Frage von Rosenblad, 79

Warum kann der religiös begründete und politisch mobilisierte massive Antagonismus zwischen Sunniten und Schiiten heute noch so eine Gewalt freisetzen?

Gerade das Wüten des Daesch im Irak gegen schiitische Stämme und Bevölkerungsteile (die von der sunnitischen Bevölkerung teilweise sogar aktiv unterstützt sind) oder der verheerende achtjährigen Krieg zwischen dem Irak und dem Iran von 1980-1988 drängen diese Frage geradezu auf.

Meine Frage geht grundsätzlich an muslimische Menschen beider Glaubenslinien!

Antwort
von eleteroj, 17

ich versuchs mal so: der Sunnitenislam präsentiert sich als Markeninhaber standardisierter Glaubenswahrheit. Jeder einzelne Glaubenssatz des Sunnitenislam ist unplausibel, unglaubwürdig und beinhaltet logische Brüche, die Glauben und Akzeptanz sehr sehr schwer machen.

Unter dem Sammelbegriff Schi'a firmieren viele Glaubensrichtungen, die glaubhaft beweisen, dass man den Koran auch sehr differenziert lesen und auslegen kann.

Die Schi'a - angefangen von iranischen Fundis über Ismaeliten bis zu Aleviten, Hurufi, Sufis und Alawiten (Nusairier) sind eine permanente Infragestellung der sunnitischen Axiome, Stiftungslegenden und nicht-verifizierbaren Behauptungen. Da der Glauben an die Sunniten-Behauptungen so schrecklich schwer fällt, müssen natürlich, statt Argumenten, Drohungen mit bestialischen Höllenstrafen das System stützen.

Daher, so denke ich, stammt die Hasspsychose der sunnitischen Autoritäten gegen die Schi'a und andere 'Irrlehren' wie Ahmadiyya oder Bah'i.

Antwort
von caya2014, 45

Hey,

Bin selber sünniten und ich persönlich verstehe diese Differenzierung der beiden glaubensrichtungen nicht und werde diese auch nie nachvollziehen können. Denke wenn der Prophet Hz. Muhammed S.A.V, heute leben würde wäre er geschockt, da Hz. Ali nicht nur sein Vetter sondern auch sein Schwiegersohn war. Denke als sünnitin, dass Hz. Muhammed S.A.V nichts gegen Hz. Ali gehabt hätte, da er sonst bestimmt nicht sein Segen für die Vermählung seiner Tochter mit Hz. Ali zugestimmt hätte.

Nachdem Tod von Hz. Muhammed S.A.V ist ein Streit um sein Erbe (den Islam zu verkünden) ausgebrochen und so wurden diese in diese Gruppierung gesplittet. Praktisch wie im Christentum
Römisch katholische vs. Orthodox katholisch oder römisch katholisch vs. Evangelisch

Daher stecken hinter solchen Dispute nicht die Religionen Ansicht dahinter sondern Menschen, die eine Macht anstreben!

Kommentar von Rosenblad ,

Um mich bitte nicht misszuverstehen: Man könnte geneigt sein auf die Idee kommen, das der Islam ein geistiges Privaterbe der "Clans"  der Banū Hāschim ist.

Kommentar von caya2014 ,

der islam ist kein Erbe ! es ist eine Religion! Nach der Kreuzigung von Jesus Christus, haben sich seine jünger auch gesplittet. sogar Saulus der später zu Paulus wurde, hat dann damit mehr Menschen zum Christentum konvertieren einige Sachen erlassen, wie z.b die Beschneidung aufgehoben oder den verzehr von Schweinefleisch. aber ich würde niemals das Christentum als clan betiteln. Heute würde ich aber sowas wie zeugen jahovas als clan betiteln! tut mir leid wenn ich jetzt einige vlt. angreife, aber da ich nun durch meinen Freund, wo eine Familie aus seiner sippe, welche sind echt als clan betiteln kann

Kommentar von Rosenblad ,

Nein, nein ich wollte ja nicht missverstanden werden - aber der eigentliche Dissens um den es hier geht gründet ja gerade auf dem Streit innerhalb dieser Großfamilie - ohne diese starke familiäre Zuschneidung hätte es ja diese Aufspaltung nie gegeben - deshalb mein Gedanke - es ist mir schon klar das der Islam als Hauptreligion eigenständig wirkt.

