Frage von kreisfoermig, 72

Warum gelingt es Filmen nicht mehr Spannung zu produzieren?

Ich wahr neulich in England und habe mir den Film Independence Day 2 (KEINE SPOILER: bis auf negative Meinung) geguckt. Ich schlief praktisch ein. Ich erinnere mich noch an den Vorgänger Independence Day und viele hielten diesen Film für einen Blockbuster und einen der besten Filme zu seiner Zeit. Ich unterschreibe das. Dasselbe gilt für Matrix / Matrix 2, sowie Herr der Ringer / Herr der Ringe 2, uvm.

Ich bin persönlich zum Schluss gelangt: was in allen Fällen fehlt, was entscheidend war, weshalb _für mich_ der Spaß im 2. Film weg war, war die Spannung. ID4 verfügt über weniger aber doch ausreichende Effekte und ihm gelang es, das Gefühl von einer echten am Boden zerstörten, verzweifelten Welt von Milliarden von echten Menschen zu erzeugen, und v. a. nicht so viel preis zu geben, und somit den Spannungsbogen richtig aufzubauen. Dann lohnt es sich für den Zuschauer, wenn die Spannung endlich bricht/gelöst wird.

Viele Filmmacher wollen irgendwie alles beeilen. Man kriegt kaum Zeit, sich an die Charaktere und Herausforderungen zu gewöhnen. Dann ist es aber aus mit dem Film: ihm gelingt es nicht, eine richtige Verbindung zum Zuschauer zu verknüpfen. Dann ist es einem völlig egal, was passiert, wer lebt/stirbt/Erfolg hat/versagt/usw.

So sehe ich das. Vielleicht sehen es andere anders.


Nun zur eigentlichen FRAGE: Angenommen, meine Kritik sei gültig (ihr könnts gerne bestreiten).

  1. *Wieso* machen Regisseure immer anscheinend *häufiger* diesen Fehler?
  2. Haben die prominenten Filmmacher kein Talent mehr?
  3. Oder produzieren sie FIlme jetzt nur nach im Einklang mit den Einschätzungen von dem, was alle Zuschauer angeblich wollen? (Daraus kann sich nur Spaghetti ergeben.)

Nochmals mir gehts um die Faktoren: Pacing und Spannung (gehören irgendwie zusammen).


Zum 3. Punkt, wenn ich mir manche Kritiken anschaue online (vielleicht sind sie ja bezahlt bestimmte Dinge öffentlich zu äußern), kommt das wirklich so an, als ob ihnen das tatsächlich gefällt. Zum ID4-2 sagten sie „Ich habe mir XYZ gewünscht und genau das hat der Film geliefert, deswegen bin ich gerissen, ob ich den Film schlecht oder gut heißen soll.“ Ist das wirklich wie wir Filme heutzutage beurteilen? So nach dem Motto, der Film war ein inkohärenter Haufen Unsinn, der Dialog peinlich, das Pacing schlecht, null Spannung, aber die Effekte waren cool und wir dürften XYZ sehen, deshalb 7 von 10.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Jerne79, 34

Diese Entwicklung hat in meinen Augen vor ca. 15 Jahren ihren Ausgang genommen und hängt eng mit der Entwicklung der Special Effects zusammen.

Plötzlich waren Effekte wichtiger als Handlungsaufbau. V.a. die Exposition, die Vorstellung der Charaktere kommt inzwischen viel zu kurz. Es ist ja okay, eingefahrene Systeme aufbrechen zu wollen und neue Erzählstrukturen finden zu wollen, aber manches funktioniert einfach nicht. Wenn man die Protagonisten nicht kennenlernen darf, nicht einschätzen kann oder sie einfach zu Abziehbildern werden, ist einem egal, was mit ihnen geschieht.

Es gibt Leute, die aus ihren Fehlern gelernt haben. Dazu gehört in meinen Augen beispielsweise George Lucas. Viele passen sich aber dieser Entwicklung an, schließlich ist das ein Millionen-Geschäft.

