Frage von SaraWarHier, 151

Warum hat mich diese Beerdigung kalt gelassen?

Hallo!

Ich war gerade erst im September auf einer Beerdigung - der ersten, die ich richtig miterlebt habe. Zu dem Zeitpunkt war ich 15 Jahre alt.

Bei dem Todesfall handelte es sich um einen Verwandten. Nicht so, dass er und ich uns super gut verstanden oder viel miteinander zu tun gehabt hätten, aber man sah sich auf Familienfeiern, traf sich einfach so oder durch Zufall. Die Nachricht seines Ablebens kam ziemlich plötzlich und unerwartet. Erst dachte ich, dass ich wegen des Schocks nicht weinen kann und dass sich das noch einstellen würde. Fehlanzeige.

Doch an der Beerdigung wurde es noch schlimmer. Ich stand da, habe mich umgesehen, die Menschen beobachtet. Genau das getan, was ich sonst immer mache. Als ob das ganz normal wäre. Um mich herum flossen Tränen, Schluchzer waren zu hören, all das eben, aber es wollte sich einfach keine Trauer oder sonstige Gefühle einstellen. Ich habe einfach nichts gefühlt. Es war, als würde ich nur beobachten, um nachher genau sagen zu können, was passiert ist. Noch heute habe ich ziemlich detailliert, wenn auch nicht zu 100& genau im Kopf, wer wo saß und welche Klamotten/Frisur er trug.

Ich verstehe das nicht, ich kenne das von mir selbst auch nicht. Dass ich Menschen beobachte, wie sie auf welche Geschehnisse/Aussagen reagieren, kommt schon mal öfters vor (Ich habe zwei Jahre lang meinen Lehrer beobachtet, unbewusst. Ich weiß jetzt genau, wann er was warum macht, aber habe keinen blassen Schimmer, worüber er die ganze Zeit lang geredet hat), aber dass ich einfach nicht reagiere, ist mir echt unverständlich.

Warum hat mich das so kalt gelassen? Normalerweise bin ich echt nah am Wasser gebaut und ich bin die erste, die mitheult, wenn jemand anders weint.

Danke für Antworten!

LG

Antwort
von nachdenklich30, 119

Ich bin Pfarrer und stehe oft an einem Grab. Wenn ich jedes Mal heulen würde, könnte ich meinen Job nicht machen.

Wenn Rettungskräfte oder Ärzte den Tod erleben, den sie zu verhindern suchen, müssen sie Ihre Gefühle abschotten. Sonst könnten auch sie ihren Job nicht mehr tun.

Aber mancher Tod geht mir sehr nahe. Da hilft oft eine gute Atemtechnik, um nicht weinen zu müssen.

Aber jeder Mensch trauert anders. Der eine mit vielen Tränen. Und der andere ganz ohne. Wenn man jemanden gut kannte oft mehr, als wenn man jemanden fast gar nicht kannte. Aber wenn ich von einem Unglück höre, könnte ich manchmal heulen, auch wenn ich niemanden davon kenne...

Du schreibst, dass Du zum ersten Mal eine Beerdigung richtig miterlebt hast. Das heißt doch: du versuchst zu verstehen, was da passiert. Du achtest auf deine eigenen Gefühle und du achtest auf die Gefühle der anderen und wie sie sie zeigen. Ich finde das völlig ok. Wenn Du so an die Sache heran gehst, gehst Du sehr nüchtern an die Sache heran. Da kommen (wenn überhaupt) nur ganz wenige Tränen. Aber es wird dir einmal helfen und Dich handlungssicherer machen, wenn dir einmal der Tod eines Menschen näher gehen wird.

Für diesen Fall möchte ich sagen: Tränen bedeuten immer Kontrollverlust, und wer den nicht mag, wird seine Tränen und seine Trauer hassen. Wer sich aber klar macht, für wen er (oder sie) diese Tränen vergießt, der wird sie als etwas lieben lernen, was einen mit dem Verstorbenen über den Tod hinaus verbindet. Und dann kann man seine Tränen, jede einzelne, lieben und wird merken, dass Trauer nur eine andere Form der Zuneigung zu einem Menschen ist.

Behalte Deine Neugier und Deine Aufgeschlossenheit. Und dann wirst Du ein Gespür dafür bekommen, wann Du weinen willst und wann lieber nicht.

Schließlich: Der Tod gehört zum Leben. Er ist manchmal schrecklich und manchmal ist er eine Erlösung. Und manchmal bleiben einem die Tränen angesichts des Ausmaßes stecken, und manchmal kommen sie gerade wegen der Erleichterung. Das kann alles ganz unterschiedlich sein.

Dir alles Gute!

Kommentar von SaraWarHier ,

Vielen Dank für die liebe Antwort :) 

Kommentar von Kajjo ,

Sehr gut geschrieben... und das sage ich als Atheist zum Pfarrer... 

Antwort
von Finda, 115

Ob man bei der konkreten Situation bei einer Beerdigung weint, sich wegdenkt, oder nicht weint hängt von vielen Dingen ab.
Wenn du dich umgesehen hast, dann hast du Menschen gesehen, die geweint haben und Menschen die nicht geweint haben.
In manchen Fällen weinen nicht mal die ganz engen Bezugspersonen. Obwohl große Liebe da war.
Das hat viele Gründe und manchmal auch keinen Grund.
Du brauchst da nicht weiter nachzugrübeln. Manche Dinge berühren einen erst viel später, manchmal gar nicht, machne sofort und tief.

Antwort
von Eselspur, 88

Beim Tod eines Familienangehörigen reagieren Menschen oft sehr unterschiedlich. Weil wir das üblicherweise nicht sehr oft erleben, haben wir selber kaum Erfahrungswerte und meinen von irgendwer zu wissen, wie man "richtig" reagiert. Doch dieses "richtig" gibt es einfach nicht.

Dazu kommt, dass Jugendliche mit 15 Jahren, oft so (zu Recht!) mit sich selber so beschäftigt sind, dass etwas anderes als sie selber sie kaum berührt.

Dein Text zeigt, dass du deine eigenen Gefühle sehr bewusst wahrnimmst. du brauchst dir keine Sorgen machen, ich finde es gut, dass du dich fragst, wie du eigentlich sein möchtest!

Antwort
von Allfkdkdbyk, 99

Also erstmal mach dir keine Sorgen, du bist nicht gestört oder so, du sagst selbst, du standest ihm nicht so nahe, mir ging es bei meiner Uromi genauso.

Kommentar von SaraWarHier ,

Trotzdem...Ein Mensch ist gestorben...Das geht normalerweise nicht an mir vorbei. Als ich neulich erfahren habe, dass ein Mensch in dem Altenheim, in dem ich manchmal bin, gestorben ist, hat mich das auch total mitgenommen. Diesen Menschen kannte ich eine Woche, den Verwandten knappe 16 Jahre...Aber gut zu wissen, dass ich nicht "gestört" bin :)

Antwort
von HERRBERND22, 3

Dies war womöglich euer gegenseitiges Verhältnis. Da es nie nahe genug war, war auch keine Möglichkeit eine engere Beziehung auf zu bauen.

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