Frage von bagdader, 48

Warum glauben immer noch so viele Deutsche, dass Israelis ihnen mit einer Vorwurfshaltung begegnen könnten?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass geschätzt 80 % der Israelis gerne ein deutsches Auto fahren würden, dass mehr als die Hälfte der Israelis schrecklich gern deutschen Fußball guckt und davon träumt ähnliche Erfolge zu erzielen (natürlich nur theoretisch!), dass sehr viele Israelis begeisterte Oktoberfest-Fans oder Liebhaber der Produkte der Brauerei Dortmunder Unionsbier sind, dass noch mehr Israelis den Deutschen dankbar sind für die schönen U-Boote und dass sie Deutschland als einen der wichtigsten Verbündeten ansehen. Israelis lesen viel, und sie lesen gerne deutsche Autoren, unzählige deutsche Autoren wurden ins Hebräische übersetzt. Deutsche Filme liefen auch in Israel mit großem Erfolg. Der Austausch von Musikern, Schülern und Studenten läuft gleichfalls erfreulich ab, Städtepartnerschaften wurden eingerichtet...

Kein Israeli, den ich kenne, hegt Rachegedanken oder würde irgendeinem jetzt lebenden Deutschen irgendeinen Vorwurf machen.

Aber (viele) Israelis haben feine Antennen fürs Menschliche und sie bemerken, dass ihnen eine Menge Deutscher nicht unbefangen gegenübertreten kann und dass es Vorwürfe sind, die die Deutschen von den Israelis erwarten, die die Stimmung trüben.

Warum? Wer oder was vergiftet noch immer das beiderseitige Klima?

Antwort
von hutten52, 40

Weil viele Deutsche die Nazizeit nicht richtig verarbeitet haben. 

Sie sind in ihrer nationalen Identität gebrochen. Tief in ihrer Seele schämen sie sich Deutscher zu sein. Statt zufrieden darüber zu sein, dass wir den Naziwahn überwunden haben und die Lehren aus der Geschichte gezogen haben, kommen sie von Hitler nicht los. Sie trauen sich selbst nicht. Sie trauen nicht mal ihrer schwarzrotgoldenen Fahne, die seit 200 Jahren für Demokratie, Freiheit und Recht steht und von Hitler verboten wurde.  Überall wittern sie die Wiederkehr des Faschismus. Das Ganze ist ein Schuldkomplex. Manche machen geradezu einen Schuldkult daraus: Wir sind eben die Schlimmsten, gestern heute und in alle Zukunft, "Deutschland verrecke". 

Sie gehen nicht den "aufrechten Gang". Aber nur mit Selbstvertrauen kann man Freundschaft mit anderen Völkern schließen. Ein geduckter Mensch ist kein verlässlicher Freund. 

Kommentar von bagdader ,

Und was hält Euch/uns Deutsche davon ab die Nazizeit richtig zu verarbeiten?

Kann es nicht sein, dass unser/euer übergroßer Stolz dieser Verabeitung im Wege steht?

Denn wer sehr stolz ist, vermeidet gerne unpopuläre Informationen an sich herankommen zu lassen. Wem die nötigen Informationen fehlen, der kann schlecht verarbeiten, weil er ja nicht weiß was er verarbeiten soll.

Wir sind eine Gruppe Studenten und befragen laufend Deutsche zu deren Befindlichkeiten und zu deren Wissen, u.a. auch zu deren Geschichtswissen. Die Resultate sind niederschmetternd, minimales Wissen um die eigene Identität, Geschichte, Kultur...

Kommentar von Sagittarius1989 ,

ein beispiel

Kommentar von bagdader ,

Hier stehen einige Punkte, die in Fragen umgesetzt die meisten Deutschen vor schier unüberwindliche Probleme stellten:

http://www.hagalil.com/2016/06/24-deutsche-tabus/

Kommentar von hutten52 ,

Minimales Wissen über die eigene Kultur und Geschichte: das stimmt, aber anders, als du es glaubst. Für die meisten Deutschen beginnt die deutsche Geschichte mit den "Vorläufern der Nazis", worunter sie fälschlich die Romantik, Nietzsche und Bismarck verstehen. Die eigentliche nationale Geschichte beginnt für sie 1933. Sie haben die Verbindungen zu der eigenen Tradition der 1000 Jahre vor Hitler aufgegeben. Sie kennen den Freiherrn von Stein nicht, Friedrich Hecker nicht, sei wissen nicht, dass Schwarzroldgold eine Freiheitsfahne ist etc. Gerade die Akademiker sind andersherum eher in einem "Schuldstolz" befangen: Wir müssen büßen, auch durch offene Grenzen, weil wir die Schlimmsten sind. Darauf zielen im Grunde auch der Lehrplan der Schulen und die volkspädagogischen Medien ab. Ohne Hitler läuft nichts.

Kommentar von bagdader ,

Mit Schlagworten und Wendungen wie "Schuldstolz", "volkspädagogischen Medien" und "büßen müssen durch offene Grenzen" demaskierst du dich als Ewiggestriger, als Revisionist, möglicherweise sogar als Angehöriger der extremen Rechten.

Sieh ein, dass Deutschlands Traditionen von vor 1933 nicht nur Ruhmvolles mit einschließen, sondern eine ganz außergewöhnliche Intoleranz gegenüber Minderheiten, religiösen und politischen Fanatismus, allzu häufig nationale Selbstüberschätzung, sowie eine weitreichende Ungebildetheit der Bevölkerungsmehrheit, daraus resultierend Gedankenlosigkeit und fehlende Menschlichkeit.

Nicht umsonst äußerte sich Goethe über seine Deutschen so:

»Doch liegt mir Deutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist.«Johann Wolfgang Goethe

Gespräch mit Luden vom 13. Dezember 1813
Gedenkausgabe, Bd. XXII, S. 713

Kommentar von hutten52 ,

Ich habe Geschichte studiert und bin der letzte, der der deutschen Geschichte unkritisch gegenübersteht. Von einer "ganz ungewöhnlichen Intoleranz" zu sprechen zeugt jedoch von Unkenntnis und von einem undifferenzierten Blick, der alles Deutsche als nazistisch kontaminiert ansieht und den Antisemitismus etc. in den anderen europäischen Ländern verdrängt, weil er nicht ins antideutsche Bild passt. 

Den religiöse Fanatismus gab es, richtig, aber verglichen mit der Bartholomäusnacht, der spanischen Inquisition oder den islamischen Greueln hebt er sich nicht als einzigartig ab. "Weitreichende Ungebildetheit" ist völlig daneben: frühere Einführung der allgemeinen Schulpflicht, vorbildliches Humboldtsches Gymnasium, mit England zusammen Spitzenreiter bei den Nobelpreisen bis 1933 etc. 

Goethes Wort enthält viel Wahres. Goethe liegt aber Deutschland "warm am Herzen", dir nicht, wenn du unserem Volk pauschal die Menschlichkeit absprichst. 

Und lass bitte die abgenutzte Nazikeule weg, mit der du mich treffen willst, um mich zu diffamieren.  

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