Frage von DrSchmitt, 77

Warum mussten die Wahlen in der DDR gefälscht werden?

Also in der DDR konnte man ja sowieso nur eine Liste wählen, mit je einem Kandidaten für jeden Sitz. Man konnte den Zettel mit der Liste einwerfen und so für die Liste stimmen, also sozusagen "Ja" sagen. Damit mussten alle, die Wählen gingen, diese Liste wählen und theoretisch hätten es immer 100% für die Liste der SED (+ andere Parteien) geben müssen.

Wie kommt es aber, dass die Wahlen zusätzlich noch gefälscht wurden? Dazu hätte es ja erst einmal Leute geben müssen, die "Nein" sagen, also gegen die Liste stimmen. Wie konnte man das machen? Und wurden die Menschen darüber aufgeklärt, wie man die Liste ablehnen konnte?

Ich habe auch mal gehört, dass es nichts brachte, die Namen durchzustreichen, da das einfach als ungültig gewertet wurde statt als "Nein".

Danke im Voraus für eure Antworten.:)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von PeVau, Community-Experte für Geschichte & Politik, 76

Der Sozialismus war die verfassungsmäßig festgelegte Gesellschaftsordnung. Dazu befand man es für notwendig, dass die Arbeiterklasse die politisch bestimmende Kraft blieb. Zu diesem Zweck war die führende Rolle der SED festgeschrieben, die als Partei zur Vertretung der Interessen der Arbeiterklasse galt. Die anderen Parteien und Massenorganisationen galten als Interessenvertretung ihrer speziellen Klientel, die als Verbündete der Arbeiterklasse ebenfalls den Sozialismus aufbauten. Vereint in diesem gemeinsamen Ziel, war die Verteilung der Parlamentssitze auf die Parteien und Massenorganisationen von vornherein festgelegt, aufgeschlüsselt nach den verschiedenen Schichten in der Bevölkerung, für die diese anderen Parteien und Massenorganisationen als Interessenvertretung galten.

So waren die Wahlen in der DDR keine Wahlen von Parteien, mit denen die Anzahl der Parlamentssitze für die verschiedenen Parteien festgelegt wurden, sondern Personen- bzw. Kandidatenwahlen. Alle Parteien und Massenorganisationen die in den Parlamenten vertreten waren, waren Mitglieder der Nationalen Front. Deren Kandidaten waren die Kandidaten der Nationalen Front, unabhängig davon, ob sie von der SED, der FDJ, der CDU, LDPD, NDPD, dem FDGB usw. aufgestellt worden waren.

Im Vorfeld der Wahlen stellten die Parteien und Massenorganisationen ihre Kandidaten auf, die sich in den Städten, Gemeinden, Kreisen, Bezirken und auch in den Betrieben der Bevölkerung vor- und zur Diskussion stellten.  In diesem Prozess konnten Kandidaten abgelehnt werden. Soweit die Theorie. Wie die Praxis aussah ist eine andere Frage und kein Ruhmesblatt für das, was man sozialistische Demokratie nannte.

Nachdem diese Kandidaten aufgestellt wurden, kamen sie auf die "Einheitslisten" und wurden Kandidaten der Nationalen Front und erschienen namentlich auf den Wahlzetteln.

Bei den Wahlen konnte der Wähler durch Falten des Wahlzettels und dessen unveränderten Einwurf in die Wahlurne dem Wahlvorschlag vorbehaltlos zustimmen. Es war auch möglich, vorher eine Wahlkabine zu betreten. Dort konnte man auch einzelne Kandidaten von dieser Liste streichen, womit diesen Kandidaten dann eben eine Stimme fehlte. Dabei bestand die Problematik der uneinheitlichen Kriterien für ungültige Stimmen. Ein komplett durchgestrichener Wahlzettel galt als ungültige Stimme. Bei Einzelstreichungen wurden oftmals, aber nicht immer, die Stimmen ebenfalls als ungültig gewertet. Wähler, die eine Wahlkabine betraten, hatten entgegen anders lautenden Behauptungen, keine Repressionen zu befürchten, Nichtwähler übrigens auch nicht.

Was die Wahlfälschungen betraf, so darf man sich nicht vorstellen, dass ohne diese Fälschungen, die Wahlen ganz anders ausgegangen wären. Der Unterschied zwischen gefälschten Wahlergebnissen und den echten, bestand in wenigen Prozentpunkten. Das war der Unterschied zwischen 98 Prozent und vielleicht 90 - 85 Prozent.

In der Logik der DDR war eine hohe Wahlbeteiligung und eine hohe Zustimmung zum Wahlvorschlag gleichbedeutend mit der Zustimmung zur "guten Arbeit" die auf den verschiedenen Ebenen geleistet wurde. Eine unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung und eine  unterdurchschnittliche Zustimmungsquote wäre als Zeichen schlechter Arbeit auf den verschiedenen Ebenen gewertet worden. Niemand wollte auf die Frage "Was ist denn bei euch los, warum seid ihr die Schlechtesten?" antworten müssen. So ließ man sich auf einen Wettbewerb um die höchsten Beteiligungs- und Zustimmungsquoten ein und log sich selbst in die Tasche, indem nach oben die angestrebten Ergebnisse geliefert wurden.

