als Außenstehender, wird man abgeurteilt, wenn sich mit "Auf Wiedersehen", "Ade", "Tschüss" oder gar "Tschüsschen" verabschiedet. Wenn man dann weg ist, sagt meist einer der Ortsansässigen "Des woar koa Hiasiga ned." oder, noch schlimmer: "Jetzad is a dahi, da Preiß." 

Gerade in Bayern ist es also schwierig, eine geeignete Abschiedsformel in ein passendes Klangkorsett zu gießen. Da ist, denke ich, Ciao auch wegen der relativ einfachen Aussprache, die beste Alternative. Man wird dann am ehesten Neutral von den anderen eingestuft, also am wenigsten als Außenstehender abgeurteilt. :-)  :-D 

Kommentar von Franz577 ,

Findest du? Ok, für einen Nicht-Bayern mag "Ciao" vielleicht wirklich noch die beste Alternative sein (jedenfalls noch besser als "Tschüss"), aber was bei mir regelmäßig Brechreiz auslöst sind ja die Bayern selbst, die statt "Servus", "Pfiad di" oder "Pfia god" lieber "Ciao" sagen. Den "Preissn" nehm ich es ja gar nicht mal übel.

Kommentar von Lohengrimm ,

Gerade in Bayern liegt das auch am Schulsystem, wo es den Kindern von Klein an abgewöhnt wird, in Mundart zu sprechen. Sobald man in die Nähe von Großstädten kommt, beherrscht keiner mehr einen richtigen Dialekt. Am Stammtisch hört man die genannten Formeln recht häufig, ebenso wie ein "I muaß Roasn.", aber ich denke, sobald der Bayer unter gemischtes Volk (also eine Gruppe, wo auch Nicht-Bayern drin sind) kommt, fühlt er sich mit seinem Dialekt nicht mehr so richtig wohl und greift dann lieber auf "Ciao" zurück. 

Kommentar von Franz577 ,

Mag sein, aber genau das ist eben das Traurige, daß wir inzwischen schon so weit gekommen sind, daß man sich als Bayer sogar in der Heimat nicht mehr traut, sich zu seiner Identität zu bekennen.

Also ich wirke dieser Entwicklung entgegen, wo ich nur kann, denn ich sehe nicht ein, daß ich mich den Nicht-Bayern anpassen soll, sondern die müssen sich uns anpassen. Damit meine ich nicht, daß sie auch krampfhaft versuchen sollen, bayrisch zu sprechen, denn das klingt noch bescheuerter. Dann lieber bei ihrem Dialekt oder beim Hochdeutsch bleiben, aber wir Bayern sollten wenigstens nicht einknicken und immer mehr "Tschüss" oder "Ciao" sagen.

Und ist das mit dem Abgewöhnen wirklich nur ein bayrisches Problem oder betrifft das nicht auch andere Dialekte?

Kommentar von Lohengrimm ,

Naja, es geht ja auch um Verständigung. Wenn du mal in die Großstadt kommst und jemanden fragst, wo es "an gscheide Jausn und an Radi" gibt, dann wird dir die Svetlana oder der Mustafa nicht unbedingt weiterhelfen können. Klar kannst du dann mit einem "Schloach di und learn east amoi Boarisch, wannst ma helfn wuist" sagen, aber das verhilft dir nicht unbedingt zur gewünschten Mahlzeit. 

Natürlich ist es super, wenn du die Mundart pflegst. Ich selber war längere Zeit in der Tölzer/Lenggrieser Region. Gerade die gstandenen Bayern lassen sich da auch nicht von ihrem Bayrisch abbringen. Aber sobald man in Kontakt mit Städtern oder gar mit unseren ausländischen Mitbürgern (...) kommt, ist es wohl häufig erforderlich, sich dem Sprachschatz des Empfängers anzupassen. 