Im Übrigen existieren tatsächlich noch genug Filmemacher, die in der Lage sind, eine Geschichte zu erzählen. Nur werden deren Filme selten zu Blockbustern.


Kommentar von knallpilz ,

Effektlastigkeit gab es aber auch schon vorher. In jedem Genre.

Nur fällt das heute vielleicht mehr auf, weil die Effekte schlechter aussehen. Oder weil es immer mehr Dinge gibt, die Leute daran hindern, eine ordentliche Story zu zimmern. Reicht ja, wenn sie ordentlich ist. Muss ja nichtmal originell oder gut sein. Siehe Avatar. Totaler 08/15-Plot. Der Plot steht aber auch null im Vordergrund. Und solange er nicht schlecht ist, genügt das. Ist meines Erachtens das mindeste, was man machen kann. Sodass das Publikum den Eindruck hat, man hätte sich wenigstens Mühe gegeben. Und nicht sowas wie 22 Jump Street, der denkt er sei dadurch lustig, dass er darauf hinweist, wie schlecht und einfallslos das alles ist.

Kommentar von Jerne79 ,

Nein, früher standen die Effekte eben nicht so stark im Vordergrund. Weil sie deutlich teurer waren und meist auch nicht so gut aussahen wie heute.

Deshalb war es nötig, um die Effekte noch eine vernünftige Handlung zu bauen. Ich für meinen Teil mache deutlich lieber bei den Effekten Abstriche als bei der Handlung, aber da bin ich sicherlich allein.

In den Filmen der 90er, die als Effektspektakel gegolten haben, gab es im Schnitt nur ein paar Minuten SFX. Die waren für damalige Verhältnisse großartig und schweineteuer, haben aber im Gegensatz zu heute die Handlung nicht ersetzt, sondern ihr gedient.

Im Übrigen kann auch ein recht einfacher Plot völlig in Ordnung sein, wenn er ordentlich umgesetzt ist und gut gespielt ist.

Expertenantwort
von knallpilz, Community-Experte für Film, 22

Das wird damit zu tun haben, dass die Leute, die heutzutage Filme greenlighten, keine Ahnung von Filmen mehr haben. Darüber hat sich Sean Connery vor mehr als 10 Jahren beschwert und deshalb aufgehört. Einmal betrifft das Leute, die für die Studios arbeiten. Also die, die sich die Drehbücher durchlesen und sagen "ja, das machen wir". Und es betrifft, die Aktionäre, die heutzutage entscheiden, was zB Disney mit der ganzen Kohle machen soll.

In den 90ern war die Denke noch so, dass man als Studio Filme produziert, und solange am Ende des Jahres Geld bei rumgekommen ist, war alles gut.
Börsenspekulanten erwarten aber, dass jeder einzelne Film Kohle macht und bestehen deshalb auf den abstrusesten Dingen. Wenn die "Marktforschung" (die empirisch gesehen noch nie richtig lag) sagt, das und das muss vorkommen, dann kriegt ein Drehbuchautor den Auftrag "Schreib mal n Transformers-Film, wo der und der und das und das und das vorkommt....".

Klar gab es schon immer Auftragsarbeiten. Aber heute sieht das eher so aus, dass eine Comicverfilmung gemacht wird und es müssen gleich aus jedem Handlungsbogen alle beliebten Sachen in einem Film drankommen, damit auch ja kein Geek rumnörgelt, dass sein Lieblingsbösewicht nicht vorgekommen ist. Zum Beispiel...
Und natürlich gehen die besten Schreiberlinge zum Fernsehen, weil da mittlerweile die interessanten Sachen produziert werden und nicht mehr im Kino.

Das Problem sind nicht nur diese Dinge, sondern, dass viele sich anscheinend auch noch mit dieser Art des Filmemachens zufrieden geben. Filme werden immer länger, damit mehr Explosionen reinpassen, ohne  dass es irgendwie spannender wird.

