Warum ist Irgendwen wählen besser als gar nicht wählen?

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7 Antworten

Warum ist Irgendwen wählen besser als gar nicht wählen?

Du hast dir offensichtlich schon eine sehr differenzierte Meinung erarbeitet. Das trennt dich von rund 90% aller aktiven Wähler; die zumeist - auch das hast du bereits in den Kommentaren gut beschrieben - tatsächlich nur "gefühlt" wählen; was die Sache keinesfalls besser macht.

Zugleich hast du ein zentrales Problem benannt, das man mit "Keine Partei vertritt mich wirklich." beschreiben könnte. Zwar weichst du hier mit "Na gut, dann soll alles so bleiben, wie es ist." aus; aber du sorgst damit gleich für das nächste Problem: die Demontage der Demokratie als Basis.

Demokratie steht doch auch für Toleranz und dass man einander akzeptiert. Warum wird nicht akzeptiert, wenn Jemand aus welchen Gründen auch immer nicht wählen möchte?

"Demokratie" ist weder gottgegeben, noch hat sie einen festen Stand. Im Gegenteil: Ihre Gegner - von Partei-Politikern über Macht-Eliten bis zu Geld-Eliten - sind eifrig bemüht, sie zu demontieren und einzuschränken. Und sie würden nichts lieber tun, als die Demokratie, für die deine Vorfahren Jahrhunderte lang gestritten haben, gänzlich abzuschaffen.

In Deutschland ist "Wahl" eines der wenigen demokratischen Mittel; auch, wenn sie nicht "voll-demokratisch" ist, weil selbst die Wahlen schon massiv beschränkt sind: Du kannst deinen "direkten Vormund" nicht selbst auswählen, sondern musst einen aus einer vorgegebenen Liste nehmen; du kannst die "indirekten" Partei-Vertreter nicht selbst auswählen, sondern musst akzeptieren, dass die Partei sie sich selbst nach eigenem Gusto zusammenstellt und dabei stets die eigenen Eliten bevorzugt; und du hast nur höchst indirekten Einfluss auf die personelle Auswahl der Regierungsbildung, um nur einige Einschränkungen bei den Wahlen zu nennen.

Trotz alledem: Der Verzicht auf eines der wenigen wirksamen Instrumente der Demokratie, die man dir noch lässt; ist zugleich ein Verzicht auf Demokratie insgesamt. ... Dazu bist du bereit, ja? Mitsamt aller seiner möglichen Konsequenzen?!

Angenommen ich gebe meine volle Stimme der CDU nur um zu verhindern, dass die Randparteien indirekt Prozente gewinnen. Ist der "Schaden" dann nicht viel größer, weil ich die CDU eigentlich auch nicht mag, sie aber meine Stimme hat?

Solange man Parteien wählen muss, und solange es keine Partei gibt, die alle, oder doch wenigstens die überwältigende Mehrzahl der eigenen Wünsche repräsentiert, gebe ich dir durchaus Recht.

Doch es erscheint mir unglaublich, dass du bei einer so differenzierten Meinung tatsächlich zu der Ansicht gelangt bist, dass dir sämtliche Ansichten und Tendenzen der Parteien gleichgültig sind.

Gibt es wirklich gar keine Themen, die dir so richtig wichtig sind; und seien sie noch so abstrakt?

Denn Wahlen sind - zumindest unter den aktuellen Vorzeichen - weniger "Inhalts-Wahlen", als vielmehr taktische Richtungswahlen. 

"Nicht-Wählen" ist nach der Auslegung der Partei-Politiker immer ein "Weiter so! Ihr macht es völlig richtig!"; und zwar aus der Perspektive jeder einzelnen Partei. Dabei ist nicht gemeint, ob Atomkraftwerke sofort oder später abgeschaltet werden sollen; und ob das jetzt den Steuerzahler Vertragsstrafen oder Subventionen kostet. Vielmehr ist gemeint: "Führen die Parteien wirklich allesamt auf einen zukunftsträchtigen Weg? Hinterlassen sie also, wenn man ihre Linie fortsetzt, in 30 oder 50 Jahren ein Land, das man bedenkenlos an seine Kinder vererben kann?"

