Frage von Marcell025, 68

Versmass, Versform und Metrum von Goethes "Verwaiste Liebe"?

Liebe Leute von heute

Kann mir jemand bei der Analyse von Goethes "Verwaiste Liebe" behilflich sein? Hier ist es:

Ihr verblühet, süße Rosen, Meine Liebe trug euch nicht; Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen, Dem der Gram die Seele bricht!

Jener Tage denk' ich trauernd, Als ich, Engel, an dir hing, Auf das erste Knöspchen lauernd Früh zu meinem Garten ging;

Alle Blüten, alle Früchte Noch zu deinen Füßen trug, Und vor deinem Angesichte Hoffnung in dem Herzen schlug.

Ihr verblühet, süße Rosen, Meine Liebe trug euch nicht; Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen, Dem der Gram die Seele bricht!

Ich kam bezüglich des Versmasses zu folgendem Resultat: xXxXxXxX (Absatz) xXxXxXx (Absatz) xXxXxXxX (Absatz) xXxXxXx (Absatz)

x=unbetont, X=betont

So wie es aussieht wechselt es zwischen Dreiheber undV Vierheber?! Oder wie ist es richtig?

Danke im voraus! Freundliche Grüsse Marcell025

Antwort
von Riverside85, 45

Lies das einmal laut mit deinen Betonungen, dann merkst du, daß das nicht stimmen kann. 

Wir haben hier einen ganz normalen Trochäus: betont-unbetont. 

Kommentar von Marcell025 ,

Aber wie ist denn das Versmass? Die 1. und 3. Zeile sieht nach einem Vierheber aus, die 2. und 4. endet aber mit einem halben Trochäus, also nur mit einem X...

Kommentar von Riverside85 ,

Das Versmaß ist überall gleich, in allen vier Strophen: Es beginnt immer mit betont und endet immer mit betont. Auszählen kannst du das selber, dann hast du den vierhebigen oder was auch immer das dann ist. 

Einen halben Trochäus gibt es nicht. 

Man spricht von weiblicher oder männlicher Kadenz, je nach dem ob die Zeile auf betont oder unbetont endet. Hier ist alles in männlicher Kadenz (letzte Silbe betont). 

Kommentar von Marcell025 ,

Entschuldige meine Unfähigkeit, aber ich verstehe es gerade nicht:

So hat doch die erste Zeile 8silben und die zweite hat 7Silben. Wie kann dies regelmässig sein?

Kommentar von Riverside85 ,

Ich weiß nicht, worauf du mit "regelmäßig" hinauswillst.

Gezählt werden nur die betonten Silben nicht alle Silben. Du brauchst einfach nur die betonten Silben zählen und je nach deren Anzahl hast du deinen dreihebigen oder was auch immer Trochäus. 

Das mit der unbetonten Silbe am Ende in Zeile 1 und 3 der jeweiligen Strophe ist einfach nur die Kadenz. 

Kommentar von Marcell025 ,

Also noch einmal mein Verständnisproblem:

Jede Strophe ist so aufgebaut:

XxXxXxXx  (hier hat es 4 Trochäen, also 4 mal Xx)

XxXxXxX (hiet hat es 3 Trochäen und ein X zusätzlich)

XxXxXxXx

XxXxXxX


So ist jetzt die zweite Zeile nicht vollständig, da ja eine unbetonte Silbe(x) fehlt, dass es so wie in der ersten Zeile wäre.



Kommentar von Riverside85 ,

Jetzt sehe ich den Denkfehler. ^^

Das ist alles richtig, wie du es so aufgeschrieben hast. Das Problem ist nur dein "halber Trochäus" in Zeile 2 und 4. Der halbe ist einfach nur eine männlich Kadenz, ist also quasi tatsächlich nicht ganz vollständig, weil die unbetonte Silbe am Ende fehlt. Genau das meint man aber mit männlicher und weiblicher Kadenz. Es sind trotzdem immer vier Trochäen. Nur mit unterschiedlicher Kadenz. 

Kommentar von Marcell025 ,

Vielen Dank! Jetzt glaube ich es zu verstehen!

Noch zur Kontrolle, ob ich es wirklich verstanden habe:

Auch wenn eine Silbe fehlt, kann es dennoch als vierhebiger Trochäus betrachtet werden, man nennt die einzige vorhandene Silbe im letzten Trochäus aber Kadenz. Folglich hat es in der ersten und dritten Zeile also keine Kadenz.

Ist dies so richtig?

Kommentar von Riverside85 ,

Noch nicht ganz:

Eine Kadenz hat jede Zeile und jedes Versmaß. Man unterscheidet zwischen weiblicher (Zeile endet auf unbetonte Silbe) und männlicher Kadenz (Zeile endet auf betonte Silbe). In diesem Fall haben wir eine männliche Kadenz in den Zeilen 2 und 4 sowie eine weibliche Kadenz in den Zeilen 1 und 3. 

Eine Kadenz gibt es also immer und es ist nicht die einzelne Silbe, die als Kadenz bezeichnet wird. 

Kommentar von Marcell025 ,

Vielen Dank für die Antwort!

Bei dem Gedicht handelt es sich also um einen vierhebigen Trochäus in allen Zeilen, obwohl jeweils in der 2. und 4.Zeile eine Silbe fehlt. Stimmt das?

Wie wäre es denn beim umgekehrten Fall:

Die Liebe gleicht der Welle,
Die plätschernd sich erhebt,
Wer weiß, woher sie flutet,
Wer weiß, wohin sie schwebt;

Wer weiß, ob sie uns schaukelnd
Nicht sanft zum Hafen bringt,
Wer weiß, ob sie als Woge
Nicht unser Schiff verschlingt.

Hier haben wir ja einen Jambus in allen Zeilen. Also folgendermassen:

xXxXxXx (7Silben)

xXxXxX (6Silben)

xXxXxXx

xXxXxX

Handelt es sich hier um einen drei- oder vierhebigen Jambus?

Freundliche Grüsse und schönes Wochenende!

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