Frage von kreisfoermig, 82

Warum bevorzugen es Leute, dogmatisch statt agnostisch vorzugehen bei den noch heute gefeierten Ereignissen in der Bibel?

„Jetzt“ ist Ostern (als wüssten wir schon, wann genau das im Jahr passierte!). Das mit den Daten ist mir erstmals egal—wir haben ja das Dogma praktisch aufgezwungen durch Rom erhalten und die slawische Tradition hat ein anderes. Doch ist mir nicht egal, dass Leute sich festlegen über etwas, das

  1. nicht klar durch Information sondern vorwiegend durch Autorität begründet wird/wurde; und
  2. nicht einmal wichtig ist für den Glauben (=spielt buchstäblich 0 Rolle für die Zentralthesen).

Als Kind kann ich solche feste Haltungen nachvollziehen, doch als junger Erwachsener kapiere ich das nicht mehr: für mich ist es im Allgemeinen klar, dass die vernünftigste Position, ist offen zu bleiben besonders wenn 1+2 vorliegen.

Noch ein relevantes Beispiel. Leute bestehen darauf fast automatisch ohne nachzudenken, dass „am Freitag Jesus gekreuzigt wurde“ und „am Sonntag auferstand“. (Gut, man mag an dieser Stelle die Auferstehung anzweifeln, das ist aber eine andere Diskussion. Hier beschäftige ich mich mit der schlichten Frage: was wurde damals (nahe zu Jesu Tod) behauptet?). Wenn man einfach den Text liest, dann ist diese Behauptung als „historisches Fakt“ schon einem klaren Widerspruch ausgesetzt: (i) wiederholt wird dauernd behauptet durch Jesus, dass er 3 Tage 3 Nächte Tod sein würde; (ii) Freitag–Sonntag ergibt höchstens 2 Nächte und 1 Tag (er starb in der Nacht, und soll am Morgen aufgestanden haben).

Doch auch mir ist das letzten Endes für den Glauben … teilweise egal. Mir ist nur nicht egal, wenn Leute einfach sagen: 25.12. ist der Tag der Geburt und Freitag–Sonntag war die Dauer des Todes, statt agnostisch zu sein.

FRAGE: warum wählen Leute so eine Position? (Besonders Erwachsene.)

Anmerkung. Jetzt bitte nicht kommen mit super allgemeinen Kritiken wie „Aber, alle Glauben besteht doch daraus—es ist alles Quatsch.“ Diese schwache inhaltlose Kritik kenne ich schon. Die Rede ist von etwas Relativem, wenn man das mag, statt etwas Absoluten. Es geht hier um eine lokale/interne Kritik. Ähnliches könnte ich bringen mit anderen Bereichen, wie in den Naturwissenschaften, wenn Leute (z. B. Laien) eher dogmatisch an etwas glauben—was durchaus wahr ist, und umstritten ist—statt den Lehren wegen ihrer überzeugenden Begründung durch Evidenzen, Kohärenz, _etc._ zu vertrauen, bzw. einfach offen zu bleiben, bis sie überzeugt werden.

Antwort
von Shiranam, 39

Tja, warum...

1. Es wird ein legendäres Ereignis gefeiert. Der Tag, wann es GEFEIERT wird, ist völlig nebensächlich. Es zählt das Erinnern an das Ereignis.

2. Menschen lieben Rituale, die dogmatisch immer gleich ablaufen. Daran kann man sich psychisch festhalten. Etwas, was sich nie verändert, gibt Sicherheit. 

Völlig egal, dass jeder weiß, das Jesus, wie jeder andere Gekreuzigte nicht das gesamte Kreuz getragen haben kann, sondern, wie es üblich war, nur den Querbalken, wird es doch immer wieder so dargestellt. (als Beispiel)

3. Menschen sehnen sich danach, ein Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das geht am Besten, wenn man dasselbe macht, wie der Rest der Gemeinschaft. Mimikry. Verstecken, nicht auffallen oder herausstechen - weil früher war das sehr gefährlich. Das haben wir alle noch intus, manche mehr, wie andere und es hat ja auch Vorteile. Darum stumpf etwas nachmachen, statt es infrage zu stellen.

Änderungen, die soviele Menschen betreffen würden, sind schwer durchzusetzen, denn es darf ja nicht sein, dass man jahrhundertelang "falsch" handelte.

Es besteht einfach kein wirklicher Grund für eine Änderung der Rituale.

Kommentar von kreisfoermig ,

Dein Punkt 3 ist sehr hilfreich als psychologische Erklärung eines Massenphänomens. Danke!

