RolfHoegemann am 10.07.2007 um 16:05 Uhr
Vielleicht habe ich das jetzt unglücklich formuliert, aber mir fällt immer auf, dass so viele Angst haben -oder es ihnen unangenehm ist- wenn man zuviel von sich 'preisgibt': gläserner Bürger, Sicherheitskameras an sozialen Brennpunkten, Erfassung der Einkäufe durch Kundenkarten, usw. So nach dem Motto: "es muss niemand wissen, dass ich Butter, Brot und eine Bravo immer beim Edeka kaufe". Hat das mit der deutschen Vergangenheit zu tun(SS im A.H. Reich und Stasi in der DDR)? Ich sehe z.B. nichts verfängliches darin, dass jeder weiss, was ich einkaufe, lese, welche Musik ich höre und welche Filme ich anschaue... Warum heisst es, man soll nicht naiv denken: "Ich habe doch nichts zu verbergen."?
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Die Bemühungen alle möglichen Daten über einen Menschen zu sammeln und aus verschiedenen Sammlungen zusammenzuführen, können irgendwann (vielleicht schon in diesem Moment?) dazu führen, dass irgendwo eine Akte, eine Datei existiert in der mehr über mich steht als ich vielleicht selber weiß. Eine solche Akte/Datei/Datensammlung wäre ein ungeheures Herrschaftswissen. Und den Zugriff auf diese Daten kann der Betroffene dann sicher nicht mehr beeinflussen.
Das Sammeln und Zusammenführen von gesammelten Daten stellt für den Betroffenen eine potentielle Gefahr für seine Freiheit dar. Die große Mehrheit macht sich keine Gedanken wie teuer sie sich den winzigen Vorteil (ca. 1 % Rabatt), den sie mit ihrer Kundenkarte vielleicht erhalten können, erkaufen müssen. Egal ob man es naiv nennt, es ist sicher ein großer Irrtum zu glauben es würde nicht registriert was man einkauft. Irgendwo existiert eine riesige Liste über den Kunden, was hat er wo zu welchem Preis gekauft hat. Und dazu noch eine Kategorie: Kunde A kauft gerne Kaviar, teure importierte Früchte, fährt ein Luxusauto und macht Überseereisen. Kunde B konsumiert Grundnahrungsmittel Reis, Nudeln, Kartoffeln und verlässt zum Einkaufen niemals seinen Kiez. Rate mal wer im Laden besser behandelt wird. In den USA gibt es schon Kassen die dem Personal anzeigen welcher Kundentyp vor ihnen steht; Edelkunde oder doch jemand der nur Schmutz von der Straße in den Laden schleppt.
Und die Kundenkarte ist ja nur ein Anfang. Was konsumiere ich? Welche Bücher lese ich? (Bibliotheksausweis) Wo fahre ich mit dem Auto hin? (Scanner für Kfz-Zeichen) Welche Zeitschriften habe ich abonniert? Wo bin ich versichert? Welche Krankheiten habe ich? Welche Medikament nehme ich? (Krankenkasse-Karte) Wen besuche ich? (RFID-Chip im Peronalausweis) Wen kenne ich? Wen mag ich? Wen liebe ich? Mit wem habe ich welchen Sex? Was denke ich, was kritisiere ich, was wähle ich, was glaube ich, was verschweige ich?
Und es gibt selbstverständlich Leute, die das alles brennend interessiert. Gäbe es eine Technik, z. B. ein funkender Nagel, den man ins Gehirn einschlagen könnte um den Behörden regierungskritisches Denken zu übermitteln, gäbe es so was, Herr Schäuble würde es noch vor Sonnenuntergang für alle Bürger verpflichtend fordern. Wer nichts zu verbergen hat….
Anfang der 80er Jahre hat sich eine kleine Minderheit vor Gericht gegen Datenschnüffelei gewehrt. Diese Leute wurden vom damaligen Bundesinnenminister Zimmermann als Verfassungsfeinde beschimpft. Allerdings schloss sich das Bundesverfassungsgericht den Kritikern an. Es gibt ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Wir müssen uns nicht zum Objekt machen lassen (Die Würde des Menschen ist unantastbar.) und wir haben ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Von diesen Rechten ist heute kaum noch die Rede.
Den Leuten, die immer mit dem Scheinargument kommen, wer nichts zu verbergen habe könne doch Kontrollen und Datensammlei nicht kritisieren, sei mal folgendes gesagt. Wer nichts gestohlen hat (oder Drogen dabei hat, oder terroristische Flugblätter usw.) , wer also ein rechtschaffender, ehrlicher Bürger ist, der kann doch nichts dagegen haben, dass er nach jedem Supermarkteinkauf von Wachschützern durchsucht wird. Nackt ausziehen, wir schauen mal nach ob sie in irgendwelchen Körperöffungen Diebesgut durch die Kasse schmuggeln – wer nichts zu verbergen hat kann ja wohl auch nichts dagegen haben.
Was die Leute nicht wissen, können sie nicht gegen mich verwenden. Vielleicht wird man morgen präventiv erschossen, wenn der Knoblauchverbrauch zu hoch ist. ( Essen Araber nicht so etwas??? ) Wenn ich daran denke, was so alles in den Hirnen von Sicherheitsfanatikern vorgehen könnte, werde ich paranoid.
Um mal konkret zu werden: Erst wurden die LKW aus Mautgründen erfasst, mittlerweile können die Daten auch zur Fahnung benutzt werden.
Nach dem 11.9. war es für die Sicherheit unbedingt notwendig, Fingerabdrücke in Pässen zu speichern. Mittlerweile ist klar, dass die Attentäter dann eben einen Pass mit Fingerabdruck gehabt hätten, aber wo es die nun mal gibt, könnte man doch.....
Wenn ich in die USA fliege, wird mein Mittagessen ( Nilpferd in Burgunder oder was auch immer ) in irgend einem FBI-Computer gebunkert. Sollte sich das als Lieblingsessen von Bin Ladn erweisen, habe ich ein Problem.
Je länger ich darüber nachdenke.... man kann überhaupt nicht paranoid genug sein.
geheim am 15. Juli 2007 21:37 genialer comment

