Frage von ninai89, 67

Warum ist Nationalismus Unsinn?

Ich habe einige Freunde, die mir ständig sagen, dass Nationalismus Unsinn sei wegen Völkerwanderung und dass es früher viele KlEINSTAATEN in Deutschland usw. gegeben hat. Was ja auch stimmt doch durch Nationalismus entsteht sowas wie eine blöde Identität

ist es so oder kann man was dagegen halten

Antwort
von Jonnymur, 19

Nationalismus ist kein Unsinn, aber man sollte sich im Klaren sein, was damit gemeint ist. Was ist die Nation? Sie ist eine Konstruktion. Im Moment in dem sie konstruiert wird, wird sie zur Realität und notwendig, da sie eine nationale Kultur gründet, die sich mit zuvor existierenden und auch währenddessen existierenden nicht-nationalen Kultur/en (das "Deutsche" und die regionalen Kulturen existieren länger als das nationale Deutschtum) verbindet. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Nationen ewig existieren werden. Es gibt verschiedene Wege ein Mitglied der Nation festzustellen: Z.B. anhand von Abstammung, Staatsangehörigkeit und/oder Selbstbestimmung. Letzteres ist meines Erachtens am sinnvollsten, da sie allgemeingültig sein kann, ohne jemanden zu diskriminieren. Abstammung und Staatsangehörigkeit können dabei Teil der eigenen nationalen Selbstbestimmung sein, sollten aber nicht anderen in ihrer Selbstbestimmung einschränken. Auch stellt sich bei der Abstammungs-Definition die Frage, wie weit zurück eine Abstammung gehen muss, damit eine Aussage über die nationale Identität getroffen werden kann. Davon abgesehen gibt es aber auch Länder, wo die Wurzeln vom Großteil der Bevölkerung bis zur Entstehung einer geografisch begrenzbaren Kultur zurückgehen (z.B. Japan)

Im Gegensatz zum Völkerwanderungs-Argument, welches die Abstammung scheinbar unbegrenzt zurückverfolgt, folgt die Kleinstaaterei als Argument dem Konzept der Staatsangehörigkeit. Darum ist es auch, wie gesagt, am sinnvollsten allgemein die nationale Selbstbestimmung geltend zu machen. So entstand der moderne Nationalismus in der Kleinstaaterei. Es ist ja generell bekannt, dass zuerst der Nationalismus aufkam und nicht der Nationalstaat. Davor, seit dem Spätmittelalter oder der Frühen Neuzeit, existierte der Protonationalismus, der aber nur Teile der ständisch hohen Gesellschaft betraf. Davor wiederum verstanden sich die Menschen nicht primär, aber hintergründig auch als Deutsche. Von "Nationalismus" kann dabei nicht die Rede sein, da damit auch immer das Streben nach einer nationale Politik verbunden ist. Doch eine "deutsche Gemeinschaft" gab es mehr oder weniger durchaus, mit der man aus dem Nationalismus heraus eine bereits existierende nationale Tradition (seit Beginn des deutschen Nationalismus) mit einer konstruierten nationalen Tradition (vor Beginn eines deutschen Nationalismus) erweitern kann. Die nationale Tradition hat eine symbolische Funktion, die sich auf die deutsche Gemeinschaft generell bezieht und auf ihre Geschichte. Die Nation dient dazu die Welt vielfältiger zu machen, denn mit ihr entsteht eine neue Ebene der Identität.

Zusammenfassung: Die Nation als Abstammungs- oder Staatsobjekt greift zu kurz, somit auch die beiden Argumente. Die Nation war und ist eine Konstruktion der Selbstbestimmung.

Antwort
von atzef, 20

"Unsinn" ist eher eine Verharmlosung des verbrecherischen Potentials, dass allen bisherigen Nationalismen zu eigen war und ist.

Nationalismus reduziert die Entstehung und Lösung von Problemen auf nationale Zugehörigkeiten.

Nationalismus ist um seiner Selbsterhaltung dazu verdammt, die negativen Aspekte einer Volksgeschichte weitgehend zu verdrängen oder sich schönzulügen. Das Verhältnis der Türkei zum Völkermord an den Armeniern oder der Russen zu den Verbrechen des Stalinismus sind dafür besonders deprimierende Beispiele.

Nationalismus wird unweigerlich und zwangsläufig immer von Dünkelhaftigkeit und Ressentiments gegenüber anderen Nationalitäten begleitet.

Stolz kann man eigentlich angemessen nur sein auf das Resultat einer eigenen Tätigkeit. Z.B. könnte man stolz darauf sein, Demokrat zu sein, weil man sich diesen Standpunkt erarbeitet hat. Stolz auf die eigene Nationalzugehörigkeit, die jeden Nationalismus zwangsläufig begleitet, ist dagegen hochgradig irrational und kriterienlos. Ein vollständig zufälliges Ereignis wie die Geburt in eine Staatsangehörigkeit soll eine potitive Identität begründen? Es liegt auf der Hand, dass dies ein lukratives Prinzip vor allem für Dauerversager ist...

Antwort
von hunos, 8

Nationalismus und Nationalstolz halte ich nicht für Unsinn oder schlimm. Es gibt aber Grenzen die man nicht überschreiten darf. Es ist nicht schlimm sein Land zu lieben, man darf dabei die anderen Länder aber nicht hassen. Respekt ist gefragt und auch Akzeptanz.

Antwort
von Tteller, 14

Eine Identität ist nie "blöde". Das versuchen uns die überstudierten Gesellschaftsklemptner nur einzureden. Denn eine Identität ist einfach da. So wie die einer einzelnen Person.

Die Kleinstaaterei früher war bestimmt manchmal hinderlich. Jedoch hat die sogenannte EWG bis zum Beginn der EU hervorragend funktioniert. Die EU hat nicht nur, zum Glück erfolglos, die Identitäten versucht zu beseitigen. Sie hat die meisten Länder auch in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht und in gesellschaftliche.

Antwort
von Halbammi, 25

Nationalismus ist letztlich nichts negatives. Es ist doch schön, sich einer Gruppe angehörig zu fühlen und stolz auf geleistetes zu sein.
Früher gab es Kleinstaaten, aber das hat doch nichts mit nationalismus zu tun, denn auch die Kleinstaatenbewohner haben sich "Deutsch" gefühlt, da sie eine gemeinsame Sprache und Kultur haben.

Kommentar von uyduran ,

Naja. Das Problem beim Nationalismus ist, dass deren Verfechter, also die Nationalisten, zumeist ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Nationalitäten haben und fremde Kultureinflüsse ablehnen. In einer globalisierten Welt, in der Migration und Multikulturalismus Formsache sind, ist eine solche Haltung höchst fragwürdig.

Man muss also kein Nationalist sein, um sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen (z.B. einem Sportverein, einer Partei oder anderen Organisationen) oder stolz auf Geleistetes zu sein (was hat Stolz eigentlich mit der Nationalität zu tun? Die hat man sich i.d.R. nicht ausgesucht, sondern zufällig erhalten. Stolz auf Geleistetes bin ich, wenn ich in etwas viel Mühe und Zeit gesteckt und dann das gewünschte Resultat erhalten habe.). Was man natürlich trotzdem tun kann, ist, sich über gemeinsame europäische Werte wie Demokratie, Pluralismus, Gerechtigkeit und Freiheit zu definieren. Aber auch dafür braucht es keinen Nationalismus ;-)

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community