Frage von kipotio, 593

Waren die nackten germanischen Ehebrecherinnen bei ihrer Bestrafung barfuß?

Tacitus schreibt, dass bei den Germanen Frauen, die Ehebruch begangen haben, nackt mit abgeschnittenem Haar durchs gesamte Dorf geprügelt wurden. Hatten diese Frauen noch Schuhe oder Socken an oder waren auch ihre Füße nackt? Hat der Mann ihr die Schuhe und Socken weggenommen oder hat er sie gezwungen sie auszuziehen? Wo gingen die Frauen hin, nachdem sie durchs Dorf geprügelt wurden? Wie lange mussten sie danach nackt bleiben? Germanien war schließlich kalt. Wie konnten sie neue Kleidung bekommen?

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte, 264

Es gab bei den Germaninnen/Germanen Schuhe und Stiefel aus Leder. Für die Frühzeit sind Bundschuhe aus nicht enthaartem Leder belegt, die mit angenähten Riemen zugebunden wurden. Sie hatten keine besondere Sohle oder Absätze.

Socken/Strümpfe sind für die germanische Frühzeit nicht belegt. Es wurden Wadenbinden und Hosen verwendet, die mit Riemen um die Unterschenkel gebunden wurden, vom Knöchel aufwärts steigend.

Tacitus, Germania 19, 2 schreibt, es habe bei den Germanen äußerst wenige Fälle von Ehebruch gegeben. Als Strafe für Ehebruch habe der Ehemann seine Ehefrau mit abgeschnittenen Haaren nackt/entblößt (nudatam) in Gegenwart der Verwandten aus dem Haus gestoßen und mit Schlägen durch das ganze Dorf getrieben.

Ob die Ehefrau dabei völlig nackt/entblößt, also auch barfüßig war oder nicht, wird von Tacitus nicht ausdrücklich angegeben. Für die Nacktheit war die Frage einer Fußbekeidung nicht entscheidend.

Zu der Einzelheit, ob der Ehemann der Ehefrau die Schuhe weggenommen hat bzw. sie gezwungen hat sie auszuziehen, ist für die Zeit der Germaninnen/Germanen im Altertum anscheinend keine Quelle erhalten.

Die Quellen über die Zeit der Antike und des frühen Mittelalters über das Verfahren im Fall von Ehebruch bei den Germaninnen/Germanen sind hauptsächlich Rechtsquellen, das heißt Texte, die rechtliche Regeln angeben.

Bei vielen Fragen zu Einzelheiten ist daher nicht bekannt, wie es in der Praxis genau abgelaufen ist.

Vorstellbar ist, daß beim Tragen von Fußbekleidung nichts geändert wurde und eine Frau je nachdem, ob sie etwas trug oder nicht (was mit der Jahreszeit und dem Vermögen zusammenhängen konnte), barfuß war oder nicht.

Eine über die geschilderte Bestrafung hinausgehende Nacktheit wird von Tacitus nicht berichtet.

Die Bestrafung war hart. Für die Frauen war sie schmerzhaft und demütigend.
Die Nacktheit gehörte dazu, die Ehrlosigkeit sichtbar zu machen und die Frau als schutzlos zu zeigen. Dies war das Vollziehen einer schimpflichen Verstoßung.

Außereheliche geschlechtliche Beziehungen waren bei den Germaninnen/Germanen nur für die Ehefrau rechtlich verboten. Beim Ehemann war es nicht strafbar, solange die andere Frau nicht die Ehefrau eines anderen Mannes war. Die andere Frau wurde, wenn sie nicht Ehefrau eines anderen Mannes war, nach dem Recht der meisten germanischen Völker nicht rechtlich belangt. Sie konnte beispielsweise in der Zeit der Merowinger als Kebse (Nebenfrau) des Herrschers rechtlich unangefochten sogar eine bedeutende Stellung erreichen. Nur das Recht einiger Völker (Lex Visigothorum [Gesetz der Westgoten] III, 4, 9; schwedische Svearrechte) wich davon ab: Danach soll die Frau, die mit einem Ehemann in außerehelicher Beziehung steht, der Rache der Ehefrau überantwortet werden. Diese Vorschriften beruhen möglicherweise schon auf Verbindung germanischer Rechtsanschauungen mit kirchlichen Eheauffassungen.

Die Strafgewalt des Ehemannes war im Fall von Ehebruch (geschlechtlicher Verkehr seiner Ehefrau mit einem anderen Mann) groß.