Antwort
von Nijori, 50

Ich denke viele Leute kümmert der religiöse Feiertag ehr wenig und es geht heute bei Feiertagen doch mehr um das familiäre Beieinander, als um heute ist in einer Religion die ich nurnoch aus Gewohnheit ausübe etwas tolles passiert.

Zumindist in meiner Nähe hab ich noch nie jemanden erlebt der Ostern oder Weihnachten wegen des christlichen Feiertages erwartet, sondern wegen der Familie der Freunde....und der Geschenke.

Andere Leute die dogmatisch an sowas kleben, werden wohl zum Großteil nicht wissen das so zimlich all ihre lieben Feiertage an den entsprechenden Tag sind um ältere Traditionen zu verdrängen und das die heutigen Feiertage extrem stark, durch eben jene Traditionen die man zu verdrängen versuchte, beeinflusst sind.

Anders kann ich es mir nicht erklären, niemand der noch bei Trost ist wird sich sagen "ich weiß das heute nicht wirklich was christlich Bedeutsames stattfand aber, ich huldige dem Tag trotzdem mit allem was ich hab".


Antwort
von ThomasJNewton, 17

Da gibt es wohl das "volle Programm".
In allen Dimensionen!

Wozu hast du denn deinen Verstand - wohlgemerkt nicht woher - als zu dem Zweck, ihn zu benutzen.

Den Zweck bestimmst du, und Religionen und religiöse Menschen zu verstehen, das ist schon eine Lebensaufgabe.
Kannst die Aufgabe auch aufgeben und dein Leben leben.

Denken kann sich auch verselbständigen, das nennt sich dann Grübeln oder Psychose. Denken mus immer geerdet sein, in dir, und du bist auch dein Körper, dein Gefühl, deine Sinne, deine Erfahrungenm, deine Erinnerungen, deine Wünsche.

Intellekt ist nur eine Fähigkeit, und ich kenne nur einen Menschen, der es da mit mir aufnehmen kann.

Antwort
von TorDerSchatten, 40

Ohne auf den Rest einzugehen, aber Jesus starb um ca. 3 Uhr nachmittags. Laut Bibel die "neunte Stunde", die ab Ende der Nacht gezählt wird.

Ich persönlich glaube an Jesus und an die Bibel, und Ostern feiere ich nicht, da die ganzen Hasen und Eier finsteres Heidentum bedeuten und ich da nicht mitmache.

Ich feiere auch kein Weihnachten, weil mir das ganze Weihnachtsmann und Tannenbaumgedöns ebenfalls ekelhafte Gefühle auslöst und mit der Geburt Christi nichts zu tun hat.

Jesus wurde definitiv nicht im Dezember geboren, sonst wären keine Hirten mehr auf dem Feld gewesen.

Daß es sich um gesetzliche Feiertage handelt, ich also arbeitsfrei habe, dagegen kann ich nichts ändern, aber ich muß diesen Konsumterror nicht mitmachen. Und mache ich auch nicht mit. Ihr werdet in meinem Hause weder Eier noch Hasen finden und an Weihnachten keinen Baum mit Kugeln

Kommentar von kreisfoermig ,

Über die Geburt hab ich persönlich so gut wie 0 Ahnung (gut, ich weiß Bescheid über die einzelnen Elemente der Geschichte wegen Bethlehem, Ägypten, usw., weiß aber nicht wie wann alles geschah im Ganzen). Zu dem Tod, weiß ich von Juden und Kunden der biblischen/historischen Texte, dass in der Woche 2 Passen stattfand. Alleine aus den Evangelien heraus kann man ansatzweise ziemlich viel Information rausgreifen und ein Gesamtbild gut zusammensetzen: Gerichtssitzungen (durch die militärische Besatzungsmacht und religiösen Autoritäten) über Nacht, Kreuzigung am Tag der einen Passe (Jesus+seine Jünger feiern die Nacht davor), die Leichen wollten die religiösen Autoritäten aufgrund der Passe nicht da hängen lassen, weshalb der Tod selbst schon am Tage der einen Passe stattgefunden haben musste, dann Auferstehung morgenfrüh am Tag nach dem Sabbat…was uns dann zum Sonntag bringt, das heißt, dass der eine Sabbat nicht Samstag sein dürfte, sondern die andere Passe—Mittwoch. Daraus erhält man locker 3 Tage + 3 Nächte. In die üblichen dogmatischen Erklärung (die nicht auf der Geschichte, sondern eher bloß auf dem Kalendar basiert) muss man viel hineinqeutschen, um hineinzupassen.

