Frage von TomyGun, 153

War die Atomkatastrophe in Fukushima doch nicht so schlimm?

Hallo,

über die Atomkatastrophe in Fukushima hört man schon lange nichts mehr. Und als es passiert ist wurde darüber auch nur sehr sporadisch darüber berichtet.

Anscheinend war es eher eine kleiner Katastrophe im Gegensatz zu Chernobyl?

Also war es doch nicht so schlimm oder?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Enzylexikon, 71

über die Atomkatastrophe in Fukushima hört man schon lange nichts mehr.

Das liegt an der geringen Aufmerksamkeitsspanne der Menschen. Sie konzentrieren sich auf tagesaktuelle Dinge und kaum jemand verfolgt ein bestimmtes Thema länger, als die Berichterstattung andauert.

Also passt sich auch die Berichterstattung daran an und diese Themen verschwinden aus dem Fokus, man richtet die Artikel auf Tagesaktualität aus.

wurde darüber auch nur sehr sporadisch darüber berichtet.

Die Webseite http://www.spreadnews.de berichtet seit fünf Jahren wochentags praktisch täglich über die aktuellen Entwicklungen dort, ohne Panikmache, oder Sensationsjournalismus.

Die meisten großen Medien "erinnern" sich aber erst bei spektakulären Lecks, oder Jahrestagen an die Ereignisse in Japan.

Also war es doch nicht so schlimm oder?

Entweder die Frage ist infantil oder provokativ.

Die Krise ist noch keineswegs vorbei. Die Stilllegung der Kernkraftwerks Fukushima Daiichi wird noch mehrere Jahrzehnte Dauern, in denen ständige Gefahr durch Fehlschläge am Kraftwerk drohen.

So ist die Bergung der zusammengeschmolzenen Brennelemente (Corium) praktisch nicht geklärt, man weiß nicht einmal, wo genau es sich befindet. Bereits durchgeführte Scans des Reaktors gaben keinen Aufschluss.

Sollte die externe Kühlung der Reaktoren aus irgendeinem Grund versagen, etwa wegen eines weiteren schweren Erdbebens, kann die Kernschmelze wieder einsetzen.

Versagt man beim Eiswall, der als Barriere gegen die Vermischung von Grundwasser und kontaminiertem Abwasser dienen soll, könnten angestaute radioaktive Abwässer aus den Untergeschossen der Kraftwerksgebäude an die Oberfläche gelangen.

Schafft man es nicht endlich, eine vernünftige Methode zur Filterung von Tritium aus dem Wasser zu filtern, wird man immer mehr Wasser einlagern müssen - die von TEPCO vorgeschlagenene Alternative, das Wasser bei mehr als tausend Grad zu verdampfen, könnte radioaktives Wasser zu weiterer Kontamination führen.

Die dauerhafte Lagerung von radioaktivem Wasser, das nicht effektiv gefiltert werden kann, ist ein permanentes Sicherheitsrisiko.

Die Wälder der Präfektur (80-90% der Gesamtfläche) sind nicht dekontaminiert worden und lediglich ein kleiner Umkreis um Ortschaften soll dieser Maßnahme unterzogen werden - das radioaktive Material aus den Wäldern kann zu erneuten Kontaminationen in Gemeinden führen.

Es gibt noch viele Probleme zu lösen und nur weil offiziell ein "Cold Shutdown" bestätigt wurde, oder momentan noch alles unter relativer Kontrolle zu sein scheint, bedeutet das nicht, dass dies morgen noch der Fall ist.

Das ist wie bei Julius Cäsar und den Iden des März.

Ein Wahrsager hatte ihn gewarnt, ihn werde im Zeitraum der "Iden des März" großes Unglück zustoßen. Zu dieser Zeit traf Cäsar den Wahrsager wieder und spottete, "nun, die Iden des März sind da!", schließlich war er kerngesund.

Der Seher antwortete nur düster "mag sein - aber sie sind noch nicht vorüber!" Wenige Stunden später wurde Cäsar im Senat ermordet.

In diesem Sinne

"Die Krise von Fukushima ist kontrolliert - aber sie ist noch nicht vorüber".

Kommentar von Bevarian ,

"Die Krise von Fukushima ist kontrolliert - aber sie ist noch nicht vorüber".

Und woher stammt diese Aussage?!?   ;(((

Kommentar von Enzylexikon ,

Jedenfalls nicht aus einem römischen Geschichtswerk. ;-)

Wenn man sich - so wie ich es mache - dauerhaft mit dem Thema befasst, dann wird anhand der von mir genannten Punkte eigentlich ganz deutlich, dass die Krise noch lange nicht vorbei ist.

Ein ständiger Gefährdungszustand kann wohl kaum als Ende einer Krise angesehen werden. Die Akutphase in Form der Kernschmelze und explosiven Wasserstoffreaktion ist vorbei, nicht aber die Gefahr.

Auch der frühere Premierminister Naoto Kan, in dessen Amtszeit das Tohoku-Großbeben und dessen Folgen fielen, ist dieser Ansicht.

Kan warnte beispielsweise noch im Januar diesen Jahres, die Krise sei "alles andere als vorbei". Diese Aussage des Ex-Premiers findet sich etwa in der Japan Times.

Kommentar von Enzylexikon ,

Vielen Dank für den Stern. :-)

Antwort
von Pramidenzelle, 67

Der Unterschied zwischen Fukushima und Chernobyl war nicht nur, dass es ein anderer Reaktortyp war, sondern auch, dass eine andere Art von Unfall passiert ist. Bei Fukushima ist (so gut wie) kein Brennmaterial in die Umwelt gelangt, sondern hauptsächlich Xenon-Gas und Kühlwasser.

Das Erdbeben hat das Kraftwerk ohne probleme überstanden, nur durch den Tsunami ist letzten Endes das Kühlwassersystem kaputt gegangen. Deshalb wurde mit Meerwasser gekühlt, um eine richtige Katastrophe zu verhindern. Das Wasser wurde zurück ins Meer geleitet. Am Anfang haben die Experten sich sorgen gemacht, weil man nicht so genau wusste, wie das Wasser sich im Meer verteilen würde, aber es hat sich nach einem der bestmöglichen Szenarien sehr weit verteilt.
Die große Verteilung bedeutet nämlich, dass es stark verdünnt wurde und dadurch jeder einzelne Ort, der vom Wasser erreicht wurde, nicht so wahnsinnig viel Radioaktivität abbekommen hat, sondern eben viele Orte alle ein bisschen.
Trotzdem gibt es in Alaska teilweise immer noch Wild, dass zu stark belastet ist, um es zum Essen zu verkaufen, wenn ich richtig informiert bin.

Das "gute" am ausgetretenen Xenongas ist, dass es eine sehr kurze Halbwertszeit hat. Das heißt dass die Radioaktivität inzwischen abgeklungen ist (nicht unbedingt vollständig, aber eben so stark, dass man es aus dem natürlichen Strahlungsjintergrund nicht mehr herausmessen kann).

Bei Chernobyl hingegen ist viel Caesium nach draußen gelangt, dass hat eine deutlich längere Halbwertszeit. Auch davon in an den meisten Orten inzwischen kaum noch etwas messbar, aber z.B. Pilze, die Caesium besonders gut aufnehmen können, können heute trotzdem noch belastet sein.

