Frage von 240529091606035, 20

Warum ist Cameron nun doch früher abgetreten - er wollte doch erst im September offiziell zurück treten?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von 486teraccount, 11

vielleicht weil demnächst ein simulierter Bankencrash kommt,

es ihm zu heiß war.

Expertenantwort
von Unsinkable2, Community-Experte für Politik, 4

Warum ist Cameron nun doch früher abgetreten - er wollte doch erst im September offiziell zurück treten?

Weil dir und dem Rest der EU-Bürger ein - berechenbares & vorhersehbares - Schmierentheater allererster Güte präsentiert wird. 

In den Hauptrollen: Merkel, Schäuble, Juncker, Schulz und Cameron/Johnson/May, die als Politiker-Marionetten-Darsteller auftreten; sowie diverser Banken als Masken- und etlicher Konzerne als Bühnenbildner, die hinter den Vorhängen die Fäden ziehen und die Marionetten bewegen, vor allem aber das Bühnenbild aufbauen. 

Es geht darum, drei Hauptpunkte unter einen Hut zu bringen:

  1. Abschneiden der Kraft der "EU-Zerstörer". 
  2. Stärkung der (neo-)liberalen Kräfte in der EU. 
  3. Stärkung der US-Interessen in der EU.

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Erklärungen der Punkte

zu (1): Je länger Großbritannien als "quasi aus der EU ausgestiegen" gilt, desto stärker werden die Fliehkräfte in der EU durch die Rechten.

Da in diesem Lager bekanntlich gern die Fakten gebeugt werden (s. etwa "350-Millionen-Gesundheitssystem"-Lüge in Großbritannien oder "Deutschland-geht's-ohne-EU-besser"-Postulat in Deutschland), ist der Status Großbritanniens "theoretisch raus - praktisch aber noch Nutznießer der EU" äußerst gefährlich für die etablierten Parteien in Europa

Das kann und will Merkel nicht auf sich sitzen lassen. Sie will ums Verrecken nicht als "Kanzlerin, unter der die EU zerfiel" in die Annalen der Geschichte eingehen. Und sie will auch nicht, das allerdings sekundär, als "Kanzlerin, unter der dem Volk klar wurde, dass der Neoliberalismus nicht tragfähig ist, wenn man Demokratie will", in die Geschichte eingehen...

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zu (2): Ein dauerhafter Ausstieg Großbritanniens aus dem Schutzmantel der EU wird - das ist schon jetzt absehbar - zu einem Desaster der neoliberalen Politik führen. 

Noch ist das Land nicht wirklich ausgetreten, da werden schon Steuererhöhungen für die Armen und Steuersenkungen für die Reichen angekündigt und fast alle Versprechungen, die einen Brexit so "logisch richtig" erscheinen ließen, zurückgenommen. Konzerne und Banken kündigen die Verschiebung von Hunderttausenden Arbeitsplätzen an bzw. prüfen, wie sie sich neu aufstellen ... und vor allem: wo. Schottland droht offen mit Sezession; Nord-Irland denkt darüber nach, sich ebenfalls abzuspalten...

Kurz gesagt: Aus "Great Britain" droht "Tiny England" zu werden, das in der wirtschaftlichen und - Achtung! - politischen Bedeutungslosigkeit eines Kleinstaats zu versinken droht. 

Zugleich ist Großbritannien die letzte in der EU verbliebene ernsthafte neoliberale Kraft. Mit seinem dauerhaften Ausstieg aus der EU müssten die etablierten Parteien in der EU - von konservativ über liberal bis spezialdemokratisch - Farbe bekennen. Denn dann gäbe es kein "Tja, wir wollten ja wirklich gern XYZ machen, aber was sollen wir machen? Großbritannien will einfach nicht. Und wir brauchen Einstimmigkeit." mehr.

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zu (3): Großbritannien ist der Brückenkopf der USA nach Europa; und ganz besonders in die EU. Nirgendwo sonst in Europa haben die USA so großen Einfluss und können eine ganze Regierung so leicht fernsteuern. Deshalb ist man an einem - Achtung! - dauerhaften Austritt Großbritanniens und damit am Verlust des Einflusses auf die zentrale EU-Steuerung nicht im Mindesten interessiert. 