Kommentar von ArbeitsFreude ,

Das ist ganz bestimmt richtig, liebe(r)Caya! - Nur kann ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass es trotz des "Nachfolgestreits", den es bspw. im Buddhismus ebenso gibt, sich verschiedene Budhhisten nicht gegenseitig umbringen:) -

Ob's vielleicht doch einen qualitativen Unterschied gibt zwischen dem Islam und anderen Religionen;)?

Antwort
von uyduran, 31

Hallo!

Primitive Aggression, verbunden mit Machtansprüchen, findet man seit je her überall und ich zweifle daran, dass sie jemals in der Menschheitsgeschichte komplett verschwinden wird. Da ist es völlig irrelevant, ob die rivalisierenden Grüppchen sich als Sunniten und Schiiten, als Israelis und Palästinenser, als Schwarze und Weiße, als Dinka und Nuer oder als Mara Salvatrucha und Mara 18 bezeichnen.

Zu der eigentlichen Intention deiner Frage, die du weiter unten in einem Kommentar verfasst hast: Bis auf wenige Ausnahmen vertritt der Großteil der muslimischen Gesellschaft in Deutschland die Ansicht, dass Muslime auf der Welt zusammenhalten sollten, statt sich zu bekämpfen.

LG

Kommentar von Rosenblad ,

Ist die religiöse Provenienz der überwiegenden Mehrzahl der Muslime in Deutschland nicht alevitisch (die der syrischen Flüchtlinge alawitisch)? Beides Glaubensrichtungen die wiederum "außerhalb" der beiden "Hauptströmungen" stehen und damit der direkte Bezug zu meiner Frage nicht entfernter wird?

Kommentar von uyduran ,

Ist die religiöse Provenienz der überwiegenden Mehrzahl der Muslime in Deutschland nicht alevitisch (die der syrischen Flüchtlinge alawitisch)?

Ich sage mal so, bezüglich Streitfragen wie Integration, Parallelgesellschaftsbildung und religiösem Fundamentalismus hätten wir mit einer Mehrzahl von Aleviten in Deutschland sicherlich weitaus weniger Probleme. Ganz einfach deshalb, weil das alevitische Wertesystem und die alevitische Interpretation von Religion eine größere Schnittmenge mit der westlichen Welt hat. Die Zahlen sehen jedoch anders aus:
74,1 % der in Deutschland lebenden Muslime sind Sunniten; die Aleviten machen 12,7 % aus, die Zwölfer-Schiiten 7,1 %, die Ahmadiyya 1,7 %, die Ibaditen 0,3 % und die Sufis 0,1 %. Die restlichen 4 Prozent bilden andere muslimische Strömungen wie beispielsweise die Zaiditen, Ismailiten oder die Alawiten. (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Islam_in_Deutschland#Islamische_Str.C3.B6mungen)

Es bleibt aber dabei, dass (meiner Wahrnehmung zufolge) die meisten Muslime Deutschlands für eine geeinte muslimische Gemeinschaft plädieren, ohne innerreligiöse gewaltausartende Konflikte. Wie man diese Haltung bewerten mag, hängt vom Blickwinkel ab. Auf der einen Seite ist es natürlich positiv, dass Gewalt und Streit abgelehnt wird. Auf der anderen Seite äußert sich hier der Wunsch nach einer uniformierten imperialistischen (und konservativen) Religionsgemeinschaft. Das finde ich insofern problematisch, dass die islamischen Schriften seit je her eine breite Interpretationsvielfalt beinhaltet haben. Diese sollte nicht durch konservative Uniformierung unterdrückt werden. Ebenso kann ich mit Imperialismusgelüsten nichts anfangen.