Und ich bin ziemlich überzeugt, dass du dir in all deinen Überlegungen auch diese Gedanken gemacht hast. Bist du wirklich zu der Ansicht gekommen, dass es okay ist, wie es ist? Der sichtbare Abbau des Sozialstaats, die zunehmende Kriegsbeteiligung, der wieder auflebende Kalte Krieg, die wachsenden Rüstungsexporte, die zunehmende gesellschaftliche Spaltung, ... all das ist Okay für dich? Das ist es, was du bedenkenlos an deine Nachfahren vererben kannst?

Wenn du all das kannst, hast du völlig richtig entschieden: Dann enthalte dich bei den Wahlen und lasse den Dingen ihren Lauf. 

Ich maße mir nicht an, nach meiner 30-minütigen Internetrecherche die Entscheidung anzweifeln zu können und Recht zu haben.

Das klingt oberflächlich durchaus richtig, doch ich gebe zu bedenken: "Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist." Schließlich überlässt du damit die Entscheidung jenen, die sich eben nicht so aktiv und umfassend mit den Themen beschäftigen und darüber immer wieder ins Zweifeln und Verzweifeln geraten.

"Es wurde so hart für das Wahlrecht gekämpft. Nicht wählen ist ignorant!"
Ja und die Kinder in Afrika sterben nur, wenn man seinen Teller nicht aufisst...



Das ist eine unglaublich schlechte Gegenrede; und das weißt du auch. ;) Wenn das dein einziges Argument auf diese Einlassung ist, solltest du noch einmal gründlicher nachdenken, ob du nicht ein besseres findest.

Denn, anders als gern behauptet, ist in der Demokratie die "Wahl" eben nicht "wahlfrei", sondern sie ist zentraler Gegenstand der Demokratie. Ohne sie gäbe es die Demokratie gar nicht. 

Wer also "Wahl-Verweigerung als demokratisches Recht" betrachtet; der irrt fundamental: Wahl-Verweigerung ist nicht "demokratisches Recht", sondern vielmehr "aktive Ablehnung der Demokratie".

Das ist durchaus verständlich, denn die derzeit existierende angebliche "Vertretungs-Demokratie" hat mit Demo-Kratie, also Volks-Herrschaft, so gut wie gar nichts zu tun. Doch es ist sehr viel schwieriger, eine "neue Demokratie" aufzubauen, als ein bereits existierendes Fundament dazu zu nutzen, es im Sinne der eigentlichen Demokratie umzubauen.

In diesem Sinne mag es also für dich Parteien geben, die sehr viel direkteren Einfluss (etwa durch systematische Volksentscheide oder durch Themen-Wahlen statt Personen-Wahlen) ermöglichen und dir damit auch einen Weg der Beteiligung aufmachen.

Meine Meinung ist, dass der Durchschnittsbürger wie ich nicht in der Lage ist die Komplexität zu begreifen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen."Sollen Kitaplätze kostenfrei werden/bleiben?". Aus dem hohlem Bauch heraus:"Klar! Gratis! Wähl' ich", das kann jeder. Aber überlegen "Warum ist das nicht längst gratis?", "Was ist Für und Wieder?", "Wo kommt das Geld dafür her? Die Polizei und Feuerwehr sind stark unterbesetzt, die brauchen auch Geld, von denen Geld abzwacken? oder doch lieber auf Kosten der Bildung?". So weit denkt doch Keiner

Das ist richtig und falsch zugleich.

Gesellschaftliche Entscheidungen sind grundsätzlich immer richtig, solange sie der Gesellschaft nutzen. Dabei ist es unerheblich, ob der Einzelne den Fokus auf "kostenfreie Kindergärten" oder auf "mehr Polizei" legen möchte. Denn im Regelfall läuft es auf "erst dies, dann das" hinaus. 

In diesem Sinne schaden auch "falsche Reihenfolgen" nicht wirklich; obwohl, da bin ich ganz bei dir, manches am Verstand der Menschen zweifeln lässt. 

