Frage von DerWeisseHelm, 59

Warum hatte Wladimir Wyssozki (Sänger,Schauspieler) in der Sowjetunion so viele Freiheiten?

Er sang von der Unterwelt der SU und hatte sehr kritische Texte. Wieso durfte er trotzdem eine Französin Heiraten, ständig Konzerte spielen, nach Europa und die USA reisen. Solche Leute wie er sind in der SU schnell im Knast gelandet, warum war er beinahe unantastbar ? Wurde der Bevölkerung ein Knochen zugeworfen, indem man seine Musik als illegal einstuft und trotzdem irgendwie zulässt.

Viele Russen die ihn nicht mögen, krietisieren genau das. "Einer von uns wäre bei solchen aussagen schnell in der Psychatrie oder Gefängnis gelandet"

Antwort
von Huckebein, 39

Ich komme aus der DDR und hatte viele Berührungspunkte mit Russen und Sowjetbürgern anderer Nationalitäten.

Wyssozkij war Ende der 60ger Jahre und danach bis zu seinem Tod der
angesagteste Sänger in der Sowjetunion. Solche Leute wie er, die trotz aller kritikwürdigen Seiten ihres Landes doch voll hinter ihm stand und das in seinen Liedern auch zum Ausdruck brachte, musste keine Repressalien befürchten.

Er war einer von denen, die bei der Gratwanderung zwischen berechtigter Kritik und Anerkennung für die Leistungen seines Landes immer die Balance behielt.
Das blieb auch den Oberen nicht verborgen, so dass man ihm als wichtigem und beliebtem Repräsentanten der SU gewisse "Extravaganzen" zugestand.

Ich erinnere mich an unterschiedliche Veranstaltungen mit sowjetischen
Kollegen, wo immer auch Lieder Wyssozkis, von der Gitarre begleitet, gesungen wurden. Er galt, besonders bei den jungen intelligenten Leuten als wenig angepasst, aber doch dem Land zugetan, ein bisschen verrückt, sehr emotional, aber nicht renitent. Sein Problem war der Alkohol.

Er war kein Oppositioneller, wie wir sie heute kennen,  sondern jemand,
der das aussprach, was nicht zu leugnen war, ohne dabei Grenzen zu
überschreiten oder zu verunglimpfen.

Er kam nicht zurück aus dem Kampf

Warum ist alles neu, und doch alles wie sonst,
dieser Himmel, der wieder so blau ist.
auch der Wald ist der gleiche, das Wasser, die Luft,
doch er aus dem Kampf nicht zurück ist.
auch der Wald ist der gleiche, das Wasser, die Luft,
doch er aus dem Kampf nicht zurück ist.

 Noch kann ich nicht versteh‘n, wer hatte nun Recht,
wenn der Streit uns beiden den Schlaf nahm,
und dass er mir fehlen wird, weiß ich erst heut',
seit er aus dem Kampf nicht zurückkam.
Und dass er mir fehlen wird, weiß ich erst heut',
seit er aus dem Kampf nicht zurückkam.

Wo er reden sollt‘, schwieg er und sang nicht im Takt,
unterbrach, wenn einer das Wort nahm,  
hat den Schlaf mir geraubt, stand viel zu früh auf,
bis er aus dem Kampf  nicht zurückkam.
Hat den Schlaf mir geraubt, stand viel zu früh auf,
bis er aus dem Kampf nicht zurückkam.

Dass es leer jetzt hier ist, davon rede ich nicht,
ich weiß noch, als ich ihn zum Freund nahm…
als hätte der Wind unser Feuer gelöscht,
als er aus dem Kampf nicht zurückkam.
als hätte der Wind unser Feuer gelöscht,
als er aus dem Kampf nicht zurückkam.

Wie aus langer Verbannung der Frühling brach an,
ich rief nach ihm, wie ich’s gewohnt war:
„Was zu rauchen lass hier“, doch still blieb es dann,
weil er aus dem Kampf nicht zurückkam.
„Was zu rauchen lass hier“, doch still blieb es dann,
weil er aus dem Kampf nicht zurückkam.

Unsere Toten im Leid lassen uns nicht allein,
sind gefallen für uns’re Träume,
Der Himmel taucht ein in Wasser und Wald,
und blau erstrahlen die Bäume.
Der Himmel taucht ein in Wasser und Wald,
und blau erstrahlen die Bäume.

 Platz gäb’s für uns zwei in der Erde genug,
wenn für jeden von uns seine Zeit kam,
in der jeder allein sein wird. Jetzt scheint es mir,
dass ich aus dem Kampf nicht zurückkam.
in der jeder allein sein wird. Jetzt scheint es mir,
dass ich aus
dem Kampf nicht zurückkam.

Kommentar von Huckebein ,

edit:

Solche Leute wie er, der trotz aller kritikwürdigen Seiten seines Landes ...

Kommentar von peterklaus57 ,

Das ist die absolut beste Antwort auf die Frage.

Studenten die zu dieser Zeit in der Sowjetunion studiert haben, werden diese Sichtweise auch bestätigen können.

Antwort
von simferopol, 32

Man darf sich die Sowjetunion nicht wie eine Kaserne vorstellen, in der alles reglementiert war. Mit dem Eintritt der sog. Tauwetterperiode Ender der 50er Jahre bekamen die Kulturschaffenden mehr Freiheiten als bspw. in der DDR, in Rumänien oder Bulgarien. Nicht nur Wysotski sondern auch andere Verterter der sog. Bard-Musik schrieben kritische Texte, z.B. die im Ausland bekannten Sänger Bulat Okudzhava und Juri Vizbor sowie die Rock-Bands, die u.a. im Rock-Club in der Rubinstein Straße in Sankt-Petersburg auftraten; es erschien das Buch von Solzhenitsyn "Ein Tag im Leben des Ivan Denisovich", das das GULag, den Personenkult um Stalin und die großen Säuberungen von 1937 thematisierte; in der Zeitschrift "Novy Mir" wurden gesellschaftskritische Erzählungen publiziert.

Vysotski durfte das Land zu jeder Zeit verlassen, da er mit einer Ausländerin verheiratet war. Dieses Recht hatte damals jeder Bürger der Sowjetunion, der mit einem Ausländer verheiratet war. Zudem gab es bereits in den 70er Jahren die Möglichkeit, organisiert ins westliche Ausland zu reisen; das Taganka-Theater, an dem Wysotski engagiert war, unternahm u.a. Reisen in die USA und nach Frankreich; meine Eltern haben 1974 privat eine Busreise nach Helsinki gemacht. 1985 wurden dann alle Reisebeschränkungen aufgehoben, so dass wir ungehindert reisen konnten. Meine erste Reise ging 1988 als Schüler nach Hamburg.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community