Frage von Devrim34, 12

Warum fühle ich mich für meine Mitmenschen so verantwortlich?

Hallo Leute,

mir ist eine Sache bei mir aufgefallen, die ich seit meiner Kindheit schon habe: Ich habe ein Helfer-Syndrom. Wenn ich einen Menschen sehe, der meiner Meinung nach in dem Moment bedürftig wirkt, dann muss ich dieser Person einfach helfen. Auch wenn ich dadurch irgendwelche Nachteile ziehe, es bricht mir irgendwie das Herz.

Ich weiß nicht warum, aber viele Menschen wirken so zerbrechlich. Ich habe schon als Kind das eine oder andere Mal Prügel eingesteckt, um Freunden aus der Patsche zu helfen, ich wurde auch nicht speziell erzogen, das war immer meine Art. Ich will mich dadurch jetzt nicht als besonders darstellen, diese Eigenschaft wird oft auch von anderen ausgenutzt. Zum Beispiel kommen am Bahnhof vermeintliche Obdachlose zu mir und bitten mich um Geld, weil sie angeblich kein Geld für ein Ticket haben (wer mit dem Zug fährt, kennt die Masche). Obwohl ich weiß, dass mein Gegenüber gerade lügt, kann ich nicht wirklich widerstehen. Aber ich verstehe nicht wirklich, warum dieses Bedürfnis bei mir so stark ausgeprägt ist. Ich fühle mich für andere verantwortlich.

Hat das irgendwelche psychologischen Gründe? Kennt ihr womöglich Studien dazu?

Antwort
von Kitharea, 5

Ich würde dich ja zum Therapeuten schicken aber glaub das würd ich fast mit jedem machen - heisst also wenig :P
Ich hatte das auch. Letztendlich waren meine Eltern Menschen die immer "bedürftig" waren und mir das auch mitgeteilt haben. Letztendlich war ich sehr früh für mich allein verantwortlich weil mein Bruder immer Hilfe brauchte. Letztendlich habe ich das nur getan um Allen zu gefallen - und ich habe dabei gelernt sehr schnell zu realisieren wie ich jemandem helfen kann, wie es Anderen geht und wie sich der Andere fühlt. Es war einfach notwendig für's "Überleben" den Seelenmülleimer zu geben um "beliebt" zu sein.
Was ist im Laufe der Zeit passiert? Naja - ich habe gemerkt dass ich nicht weiß wer ich selbst bin. Dass ich zwar Anderen helfe, aber mir selbst nicht helfen kann. Sobald ich nicht mehr helfe bin ich Allein. Also erst einmal weiterhelfen um dem Gefühl aus dem Weg zu gehen. Man macht sich Freunde vor wo keine sind indem man hilft. Man will Anerkennung indem man hilft. Letztendlich wie schon erwähnt. Macht man es für sich selbst - ABER - es tut einem nicht gut. Man hört auf zu wissen wer man selbst ist und was man will oder braucht. Man passt sich immer an sein Gegenüber an. Und sobald kein Gegenüber mehr da ist - fühlt man sich leer und alleingelassen.

