Frage von Tasha, 76

Warum "kann" man sich selbst nicht erniedrigen?

Ich weiß nicht, ob viele so eine Situation kennen: Jemand redet auf euch ein, und ihr sollt etwas bestimmtes zugeben. Z.B. dass ihr zu dick seid, nicht erfolgreich im Beruf wart, irgendeinen Lebensfehler gemacht habt, irgendeinen wiederholten Fehler bei der Partnersuche, zu viel Geld ausgebt etc. Ihr wisst, dass es für euch besser wäre, ihr würdet es einfach "zugeben", weil dann das Gespräch beendet wäre. Aber ihr könnt es einfach nicht. Da sitzt z.B. jemand neben euch und erklärt, dass ihr zu dick seid und jetzt endlich mal abnehmen müsstet. Ihr habt auch ein paar Pfunde zu viel, seid aber nicht fettleibig, und klar, mit Strandfigur würdest ihr euch im Sommer wohler fühlen, aber dafür möchtet ihr die Sahnetorte nicht opfern. Jetzt erzählt euch der Mensch ausführlich die Risiken von Übergewicht, zählt eure vorherigen Diätversuche auf, eure Probleme beim Kleiderkauf, eure Scham im Schwimmbad etc. - und er würde aufhören, wenn ihr nur sagen könntet, "stimmt, ich bin zu dick, Abnehmen ist mir zu stressig, ich lebe einfach mit den Konsequenzen".

Ihr könnt das aber nicht, weil ihr Angst hat, dass er dann auf euch herabsieht, obwohl er das ja schon durch dieses Gespräch gezeigt hat.

Warum fällt es so schwer, etwas "zuzugeben", für das man sich einerseits schämt, weil es gesellschaftlich offiziell nicht gut angesehen ist, das aber andererseits viele andere Menschen auch ohne Probleme machen/ ausleben etc.? Warum kann man nicht sagen, ja, ich bin zu dick, ich bin unordentlich, ich esse abends gern mal eine Schachtel Kekse, ja, ich kaufe Billigfleisch, ich schaue Trash-TV, ich sehe Pornos etc., wenn der Gesprächspartner das schon weiß (aber missbilligt)?

Warum hat man diese extreme Sperre, diese Scham, Angst, wie immer man das Gefühl nennen will - warum schweigt man lieber mit schlechtem Gefühl, als einfach mal das Bekannte zuzugeben, wenn man weiß, dass das Gespräch dann nicht in diese extreme Richtung der "Beweisführung" ausarten würde?

Typisches Beispiel wäre vielleicht der gute Bekannte oder Verwandte, der nach längerer Abwesenheit auf Übergewicht, Hautunreinheiten, geringes Gehalt, fehlendes Auto usw. hinweist und dann eine Tirade darüber hält, dass diese Sachen anders laufen sollte und wie man sie "verbockt" hat.

(Natürlich ist mir klar dass nur ganz bestimmte Gesprächspartner diese Art Gespräch mit einem führen, aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um die emotionale Reaktion dabei und den Grund dafür.)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Mignon4, 29

Sich selbst erniedrigen? Warum sollte das jemand tun??? Gott bewahre alle Menschen davor! Du bist niemandem Rechenschaft schuldig, weder für deine Taten noch für dein Gewicht. Wenn dich jemand versucht, 'runterzumachen, mußt du es dir nicht gefallen lassen. Lasse nicht zu, dass jemand so viel Macht über dich gewinnt, dass er dich runtermachen kann. Warum solltest du Angst haben, dass er auf dich herabsieht? Lasse ihm sein dümmliches Vergnügen und stehe dadrüber.

Es geht niemanden etwas an, ob und was du verbockt hast, solange du keinen von dir abhängigen Menschen (z.B. Kindern) geschadet hast. Niemand hat das Recht, dir in deine Lebensführung hineinzureden.