Mich nervt es total, wenn ich mal irgenwo,z.B.bei einem Preisausschreiben meine Telefonnr. preisgegeben habe, mit Werbeanrufen belästigt werde. Deshalb gebe ich meistens eine falsche Tel.Nr. an.
RolfHoegemann am 10. Juli 2007 16:20 So ist's richtig - und schon hat man das Problem gelöst, ohne Angst....
hoffentlich erwischt du nich meine nurmmer, wenn du eine falsche angibst... :)

Im Grunde hast Du Recht, es ist nichts dabei, wenn mein Nachbar weiß, welche Butter ich kaufe, bei Stammkundschaft wissen es auch die Verkäuferinnen. Ich denke es besteht nicht die Angst, dass es Andere wissen, sondern in erster Linie Angst davor, was daraus gemacht werden könnte.
RolfHoegemann am 10. Juli 2007 16:21 WAS kann denn daraus gemacht werden? Wie sehen diese Ängste aus - das täte mich interessieren.

Manche Angst mag unbegründet sein, aber generell bin ich auch eher vorsichtig mit der Preisgabe von Informationen - es hängt aber immer davon ab, welche Information wem gegenüber.
Mein Arbeitgeber muss nicht alles über mein Privatleben wissen, weil er daraus u.U. Schlüsse ziehen könnte, die dann für mich negative Konsequenzen hätten.
RolfHoegemann am 10. Juli 2007 16:18 Nun - das meinem Arbeitgeber mein Privatleben nichts angeht, dieser Meinung bin ich auch. (Obwohl ich ja meist meine eigener Arbeitgeber bin) Mir geht es aber vielmehr um diese andere Angst -Kundenkarten z.B., da haben wir ja schon öfter Antworten und Kommentare zu verfasst und waren ziemlich einer Meinung.
Weil mit den Daten... viel Missbrauch getrieben wird.
RolfHoegemann am 10. Juli 2007 16:53 Wie kann man denn die Missbrauchen (ausser Weitergabe an Firmen zwecks Werbung - damit kann man leben, weil's nicht wehtut)? Mir fallen da zwar auch Dinge ein - aber die sind so absonderlich und nicht durchführbar - darum würde ich gerne einmal wissen, was den anderen so einfällt.
Es ist ja nicht bloß die Weitergabe von Telefonnummern, das ganze Feld mit den Daten ist unendlich größer. Ich nenne nur z. B. Payback, Kundenkarten, die neu kommenden Chips in Geschäften...! Dies dient alles Deiner Ausforschung, um dieses Wissen dann zum eigenen Vorteil verwerten zu können. Bald wirst Du nicht mehr mal auf dem Klo sitzen können, ohne dass bestimmte Gruppen sofort wissen, wie es heute um Dein "Geschäft" bestellt ist.