"Das Vereinigte Königreich in der EU gibt uns ein viel größeres Vertrauen in die Stärke des transatlantischen Bündnisses und ist ein Eckstein in den Institutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, um die Welt zu einem sichereren und wohlhabenderen Ort zu machen. Und wir müssen sicherstellen, dass das Vereinigte Königreich diesen Einfluss behält." (Barack Obama, BBC-Interview)

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Und so fügen sich die Dinge (wieder) zusammen

Nun muss man versuchen, sich wie der Bändiger eines Flohzirkuses zu betätigen und all die Dinge, die da zu entfleuchen drohen, wieder unter einen Hut zu bringen:

Die "Stimme des Volkes" muss - zumindest scheinbar - Gehör finden, damit man sich auch weiterhin den Anschein von Demokratie geben kann.Großbritannien darf aber nicht wirklich wirtschaftlich (und territorial) leiden, um seine Position nicht zu schwächen.Der "glorreiche Wiedereinstieg Großbritanniens in die EU" darf nicht gefährdet bzw. allzu lange verzögert werden.

... und das geschieht auf diese Weise:

  • Großbritannien muss so schnell wie möglich austreten. 
  • Während der offiziellen Verhandlungen zum neuen Verhältnis Großbritannien-EU werden die bisherigen Verträge - natürlich - fortgesetzt.
  • Damit verschlechtert sich der Status von Großbritannien nicht (wesentlich). Im Gegenteil: Das Land wird für einige Monate von den Geber-Belastungen in der EU entlastet.
  • Zugleich werden Schottland und Nord-Irland in ihren Sezessionsbemühungen ausgebremst. 
  • Um die EU (vor allem im "nahen Osten", wo die Fliehkräfte unberechenbar und offensichtlich auch unkontrollierbar sind) zu befrieden, wird Großbritannien pro forma die "EU-Stimme" genommen; aber der Einfluss auf die EU belassen. 
  • Noch während offiziell die Verhandlungen über die dem Austritt folgenden Verträge (etwa dem Zugang zum EU-Markt) laufen, beginnt man bereits "Wiedereintritts-Verhandlungen"; die allerdings hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Bevölkerungen der gesamten "Rest-EU" und Großbritanniens.
  • Der Wiedereintritt Großbritanniens wird offiziell "beantragt". (Tatsächlich ist das nur ein billiger Zwischen-Akt im Schauspiel, denn hinter den Kulissen ist das "Yes, of course!" auf die Frage "Will you marry me again?" längst vereinbart.)
  • Großbritannien kehrt in die EU zurück. Dabei ist eine DEUTLICHE Stärkung der "britischen Interessen" - lies: "der neoliberalen Interessen" - leider, leider notwendig, um ein erneutes Entgleiten eines wichtigen EU-Staats zu verhindern. (So etwa wirst du es in ca. 2-3 Jahren in den Medien lesen.)

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Ergebnis

  • Schwächung der "EU-Zerstörer", denn Großbritannien kehrt "reumütig" in den Schoß der EU zurück, noch bevor andere Länder überhaupt ausgetreten sind. (Kleinere Verluste im "nahen Osten" kann man in Kauf nehmen. Entscheidend ist der "tradierte Westen".)
  • (Erneute) Stärkung der neoliberalen Kräfte. (Man muss "Großbritannien" - lies: "den neoliberalen Kräften" - halt Zugeständnisse machen. Sonst hauen die noch einmal ab. Das versteht doch jeder, oder?!)
  • (Erneute) Stärkung der US-Interessen in der EU-Führung

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Und all das wird als "Wille des Volkes" verkauft werden. Erst der Ausstieg, dann der Wiedereinstieg. Und das Volk wird jubelnd Beifall klatschen. Im "geretteten Großbritannien" genauso, wie in weiten Teilen der EU.

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Deshalb gibt es so eine rasante Einigung über den neuen führenden Kopf in Großbritannien, die ALLE Politik-Experten überrascht. Deshalb wird May, die als "knochenharte Hardlinerin" zugleich aber als "EU-Befürworterin" gilt; und nicht etwa Leadsom, die einen Ruf als "Vermittlerin, zugleich aber EU-Gegnerin" hat, oder Fox, der als vehementer EU-Kritiker gilt, oder Gove, der als "nüchterner Analytiker und EU-Feind" gilt, oder Osborne, der kraft Amt und daraus folgender Machtfülle als zweiter Premierminister gilt. Deshalb wird Johnson, der direkt nach dem Referendum hinwarf und im Nebel verschwand, nun Außenminister (er lehnt die EU nicht wirklich ab, sondern wollte innerhalb der Partei einfach nur mehr Macht; was er mit dem neuen Amt auch bekommt). Deshalb warf zeitgleich Farage ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Erfolges die Flinte ins Korn, um nicht mehr als ultimativer Gegenspieler (er lehnt die EU rundweg ab) aktiv sein zu müssen.

