Frage von baerbelvil, 80

Warum ist er so rücksichtslos?

Mein Vater ist 90 und seit ca. 1 Jahr in unserer Nähe in einem Seniorenheim. Er sitzt im Rollstuhl und hatte urplötzlich keine Lust mehr zu laufen. Es gibt laut Aussage der Ärzte dafür keinen medizinischen Grund. 2 mal pro Woche macht er Gehuebungen mit einem Therapeuten. Soll er aber mit uns oder den Pflegerinnen aufstehen, weigert er sich und lässt sich hängen. Mein Mann ist deshalb wütend und der Meinung, er macht das, um auf sich aufmerksam zu machen und weil er Mitleid erregen will. Bisher hat er wirklich viel für ihn getan und sich um ihn gekümmert. Aber jetzt will er nicht mehr hingehen. Er sagt, er ärgert sich über ihn und will sich nicht mehr aufregen. Ich finde das kindisch und rücksichtslos. Was soll ich nur meinem Vater antworten, wenn er nach ihm fragt?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Tasha, 26

Es kann sein, dass er wirklich nicht laufen kann, aber die Ärzte das Problem nicht finden oder evtl. nicht mal suchen. Es muss nicht an den Beinen liegen, könnte auch an den Füßen, an Krampfadern, an Hüftproblemen etc. liegen. Oder an der Kondition, dass er nicht lange laufen kann, weil er dann sofort kaputt ist.

Wenn er Aufmerksamkeit so abrufen muss, bedeutet das, dass er sonst keine Aufmerksamkeit bekommt. Schenkt sie ihm also, vielleicht nutzt er dann andere Methoden. Wer so etwas nötig hat, ist wirklich in Not und macht das nicht einfach nur aus Scherz, jedenfalls nicht in dieser Generation (die heutigen "Sozialexperimentatoren" könnten das später anders sehen...).

Bedenke auch, dass er evtl, im Pflegeheim sehr wenig Aufmerksamkeit bekommt!

Kämpft nicht gegen ihn, versucht, etwas für ihn zu tun, das ihm gut tut und ihm Auftrieb gibt. Versucht etwas zu finden, mit dem er sich auch "gewinnend" alleine beschäftigen kann (oft ein Problem im Pflegeheim). Fragt ihn, was er möchte, hört auf ihn, oft habe ältere Menschen gerade im Pflegeheim - dort oft zurecht - das Gefühl, überhört oder sogar entmündigt zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Einige werden dann laut oder aggressiv, andere versuche, irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, wieder andere geben auf, haben keine Meinung mehr und lassen alles mit sich machen. Seid froh, wenn Euer Vater noch nicht so weit ist!

Bedenkt, dass er auch eine Tages- oder Tageszeitform haben könnte. Vielleicht kann er heute alleine gehen, morgen aber nicht. Morgens alleine gehen, nachmittags aber nicht. Innen alleine gehen, draußen, wo es uneben, kalt, nass etc. ist aber nicht. Usw.

Mein Bruder war kurzzeitig teilweise im Rollstuhl. Er hatte Downsyndrom. Ihm wurde unterstellt, zu simulieren, uns fielen immer mehr Ungereimtheiten auf. Er konnte im Haus laufen, kaum ging es zum Auto, konnte er nicht laufen. Er konnte anfangs gut laufen, aber nach 10 Minuten "konnte er nicht mehr". Später stellte sich heraus, dass er permanent zu wenig Sauerstoff bekam, aber auch seine Schuhe zu eng waren und er Thrombose im Bein hatte, die nicht diagnostiziert worden war. Alles führte zum "Nicht-laufen-Können". Auch dazu, dass er oft den Rollstuhl schieben konnte (mehr Halt, mehr Unterstützung), aber plötzlich nicht mehr. Die engen Schuhe erklärten das "mein Bein tut weh", es war tatsächlich der Fuß, nur konnte er das nicht so sagen. Oder man glaubte es nicht, weil der Arzt nichts fand.

Also bitte glaubt eurem Vater erst mal, später macht ihr euch sonst Vorwürfe, wenn herauskommen sollte, dass er doch einen Grund für seine Klagen und unterschiedlichen Leistungsformen hatte.