Wie die Rechtsbestimmungen und praktischen Verhältnssise waren, ist auch von Zeit und germanischem Volk abhängig.

Bekleidung, die ihr persönlich gehörte, konnte die Frau weitgehend behalten, zumindest wenn es sich nicht um ihre Mitgift oder die Morgengabe des Mannes handelte (die Mitgift verlor sie z. B. nach dem Recht der Westgoten auf der iberischen Halbinsel, die Morgengabe z. B. in Island). Die Frau büßte die bewegliche Habe, die zum Haushalt gehörte, zumeist ein. Wenn ihr selbst Land und Gebäude gehörten, blieben diese ihr Besitz.

Die Frau verlor ihre Rechte im Verhältnis zu ihren Mann (meistens auch vermögensrechtlich) und den Schutz ihrer Sippe.

Tacitus, Germania 19, 2 schreibt nur, die Frauen würden mit Schlägen durch das ganze Dorf getrieben. Ein Verjagen aus dem Dorf steht nicht ausdrücklich da.

Eine Frage ist, inwieweit eine Frau, die so abgestempelt wurde und dadurch einen schlechten Ruf, hatte, in der Dorfgemeinschaft geduldet wurde. Ohne ausreichende Quellenberichte ist diese allgemeine Frage nicht gut beantwortbar.

Wenn nicht Verwandte oder Freunde/Bekannte die Frau trotzdem aufnahmen, war ihre Lage schwierig. Der Ehemann konnte sie später wieder aufnehmen, wenn er wollte, aber die Verstoßung zeigt ja gerade seinen Willen, sich von ihr für immer zu trennen. Ein Meinungswandel einige Zeit später ist höchstens in seltenen Ausnahmefällen denkbar. Eventuell versuchte die Frau, anderswohin zu ziehen und eine neue Existenz aufzubauen.

Tacitus meint, für Preisgabe der Keuschheit habe es bei den Germanen keine Nachsicht gefunden, die ehebrecherische Frau werde weder durch Schönheit noch Jugend noch Reichtum einen Ehemann finden. Tacitus kannte das Leben der Germanen höchstens geringfügig aus eigener Anschauung und auf die Praxis bezogen wirkt die Aussage in ihrer Pauschalität etwas übertrieben.

Informationen zum Thema:

Reiner Schult, Ehebruch. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Von Johannes Hoops. Band 6: Donar-pórr - Einbaum. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Herausgegeben von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer. Berlin ; New York : de Gruyter, 1986, S. 479 - 480

S. 479 – 480: „Den E. zu ahnden, war vornehmlich Aufgabe des betroffenen Ehemannes. Traf er die Ehebecher auf handfester Tat an, so konnte er sie bußlos erschlagen. Ansonsten unterschieden sich Vorgehensweisen und Sanktionen hinsichtlich der Ehefrau einerseits, und des beteiligten Mannes andererseits erheblich. Die Frau verfiel der Willkür des Ehemannes. Sie verlor ihre Rechte im Verhältnis zu ihren Mann (meistens auch in vermögensrechtlicher Hinsicht) und den Schutz ihrer Sippe. Die Strafgewalt des Mannes war damit kaum begrenzt. Er konnte die Frau bußlos töten oder verstümmeln (nach ags. und nord. Qu. durch Abschneiden von Nase oder Ohren). Ebenso konnte er sie veräußern oder in erniedrigender Weise verstoßen. Die Volksrechte und nord. Rechtsqu. belegen, daß noch lange nach der VWZ der Mann seine Frau wegen eines E.s erschlagen durfte. Häufiger waren aber wohl die anderen Arten der Bestrafung angewandt, insbesondere die schimpfliche Verstoßung. Weithin waren dabei ähnlcihe Formen üblich. So schnitt der Ehemann der Frau die Haare ab, riß ihr das Gewand vom Leib oder schnitt ihr vor der Schwelle des Hauses von hinten den Rock ab und vertrieb sie sosdann mit Rutenschlägen (überliefert aus dem 8. Jh. für die Sachsen sowie später noch für die Dänen und Schweden; vgl. auch Tac. Germ. c. 19). Regelmäßig fanden diese Handlungen in Anwesenheit von Verwandten und Nachbarn statt, so daß für die Verstoßung und sonstige Bestrafung Publizität gewährleistet war wie für die Eheschließung.“

E. = Ehebruch

ags. = angelsächsischen

nord. = nordischen

Qu. = Quellen

nord. Rechtsqu. = nordische Rechtsquellen

Jh. = Jahrhundert

vgl. = vergleiche

Tac. Germ. c. 19 = Tacitus, Germania, Kapitel 19

Kommentar von kipotio ,

Danke für deine ausfürliche Antwort. Du schriebst das soetwas für 8 Jahrhundert noch bei den Sachsen überliefert ist. Weißt du vielleicht was es für Quellen hierzu gibt? Ich kenne nur die Germania aus em 1 Jahrhundert?