Irgendwann bin ich in Therapie - davon wusste ich natürlich zu dem Zeitpunkt noch nichts. Ich habe gesehen dass ich eigentlich die Mama für meine Mama war - dass ich Mama für Freunde war - dass ich jedem geholfen habe ausser mir. Für die Anderen ist das nichts was man denen vorwerfen könnte - die kennen einen nur so. Ich habe langsam angefangen drüber nachzudenken - bei quasi allen Situationen - wie ich mich dabei fühle. Mache ich das nur um den Menschen zu "behalten" weil ich Angst habe er geht wenn ich nicht helfe? Zu 99% war das der Fall. Ich habe im Kleinen angefangen diese Hilfe nicht mehr zu geben - angefangen bei meiner Mutter die damit natürlich gar nicht klarkar. Ich brauchte Abstand - glaube 2 Jahre habe ich kein Wort mit ihr geredet weil sie mir immer schlechtes Gewissen machte. Irgendwie hat mich die Therapie wachsen lassen. Sie hat mich stärker gemacht und dafür gesorgt, dass ich dieses Gefühl allein zu sein aushalten kann. Dass ich es aushalte, wenn Menschen sauer wurden weil ich mal nicht half oder mitten in der Nacht verfügbar war oder tierische Umwege auf mich nahm. Zugegeben - mein kompletter Freundeskreis hat sich nach und nach verabschiedet. Das macht wütend. Man hat geholfen und wenn man aufhört hauen alle ab und man ist wieder allein.
Dann war ich eine Zeitlang wütend - NUR das. Es schlug um in "ihr könnt mich alle mal gibt's denn hier niemanden dem es um "mich" geht". Man bekommt das Gefühl von keinem gesehen zu werden. Das Gute daran ist - man merkt immer mehr welche anderen Menschen einem gut tun. Es gibt sie sehrwohl - diese Menschen die nicht urteilen - die vielleicht nicht bei jedem Mist helfen, aber die mitfühlen - die vielleicht nicht immer erreichbar sind, aber einen verstehen. Mein Freundeskreis hat sich geändert. Es sind wesentlich weniger "Freunde" aber die tun mir gut und verlangen nichts was ich nicht kann, will oder mir nicht gut tut. Die Wut hat sich beruhigt.
Aktuell ist die Welt noch immer nicht rosa - ich bin noch immer allein - manchmal auch einsam - aber das sind keine Gefühle mehr die mich kaputt machen. Ich halte es gut aus. Und wenn ich bedenke WIE wütend ich war und wieviel ich um mich geschlagen habe und wieviele Menschen ich vor den Kopf gestossen habe, bin ich auch wenig verwundert. Unterm Strich geht es mir trotz allem aber wesentlich besser als früher. Alles braucht halt seine Zeit und ich bin sicher irgendwann wird alles gut. Diese Sicherheit hatte ich nie.

Die Option wäre gewesen - weiterhin mutmaßlich nicht allein zu sein - weiter zu helfen und irgenwann daran zugrunde zu gehen. Nie zu wissen wer ich bin. Das muss halt jeder für sich entscheiden.

Letztendlich sehe ich in jedem mit Helfersyndrom jemanden, der sich selbst für Andere abstellt. Es ist definitiv nicht einfach da rauszukommen - auch nicht wenn man will. Alles was du an dir änderst, ändert auch deine Umgebung. Und mit diesen Änderungen muss man erst einmal klarkommen.

Was Hilfe betrifft aktuell: Ich frage mich zuerst immer "will" ich helfen. Mein Bauchgefühl sagt meistens "nein". Ab und an - will ich wirklich noch aber sehr selten - aber wenn ich jetzt wem helfe, dann hat das auch Sinn und bringt mehr als früher. Mitleid schwächt. Jeden. Wenn du jemandem aus Mitleid hilfst, tust du ihm nichts Gutes und dir auch nicht. "Gehen" müssen die Menschen selbst. Du kannst keinen tragen oder bemuttern. Und der letztendliche Unterschied zwischen Hilfe aus Mitleid und Hilfe aus Mitgefühl bzw. Hilfe zur Selbsthilfe ist enorm. Man hat selbst nichts davon und mitunter muss man sogar den Bösen spielen um zu helfen. Aber man kommt klar mit Allem und so manche Person merkt im Nachhinein dass diese Art der Hilfe die Bessere war.

Weiß nicht, ob dir das hilft. Wie war das ? Ein Buch ist nur dann gut - wenn es den Weg zum eigenen Herzen zeigt.

Antwort
von terrarienfan95, 5

Da können deine Mitmenschen doch froh sein, was für ein toller Mensch du bist. Es gibt nicht mehr viele(zumindest sieht man nicht mehr viele)die sowas tuen würden. Kannst stolz auf dich sein! 

Antwort
von MrMiles, 5

Im Endeffekt machst du das nicht für die Anderen, sondern für dich, weil du denkst du hast etwas gutes getan.

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