Ist aber auch ein gesamtdeutsches Phänomen, denke ich. Durch die Vermischung der Kulturen kommt es immer mehr darauf an, erstmal überhaupt eine Gesprächsbasis zu haben, bevor man dann eventuell zur Mundart übergehen kann. In der Gegend um den Hauptbahnhof in München kommt man eh mit Zeichensprache am besten voran, weil da kaum mehr jemand Deutsch spricht...  ;-D 

Kommentar von Franz577 ,

Du hast ja insofern recht, daß man sich als Bayer im Ausland oder alleine schon außerhalb von Bayern an den Dialekt oder Nicht-Dialekt anpassen sollte. Aber in Bayern selbst würde ich das eben nicht einsehen. Da bin ICH ja daheim und daher sind es die anderen, die sich anzupassen haben und nicht ich.

Abgesehen davon ist "Jausn" nicht bayrisch, sondern österreichisch. ;-)

In Bayern heißt das "Brotzeit".

Kommentar von Lohengrimm ,

Stimmt. Aber die Österreicher drängen teilweiise auch schon rein nach  Bayern und umgekehrt... wie gesagt, es vermischt sich alles ein bisschen. 

Bin gerade im tiefsten Österreich und hab gestern ein Jausn-Brettl gegessen. Daher der Faux-pas mit der Jausn. :-D 

Aber es ist super, wenn du dein Ding machst. Leute, die sich für andere anpassen gibt`s genug. 

Kommentar von OlliBjoern ,

Das "Abgewöhnen" betrifft auch andere Dialekte. Mein eigenes Dialekt (Moselfränkisch) habe ich mir schon recht früh abgewöhnt, dennoch finde ich, dass es wie auch die anderen Dialekte bewahrt werden sollte.

Heute ist eben die Mobilität größer als früher, und Menschen verschiedener dialektaler Herkunft müssen täglich miteinander kommunizieren. Auch wenn ich selber ein Fan von Dialekten bin, bin ich doch jemand, der viel "mischt".

Meine Mutter ist aus dem Rheinland, mein Vater aus dem Saarland, meine Frau aus Niedersachsen. Meine Kollegen schwäbisch oder auch schweizerdeutsch.

Zur Zeit lerne ich Schwedisch (und etwas Finnisch). Fast jeden Tag brauche ich zudem Englisch (wegen verschiedener Kollegen). Es ist klar, dass eine gewisse "Mischung" da nicht ausbleibt.

Antwort
von Schwoaze, 110

Naja, ab und zu einmal sag ichs auch... es erinnert mich an Sommer, Sonne und Urlaub. Weckt sozusagen positive Erinnerungen an schöne Erlebnisse, ich nehme an, daher kommt das - zumindest bei mir.

Aber hast recht, im Ausland hört man selten deutsche Redewendungen, Begrüßungsworte etc. außer... ja außer jemand möchte Dir so signalisieren, dass er Deutsch spricht oder zumindest schon mal in Deutschland war.

Kommentar von Franz577 ,

Wenn man es ab und zu mal sagt oder da, wo es angebracht ist (z.B. wenn man eine Pizzeria oder italienische Eisdiele verlässt), dann geht es ja noch. Aber manche haben ja nur noch "Ciao" oder dergleichen in ihrem Wortschatz und das finde ich eben etwas dämlich.

Antwort
von FooBar1, 75

Jeder kann doch sagen was er will... Warum sollte das ausgeglichen werden wenn einem selbst das gefällt benutzt man es. Ich sage auch viel lieber sorry als Entschuldigung. Einfach ein unschönes, sperriges Wort was noch nicht mal ausdrückt was ich sagen will. Tut mir leid ist wiederum zu viel des Guten.

Kommentar von Franz577 ,

Das mit den Anglizismen ist ja nochmal ein ganz eigenes Thema und meinetwegen kann man schon mal solche Wörter benutzen bzw. kommt man teilweise um manche gar nicht mehr drumherum.

Aber ich finde, daß gerade Dialekte immer mehr verwässern und durch das "Neudeutsche" immer mehr verdrängt werden.