Ach ja, und dann hat Fukushima für uns in Europa gegenüber Chernoby noch einen absoluten Vorteil: Es ist weiter weg.
Direkt im Kraftwerk ist die Situation immer noch so heftig, dass man selbst mit Robotern darin echte Probleme hat, und Menschen rein zu schicken, das ist erst recht keine gute Idee.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen, ich hatte das Thema letzte Woche erst in der Uni, also wenn du noch weitere Fragen hast, kannst du mich gerne fragen :-)

Kommentar von NuklearTV ,

Das stimmt so nicht: Auch in Fukushima-Daiichi ist Cäsium ausgetreten. De facto gibt es im Bezug auf die Gase keine Unterschiede zwischen Tschernobyl und Fukushima, da der Brennstoff von der gleichen Art war (Oxidbrennstoff, Angereichert) und die gleichen Spaltgase in den Hüllrohren entstanden sind, die in der Folge des Verlusts der Kühlung (Ursache war nicht, dass das Kühlwassersystem kaputt gegangen ist, sondern weil die Notstromeinrichtungen überflutet wurden und daher unbrauchbar wurden, während bereits beim Erdbeben die externe Stromzufuhr abgeschnitten wurde).

Der Unterschied zwischen den Unfällen liegt einerseits am Reaktortyp, das hast du richtig geschlussfolgert, andererseits deswegen auch am Unfallverlauf. Während in Tschernobyl eine starke Explosion im Reaktor stattfand, die aufgrund der Bauart es zugelassen hatte, dass der Reaktor aufgesprengt wurde, wurden Brennstoffpartikel in der Umgebung bis 10 Kilometer um den Reaktor verteilt, der Rest ist auf Spaltgase zurückzuführen, insbesondere Cäsium. Dass einige Gebiete stark belastet wurden lag auch daran, dass die sowjetische Luftwaffe durch den Abwurf von Silberiodid gezielt Wolken hat abregnen lassen, dass die Cäsiumspaltgase nicht durch einen Washout bei einem Regenfall auch über Moskau ausgewaschen worden wären.

Dadurch in Fukushima-Daiichi ein Containment vorhanden war, konnte ein Großteil der Spaltgase zurückgehalten werden. Vorteilhaft war auch, dass durch die Kernschmelze immer eine gewisse Dampfmenge in den Reaktoren war, die diese Gase ausgewaschen hatte. Dass es doch zum Austritt kam, liegt einerseits an einem Konstruktionsfehler des Containments, dessen Decken bei zu hohen Druck nicht mehr standhält. Dies führte dazu, dass Wasserstoff zusammen mit Spaltgasen in das Reaktorgebäude austreten konnte und sich dort entzündete. Die andere Ursache war das Abblasen überschüssigen Drucks aus dem Containment über den Fortluftkamin, was ungefiltert passierte. Die Menge war allerdings nicht so groß, wie sie bei der Explosion freigesetzt wurde.

Hauptquelle war eigentlich Block-2, der nur im Gebäude eine Explosion erlitten hatte, dafür aber der Torus beschädigt wurde, der überschüssigen Dampf aus den Sicherheitsbehälteraufnehmen sollte. Dadurch konnte eine weitaus größere Menge an radioaktiven Gasen austreten, als in den anderen drei Blöcken.

An sich ist die Lage keine neue für Japan. Das Abtragen der obersten Schicht am Boden und das Reinigen wurde bereits so nach den Kernwaffenabwürfen auf Hiroschima und Nagasaki durchgeführt. Daher kennt man die Wirksamkeit der Methode. Heute befinden sich unter beiden Abwurfstellen die brummenden Zentren der beiden Metropolen. Mittlerweile konnte die Sperrzone um das Kernkraftwerk stark verkleinert werden. Direkt betroffen sind nur noch wenige Nachbargemeinden um das Kernkraftwerk. Insgesamt ist die Sperrzone kleiner als die größten Braunkohletagebauten in der Lausitz. http://fukushimaontheglobe.com/wp-content/uploads/Evacuation-zone-150905.png

Antwort
von Hardware02, 53

Die Katastrophe von Fukushima war schlimmer als die von Tschernobyl. Was besonders schlimm war: So ein Reaktor fährt sich nicht automatisch herunter, wenn es einen Störfall gibt. Das muss man manuell machen. Fehlkonstruktion. Man konnte den Reaktor aber nicht mehr herunterfahren, weil wegen des Tsunamis Stromausfall war. 

Kommentar von Pramidenzelle ,

Da beide Orte nunmal in anderen Schriftzeichen als unseren geschrieben werden, bringt es nur mäßig viel, über die Schreibweise zu streiten...
Allerdings muss ich dir ein wenig widersprechen, was das Abschalten angeht:

Zum Zeitpunkt des Erdbebens waren ausschließlich die Reaktorblöcke 1-3 in Betrieb, 4-6 waren ohnehin aus. Dann wurden aufgrund des Erdbeebens auch 1-3 ausgeschaltet.
Also war das ganze Kraftwerk komplett aus.
Allerdings ist das bei einem Kernkraftwerk nicht wie bei einem Lichtschalter, die Brennstäbe sind nun einmal heiß und werden nicht auf Knopfdruck sofort wieder aus Raumtemperatur abkühlen.
Der Tsunami führte zum Ausfall der Stromversorgung, allerdings konnte diese durch Batterien (richtig große, keine AAs, natürlich) noch eine Weile aufrecht erhalten werden.
Es wurde heftig daran gearbeitet, die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen, aber das hat leider nicht rechtzeitig geklappt.

Eine Fehlkonstruktion war Fukushima nicht wirklich, denn es hat dem Erdbeben sehr gut standgehalten, genau wie es solte. Das es in Japan zu einem Tsunami kommen könnte, war nicht abzusehen. (Es gab da wohl irgendeine uralte Aufzeichnung, aber wenn mir jemand was von Tsunamis in der Ostsee erzählen würde...)

Selbstverständlich wäre es besser gewesen, da hätte einfach kein Kernkraftwerk gestanden, denn 100%ig sicher sind die nicht und werden es auch nie sein!

Antwort
von Superschnucki77, 60

Ich glaube nicht, dass man von der Intensität der Nachrichten auf die Katastrophe schließen kann. Es hat eher mit anderen wichtigen Nachrichten zu tun, die das Thema verdrängen.

Antwort
von kleefelddennis, 56

Es war sehr schlimm, sie sagen es bloß nicht mehr herum damit wir keine Angst mehr kriegen das das hier auch bei uns passieren kann. Ich glaube wir wissen alle das es schlimm war

Antwort
von egglo2, 9

Was ist "schlimm" für dich?

Natürlich hat dieser Unfall enorme Auswirkung auf die Umgbung.

Aber die vielen Toten, die man bei einem solchen Unfall vorher erwartet hatte, gab es auch nicht.

Hier der Bericht der Vereinten Nationen http://www.unscear.org/docs/revV1406112_Factsheet_E_ENG.pdf

Expertenantwort
von Kaeselocher, Community-Experte für Chemie, 35

Ne ne, leuchtende Augen und strahlenden Sonnenschein - was will man mehr bei einem gemütlichen Strandurlaub!

Nimm nen Geigerzähler mit und es ist sogar für Partymusik gesorgt - aber pass auf, dass dich die Mirelurks nicht fressen!

Ich meine, wer dürden schon in so einem weltoffenen Land wie Japan erwarten, dass Informationen vorenthalten werden - die würden ihre armen Bürger niemals in radioaktiv Verseuchtes Land schicken, auch nicht wenn sie dafür weitere GEZ-Gebühren zahlen müssten.

Und mal ehrlich - die AfD ist viel gefährlicher, als so ein kaputten Atomreaktor! Also wenn du Urlaub machen willst, dann lieber in Fukushima als in Sachsen-Anhalt!

Kommentar von Bevarian ,

;)))

Antwort
von Bevarian, 20

Das ist nicht schlimm, war nie schlimm und wird niemals schlimm sein! - laut Tepco...   ;(((

Kommentar von TomRichter ,

Und außerdem ist es viel zu weit weg, um wirklich schlimm zu sein ;-)

Kommentar von Bevarian ,

Da wäre ich mir nicht so sicher - neuester Trend aus Japan: Sushi-Essen im Dunklen, denn das Futter leuchtet...    ;(((

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