Kommentar von Albrecht ,

Nach einem Brief des Bonifatius am König Æthelbald von Mercia 746/47 v. Chr. (Epistulae 59, p. 172 Jaffé; Brief Nr. 73 Briefe des Bonifatius. Unter Benützung der Übersetzung von M. Tangl und Ph. H. Külb neu bearbeitet von Reinhold Rau. 3., bibliographisch aktualisierte Aufllage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2011 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters : Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe ; Band 4 b) wurden im alten Sachsen Ehebercherin machnmal gezwungen sich eigenhändig zu erhängen, manchmal führte eine weibliche Schar sie unter Rutenschlägen durch die Dörfer, wobei die Frauen der Ehebrecherin die Kleider am Gürtel abschnitten, mit kleinen Messern den ganzen Körper schnitten und stachen und sie von kleinen Wunden blutend und zerfetzt von Hof zu Hof trieben.

Antwort
von colocolo, 123

Tacitus hat mit Bedacht und Hintergedanken übertrieben.

Er wollte den Römerinnen Angst einjagen, die es wohl mit der Ehetreue nicht so eng nahmen.

:)))

Antwort
von rr1957, 188

genausogut könntest Du fragen, ob in dem Kuchen, den Rotkäppchen der Oma brachte, Rosinen drin waren:

diese Schriften von einem angeblich antiken "Tacitus" sind erst in der Renaissance-Zeit entstanden und stammen vermutlich von einem gewissen Poggio Bracciolini, der damals mit alten Manuscripten gehandelt hat, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Poggio\_Bracciolini

Falls Du Dich fragst, warum sich jemand die erhebliche Mühe machen sollte, so ein langes Buch zu erfinden:   es wird z.B. berichtet, dass sich Bracciolini von den Einnahmen aus dem Verkauf eines bestimmten seltenen Livius-Manuskriptes eine Land-Villa in der Nähe von Florenz gekauft hat ...  der hat sich einige Grundstücke und Häuser "erschrieben", wurde ein reicher Mann dadurch.

Und zu der Frage nach den nackten Füssen:  Ja, nackt - das fanden die gebildeten Leser der Renaissance-Zeit sicher packender, darum war das bestimmt so gemeint vom Erfinder der Geschichte.


In der Wikipedia wird die Behauptung, dass Tacitus erst in der Renaissance geschrieben wurde,  als "Verschwörungsthreorie" bezeichnet, was in aller Regel ein deutlicher Hinweis ist, dass es gar keine Gegenargumente gibt.

Die Nachweise dafür stammen überwiegend bereits aus dem vorletzten oder frühen letzten Jahrhundert, von Leuten wie John Wilson Ross,  Polydore Hochart und Leo Wiener. Der letztgenannte war übrigens der Vater von Norbert Wiener, dem Erfinder der Kybernetic. Ist allerdings alles nur in englisch oder französisch, darum kennen es die deutschen Lehrer noch nicht ...


Kommentar von kubamax ,

Tacitus war nie in Germanien. Dass Tacitus die Beschreibung über die Germanen erfunden hat um die Dekandenz seiner römischen Landsleute anzuprangern, wusste ich. Die Theorie, die du beschreibst, könnte ich mir auch vorstellen.

Antwort
von critter, 175

Die ganz Armen hatten wohl keine Schuhe. Wer ein bisschen Vermögen hatte, trug Riemchenschuhe oder auch hohe dünne Stiefel.

Kommentar von kubamax ,

oh, sehr chic. Meine Freundin hat sich gerade modische Riemchenschuhe gekauft. Schöne hohe dünne Stiefel hat sie auch einige.

Antwort
von Niugji, 75

Mit Sicherheit waren die Frauen barfuß. Ich glaube kaum, das man ihr erlaubt hat Schuhe anzubehalten damit ihr nicht kalt ist. Aber ich glaube das war noch ihr geringstes Problem. Wieso willst du das überhaupt wissen?

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