Man fühlt sich langsam in der eigenen Heimat immer fremder und diese Entwicklung gefällt mir nunmal nicht. Daher bin ich eben auch kein Freund von allzu viel fremdsprachigen Wörtern im deutschen und v.a. im bayrischen Sprachraum.

Kommentar von FooBar1 ,

Ok. Deine Meinung. Ich kann auf Dialekte ganz gut verzichten.

Kommentar von Franz577 ,

Vermutlich weil du selbst keinen sprichst bzw. auch keinen Bezug dazu hast. Du siehst ja selbst, ich bin in der Lage, in perfektem und fehlerfreiem Deutsch zu schreiben und so wie ich schreibe, kann ich auch sprechen, wenn es sein muß. Aber mein Dialekt ist Bayrisch und den verleugne ich auch nicht, egal wo ich mich aufhalte.

Kommentar von abibremer ,

Wenigstens ETWAS "Integration" besteht in der Anpassung des EIGENEN Verhaltens an die lokalen Üblichkeiten: Als Fernfahrer begrüßte ich sämtliche Leute südlich des Weißwurstäquators mit "grüß Gott", obwohl ich ziemlich gottesfern bin.

Kommentar von FooBar1 ,

Ich komme aus einem sehr tiefen Ruhrpott. Ja spreche ich auch. Aber ich versuche das, besonders bei Kindern nicht zu benutzen. Macht das lernen nur schwerer.

Beruflich finde ich es sagen wir mal unschön mit bayrischen und sächsischen Kollegen zu telefonieren und angestrengt zu überlegen was sie den nun sagen wollen.

Kommentar von Franz577 ,

Natürlich sollten Kinder die deutsche Sprache richtig lernen, aber wenn sich dann auch noch ein regionaler Dialekt ausbildet, so sollte man das nicht unterbinden. Hat bei mir ja auch funktioniert und ich war stets Klassen- oder sogar Jahrgangsbester im Fach Deutsch (auch in Englisch), obwohl ich auch in breitestem Bayrisch sprechen kann und das auch tue, wenn ich unter Meinesgleichen bin.

Daß man auf andere Leute etwas Rücksicht nimmt, die den eigenen Dialekt nicht oder nur schlecht verstehen, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Wer das nicht kann oder will, wird zurecht schnell als "ungebildet" abgestempelt, aber das betrifft alle Dialekte.

Mir stößt es lediglich etwas sauer auf, wenn sogar meine bayrischen "Landsleute" sich immer mehr von ihrer Identität entfernen, nur um sich anzupassen und nicht mal untereinander mehr im Dialekt sprechen wollen.

Kommentar von FooBar1 ,

Das kann dir gerne aufstoßen ist aber deren Entscheidung

Kommentar von Franz577 ,

Ist mir auch klar, aber ansprechen bzw. hinterfragen darf ich es ja wohl noch, oder?

Kommentar von FooBar1 ,

Weil ein Bayer hier auch was anderes als grüß Gott sagt? Soll dich jeder machen wie er will

Antwort
von Katharsis036, 113

Hallo.
Ich denke es geht hier um den Wortklang von "Ciao".
Ähnlich würde man sich ja nie deutsche Zeichen tätowieren oder deutsche Sätze alla "Was du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen.", sondern eben chinesische Schriftzeichen und Weisheiten.
Ich glaube es ist eine Frage der Sprachkultur.

Kommentar von Franz577 ,

Das mag sein, aber Deutsch ist ja nicht die einzige Sprache, die etwas sperrig klingt. Und da würde es mich eben interessieren, ob andere Nationen, die auch eine ähnlich klingende Sprache haben, ebenfalls auf ausländische Grußformeln zurückgreifen.

Abgesehen davon geht das bayrische "Servus" doch schon deutlich leichter über die Lippen, aber trotzdem sagen auch in Bayern viele "Ciao".

Antwort
von abibremer, 29

Seit den Zeiten des "alten Fritz" war ADIEU ein weit verbreitetes Abschiedsgrußwort. Vor (gefühlten) hundert Jahren staunte ich als Kind über das "Tschüss" einer Tante aus dem Hamburger Raum.

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