Frage von CherryBloom123, 141

Verstehst Du es?

Es ist originell nicht auf Deutsch, aber ich habe versucht es zu übersetzen ( die Originalsprache ist meine Muttersprache, also denkt nicht dass ich es völlig falsch übersetzt habe). Versteht es jemand...? Ich nicht. Was will es aussagen, welche Gefühle will es wecken, und worum geht es wirklich, also, was will es symbolisieren? Oder überhaupt?

Die Steine die wir geworfen haben höre ich fallen, glasklar über die Jahre hinweg. Im Tal fliegen des Augenblicks verwirrende Handlungen kreischend von Baumgipfel zu Baumgipf, verstummen in dünnere Luft als die jetzige, gleiten wie Schwalben von Berggipfel zu Berggipfel bis sie die äußerste Plateaus entlang die Grenze für Angedauertes erreicht haben. Da fallen all unsere Taten glasklar auf keinen Grund hinzu sondern uns selber. ( T. Tranströmer)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von annasunflower, 67

Das klingt wirklich wunderschön! Ist es ein Gedicht oder ein Auszug aus einem Roman? 

Ich vermute, dass hier Erinnerungen thematisiert werden, die einen noch nach Jahren verfolgen ("Die Steine, die wir geworfen haben, höre ich fallen, glasklar über die Jahre hinweg") Dabei stehen die Steine im direkten Gegensatz zu den "verwirrenden Handlungen" - während diese "kreischend von Baumgipfel zu Baumgipfel" fliegen (!), handelt es sich bei Steinen um beschwerliche Körper, also vermutlich um eher negative Erlebnisse, die auch nicht "verstummen" können, sprich: Die man nicht vergessen kann. Der letzte Satz relativiert das aber wieder: "Da fallen (!) all unsere Taten glasklar auf keinen Grund hinzu, sondern uns selber" Vielleicht geht es darum, dass man letztendlich seine Handlungen nicht (oder zumindest nicht auf Dauer) verdrängen kann. Früher oder später müssen wir uns einer Konfrontation stellen. Weiterhin sind wir alle irgendwann an einem Punkt angekommen, an dem wir unsere Taten nicht korrigieren können.

Ich möchte dir noch ein Zitat aus dem Buch "Halbschatten" von Uwe Timm, das auf dem Berliner Invalidenfriedhof spielt, mit auf den Weg geben,  dass meiner Meinung nach passt:

"Warum reden die einen und dir anderen nicht? Dir früher geredet haben, reden weiter, die nichts gesagt haben, schweigen weiter,  und die nichts zu sagen hatten,  haben auch später nichts zu sagen. Es ist die Wiederkehr (!). Keine Änderungen mehr, alles fest und gleich. Wir ein Blitz wiederholt es sich. Die Zweifel, die Wünsche, die Fehler. Hier ist nichts korrigierbar."


Kommentar von BertRollmops ,

Wow.. vollkommen anders gedeutet und doch voller Sinnhaftigkeit. 

Das Gedicht ist wirklich schön.. woher ist das, Schweden?

Kommentar von CherryBloom123 ,

Ja. Schweden. ich bin erleichtert denn ich habe bemerkt dass ich es vlt doch manchmal etwas umständig übersetzt hab, aber ihr konntet trotzdem was damit anfangen

Kommentar von BertRollmops ,

🍒🌸💌

Antwort
von mychrissie, 50

Tranströmer ist oft schwer zu verstehen (ich habe ihn leider nur in der deutschen Übertragung gelesen). Aber er verwendet ungeheuer neue, bisher noch nie genutzte Metaphern.

Das muss man lange in sich wirken lassen, um es nachfühlen zu können.

Es gibt in allen Kunstgattungen Werke, die wir spontan lieben und andere, die wir erst mal höchstens interessant finden. Aber wir wachsen in die Rezeption hinein.

Monet wurde am Anfang auch als reine Schmiererei empfunden. Heute finden wir ihn wunderschön – und zwar ohne uns anstrengen zu müssen. Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich "Ulysses", "Finnegans Wake" oder gar "Zettels Traum" so anstrengungsfrei wie eine Thomas Mann-Erzählung lesen kann. Und Lutoslawski und Penderecki so unangespannt hören wie ein Klavierkonzert von Mozart.

