Frage von Desa18, 40

Verständnisfrage/Ethik was meint Hobbes damit?

Auf welche ethische Norm spielt er an? Und was meint man mit der Aussage?

"Alles zu tun, was die natürlichen Gesetze fordern, wie z.B. Gerechtigkeit, Billigkeit und kurz, andern das zu tun, was wir wünschen, dass es uns von andern geschehe, ist, wenn die Furcht vor einer Zwangsmacht wegfällt, den natürlichen Leidenschaften, Zorn, Stolz und den Begierden aller Art, gänzlich zuwieder."

Antwort
von berkersheim, 7

Vorsicht: Zweierlei sollte man bedenken. Aus welcher Zeiterfahrung heraus schreibt Hobbes sowas. Das ist die Zeit des englischen Bürgerkriegs, eine Zeit in der auch "The Beggars Opera" spielt, das Vorbild für Brechts Dreigroschenoper. In Frankreich waren die Hugenottenkriege mit brutalster Gewalt und Verleumdung und in Deutschland herrschte vorgeblich aus religiösen Gründen der 30jährige Krieg, der fast die halbe Bevölkerung weggerafft hat. Das war eine Zeit, in der der Zerfall staatlicher Macht durch den Zerfall in egoistische Interessengruppen begann. Dass da auch ein Philosoph das Vertrauen in die natürlichen Gesetze wie Gerechtigkeit, Billigkeit usw. verliert, ist sicher nachvollziehbar und kann nicht generalisiert werden, wie es leider oft geschieht.

In der Tat vertraut Hobbes nicht mehr in die Kraft des Guten, in die Kraft gesellschaftlicher Einsicht, dass Gerechtigkeit ein natürliches Gesetz ist. Doch ein Bürgerkrieg mit Opfern auf allen Seiten zerstört das gegenseitige Grundvertrauen, weil jeder dem anderen Unrecht zugefügt und Leichen im Keller hat.  D.h. wenn sich die Menschen in ihrer Lebensstrategie auf Misstrauen und Missgunst und andere ausbootende Cleverness eingerichtet haben, dauert es lange, bis sie wieder zu gegenseitigem Vertrauen zurückfinden. Eine in gemeinsamer, vernünftiger Einsicht gewählte Zwangsmacht kann diesen Prozess beschleunigen. Es bleibt dann immer noch die Notwendigkeit einer richtenden Gesetzesmacht, denn die "natürlichen Leidenschaften, Zorn, Stolz und den Begierden aller Art" wird es immer wieder geben als Störfaktoren einer friedlichen Gemeinschaft.

Man beachte also das doppelte "natürlich". Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und einem einfühlsamen Umgang miteinander ist genauso natürlich wie andererseits die unbeherrschten, zerstörerischen Leidenschaften. Für Hobbes ist der Mensch weder gut noch schlecht, sonder beides steckt in ihm und es ist einer Frage der gesellschaftlichen Organisation, des Gesellschaftsvertrags, die guten Eigenschaften zu fördern und die schlechten zu unterdrücken. Ich denke, dass sich das bis heute nicht geändert hat. Hobbes ist Realist, der allerdings in seiner Zeit das Wuchern schlechter Eigenschaften hautnah erlebt hat.

Antwort
von Shiftclick, 18

Ich denke, er gibt der Vermutung Ausdruck, dass Menschen nur unter Kontrolle eines mächtigen Staates (dem Leviathan) in der Lage sind, nach der Maxime zu leben: was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

Will sagen, er ist pessimistisch, dass Menschen sich aus freien Stücken anständig verhalten. Die natürlichen, angeborenen Leidenschaften sind Zorn, Stolz und Begierden aller Art und müssen in einer zivilisierten Gesellschaft im Zaum gehalten werden.

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