  • Denn, um bei deinem Beispiel zu bleiben, "kostenfreie Kindergärten" gab es in der DDR - also vor rund 27 Jahren - schon. Man hätte das System einfach mit sehr wenig gesellschaftlichen Kosten übernehmen und in den Westen expandieren können. Stattdessen hat man es erst teuer abgerüstet, um es nun teuer wieder aufzurüsten; der dämliche Wähler greift also lieber zwei Mal tief in die Tasche, anstatt einmal nur ein bisschen zu geben... 
  • Und entsprechendes gilt für die Polizei: Diese Diskussion um die Polizei, Feuerwehr, ja, generell die sozialen Dienste, müsste nicht geführt werden, hätten nicht CDU, CSU, SPD, FDP und auch GRÜNE systematisch den sozialen Staat ausgehöhlt und untergraben, indem sie massiv Polizei-und Feuerwehr-Stellen abgebaut und andere soziale Dienste massiv benachteiligt hätten. Auch hier greift man also dem dämlichen Wähler mehrfach tief in die Taschen ... und er hält sie bereitwillig auf, freut sich noch geradezu darüber, dass sein Vormund "endlich mehr Polizei/Feuerwehr/soziale Dienste" haben will; anstatt es ihm - wie man eigentlich von einer Demokratie annehmen sollte - selbst vorzuschreiben.

Anders gesagt: Dein Argument mag für Bundes-Wahlen gelten; doch bereits bei Landtags-Wahlen; noch mehr aber bei Kommunal-Wahlen, sticht es nicht. Denn hier geht es um - zum Teil sehr unmittelbare - Entscheidungen, die dich ebenso unmittelbar betreffen.

Und im Speziellen zu deiner Einlassung: Die Frage "Woher das Geld nehmen?" wirkt irgendwie absurd, wenn man bedenkt, dass Deutschland zu den reichsten Ländern auf diesem Planeten gehört. Wenn sich ein Land, wie Deutschland, derartiges nicht leisten kann, obwohl es als "gesellschaftlich notwendig" betrachtet wird, dann ist das zugrunde liegende insgesamt System zu hinterfragen: Kann es möglicherweise gar nicht leisten, was die Gesellschaft braucht? Gibt es andere Lösungsmöglichkeiten, die außerhalb des Rahmens dieser Ordnung stehen?

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Ich spare mir dieses Mal aus gutem Grund eine Zusammenfassung meiner Einlassung: Du wirst es ziemlich sicher dennoch lesen; und wer es nicht lesen mag, aber trotzdem kommentieren möchte, darf sich gern als genau das bezeichnet sehen, was ich oben beschrieb...

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Du hast recht. Es ist eine Demokratie und es ist dein gutes Recht nicht zu wählen. Es existiert keine Wahlpflicht.

Allerdings verstehe ich deine Gründe, nicht zu wählen, nicht.

Man kann immer das vermeintlich kleinste Übel wählen. Sicher ist es am besten, sich vorher mit den Parteiprogrammen zu befassen und nicht nur die sympathischsten Gesichter zu wählen.

Nicht zu wählen bedeutet für mich, sich vor seiner Verantwortung für die Allgemeinheit zu drücken, meist aus Faulheit, weil man sich mit den Wahlprogrammen nicht beschäftigen möchte.

Viele Leute haben einfach Angst, Position beziehen zu müssen, für ihre Entscheidung einzustehen, und wenn es nur am Stammtisch ist. Aber deshalb ist die Wahl ja geheim. Du brauchst niemandem mitteilen, was Du wählst.

Was Du momentan äußerst, ist die Scheu, vor einer Entscheidung. Jetzt stell Dir bitte einmal vor, solche Leute, die keine Entscheidung treffen mögen oder sich nur einseitig informieren lassen (z.B. durch die Industrie) sind auch Politiker. Das sind nicht alles Leuchten!

Nur Politikern oder dem restlichen Wahlvolk zu Vertrauen, damit sie für dich entscheiden, als wenn man ein unmündiges Kind wäre, weil man sich mit dem Thema Poltik nicht beschäftigen mag...das gefällt mir persönlich nicht.