Kommentar von Rosenblad ,

Mein Fehler, Danke für die Zahlen. Nun, diese "Imperialität" oder Uniformität gibt es im Christentum genauso wenig und trotzdem scheint hier dier physische Konfliktregelung zugunsten eines mentalen Diskurses zurückgedrängt worden zu sein (Ausnahme vielleicht Nordirland) - warum ist das bei einer solchen, doch auch innovativen Religion wie dem Islam nicht möglich, die doch solche Gelehrte wie al-Biruni, al-Battani oder ibn Sina hervorbrachte?

Kommentar von uyduran ,

Das ist eine wirklich spannende Frage, mit der ich mich auch erst intensiver befassen müsste, um eine brauchbare Antwort darauf zu geben. Spontan würde ich sagen, hängt es stark mit der Politisierung des Islam zusammen. Da ist Saudi Arabien, das einen wahhabitischen (also stockkonservativen sunnitischen) Islam repräsentiert und eine große politische Macht besitzt. Und als Gegenspieler der schiitische Iran, der ebenfalls eine wichtige (welt-)politische Rolle spielt. Religion und Macht bedingen sich hier gegenseitig, da sowohl dem saudischen Königshaus als auch den iranischen Ayatollahs die konservative Doktrin zum eigenen Machterhalt verhilft. Die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten ist ebenfalls mit der religiösen Ausrichtung dieser verflochten - so bilden z.B. Syrien (alawitisch), der Libanon (schiitisch) und der Iran (schiitisch) eine Einheit, unterstützt von der schiitischen (Terror-)Miliz Hisbollah. Das macht es furchtbar kompliziert und sorgt dafür, dass politische und religiöse Konflikte miteinander verbunden sind, häufig auch aus taktischen Gründen vorgeschoben und oft militärisch umgesetzt werden.

Kommentar von Rosenblad ,

Vielleicht fehlen heute effiziente aufklärerische "Kräfte", wie es die abendländischen Gesellschaften nach dem Dreißigjährigen Krieg hervorbringen konnten.

Kommentar von uyduran ,

Definitiv. Aber auch das hängt mit der Politisierung der Religion zusammen. Denn diejenigen, die wirklich Einfluss auf die Auslegung der Religion haben, sind stockkonservativ. Warum? Weil sie unterstützt werden von den politischen Machthabern. Reformbewegungen werden hingegen im Keim erstickt. Aber der Iran zeigt, dass es zukünftig auch anders laufen kann: Bei den letzten Wahlen haben die gemäßigten Kräfte um Hassan Ruhani deutlich vor den Reaktionären triumphiert. (Wobei man anmerken muss, dass die wirklich säkularen Abgeordneten schon im Voraus von den Ayatollahs disqualifiziert wurden)

Auch in Europa gibt es positive Beispiele, wie den seit jüngster Zeit im Rampenlicht stehenden Mouhanad Khorchide, der über sich selbst sagt, er wäre gerne so etwas wie der "Martin Luther des Islam".

Antwort
von 1988Ritter, 51

Da wirst Du wahrscheinlich lange auf eine Antwort warten müssen, da die Glaubensrichtungen sich in jeweiligen Schuldzuweisungen verzehren.

Zudem hat der Wahhabismus in den sunnitischen Rechtsschulen seine Position verstärkt, was die Sachlage in sich noch mehr verhärtet hat.

Annäherungen sind da in keinster Weise gegeben.

Kommentar von Rosenblad ,

Es wäre trotzdem einmal interessant zu erfahren wie der "normale" muslimische Mensch darüber denkt und fühlt - die wissentschaftliche Analyse ist mir "grobkörnig" bekannt (siehe als "jüngste" , mir bekannte Monographie: Katajun Amirpur: "Der schiitische Islam", Stuttgart, Reclam Verlag, 2015)

Kommentar von Rosenblad ,

Grober Rechtschreibfehler in meinem Kommentar: es muss wissenschaftlich und nicht wissentschaftlich heißen.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten