Frage von Dorrum, 143

War dieses Verhalten strafbar?

Hallo,

vor ca. 1 1/2 Jahren war ich mit Kumpels abends etwas trinken gegangen. Auf dem Heimweg, es war ca. 1 Uhr nachts, mussten wir über eine Autobahnbrücke gehen (über die ich fast täglich gehe). Jedenfalls stand dort am Geländer eine junge Frau.

Wir waren zu dritt und wir waren alle etwas angetrunken. Dann fragte einer von uns die Frau, warum sie hier ist. Sie antwortete darauf, dass sie sich das Leben nehmen wolle. Wir sind dann etwas weitergelaufen, und ich hab dann zu der Frau noch hingeschrien: "Dann spring doch! Traust dich ja eh nicht!". Dann wollten wir Heim gehen, aber aufeinmal hörten wir einen fürchterlichen Knall.

Wir sind dann zurück zur Autobahnbrücke und haben gesehen, dass die Frau weg war und haben nach unten geschaut und dort war dann ein LKW, der auf der Straße stand.

Die Frau haben wir ja zwar nicht gesehen (ist wohl unter dem LKW gelegen), aber wir bekamen totale Panik und sind dann nach hause weggerannt. Am übernächsten Tag stand, dann dieser Vorfall in der lokalen Zeitung. (es wurde in der Zeitung aber als "Unfall" beschrieben, jedoch passen Uhrzeit und die anderen Faktoren, so dass es dieser Fall gewesen sein muss) Jedenfalls die Frau ist gestorben, sie war 24. Wir haben alle 3 abgemacht, dass wir niemand von diesem Vorfall erzählen.

Meine Frage lautet jetzt: War das strafbar, was wir bzw. ich gemacht haben?

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Antwort
von expermondo, 5

Hallo Dorrum,

Schau mal bitte hier:
Recht Polizei

Antwort
von MarkusKapunkt, 68

Vom rechtlichen Aspekt her dürftest du aus dem Schneider sein, da es offenbar keine Zeugen gab, die dich gehört haben. Da die Behörden offenbar zusätzlich von einem Unfall ausgehen, wird es wohl keine Ermittlungen gegen euch geben. Es wäre allerdings ein schwerer Fall von unterlassener Hilfeleistung gewesen, der zum Tod eines Menschen geführt hat. 

Mit dieser Schuld wirst du nun leben müssen, denn du hättest dieses Leben retten können. Stattdessen hast du sogar noch deinen blöden Spruch gerufen. Vielleicht hat eine derartige Herzlosigkeiz dazu geführt, dass das Mädchen keinen Sinn mehr in ihrem Leben sah und sie nicht mehr auf einer Welt mit so kalten und abscheulichen Menschen leben wollte. 

Kommentar von Rechtsgelehrter ,

Ob er das Leben hätte retten können, sei mal dahin gestellt.

Wenn jemand wirklich sterben möchte, dann soll er das aus freien Stücken entscheiden und vollenden können. Er wird seine Gründe dafür haben nicht mehr leben zu wollen.

Allerdings sollte er auch bei seinen Freitod Respekt vor unschuldigen Dritten haben und nicht die "Robert Enke - Methode" wählen.

Also Dritte bei seinen Selbstmord mit rein ziehen, die dann einen Schock für ihr ganzes Leben haben.

Bei Enke ein Lokführer, bei dem vorliegenden Fall ein LKW Fahrer.

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Depressive Menschen mit Todeswunsch denken nicht über die Konsequenzen ihrer Handlung nach. Ob und inwieweit es andere Menschen treffen könnte, wenn sie sich umbringen, ist für sie nicht mehr von Belang, da das Leben und alle Verantwortung ja ohnehin bald hinfällig sein werden, wenn man dem Tod bereits ins Auge blickt.

Wir sind als rational denkende Menschen immer schnell mit einem Urteil bei einer Sache, selbst wenn wir davon auch nicht das Geringste verstehen. Da nehme ich mich selbst nicht aus, ich habe über den Fragesteller ebenfalls ein (vielleicht vorschnelles) Urteil gefällt, weil mich diese Geschichte emotional sehr aufgewühlt hat.

Natürlich wäre es besser, man würde sich einen Strick oder Tabletten als Mittel wählen, wenn man sich aus dieser Welt entfernt - denn dazu hat auch meiner Meinung nach jeder Mensch das Recht, auch wenn ich selbst das Leben als zu hoch schätze, dass sich ein einzelner Mensch die Entscheidung heraus nehmen dürfte, ein Leben zu beenden - auch nicht sein eigenes. Doch man kann von niemandem, dessen Verstand so aufgewühlt ist, dass er den Wert seines eigenen Lebens nicht mehr erkennen und wertschätzen kann, ernsthaft erwarten und verlangen, dass er den Wert anderer Menschenleben in diesem letzten verzweifelten Moment seines Lebens noch achtet.

Expertenantwort
von furbo, Community-Experte für Polizei & Recht, 33

Es gibt keine Verpflichtung, einem Menschen, der freien Willens seinem Leben ein Ende setzen will, davon abzuhalten. Der TB der unterlassenen Hilfeleistung wird dadurch nicht erfüllt.

Auch die Aufforderung dazu ist nicht strafbar. 

Es liegt von daher keine Strafbarkeit vor.  

Soweit die rechtliche Seite. Seelisch musst du selbst damit fertig werden, dass ihr einen Menschen in den Tod geschickt habt. 

Kommentar von Rechtsgelehrter ,

Diese Verpflichtung ergibt sich eben sehr wohl aus § 323c StGB .

https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__323c.html

Warum sonst schreitet die Feuerwehr und die Polizei ein, wenn ein Lebensmüder auf einem Hochhaus oder einer Brücke gesichtet wird und die Rettungskräfte entsprechend informiert werden?

Die haben einen Menschen nicht in den Tod geschickt. Denn dieser Mensch hätte unabhängig von diesen 3 Knalltüten den Asphalt geküsst.

Die dämlichen Sprüche der 3 Alkoholleichen haben der eh zum Freitod wildentschlossenen Frau endgültig gedeutet:  "Menschen sind Müll, ich springe."

Kommentar von furbo ,

@rechtsgelehrtermoralgold.... 

Nein, es ergibt sich nicht aus dem §323c StGB. 

Unter welchem TB willst du denn das Nichtverhindern des Suizid subsummieren?

Liegt der Suizident nach seinem Suizidversuch schwerverletzt auf der Straße, erst dann ist es ein Unglücksfall i.S. des 323c, vorher aber nicht. 

Warum sonst schreitet die Feuerwehr und die Polizei ein, wenn ein Lebensmüder auf einem Hochhaus oder einer Brücke gesichtet wird und die Rettungskräfte entsprechend informiert werden?

Feuerwehr und Polizei rücken aus, weil es außerhalb des Strafrechts auch eine Pflicht zur Gefahrenabwehr auf Grund des Amtes oder der Funktion gibt. Es gehört zu ihren Amtspflichten. Sie rücken mit Sicherheit nicht aus, weil sie sonst ein Strafverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung bekämen. 

Antwort
von roxins, 45

So einfach ist das nicht. In Betracht kommt hier nur eine unterlassenen Hilfeleistung nach § 323c StGB (so etwas wie Anstiftung oder Beihilfe zum Suizid gibt es nicht, da der Suizid an sich nicht strafbar ist)

Es gibt Juristen, die sagen es wäre unterlassene Hilfeleistung, wenn man jemanden nicht von der Selbsttötung abhält. Andere sagen es wäre keine unterlassene Hilfeleistung. Ihr habt euch aber nicht in JEDEM Fall strafbar gemacht (wie das hier einige in den Kommentaren schreiben).

Euer Verhalten war aber in jedem Fall moralisch verwerflich und selbst wenn ihr dafür nicht bestraft werden würdet, müsst ihr euer restliches Leben mit dem Wissen verbringen, dass ihr Mitverantwortlich an dem Tod eines anderen seid.

Antwort
von LuckyLuke90, 50

Die Frage zielt konkret auf die Strafbarkeit ab. Etwaige andere Aspekte, wie die ethisch/moralische Verwerflichkeit sind nicht Gegenstand der Frage.

- Ihr seid Privatpersonen, keine Amtsträger mit besonderen Garantenstellungen. Unterlassene Hilfeleistung ist euch nur anzukreiden, sofern Euch ein Einschreiten "zumutbar" wäre. Wenn der Suizident an seinem Vorhaben festhält, ist dies sicherlich nicht der Fall. Ihr macht Euch allerdings der unterlassenen Hilfeleistung dann schuldig, wenn ihr ab dem Augenblick, wo der Todesbereite bewusstlos ist, nichts
unternehmt. Spätestens ab diesem Moment ist also jeder verpflichtet, den
Betreffenden wiederzubeleben und Hilfe zu rufen.

