Frage von lateinchiller, 52

Warum ist in der "de Bello Gallico" von Cäsar der erste Satz (moratur) im Präsens und alle anderen dann im Imperfekt, die gehören doch zusammen?

Dum paucos dies ad Vesontionem rei frumentariae commeatusque causa moratur, ex percontatione nostrorum vocibusque Gallorum ac mercatorum, qui ingenti magnitudine corporum Germanos, incredibili virtute atque exercitatione in armis esse praedicabant (saepe numero sese cum his congressos ne vultum quidem atque aciem oculorum dicebant ferre potuisse), tantus subito timor omnem exercitum occupavit ut non mediocriter omnium mentes animosque perturbaret.

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Grammatik, Latein, Sprache, ..., 26

Aus dem Zusammenhang heraus habe ich mir mal überlegt, warum Cäsar es so geschrieben hat:

Das Präsens (ein erzählendes Präsens, das gewöhnlich dazu dient, Stellen in einem Roman oder Bericht so hervorzuheben, dass sie eine besondere Spannung erzeugen, weil der Leser gewissermaßen unmittelbar in die Handlung einbezogen wird); Cäsar tut das aber keineswegs. Im Präsens, dem einzigen in diesem Absatz, gibt er das statische Rahmenprogramm vor:
er ist mit seinen Soldaten gerade in Vesontio (Besançon).

Im Imperfekt lässt er die Gerüchte durchlaufen, die sich schon bei seiner Ankunft abzeichneten. Das sind mehrere Imperfekte, mit denen er die Entwicklung aufzeichnet.

Am Ende bringt er das Perfekt "occupavit" (die gewöhnliche historische Zeit der Lateiner), wo plötzlich auf Grund all dessen große Furcht sein Heer erfasst.

Diese Aufteilung bekommst du im deutschen Satzbau nicht untergebracht. Daher würde ich bei der Übersetzung durchgehendes Präteritum vorschlagen.

Du willst ja auch keine römischen Leser und Zuhörer mit deiner Schilderung beeindrucken.

Kommentar von Volens ,

Übrigens würde ich dir in der Kommunikation über das Werk empfehlen, eine Überschrift wie die deine so zu formulieren:
"Warum ist in Cäsars "Bellum Gallicum" im ersten Satz 'moratur' im Präsens ..."

In deutschen Texten werden auch ausländische Satzstücke germanisiert. Wenn der Zuhörer sie vermutlich einigermaßen versteht, dekliniert die deutsche Sprache automatisch (genauso wie bei Adressen und dgl.)

Man sagt ja auch im "Neuen Testament" und nicht in "Das Neue Testament".

Kommentar von lateinchiller ,

Danke.

Antwort
von Zephyr711, 13

Die Erklärung von Volens finde ich sehr schön. Der Grund könnte allerdings auch viel trivialer sein: "Dum" steht im lateinischen schlicht immer mit dem Präses. Die zu übersetzende Zeit ergibt sich aus dem Kontext.

Schönen Gruß

Kommentar von Zephyr711 ,

Ok, ich muss mit meinen Aussagen vorsichtiger sein. "Dum" steht nicht immer, aber bei temporaler Bedeutung meist mit dem Ind. Präs.

Antwort
von Garriba, 27

Das nennt sich praesens historicum - eine Vorgang aus der Vergangenheit wird im Präsens geschildert, um ihm besondere Aussagekraft zu geben. Hier wird es gut erklärt (Kapitel 14)  http://wwwuser.gwdg.de/~bgoldma/Kleines\_Latinum/erg\_Material/Stilmittel\_bei\_...

Kommentar von lateinchiller ,

Übersetze ich den in Präsens oder Imperfekt ?

Kommentar von Garriba ,

ich persönlich würde es als deutsches Präteritum übersetzen, um eine einheitliche Linie zu haben. Das muß aber vom Korrektor der Arbeit/Lehrer(in) auch so anerkannt werden.

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