Ich bin zwar kein großer Blockbuster-Hater (es gab auch früher schon schlechte und ich finde heute immer noch genug von denen gut), aber es gibt viele solcher Kackfilme, die aus irgendnem Grund gut ankommen.
Bei ID4 bin ich ziemlich gespannt, da ich Roland Emmerich immer mochte.

Um deine Fragen zu beantworten:
1) Die Fehler macht das Studio. Wer hat denn heutzutage noch Final Cut? Außer den Leuten, die das noch aus den 90ern oder von vorher mitgenommen haben. Obwohl es vor den 70ern Final Cut auch nicht gab und da hat man auch gute Sachen hinbekommen.

2) Siehe 1.

3) Genau so ist es. Leider.

Kommentar von kreisfoermig ,

Bin mal gespannt, was du zu ID4-2 sagst bes. im Vergleich zum ersten Teil ; )

Antwort
von Carrier, 16

Tjaja, das ist nun so eine Sache. Wie schon hier gesagt wird, hängt das denke ich auch sehr stark mit der fortschreitenden Technik zusammen. Damals hatte man kurzum nicht die Technik, um großartige Effekte zu erzeugen, und dementsprechend musste der Film andere Qualitäten aufweisen, wie zum Beispiel eine gute Story.

Heutzutage ist es aber nunmal leider so, dass Greenscreen usw. keine Seltenheit mehr sind, und die Effekte extrem gut sein können, atemberaubend usw. Alles das ist durch die neue Technik möglich geworden.

Und da wir ja die meisten großen Blockbuster aus Hollywood beziehen, ist es eigentlich relativ klar, warum die Story, Charaktere usw. nicht mehr viel zählen. Wer Filme macht, will Geld haben. Jedenfalls heutzutage. Damals machte man Filme wegen der Kunst, weil man etwas erzählen wollte, einfach weil man den Film als Medium schätzt. Heute ist das nicht mehr wirklich so, jeden Falls meiner Meinung nach. Während damals noch wirklich Herzblut in die Filme geflossen sind, ist es heute Geld, Geld, Geld.

Die gute Story ist dabei nebensächlich. Man nimmt irgendeinen mittelmäßig begabten Writer und lässt ihn eine mittelmäßige Geschichte schreiben, ohne, dass sich der Autor wirklich für die Geschichte begeistern würde, und diese wird verfilmt. Denn man kann ja alles mit Atemberaubenden Effekten untermalen, das überspielt ja die Story.

Zu dem muss man dann noch dazu sagen, dass es mit der Gesellschaft, vor allem auch der Jugend zusammenhängt. Denn mal ehrlich, wie viele Leute wollen sich denn heute noch von einer wirklich emotionalen Story mitreißen lassen, Geschichten hören über Charaktere, die einem wirklich ans Herz wachsen? So viele Leute lassen sich einfach nur noch berießeln, nehmen es für selbstverständlich, erwarten nicht mal, dass man während Filmen so viel aufpassen müsste. Hauptsache gute Effekte, ordentlich Knallwumm, und gut ist. Die zwei Stunden sind rum, ich war gut unterhalten, geh wieder und in 2 Tagen ist der Film vergessen.

Viel zu wenig Leute wertschätzen Filme wirklich noch, viel mehr wollen eben dieses stumpfe Effektkino sehen. Dementsprechend wird eben auch viel Effektkino produziert. Die eigentlich Perlen gehen dann neben den Blockbustern unter, weil sie einfach nicht so viel Aufmerksamkeit kriegen

Kommentar von Jerne79 ,

Ich bin in vielen Punkten deiner Meinung, aber ich glaube, du verklärst ein wenig die früheren Produktionen. Schrottige Filme hat es schon immer gegeben, sie sind es nur selten, die die Jahrzehnte überdauern. Einen guten Teil davon machen auch Filme aus, bei denen die Kunst dem Studiosystem zum Opfer gefallen ist, um eben noch einen Film mit dem großen Star XY zu machen, der dazu keine Lust hatte. Das ist nicht alles nur Herzblut, auch früher schon gab es Kalkül und die Jagd nach dem großen Reibach.

