Frage von liquorcabinet, 68

War das vereinte Deutschland noch unsozialer?

Hallo Leute, aus diesem Gedicht für Tucholsky geht für mich hervor, dass er den Arbeitern/Menschen sagen will, dass das vereinte Deutschland (nach denen sich alle gesehnt haben) letztlich sogar noch schlimmer war, als die Zeit davor. Ist das rein provokativ gemeint, oder steckt da etwas hinter? Was ist mit der Zeile gemeint, wo er über die "Richter" schreibt?

http://www.textlog.de/tucholsky-jahre-revolution.html

Antwort
von wfwbinder, 30

Man muss diese sozialen Fragen auch unter dem wirtschaftlichen Kontext sehen.

Mit der Industrialisierung ging die Schere binnen weniger Jahre extrem auseinander. Die Gewinne der Unternehmer waren im Vergleich zu heute gemessen an Umsatz und gemessen an den Löhnen der Arbeiter gigantisch.

Verantwortungsvolle Unternehmer wie Krupp haben dann von sich aus Sozialleistungen eingeführt, die aber natürlich mit dem heutigen Standard und auch dem Standard der 20er Jahre noch gering waren.

Lies mal Bücher aus der Zeit. Da hatten bürgerliche Haushalte wie Ärzte, Bankdirektoren z. B. immer mindestens eine Hausangestellte. könnte sich heute kaum einer leisten. Die Einkommensunterschiede waren viel höher als heute.

Kommentar von liquorcabinet ,

Im geeinten Deutschland kam es dann mehr zu den Auswirkungen oder generell zur Industrialisierung?!

Kommentar von wfwbinder ,

die Industrialisierung begann je nach Quelle um 1815, oder 1835.

War also 1871 schon in Gang (daher auch die Überlegenheit gegenüber Frankreich). Aber die Industrialisierung hat natürlich mehr Auswirkung auf die sozialen Fragen, als ob Deutschland einen Kaiser hat und unter dem geeint ist, oder nicht.

Bismarck hat dann die wichtigsten Reformen eingeleitet. Wer es hören möchte auf Druck der SPD, aber Tatsache ist, dass der Kaiser praktisch absoluter Herrscher war.

Antwort
von voayager, 9

Zwangsläufig mußte das Deutschl. nach 1918 unsozials sein, da den Reichen ihr Reichtum unangetastet verblieb, dazu der Knebelvertrag von Versaille, der D. große Bürden auferlegte.

Tucholsky schreibt verbittert und spöttisch über die junge Republik, die im Grund keine Verbesserungen für die Lohnabhängigen erbrachte. Da die Novemberrevolution scheiterte, haben auch Richter gegen Revolutionäre gewütet, kein Wunder dass der Schriftsteller sie nochmal extra erwähnte.

Antwort
von Mastrodonato, 20

Das Gedicht scheint mir etwas ungerecht, aber es ist sicher so zu verstehen, dass Tucholsky und viele eher links bis kommunistisch orientierten Demokraten von der Weimarer Republik enttäuscht waren.

Man muss sich bewusst sein, dass viele Eliten nach 1918 nicht ausgetauscht wurden - gerade die Richter beispielsweise.

Eine sehr interessante Frage, die ich auch hier reinstelle: 

http://geschichte-forum.forums.ag/t781-gedichtinterpretation-kurt-tucholsky-1928...

Antwort
von agrabin, 21

Da geht es nicht um ein vereintes Deutschland, sondern um die Revolution von 1918. Und was sie den Arbeitern gebracht hat.  Such mal nach "Pakt mit den alten Mächten" und überlege, was denn diese Revolution für die Arbeiter gebracht  hat.

Antwort
von Hegemon, 14

Was meinst Du mit "vereintes Deutschland"? Die Wiedervereinigung war 1990. Tucholsky schrieb das Gedicht aber 1928 und bezog sich auf die Novemberrevolution von 1918. Ein vereintes oder geteiltes Deutschland kommt in diesem Zusammenhang nicht vor.

Was Tucholsky ausdrückt, ist, daß sich durch die gescheiterte Revolution nichts geändert hat. Nichts ist besser geworden, weil die alten Macht- und Eigentumsverhältnisse de facto bestehen geblieben sind. Lediglich die Sonderrechte des Adels waren abgeschafft. Ansonsten waren die alten Eliten auch die neuen.

Kommentar von liquorcabinet ,

Ich meine damit einen einheitlichen Nationalstaat - also eine Republik. Habe das einfach mal als geeintes Deutschland bezeichnet.

