Frage von numbmind, 35

Warum können soviele Menschen mit trauer nicht umgehen und vergleichen es mit schwäche?

Hallo!

Mir ist neulich was sehr erschreckendes passiert. Und zwar leide ich an Depressionen und als ich neulich bei meiner Mutter zu besuch war, war auch mein Halbbruder dort. Die beiden wohnen zusammen. Naja, aufjedenfall musste ich plötzlich anfangen zu weinen,total doll und ich konnte es nicht zurück halten. Keiner der beiden hat mich kurzzeitig in den Arm genommen, aber das finde ich eigentlich nicht besonders schlimm. Nur hab ich im nachinein von meiner Mutter erfahren, dass mein Bruder gesagt haben soll, er hätte es nicht gut gefunden von mir, dass ich da einfach losgeheult hab und das ich nicht beten würde, keinen glauben hätte und mich so dargestellt hat, als wenn ich schwach wäre, weil ich geweint habe....Und ich muss noch dazu sagen ich bin eine Frau und auch sehr sensibel und ich lebe meine Gefühle aus, vorallem da ich sehr viel trauer in mir habe, kann ich sie oft nicht zurück halten. Als ich danach nochmal da war, hat er mir aber nichts davon selber gesagt aber ich habe gemerkt, er geht mehr auf Distanz... Mir ist das auch total unangenehm... Hab ich da falsch gehandelt mit dem weinen?

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Antwort
von TorDerSchatten, 35

Viele Menschen wissen gar nicht, daß Depressionen eine ernstzunehmende Erkrankung sind (Störung des Zusammenspiels der Botenstoffe im Gehirn) und sagen zum Patient "stell dich nicht so an" oder "schau mal wie gut es dir doch geht" oder "mach dir nicht immer schlechte Gedanken".

Unterbewußt oder teilweise ganz deutlich wird der erkrankten Person die Schuld an der Depression zugeschoben (aus Unverständnis).

Wenn jemand Krebs hat, hat er sofort alles Mitleid und sämtliche Hilfsangebote auf seiner Seite - aber bei psychischen Erkrankungen die man nicht "sieht" haben viele Außenstehende Probleme.

Ich denke daß nur jemand, der auch schon mal so etwas selbst hatte, wirklich Verständnis dafür hat.

Weiterhin können die Leute mit extremen Gefühlsausbrüchen nicht umgehen, sei es Lachen, Weinen oder Wutausbruch oder Freude. Man fühlt sich dadurch im persönlichen Bereich wie "angegriffen".

Ich hätte jetzt nicht sofort eine Umarmung vollzogen, sondern vorsichtig gefragt was los ist, und ob ich helfen kann oder gesagt "wein dich erstmal aus, laß alles raus und dann erzähl mir wie es dir geht"

Gerade Männer können mit Emotionen auch nicht so gut umgehen (durch Erziehung von kleinauf).

Daher nimm dir das nicht so zu Herzen mit deiner Familie und denke dir "die haben keine Ahnung und wissen es nicht besser"

Antwort
von Suboptimierer, 21

Lass dich doch nicht so schnell beeinflussen. Dein Halbbruder ist doch nicht der wichtigste Mensch in deinem Leben, oder? Dann musst du auch nicht seine Meinung für so wichtig halten. 

Stell dir vor, es wäre irgendein Neuseeländer oder Chinese (nie zuvor gesehen), der dich einfach nicht verstehen kann / will. Das wäre dir doch auch sicherlich egal.

Ob er dich versteht oder nicht, das macht doch für dich und deine Trauer überhaupt keinen Unterschied.

Kommentar von Suboptimierer ,

Das Recht, dir reinreden zu dürfen, muss man sich erstmal verdienen.

Antwort
von Kajjo, 13
  • Depressionen sind eine ernstzunehmende Krankheit und so wie viele Menschen auch nicht mit Verletzten, mit Blut oder schwer Kranken im Krankenhaus gut umgehen können, so können sie eben auch nicht mit Depressionen umgehen. Sie wissen einfach nicht, wie sie richtig reagieren sollen. 
  • Zweitens ist es leider so, Tränen und Weinen von manchen auch absichtlich eingesetzt werden, um ihren Willen durchzusetzen, andere gesunde Frauen weinen auch sehr schnell bei kleinen Anlässen. Ein Außenstehender kann nicht erkennen, ob jemand wirklich depressiv und krank ist oder die Tränen einfach nur mangelnde Kontrolle oder gar absichtlich sind. Das verunsichert weiter und macht einen als Laien hilflos, teilweise gar ärgerlich.
  • Gerade wenn der Anlass dem neutralen Beobachter eher nichtig erscheint, schüttelt man schon innerlich den Kopf und weiß nicht recht, wie man mit Tränen umgehen soll,. Nicht jedem ist die Tragweite der Krankheit bekannt und gerade bei Depressionen erkennt man ja auch von außen nicht, ob Tränen nun depressiv-bedingt sind oder aufgrund anderer Umstände. 
  • Ganz allgemein gesehen, also bei gesunden, nicht-depressiven Menschen, sind Tränen schon eine Form des Kontrollverlusts, und solche Kontrollverluste sind in unserer Gesellschaft tabuisiert und ganz besonderen Extremsituationen vorbehalten. Man weint eben nicht öffentlich, außer zu ganz besonderen Anlässen. Ob man das nun gut oder schlecht findet, so tickt unserer Gesellschaft nun mal: Gefühle werden kontrolliert und nur im akzeptierten Rahmen nach außen gezeigt. Insofern ist Weinen in der Tat eine Schwäche -- zumindest bei Gesunden. Solche Schwächen leisten wir uns nur zu jenen Gelegenheiten, in denen sie als angemessen gelten (Trauerfall, oder Weinen vor Glück bei Geburten oder Rührung bei Hochzeit).
  • In Deiner konkreten Familie gibt es wohl besonders strenge religiöse und soziale Vorschriften. Das klingt alles recht altmodisch und erklärt umso besser, warum hier seltsam reagiert und Kontrolle angemahnt wurde.
Antwort
von voayager, 21

Wer keine Liebe im Herzen hat, kann auch nicht trösten, daher ist dann Weinen was Lästiges, denn klugkxckerisches Reden nutzt in dem Fall nix und ansonsten ist dann die eigne Grenze, die eigene Ohnmacht schnell erreicht, folglich wird dann diese durch Gereiztheit abgewehrt.

Antwort
von webschamane, 24

Ich kann ebenfalls keinen Fehler bei dir finden. In unserer Gesellschaft wird ziemlich viel als Schwäche genommen, weil wir eben keine Kultur für Schwäche oder  Fehler besitzen. Wer Schwäche oder Fehler zeigt, wird eben sozial isoliert und ausgesondert. Genau so würde ich auch das Verhalten deiner Familie auch interpretieren, die wollen dich im wesentlichen nur schützen und auf den Umgang mit Menschen vorbereiten, denen du wirklich egal bist.

Antwort
von ArosI, 26

Ist völlig in Ordnung ist ja schließlich deine Familie. Deine Mütter hätte dich mal trösten sollen. Viel Glück dir noch :) 😁

Antwort
von jessica268, 1

Nein, das weinen war echt. Und mit Glauben hat das wenig zu tun. Ich bin gläubig, aber ich weine auch, wenn ich trauere. Du bist eine Frau, läßt die Gefühle raus. Und das ist gesund. Er hat ein Problem. Kann wohl seine Trauer nicht zeigen. Und geht deswegen auf Distanz. Die Tränen machen ihm Angst.

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