Kommentar von Carrier ,

Ja, gebe ich dir vollkommen recht. Es ist nur hart, seine Gedanken genau so aufzuschreiben, wie man sie auch meint haha. Ich sage nicht, dass damals jeder Film gut war. Ich will damit sagen, dass man damals noch nicht die technischen Möglichkeiten hatte, einen Film visuell beeindruckend zu machen, und man dementsprechend mehr auf Story und so geachtet hat. Das ist jedenfalls meine Einschätzung.

Das andere ist dann auch, dass so viele Fortsetzungen heute gemacht werden, oder gar Remakes, und das eben meistens nur, damit man wieder mehr Geld einspielen kann. Nur sehr, sehr wenige Fortsetzungen sind wirklich gelungen, aber durch gute Effekte kann man über sowas eben hinwegtäuschen, jedenfalls den Durchschnittszuschauer

Antwort
von voayager, 9

Stimmt, die spätbürgerliche Gesellschaft verflacht kulturell zusehens. Doch manchmal hat man aber auch noch hin und wieder Glück und kann mit einigen wenigen Filmen doch noch gefesselt werden.

Antwort
von healey, 1

Roland Emmerich kritisiert diese Entwicklung auch das habe ich im Videotext gelesen ! Er verstehe auch so manchen Film auf Grund es Effekedurcheinanders nicht mehr ! Ich aber finde das es gibt heutzutage auch noch gute Filme im Kino gibt die keine Effektorgien sind ! Man hat ja die Auswahl an der Kinokasse man kann sich ja z. B. auch ne Karte für ne Komödie oder nen Thriller kaufen. Man muss sich ja nicht unbedingt ne Effektorgie ansehen !

Kommentar von kreisfoermig ,

ich habe langsam festgestellt, dass auch bei anderen Genren Filme meinen Kritikpunkten ausgesetzt sind. Es gibt inzwischen Filmen, die lustig sein sollen, die aber aufgrund des schlechten/beeilten Aufbaus sowie der ganzen an den angeblichen Wünschen der Zuschauer angepassten Klischees, versagen. Man bekommt nur noch Salat und kein kohärentes und genießbares Geschichtserzählen.

Antwort
von Name3hoch3, 8

Ich glaube teils teils. 

Ja, die Mainstream Filmindustrie wird unkreativer. Kurioserweise gibt es bei der Serienindustrie genau die gegenteilige Entwicklung.

Ich bin aber auch der Meinung, dass es an deiner persönlichen Entwicklung liegt, dass du wenige Filme spannend findest. Je älter du wirst,, desto mehr Filme siehst du ja. Desto eher findet dein Unterbewußtsein gewisse Muster in Filmen, wie z.B. "oh, das ist ein Superheldenfilm, der gewinnt den Kampf am Ende." Je mehr Filme du gesehen hast, desto häufiger kannst du in Filmen die du zum ersten mal siehst vorausahnen was passiert. Deshalb für dich weniger Spannung als früher.

Kommentar von kreisfoermig ,

Stimmt, da wird das Überraschungselement weggenommen. Das ist definitiv ein Faktor. Nichtsdestotrotz genieße ich diese „älteren“ Filme noch wie HdR-1, Batman Dark Knight, usw. Genauer genommen, wenn darüber nachdenken muss, würde ich i. d. R. die Idee ablehnen, solche Filme zu gucken, aber falls ich es doch tue, so finde ich, dass ich meistens beim Schauen den Film genieße. Zu 90% gilt das nicht mehr bei den neuen Filmen bis auf wenige Ausreißer (siehe [voayager]s Antwort).

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