Kommentar von annasunflower ,

Gibt es zu Tranströmer eine deutsche oder englische Gedicht-Ausgabe, die du empfehlen kannst? Ich habe bisher noch nichts von ihm gelesen, aber dieses Gedicht hat es mir wirklich angetan. 

Kommentar von mychrissie ,

In englischen Übersetzungen kenn ich mich nicht so aus, aber es gibt sicher welche, immerhin hat Tranströmer 2011 ja den Literatur-Nobelpreis bekommen.

Infos zur deutschen Übersetzung:

Tomas Tranströmer "Sämtliche Gedichte" Edition Akzente, Hanser-Verlag. 19,90 €

Kommentar von BertRollmops ,

Klasse, danke!

Kommentar von annasunflower ,

Vielen lieben Dank! 

Antwort
von BertRollmops, 54

Das ist wunderschön und tief. Nicht einfach..

Ich sehe als großes Thema die Selbstsuche und die Trennung der Dinge. 

Die Steine sind Marker in unserer Biographie, anhand derer wir uns orientieren und unser Selbst definieren. Doch sind wir wirklich das, wofür wir uns halten? Ein Ego mit konstanter, konsistenter Biographie?

Die Steine fallen nach unten. Wir sind also weiter oben, auf einer Ebene mit Überblick.

Im Tal fehlt die Weitsicht. Dort sind wir verstrickt in unsere getriebenen Handlungen, die uns kreischend die Ruhe rauben und von der Essenz des Lebens wegtreiben. Doch dort ist das Alltagsleben, dort wachsen die Bäume. Und nur dort behalten diese Handlungen ihre Wichtigkeit. Noch weiter oben, als wir jetzt stehen, ist die Luft zu dünn, um Worte zu bilden, Bedeutungen zu interpretieren. Hier ist das reine Sein.

Am Rande des Plateaus unseres Bewusstseins wartet die andauernde Ewigkeit, ungetrübt von den Spielen des Lebens. Aus diesem Grund erwächst alles, was wir als Samsara, als Illusion des Weltenrades ansehen.

Wenn diese Illusion zerschlagen ist, bleibt keine Trennung. Und wir finden immer uns selber. Du bist der Träumer!

Kommentar von annasunflower ,

Es ist wirklich erstaunlich, wie unterschiedlich man etwas lesen kann - aber gerade solche Werke, die mehrere Deutungen zulassen, lohnen sich! Danke für diese Interpretation!  

Kommentar von BertRollmops ,

Ich bin Dir wirklich dankbar, cherrybloom! Lange nicht mehr so etwas gelesen..

Ich habe jetzt noch einen anderen Fokus: die Steine, die WIR geworfen haben. Hier ist eine Beziehung zu anderen Menschen im Spiel..

Antwort
von mychrissie, 37

Hier ist mal ein Scan, der vor allem die Zeilenumbrüche enthält, da ist es etwas leichter zu verstehen.

Kommentar von CherryBloom123 ,

oh mein gott:-/// sorry. das hätte ich auch machen müssen als es selber zu übersetzen... danke!

Kommentar von BertRollmops ,

Hey, das ist EINE Übersetzung. Du verwendest manchmal Ausdrücke, die mir mehr sagen als diese recht "kühle" Übertragung. Kreischen finde ich z.B. intensiver als schreien.. dagegen merkst Du Dir jetzt, dass es BaumWipfel heißt :) LG

Kommentar von mychrissie ,

Je weiter man nach Norden kommt, desto weniger "kreischen" die Menschen. Geh aber mal auf einen Markt in Sizilien. :-)))

Antwort
von killersnake, 57

Wie heißt das Gedicht?

Kommentar von CherryBloom123 ,

"Die Steine"

Kommentar von mychrissie ,

Muss ich gleich mal aus'm Regal ziehen. Ich glaube, da sind Dir versehentlich einige Fehler in die Übersetzung reingeraten, die das Verständnis noch zusätzlich erschweren.

Kommentar von CherryBloom123 ,

" Stenarna" (original)

Kommentar von killersnake ,

Das ist glaube ich sehr schwer zu verstehen... Das Ende hört sich für mich an als ob alle Taten zurückkommen (Karma) und dass man selber für seine Taten verantwortlich ist und nicht davor fliehen kann also die Schuld nicht wegwerfen kann

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