Ich bin sehr überrascht, dass du dir so einen Unfug anscheinend gefallen läßt und darauf hereinfällst. Lache die Person aus und/oder ignoriere sie oder verweise sie in ihre Schranken oder weise sie auf eigene Unzulänglichkeiten hin. Niemand ist perfekt.

Fazit: Solange du keinen Stolz, kein Selbstvertrauen und kein Selbstbewußtsein hast, wird man dir viele Vorwürfe machen und sich in dein Leben einmischen. Lasse das nicht zu, sondern verweise alle in ihre Schranken. Damit schaffst du dir Respekt: :-)

Antwort
von Ottavio, 24

Abgesehen davon, dass es sowieso nicht angenehm ist, von jemandem vollgetextet zu werden, zumal, wenn sie/er dabei auch noch missbilligt und auffordert, ist es hier noch besonders unangenehm, weil Deine Realität ja tatsächlich nicht mit Deinem eigenen Ich-Ideal übereinstimmt und Du auf diese Diskrepanz aufmerksam gemacht wirst. 

Das geht zwar allen Menschen so, denn niemand stimmt mit seinem eigenen Ich-Ideal überein, ist aber allen Menschen unangenehm. Das kann offensichtlich verschiedene Folgen haben: a) man lebt weiter mit angeknackstem Selbstbewusstsein, b) man versucht, sich zu besseren oder c) man korrigiert sein Ich-Ideal.

Beispiel: Wenn Feministinnen ständig neue Definitionen für "Sexismus" erfinden und den Begriff dabei ständig erweitern, so dass am Ende eben jeder Mann in irgendeiner Weise "Sexist" ist, dann hat das fast unausweichlich zur Folge, dass Männer ihr Ideal, kein "Sexist" zu sein, eben canceln. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Du sprichst die Scham an. Sie ist ein allgemein menschlicher Affekt. Die Disposition dazu ist angeboren, allen Menschen, aber auch vielen Tieren. Von allen Affekten ist nur der der Angst bisher gut erforscht. Zum Thema Scham gibt es zwar auch schon Literatur, aber die Erkenntnisse dazu sind noch rudimentär. Forsch weiter dazu, ich auch.

Antwort
von HSH2016, 20

Das liegt daran, dass dir dein Gesprächspartner vermittelt, das du einen Fehler gemacht hast und/oder dich falsch verhälst.

Von klein auf wird uns anerzogen, was ein Fehlverhalten ist und das man dafür bestraft wird um das Verhalten nicht zu wiederholen. Das nennt man negative Konditionierung, ähnlich wie ein Hund der einen Schlag auf die Schnauze bekommt wenn er sich falsch verhalten hat.

Dein Gehirn registriert die Aussagen deines Gesprächpartners und hat ein ungutes Gefühl was die Konsequenzen deines "Fehlverhaltens" angeht. Und natürlich hat man die Hoffnung, dass der Bekannte irgendwann aufhört mit den Sticheleien wenn er merkt, das du nicht darauf eingehst.

Dir sollte jedoch klar sein, dass du überhaupt keinen Fehler gemacht hast. Es ist dein Leben und du kannst es leben wie du willst. Keiner hat dir da rein zu reden!

Antwort
von Max2020, 15

Wie gut man das kann hängt mit der Fähigkeit zur Selbstreflektion zusammen. Sich Fehler oder Schwächen einzugestehen muss man lernen. Ich denke, dass die Psyche sich immer einredet, dass man alles richtig macht (auch nachträglich bei getroffenen Entscheidungen redet man sich selbst ein, dass man die bessere getroffen hat) und über Schwächen hinwegsieht. Wenn einem jemand dann so etwas vor Augen führt, fühlt man sich natürlich auch immer ein Stück weit persönlich angegriffen. Ich denke, auch wenn man selbst weiß, dass es so stimmt, ist das "zugeben" kein einfacher Prozess, denn damit muiss man sich ja zwangsläufig eingestehen, dass man selbst nicht dazu fähig war, anders zu handeln etc. ;)

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community