Soweit nur einmal in Kürze, die Thematik ist recht komplex. Zusammenfassend besteht jedoch kein Fall von unterlassener Hilfeleistung nach 323c StGB

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Die ethische und moralische Verwerflichkeit ist sehr wohl Gegenstand der Frage, denn - wie auch viele Juristen immer wieder vergessen - ist der einzige Sinn und Zweck von allen Gesetzen, Richtlinien, Ordnungen, Praragraphen, Artikeln, Absätzen etc. ein friedliches Miteinander unter ehtischen und moralischen Bedingungen für Jedermann zu gewährleisten. Wenn die ethischen Aspekte keinen Stellenwert mehr haben, ist eine gesellschaftliche Ordnung nicht mehr möglich, und auch alle Gesetzbücher könnte man dann in die Feuertonne werfen.

Kommentar von LuckyLuke90 ,

Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Spätestens bei der Beurteilung der Schuldhaftigkeit durch Gerichte, sollten bzw. werden die genannte Aspekte auch beurteilt.

Ich wollte damit nur die Flut an Antworten eindämmen welche lediglich auf die genannte Verwerflichkeit abzielen, die Tatbestandsmäßigkeit aber völlig außer Acht lassen.

Kommentar von MarkusKapunkt ,

Du meinst die Flut an Antworten derer, die zwar solide ethische Grundvorstellungen, aber keine juristische Ausbildung haben? :-)

Kommentar von LuckyLuke90 ,

Korrekt.

Ethikexperten, juristische Laien :)

Antwort
von Wuestenamazone, 10

Nein denn es konnte keiner wissen, dass sie springt. Aber der mit seinen Worten du machst es eh nicht der wird sein ganzes Leben damit leben müssen.

Antwort
von Rechtsgelehrter, 28

Nein, strafbar habt ihr euch nicht gemacht.

Nur moralisch tief ins Klo gegriffen. Allein sich in einen betrunkenen Zustand zu begeben, könnte dümmer kaum sein.

Dann der Frau so etwas hinterher zu rufen ist grenzdebil. Aber einer unterlassenen Hilfeleistung habt ihr euch gerade nicht strafbar gemacht. Denn jeder kann behaupten von einer Brücke zu springen.

Allerdings sollte euch dieser Vorfall allen zu denken geben und aus euch grundsätzlich bessere Menschen machen.

Ich sehe hier § 323c StGB nicht als erfüllt an.

Bzw. hättet ihr erkennen müssen, ob gemeine Gefahr oder Not vorliegt. Zum Beispiel wenn die Frau direkt auf der Brüstung/dem Geländer stand oder saß.

DIe reine Äußerung sich umbringen zu wollen, mag noch keine unterlassene Hilfeleistung erfüllen, wenn man nicht einschreitet.

https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/\_\_323c.html

Antwort
von JustBeHappy213, 58

Ja es ist strafbar.
Aber fühlst du dich denn wohl damit? Du hättest sie aufhalten können und sie wäre jetzt noch am Leben. Ihre ganze Familie/Freunde weint jetzt wahrscheinlich um sie. Ich könnte niemals so weiterleben und würde mich selbst anzeigen. Außerdem wird das irgendwann eh rauskommen.

Kommentar von dolores2101 ,

Ich seh das auch so. Ihr wart zu dritt und hättet sie aufhalten können und Polizei und Krankenwagen rufen können. Wahrscheinlich hast du ihr mit dein dämlichen Spruch noch richtig angespornt zu springen. Schließlich hat sie euch noch vorher gesagt das sie springen will. 

Antwort
von archibaldesel, 60

Natürlich

Antwort
von Mekronomikum, 59

Ja, denn in Deutschland gibt es ein Gesetz, welches besagt, dass man Leute so etwas versuchen soll zu verhindern, wenn man eine solche Situation beobachtet.

Antwort
von Crexth, 38

Unterlassene Hilfeleistung

Soweit ich weis jedoch, gibt es sowas wie "Beihilfe zum Selbstmord" nicht, zumindest habe ich rechtlich davon nichts gelesen.

Kommentar von furbo ,

Richtig. Beihilfe zum Suizid ist mangels der strafbaren Haupttat nicht strafbar. 

Antwort
von Leisewolke, 29

strafbar nicht, aber menschlich unter aller Sau ! Nun müsst ihr damit leben, dass ihr einem Menschen nicht geholfen habt, weil ihr zu besoffen wart,  sondern  das dieser Mensch nun tot ist. Vielleicht hättet ihr ihn, durch mit ihm sprechen, von seinem Vorhaben abhalten können. Das musst du mit deinem Gewissen vereinbaren.

Antwort
von BlauerSitzsack, 59

Die Frage ist eher: Kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren?

Selbst wenn du der hackedichteste Mensch der Welt bist, sowas kannst du verdammte Axt nicht bringen!!

Und ja, das war unterlassende Hilfeleistung!

Antwort
von Crafti007, 54

Ja es ist strafbar

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