Theresa May ist einfach die perfekte britische Besetzung für dieses Schauspiel. Und um das zu zementieren, wurden binnen weniger Tage Fakten geschaffen und andere - vor allem die notorischen "Brexit"-Freunde - trotz der Referendums-Mehrheiten kaltgestellt...

Wie sagte Frau May in ihrer Antrittsrede?

"Nach dem Referendum steht uns eine Zeit großen nationalen Wandels bevor ... [Großbritannien werde aber] in der Welt eine kühne, neue, positive Rolle [übernehmen]." (Theresa May) 

Sie droht also ganz unverhohlen nach Rechts und kündigt zugleich den kommenden Weg an. Wäre sie für einen "echten & dauerhaften Brexit" wirklich eine gute Besetzung? Ausgerechnet sie, die als vehemente EU-Befürworterin gilt, auch für "Bremain" abgestimmt hat und schon in ihrer Antrittsrede nach Rechts droht?

Genau das, was sie da ankündigt, wird passieren. Mit der Hilfe der Schmierenkomödianten, Maskenbildner und Bühnenbildner, die oben genannt wurden.

In diesem Sinne: "Shhhhhhhhhht! ... Der Vorhang öffnet sich. Bühne frei zum zweiten Akt." ;)

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Hmmmm, ich hab's schon massiv gekürzt und viele Erklärungen entfernt. Trotzdem ist es noch ziemlich lang ... und hoffentlich immer noch verständlich.  

Kommentar von Apfelkind86 ,

Klingt gut, hoffentlich wird es so kommen. :)

Meine Aktien jubeln jedenfalls derzeit ausnahmslos. ^^

Kommentar von voayager ,

Aus welcher Zeitung oder Zeitschrift stammt denn dieser Artikel? Das sind recht interessante Überlegungen die der Autor bzw. Autorin anstellt. Wie heißt er oder sie überhaupt?

Antwort
von wfwbinder, 4

Es ging darum, dass man davon ausging, dass es bei den Torries eine Abstimmung über den neuen Parteiführer geben würde.

Nachdem aber die anderen Kandidaten zurück gezogen haben und nur Theresa May geblieben ist, war die Kandidatenfrage geklärt und der Wechsel konnte geschehen.

Antwort
von atzef, 2

Nein.

Er wollte nicht "erst" im September zurücktreten, sondern bis September. Das wiederum, um hinreichend Zeit zu schaffen, eine geordnete Nachfolge zu installieren.

Das ist jetzt halt schneller über die Bühne gegangen.

Antwort
von 1988Ritter, 4

Die Antwort auf Deine Frage findet sich bei

Cameron und die Mikrophonpanne

Da hatte bei seiner Ankündigung zur Amtsübergabe einer vergessen das Mikrophon abzuschalten.

.....und so kam es dann, dass man den singenden und jubelierenden Cameron auch in der Tagesschau von dannen ziehen hörte.

Ich gehe mal davon aus, die psychische Belastung war derartig groß für ihn, dass er deshalb jubelierend vom Mikophon gegangen ist. Ich denke er war einfach nur froh, dass er aus der Nummer raus war.

Antwort
von Geniol, 3

Er wollte halt nicht für den Untergang der Briten in die Geschichtsbücher eingehn

Antwort
von Maisbaer78, 2

Da sich alle anderen Kanditaten für die Nachfolge als Premier zurückgezogen haben, blieb nur noch Theresa May übrig. Eine Stichwahl ist damit obsolet geworden und die Nachfolge konnte somit sofort angetreten werden.

Ich denke, Cameron wird froh sein etwas früher vom unbequemen Chefsessel runter zu können.

Jetzt sollten Sie nur noch ebenso schnell Ihre Austrittserklärung unterschreiben. ^^ Das wollte Cameron ja explizit seinem Nachfolger überlassen.

Antwort
von paulklaus, 2

...weil Cameron sich strikt an Asterix' Credo hält:

"DIE SPINNEN, DIE BRITEN !"

pk

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