Frage von Happiness88, 49

War es Platons Auffassung zufolge möglich, zu dem Wesen der Dinge, also zu den Ideen vorzudringen?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 12

Nach Platons Auffassung ist es grundsätzlich möglich, die Ideen zu erkennen.

Ein Idee ist nach der Lehre Platons ein durch Denken einsehbares wahrhaft Seiendes, etwas Bestimmtes (nämlich rein die Sache selbst), das besondere und in sich selbst immer gleiche Wesen einer Sache. Eine Idee kann als innere Form, die spezifische (besondere) Natur (das Wesen) einer Sache verstanden werden.

Die Ideen gehören zum denkbaren Bereich/geistig erfaßbaren Bereich/durch Vernunft einsehbaren Bereich/zur intelligiblen Welt (von Platon genannt: νοητὸς τόπος [noetos topos] = denkbarer Bereich, auch τὸ νοητόν [to noeton] = das Denkbare, τὸ γνωστόν [to gnoston] = das Erkennbare, νοητὸν γένος [noeton genos] = denkbare Art).

Auf diesen Bereich bezieht sich die Erkenntnis/das Wissen der Vernunft (νοῦς [nous] = Vernunft, Geist, Denkkraft, Einsicht):

a) Verstand/hin- und herlaufendes (diskursives) Denken (διάνοια [dianoia])

b) einsehendes/geistig erfassendes Denken (νόησις [noesis]),

Verstand/hin- und herlaufendes (diskursives) Denken (διάνοια) mit Hilfe von begrifflichem Denken - von Platon Dialektik/dialektische Kunst genannt (Politeia 532 – 534) - und einsehendes/geistig erfassendes Denken (νόησις) sind Erkenntnisvermögen, die Menschen haben.

Daher hält Platon die Ideen für erkennbar (vgl. z. B. Platon, Politeia 516 b – c; 517 c – d; 518 c – d; 519 d; 540 a – d).

Zum Erkennen der Ideen ist es erforderlich, sich von einer Beschränkung auf bloße Sinneswahrnehmung zu lösen.

Platon verwendet manchmal Ausdrücke wie Ideenschau (vgl. Platon, Phaidros 247 c – e und 250 a – d) und stellt Lernen/Erkennen als Wiedererinnerung dar. Die Seele hat nach einigen Darstellungen Platons vor ihrer Existenz in einem einzelnen Menschen Ideen geschaut. Dieses Wissen ist beim Aufenthalt der Seele im Körper nur noch verborgen, der Möglichkeit nach vorhanden, kann aber durch einen geistigen Anstoß aktiviert werden. Daher sind Lernen und Erkennen in gewissem Sinn Wiedererinnerung/Anamnesis (ἀνάμνησις).

Dies sollte aber nicht verdecken, daß am Erkennen der Ideen begriffliches Denken beteiligt ist, das rational etwas erschließt. Erkennbar ist, was etwas Bestimmtes ist. So etwas Bestimmtes an einem Ding gilt es unterscheidend zu erfassen, um zu zur Erkenntnis von Ideen zu gelangen.

Es gibt in der Erkenntnissuche ein Allgemeines, das ein Zusammenfassen verschiedener Merkmale zu einer Einheit darstellt, unter Fernhalten dessen, was nicht dem Wesen nach zu dieser Sache gehört.

Das Erfassen mittels der Kraft von Dialektik geht bis zum voraussetzungslosen Ursprung/Anfang des Ganzen und nach dem vollständigen Erfassen mit seinen Zusammenhängen steigt es schließlich die Ideen hindurch hinab (Platon, Politeia 511b – d). Der Aufstieg zur Idee des Guten geschieht über eine Erkenntnis von Ideen, in einer geistigen Zusammenschau zu einer Einheit, die ihnen gemeinsam ist und die sie ermöglicht.

Die Idee des Guten wird beurteilt als für Menschen als kaum/mit Mühe (geistig) zu schauen (Platon, Politeia 517 b – c). Die vollständige Erkenntnis der Idee des Guten kann erst nach gründlicher Vertiefung in die Philosophie gelingen.

Die Idee des Guten verursacht als begründende Kraft:

1) Erkennen

2) Erkanntwerden des Denkbaren/Einsehbaren

3) Einheit von Denkendem und Gedachtem (den Ideen), Denken und Sein, im Erkenntnisvorgang

In Büchern gibt es Darstellungen zu Paltons Erkenntnistheorie, z. B.:

Michael Erler, Platon. Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck`sche Reihe: bsr - Denker; 573), S. 143 - 171

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Schwabe : Basel ; Stuttgart, 2007, S. 354 – 374 und 390 - 405

Gyburg Radke, Platons Ideenlehre. In: Klassische Fragen der Philosophiegeschichte I: Antike bis Renaissance. Herausgegeben von Franz Gniffke und Norbert Herold. Münster ; Hamburg; London : Lit Verlag, 2002 (Münsteraner Einführungen - Philosophie; Bd. 3/I), S. 17 – 64

Arbogast Schmitt, Platonismus und Empirismus. In: Gregor Schiemann/Dieter Mersch/Gernot Böhme (Hrsg.), Platon im nachmetaphysischen Zeitalter. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft : Darmstadt, 2006, S. 71 – 95

Jan Szaif, Epistemologie. In: Platon-Handbuch : Leben, Werk, Wirkung. Herausgegeben von Christoph Horn, Jörn Müller und Joachim Söder. Unter Mitarbeit von Anna Schriefl und Simon Weber. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2009, S. 112 – 130

Kommentar von Happiness88 ,

Vielen herzlichen Dank 👍🏼👍🏼👍🏼👍🏼👍🏼

Antwort
von berkersheim, 12

Platons Lehrmeinung war, dass die Ideen das Wesen der Dinge sind. Dem hat bereits Aristoteles widersprochen. Antistenes, der ebenfalls ein Sokrates-Schüler war, mochte Platon überhaupt nicht leiden und soll gesagt haben: „Ich sehe ein Pferd, aber ich sehe keine Pferdheit“ (Wikipedia, Antisthenes).

Kommentar von Happiness88 ,

Danke sehr für die Beantwortung der Frage 

Antwort
von Psychodoc, 16

Lies seine Höhlenmetapher

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