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Kommentar von Fuloli
27.08.2016, 20:06

Bis ich mich ausreichend informiert habe, dass ich guten Gewissens abstimmen kann, habe ich 2 mal Luft und Raumfahrttechnik studiert oder säße selbst im Parlament. Meine Meinung ist, dass der Durchschnittsbürger wie ich nicht in der Lage ist die Komplexität zu begreifen und sinnvolle Entscheidungen zu treffen."Sollen Kitaplätze kostenfrei werden/bleiben?". Aus dem hohlem Bauch heraus:"Klar! Gratis! Wähl' ich", das kann jeder. Aber überlegen "Warum ist das nicht längst gratis?", "Was ist Für und Wieder?", "Wo kommt das Geld dafür her? Die Polizei und Feuerwehr sind stark unterbesetzt, die brauchen auch Geld, von denen Geld abzwacken? oder doch lieber auf Kosten der Bildung?". So weit denkt doch Keiner, warum auch "Gratis Kitaplätze!!!". Über jeden einzelnen Wahlpunkt, könnte man stundenlang diskutieren, obwohl man nach wenigen Sekunden schon weiß was man möchte, ob das sinnvoll ist, weiß man aber noch lange nicht. Nenne mich faul, aber tatsächlich habe ich keine Lust die genaue geplante Umsetzung sämtlicher Wahlpunkte und die dazugehörigen Pro's und Contra's zu recherchieren. Wenn ich das entscheiden könnte, wäre ich der Politiker. Und wenn du meinst, du weißt was das Beste ist, bitte. Aber was genau ist schlimm an einer Enthaltung, wenn man sich nicht imstande fühlt, diese Entscheidung zu treffen?

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du hast ein argument vergessen

  • was wäre, wenn jeder so denken würde, und niemand mehr wählen ginge?

ich sehe das einfach so: auch wenn man nicht weiß wen man wählen möchte, weiß man doch zu mindest wen man NICHT möchte. und allein deshalb macht es sinn irgendwen anders zu wählen. es muss ja keine große partei sein, gibt auch immernoch genügend andere randparteien, die man vielleicht gerne in der opposition sehen würde.

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Kommentar von Fuloli
27.08.2016, 19:30

Wie beschrieben, finde ich es keine Deut besser seine voll Stimme einer Partei zu geben die man nicht mag, nur um nicht den Bruchteil seiner Stimme einer anderen Partei zu geben, die man weniger mag.

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Ja, was würde denn passieren, wenn (erst mal) immer weniger wählen gehen würden?

Vielleicht würden die etablierten Politiker und Parteien mal ins Grübeln kommen, warum das so ist und ob sie nicht mal was ändern müßten.
Aber ich fürchte, daß ich da zu naiv denke.

... hat mal gesagt: "Wählen??? Ich mache mich doch nicht der Beihilfe schuldig."

Verdammt, hilf mir mal einer. Gesagt hat es der verstorbene Kabarettist von Scheibenwischer.

Insgesamt bin ich auch gespalten.

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Ich finde auch keine Partei die mich fortlaufend und umfassend überzeugt, dennoch habe ich noch keine Wahl verpasst. Die Demokratie lebt trotz dem dämlichen Parteiklüngel und vielen unertragbaren Politikern von der Wahlbeteiligung. Vor jeder Wahl sehe ich mir genau die Positionen der Parteien an und entscheide mich dann jeweils für das geringste Übel. Ich wäre auch durchaus für die Wahlpflicht mit Bußgeld bei Weigerung, dann wären auch die Parteien erheblich mehr gezwungen sich dem tatsächlichen Wählerwillen zu unterwerfen.

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Kommentar von Fuloli
27.08.2016, 19:51

Und wie entscheidest du, was das geringste Übel ist? Ich habe den Walomat verwendet. Da gibt es Fragen wie:"Sollen Kitaplätze gratis sein?", "Sollen Busse, S-Bahnen und U-Bahnen in Berlin gratis sein?", "sollen staatliche Museen gratis sein?", und noch mehr Gratiskram... Die meisten Menschen klicken doch sofort auf "ja". Keiner hinterfragt wo das Geld dann fehlt, ob das Gratiszeug auf Kosten der schlechten Straßen, der Polizei/Feuerwehr , Bildung oder sonstwas geht. Es ist leicht zu beantworten was man will, schwerer jedoch was man braucht...

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Würde ich nicht machen, wenn du nicht weist wen du wählen sollst ( kannst ) dann mache den Wahlschein Ungültig ! Auf jeden fall immer wählen gehen, und wie gesagt, notfalls ungültig machen.

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ein kluger Mann (Politiker) hat mal gesagt: "wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie schon längst verboten"

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