Da aber diese Erklärung selber mich 100% nicht überzeugt, sprich, ich habe kein großes Vertrauen drauf, sehe ich dies nur als mögliche (evtl. bisher bestmögliche Erklärung). Ich leg mich aber nicht fest.

Kommentar von Nijori ,

Kann mich absolut nicht mit der Religion identifizieren, aber zu der Ernsthaftigkeit wie du's durchziehst kann man dir nur Respekt zollen, gibt genug "Vorzeigechristen" die nichtmal wissen das der Osterhase oder Weihnachtsbaum nichts mit der Religion am Hut haben :)

Kommentar von Shiranam ,

Keine Ahnung, wann Jesus geboren ist. Aber warum nicht im Dezember, bei 13 - 16 Grad in Betlehem? Da könnten Hirten durchaus unterwegs gewesen sein...

Kommentar von TorDerSchatten ,

Es war allgemein üblich, dass die
Hirten ihre Herden auf dem offenen Feld von April bis Oktober
weideten

Kommentar von Shiranam ,

Hier vielleicht, aber doch nicht in Bethlehem! Dort herrschen im Dezember Temperaturen bis zu 19 Grad und die Nächte sind immer frostfrei...auch damals schon.  

Ich sah heute Schafe mit ihren Lämmern auf den Deichen, im März. Die haben doch ihre "Wollmäntel" an und mögen sogar vereistes Gras.

Kommentar von kreisfoermig ,

bei dem heutigen Klima wohl. Wie das damalige aussah…da hilfts wohl nur wenig, so weit zurück zu extrapolieren.

Antwort
von Ichthys1009, 5

Es ist KEIN Dogma, dass "jetzt" Ostern ist. Und Christen wissen genau wie du, auf welche Weise man die Termine für Weihnachten und Ostern festlegt. Zumal diese Daten im Laufe der Jahrhunderte auch mal wechseln können und in verschiedenen Konfessionen anders gelegt werden. Es ist tatsächlich nicht so wichtig, welches Datum es nun genau war oder ist.

Dass wir heute festgelegte Daten haben, hat den Vorteil, dass wir diese Feste gemeinsam feiern können. Wenn jeder sein eigenes Datum wählen würde, wirkt sich das chemische Gesetz der Enthropie aus. Dann wäre jeden Tag "ein bisschen Ostern", insgesamt ist es dann aber wie bei bunter Knetmasse, die man lange genug zusammengeknetet hat: nur noch grau in grau.

Abgesehen vom Feiern ist in bezug auf den Glauben JEDEN Tag sowohl Weihnachten als auch Ostern. Die besonderen Tage dienen jedoch dazu, dass man dort noch mal speziell an diese Ereignisse und Wirklichkeiten denkt.

Ich kann verstehen, dass dich stört, wenn durch Autoritäten etwas festgelegt wird. Natürlich hat jeder die Aufgabe, sich mit dem, was er vorgefunden hat, auseinander zu setzen, sich zu informieren, zu diskutieren, nachzudenken und sich selbst ein Urteil zu bilden. Als Erwachsener darf man nicht auf dem Status eines Kindes stehenbleiben.

Aber auch als Erwachsener durchläuft man bestimmte Phasen. Agnostizismus ist völlig legitim in einem bestimmten Lebensabschnitt. Man ist auf der Suche, man ist offen, man hat noch zu wenig Informationen, aber auch noch zu wenig eigene innere Erfahrungen und Erkenntnisse durch das persönliche Leben.

Vieles weiß man nur vom Hörensagen und hat erstmal nur eine Halbwahrheit zur Verfügung, wie zum Beispiel, dass Jesus "drei Tage tot" gewesen sei, es rechnerisch aber von Freitag 15 Uhr bis Sonntag 6 Uhr lediglich 39 Stunden waren. In so einem Fall kann man erst mal schauen, wie es denn zu solch widersprüchlichen Aussagen kommt. In dem Beispiel merkt man, wenn man im christlichen Credo nachliest ("am dritten Tage auferstanden von den Toten"), dass dort nirgends von "drei Tagen" die Rede ist.

Meinem Eindruck nach gibt es je nach Lebenssituation immer wieder Lebensabschnitte, wo man eher zum Agnostischen tendiert, und andere, wo man eher zum Dogmatismus neigt. Hinter beiden Lebenseinstellungen können Ängste liegen:

- einmal die Angst, sich festzulegen;

- das andere Mal die Angst, keinerlei Halt mehr zu finden.

Diese Ängste sind komplementär zu einander und hängen doch miteinander zusammen. Die Kunst ist, dass jeder irgendwo seine eigene Mitte und ein Gleichgewicht findet.

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