Zum einen: Ja, es hat zu tun mit deutscher Vergangenheit, es hat auch zu tun mit amerikanischer Gegenwart... und so fort. Zum anderen: Es hat auch damit zu tun, dass Menschen Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung zu tun haben. Denn gesellschaftliche Ausgrenzung bedeutet unmittelbar soziale Isolation, aber auch mittelbar politische Isolation und Angreifbarkeit. Einfachstes Beispiel: In Berlin stellt sich der Bürgermeister hin und sagt: Ich bin schwul. Er hat wohl gut daran getan, es erst zu sagen, als er den Posten inne hatte. Und es gibt auch in diesen Zeiten Städte, Gemeinden, Ortschaften, in denen man mit derlei Neigungen knüppelhart ausgegrenzt wird. Für weitere Beispiele sei der geneigte Leser der eigenen Aufmerksamkeit und Fantasie überlassen.

Bisher, bis 19:21 waren sehr interessante Denkansätze zu lesen. Jedoch konnte noch keiner begründen, WARUM diese Angst besteht. Ist schon einmal jemandem soetwas passiert - Datenklau im Internet, Haftstrafe wegen falsch zusammengebaute Informationen, Missbrauch von Paybackkarten....... Oder ist es nur das Gefühl, es KÖNNTE mal gegen einen benutzt werden. Ich kenne sehr viele Menschen in aller herren Länder - aber noch keinem ist schon so etwas passiert.
hat vielleicht nichts mit deinem thema zu tun, aber meinem schwiegersohn ist schon die kreditkarte abkopiert worden. damit ist dann mehrfach in paris am automaten geld ( insg. 2000 euro ) gezogen worden.
ohne pin, wohlbemerkt, die karte wurde entweder an einer tankstelle oder baumarkt ausgelesen.
dann alles auf blankokarte übertragen und benutzt.
dann kam ein anruf von der bank, ob man kürzlich in paris war, schock....
gegen abtretungserklärung hat die bank das geld ersetzt.
RolfHoegemann am 10. Juli 2007 22:59 Danke, Danke, Danke - endlich mal ein Mensch, der negativ-Erfahrungen schildert....
Ignatius am 11. Juli 2007 18:39 Ach so, es ging um Negativ-Erfahrungen... also ich muss noch nicht tot gewesen sein um zu wissen, dass ich jetzt nicht sterben will... ;-)
RolfHoegemann am 11. Juli 2007 21:31 Das nicht - aber es schreiben so viele, dass von Fällen die sein KÖNNEN - aber bisher hat noch keiner mitgeteilt, das er selber betroffen war. Somit klaffen die 'Ängste' und die tatsächlich passierten Fälle SEHR stark auseinander...
Danke für die umfassende Antwort.
Danke für die ausführliche Antwort - bis auf Deinen letzten Absatz kann ich die Ängste nachvollziehen. Das dort von Dir beschriebene Beispiel ist widersprüchlich weil es sich dabei um einen aktiven körperlichen Eingriff handelt, der durch den Zeitaufwand schon nicht möglich ist und in einem solchen Laden niemand einkaufen würde.
P.S. ICH hätte mit dem nackt ausziehen auch keine Schwierigkeiten... ;-)