Kommentar von DrSchmitt ,

Wie liefen denn diese Kandidatenvorschläge/Ablehnung von Kandidaten ab? Bzw. was war an dem Diskussionprozess so falsch, dass es nicht als demokratisch bezeichnet werden kann?

Und waren jetzt durchgestrichene Zettel "Nein"-Stimmen oder ungültige Stimmen?

Kommentar von PeVau ,

https://www.gutefrage.net/frage/wie-erfolgte-in-der-ddr-die-aufstellung-der-kand...

Das unter dem genannten Link beschriebene Verfahren hatte rätedemokratische Elemente, ist jedoch immer weniger mit echtem Leben erfüllt gewesen und wurde zusehends zum formalistischen Ritual, so dass Kandidatenvorschläge von "oben" kamen und kaum wirklich diskutiert wurden.

Eine Nein-Stimme zählte dann als solche, wenn auf dem Wahlzettel jeder einzelne Kandidat einzeln durchgestrichen wurde. Wurde hingegen der ganze Wahlzettel pauschal mit einem Kreuz oder ähnlichem abgelehnt, dann war die Stimme ungültig.

Kommentar von PeVau ,

Korrektur:

Ein pauschal durchgekreuzter Wahlzettel galt auch als Nein-Stimme.

Ungültig waren Stimmzettel mit staatsfeindlichen Bemerkungen oder auf denen deutlich zu erkennen war, dass der Stimmzettel ungültig gemacht werden sollte. Gerade letzteres eröffnete einen gewissen Interpretationsspielraum.

Kommentar von DrSchmitt ,

Danke! Das waren sehr ausführliche Informationen!

Kommentar von PeVau ,

Ich bedanke mich für den Stern!

Kommentar von WotansAuge ,

Man sollte in diesem Zusammenhang auch auf die regelmäßigen Wahlfälschungen in der BRD eingehen:

https://de-de.facebook.com/Anonymous.Kollektiv/posts/755698237809972:0

Vor allem zwei bedenkliche Muster sind den Wissenschaftlern aufgefallen. Bei der Wahl 2002 häuften sich im Osten die Verletzungen des Bendfordschen Gesetzes für die PDS (heute Linke). Angesichts der enormen Abweichung von mehr als 1475 Punkten ist davon auszugehen, das insbesondere die Wahlergebnisse 2002 systematisch manipuliert worden sind. Da wollten wohl die Wahlhelfer tüchtig nachhelfen? Unsere Schätzungen belaufen sich dabei auf 8 bis 12% anhand der exorbitant hohen Punktzahl der Abweichungen, die überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen auftreten, also quasi im gesamten Osten Deutschlands. Ostdeutschland wurde und wird manipuliert. Es hatte spätestens 2005 eine absolute linke Mehrheit! Auch bei der Wahl 2013 verlor die Linke wie 2002 (4,7%), diesmal jedoch mit 7,3%, fast doppelt soviel wie 2002 und wundersamerweise wanderte jedes einzelne Prozent zur CDU. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

Kommentar von DrSchmitt ,

Bitte enthalte dich ideologischer Kommentare. 

Kommentar von WotansAuge ,

Bitte lerne zwischen ideologisch motivierten Meinungen und wissenschaftlich nachgewiesenen Fakten zu unterscheiden. Die systematischen Wahlfälschungen in der BRD sind letzteres. 

Antwort
von rosepetals, 77

Ich kann nicht direkt auf das Wahlverfahren eingehen, dafür hat unser Geschichtslehrer jedoch uns die DDR in den letzten Wochen sehr nah bringen können.

Nur etwa 70-80% waren für die SED. Da die DDR auf den politischen Ansichten von Karl Marx aufbaut, ist sie eine Regierung die den objektiv richtigen Weg geht. Die SED war sozusagen eine Partei direkt für die Arbeiter und ein Arbeiter, der dagegen war, war nach den Werten von Marx entweder kriminell oder geisteskrank. Die DDR konnte doch nicht bekannt geben, dass 20-30% ihrer Bürger kriminell/geisteskrank ist! Deswegen waren die Ergebnisse immer bei etwa 98%. 

Gegen das Jahr 1989 jedoch hat sich die Opposition an jedem Wahllokal, die immer öffentlich zugänglich waren, dabei gestellt und die Stimmen gezählt, zusammengezählt und kamen auf das Ergebnis von 70/80% - eine halbe Stunde später wurden die 98% im Fernsehen angesagt. Ich glaube zu dem Zeitpunkt eines solchen Geschehens war der Mauerfall nicht mehr so lange hin.

Auch zu erwähnen ist, dass nicht mal 70/80% für die SED waren. Die DDR war eine "Nischengesellschaft": Sie wusste, sie würde bei Fehltritt bestraft also folgte sie den Regeln, wählte tüchtig die SED, tat so, als sei die DDR was Tolles und zog sich in eine "Nische" zum Leben zurück.

- Das basiert nur auf den Reden meines Lehrers, ich bin nur ein eher verschmutzter Spiegel, der das grade noch wiedergeben kann :) Hoffe ich konnte helfen.

Kommentar von DrSchmitt ,

Dankeschön.

Ich habe auch ein wenig recherchiert und das hier entdeckt:

http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/havemann/docs/material/5_M...

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