Man tendiert dazu, jemanden, der nach Aufmerksamkeit "schreit" gerade deswegen zu ignorieren, "der soll sich vernünftig verhalten" - aber oft übersieht man ihn, wenn er das tut, oder hat keine Zeit oder andere Prioritäten oder entscheidet für ihn, was wichtig ist und was nicht. Jemand, der es nötig hat, drastisch auf sich aufmerksam zu machen, verdient Aufmerksamkeit, auch wenn wir immer lernen, dass er eher "eine Lektion" verdienen würde und man ihn gerade deshalb noch mehr ignorieren sollte.

Antwort
von Manja1707, 18

Mit 90 hat man wirklich alle Rechte. Irgendwann einmal muss man es auch gut sein lassen. Und wenn er sich eben nicht mehr quälen will und lieber im Rollstuhl sitzt ist das völlig ok. Wieviel Leute werden schon so alt? Führ ihn im Rollstuhl spazieren und dränge ihn zu nichts. Das Verhalten deines Mannes ist wirklich kindisch und rücksichtslos. Vielleicht kann er es auch nur nicht akzeptieren, dass sein Schwiegervater am Ende seines Lebens angekommen ist? Vielleicht kannst du ihm klar machen, dass dein Vater in einem Alter ist, wo er das Recht hat, einfach nur noch zu tun, was er möchte. Dem Vater würde ich nicht sagen, dass dein Mann nicht kommen will, das würde ihn nur unnötig kränken. Lass dir eine Ausrede einfallen, sag er kommt bald wieder. Und ich schätze mal, dein Mann wird, wenn er sieht, dass du alleine hingehst, auch nicht lange auf stur schalten und doch wieder mitkommen.

Antwort
von julius1963, 27

Dein Papa ist lebensmüde. 90 Jahre sind eine lange Zeit. Verschone ihn von allem Quatsch der Ärzte und Pfleger. Vielleicht auch von Deinem Mann.

Deinem Mann gib zu bedenken, dass niemand weiß, ob er a) 90 wird und b) wie er dann tickt. Falls er dennoch abblockt, sag Deinem Vater ganz ehrlich den Grund des zukünftigen Fernbleibens Deines Mannes.

Du aber genieß die verbleibende Zeit!!!

Antwort
von TeddySocke, 31

Hat er denn noch wen anders, außer die Familie, Leute mit denen er Zeit verbringen kann, vielleicht fehlt ihm einfach nur der soziale Umgang mit anderen Menschen? 
Oder er mag das Pflegeheim nicht, würde lieber bei euch zu Hause wohnen? 

Frag ihn doch mal, warum er nicht mehr gehen will. Vielleicht hat das einen Grund? 

Kommentar von baerbelvil ,

Darauf bekomme ich keine Antwort! Bei uns kann er leider nicht wohnen, da wir im 2. Stock ohne Aufzug wohnen und das will er auch gar nicht. Allerdings wollte er auch nicht hier ins Heim. Hätten wir ihn aber in seiner Stadt gelassen, wäre das mit viel Aufwand und Kosten verbunden, da er 250 km weit weg lebte. Man kann im Alter leider nicht immer bekommen, was man möchte, besonders nicht, wenn man plötzlich zum Pflegefall wird. 

Antwort
von piadina, 19

Deinem Mann kann man nur wünschen, dass er mal selbst in dieser Situation ist.

Du kannst Deinem Vater sagen, dass Dein Mann und Du Meinungsverschiedenheiten habt und Du gerne alleine mit Deinem Vater sein möchtest.

Antwort
von vogerlsalat, 27

Niemand von uns weiß wie man sich mit 90 fühlt, auch dein Mann nicht. Wenn Vater nicht mehr gehen will, dann lasst ihm doch seinen Willen.

Das Leben hat ihn halt müde gemacht.Akzeptiert das doch bitte.

Kommentar von Kometenstaub ,

Genau das denke ich auch.

Antwort
von Delveng, 16

Deinem Vater fehlt die richtige Motivation.

Antwort
von Fairy21, 17

Glaube, dass dein Mann leider nicht ganz unrecht hat.

Antwort
von Askkiller, 25

Er ist 90. Er hat mit seinem leben abgeschlossen (warscheinlich also in gedanken). Mit 90 ist das meist normal. Da ändert man sich da man weiß man ist kurz vorm abdanken

Antwort
von Kometenstaub, 23

Meine Güte. Lasst den alten Herrn sich im Rollstuhl sitzen. Irgendwann hat man wohl keine Lust mehr. Also rede lieber mit deinem Mann.

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