Kommentar von liquorcabinet ,

Und er bezieht sich doch darauf, dass sich nichts durch die neu entstandene Republik geändert hat, sondern die Verhältnisse die gleichen wie unter Kaiser Wilhelm sind - nur, dass sie sogar noch schlechter sind (wieso auch immer).

Kommentar von Hegemon ,

Den einheitlichen Nationalstaat gabe es schon seit 1871. Das ist also nichts, was mit der Republik zu tun hat.

Was die Richter angeht, ist die politisch parteiische Justiz gemeint, die sich massiv gegen Links richtete und rechte Straftäter in Scharen laufen ließ:

http://www.zeit.de/2012/07/Gumbel

Ob die Verhältnisse tatsächlich schlechter waren, sei mal dahingestellt. Jedenfalls wurden sie nicht besser, weil sich an den Strukturen und Besitz- und damit Machtverhältnissen nichts geändert hat. Selbst der Achtstundentag wurde 1923 wieder ausgehebelt. Mein Opa berichtete übrigens, daß dort in der benachbarten Fabrik der Achtstundentag auch Lohnverzicht bedeutete - die Arbeiter hatten also auch entsprechend weniger in der Lohntüte und machten ziemlich lange Gesichter.

Antwort
von suziesext04, 42

hi liquorcabinet - ich glaub, dass die herrschende Klasse damals wie heute gleich asozial, egozentrisch und profitgeierig ist.

Der Unterschied: damals waren die Leute, also Arbeiter und so, viel viel besser organisiert und deswegen mächtiger und einflussreicher als heute.

Vergleich doch bloss mal die SPD heute und im Kaiserreich, wo Bismark ne vorbildliche Sozialgesetzgebung machen musste, so stark war die spd, auch noch in der illegalität.

Heute fühlt sich die spd an bloss noch wie n warmer pups, die grünen leben geistig in nem paralleluniversum und die linke ist so staatsmännisch und staatstragend dass se kaum noch loofen kann.

Also kann die herrschende Klasse echt machen was sie will, du kannst deine drei Kreuze hinmachen wo de willst, nach der Wahl machen die einfach ihren Stiefel weiter.

Kommentar von suziesext04 ,

Richter. er meint Richter und Gerichte, die Klassenjustiz betrieben haben. In der Weimarer Zeit.

Kommentar von liquorcabinet ,

Ich kann alles von dir unterstreichen, nur hat das jetzt nicht meine Frage beantwortet :( Ich verstehe nämlich nicht, wieso es in dem Gedicht quasi heißt, dass das vereinte Deutschland noch schlimmer war, als die Situation davor. Was genau war im vereinten Deutschland politisch noch schlimmer?!   Zu deinem Punkt, dass die Arbeiter damals viel viel besser organisiert waren; Würde man das heute nicht mehr so hinbekommen? 

Kommentar von suziesext04 ,

Tucholsky will sagen, in der Kaiserzeit gabs nen Antagonismus zwischen Feudalismus und Kapitalismus, die herrschende Klasse war also zwiespältig und das hat sich scheints wohltuend auf das Volk ausgewirkt.

In der Weimarer Zeit war es dann der reine, ungebändigte Kapitalismus, der entfesselte Prometheus, gnadenloser Klassenkampf von oben.

Und ob! dass man das hinkriegen könnte und müsste, die Leute müssen sich wieder stark organisieren, wie zb die Grossdemo gegen TTIP in Berlin, geht doch, nicht wahr? nur muss es kontinuierlich sein.

Antwort
von katersven, 34

Deutschland wurde 1871 geeint. Der Kanzler hieß Bismarck und der Kaiser Wilhelm. Deine Frage ist also zeitlich durcheinander 

Kommentar von liquorcabinet ,

Okay, also als es das vereinte Deutschlang gab, hieß der Kaiser Wilhelm. Und war das vereinte Deutschland denn nun unsozialer, als die Kleinstaaterei zuvor?

Kommentar von katersven ,

Das war es vermutlich nicht. Ich meine vorher hattest du in jedem Fürstentum oder so einen Herrscher der das Volk durch seine Steuern und tlw willkürliche Änderungen mehr oder weniger ausgebeutet hat. In die Zeit der Reichsgründung fiel dann auch die Industrialisierung. Es gab also eine schnell anwachsende Verstädterung, es wurden Wohngebiete für Arbeiter gebaut. Die Lebens und Arbeitsbedingungen waren tlw katastrophal. Es herrschte Hunger und bittere Armut viele Deutsche wanderten nach Nordamerika aus. Durch die Bildung von Gewerkschaften bekamen die Industriearbeiter mehr Rechte. Der direkte Vergleich mit der Zeit davor ist schwierig weil die Entwicklung so rasant voranging. 

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