Frage von R3shi, 53

Vermeiden Kapitalistisch zu Leben?

In Filmen sieht man ja oft das die Sowjets damals die Amerikaner oft als Kapitalisten abstempelt haben. Ob das wahr oder falsch ist sei mal dahingestellt aber wie unterschied sich der Alltag eines kommunistischen Bürgers in der Sowjetunion von der eines kapitalistische Bürgers in den USA? Oft hört man ja auch von "Kapitalistischen Medien" die einen nur manipulieren wollen. Welche Möglichkeiten gibt es für einen normalen Deutschen heutzutage dem Kapitalismus aus dem Weg zu gehen? Sei es nun in den Medien oder im allgemeinen Alltag.

Antwort
von MrHilfestellung, 37

Über den Alltag eines Sowjets kann ich dir nicht allzu viel sagen.

Der Durchschnittsbürger ging aber genau wie der Durchschnittsamerikaner jeden Tag geregelt zur Arbeit usw.

Der Lebensstandard war aber natürlich insgesamt niedriger und die Meinungsfreiheit mal mehr mal weniger eingeschränkt.

Den Kommunismus hat die Sowjetunion aber sowieso nie erreicht, also ist es falsch von einem "kommunistischen" Bürger zu sprechen.

In Deutschland und so gut wie allen anderen Staaten ist es nicht möglich dem Kapitalismus vollständig zu entgehen. Sicher du kannst in irgendeiner autonomen Wagenburg oder einem besetzten Haus leben mit der kapitalistischen Außenwelt wirst du trotzdem interagieren müssen.

Antikapitalistische bzw. kapitalismuskritische Medien gibt es aber zuhauf. Bspw. Neues Deutschland, Junge Welt, Jungle World usw.

Aber natürlich müssen sich auch diese im Kapitalismus behaupten.

Dass die kapitalistische Medien uns alle manipulieren ist aber Quatsch. Die stellen halt ihren Standpunkt dar.

Kommentar von R3shi ,

Wenn man es aber anders herum sehen würde. Wenn man einen wahren Kommunisten in das heutige Deutschland schicken würde. Welche dinge würde er dort höchstwahrscheinlich kritisieren oder gar vollständig ablehnen?

Kommentar von MrHilfestellung ,

Schwierig das nur auf Deutschland zu beziehen. Im Prinzip ist es abzulehnen, dass Deutschland seinen Wohlstand und die deutschen ihre Güter und Luxusgegenstände auf dem Rücken anderer Menschen erarbeitet.

Außerdem ist abzulehnen, dass ein wirtschaftlich enorm starker Staat wie Deutschland sich weigert so vielen Menschen wie möglich zu helfen aus ihrem Elend, sei es wirtschaftlich bedingt oder aufgrund von Verfolgung, zu entkommen.

Antwort
von alashatt, 7

Die Diskussion über die Sowjetunion mal beiseite, weil es ja nicht das ist, was dich hier primär interessiert: Man kann es nicht "vermeiden" in einer kapitalistischen Gesellschaft "kapitalistisch" zu leben. Unter der heutigen Linken herrscht leider größtenteils ein anderes Kapitalismusverständnis vor: Für sie ist Kapitalismus eine Auferlegung von oben, durch "die Medien", "die" herrschende Klasse (oder was sie als diese auffassen) usw., wodurch die "normalen", ("natürlichen"?) Interessen der einfachen Menschen verzerrt und abgelenkt werden. Es ist nicht unberechtigt, hier eine Parallele zum Antisemitismus zu ziehen: Der vermeintliche Urzustand der Gesellschaft ist gut, bis der Eindringling (der Jude oder in diesem Fall der Bourgeois) von außen hereinkommt und alles schlecht macht. Beseitige den Eindringling und alles ist wieder in Ordnung.

Das ist kilometerweit von Marx' Auffassung des Kapitalismus entfernt, die wesentlich tiefgründiger war. Für Marx ist der Kapitalismus eine gesellschaftliche Totalität, die durch jedes in ihm lebendes Subjekt aktiv konstituiert wird. Alle Männer und Frauen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft beziehen sich aktiv auf die Totalität und gestalten sie dadurch. Essentialismus, d.h. die Auffassung von transhistorischen, "natürlichen" Interessen ist dem Marxismus fremd. Vielmehr erzeugt jede historische Epoche eine eigene Rationalität, um die sich der gesellschaftliche Antagonismus (zwischen den Klassen) und die "Interessen" der jeweiligen Klassen drehen. Der Arbeiter, der gegen den Kapitalisten in den Streik zieht, der Linksaktivist aus der Mittelklasse, der vegan lebt und Fairtrade konsumiert, sie alle sind genauso Teil der kapitalistischen Gesellschaft wie die Mainstreammedien, Konzerne und Aktionäre. Auch wenn du dich dazu entscheiden würdest, in den Wald zu gehen und ein primitives Leben, abgeschottet vom Rest der Welt, zu führen, ist das eine Relation zur kapitalistischen Totalität, weil deine Opposition zu ihr diese Entscheidung erst hervorgebracht hat und konstituiert. Selbst der kommunistische Revolutionär ist letztendlich Teil der kapitalistischen Gesellschaft, weil diese nicht einfach eine definitive, harmonische Umwelt ist, sondern das Fundament für ihre eigene Aufhebung bietet.

"Aufhebung" ist hier das entscheidende Stichwort, denn wenn Marxisten dieses Wort verwenden, hat es eine ziemlich einzigartige Bedeutung. Der Begriff ist ursprünglich Hegels Dialektik entnommen und geht weit darüber hinaus, bloße Beseitigung oder Abschaffung zu bedeuten. Etwas im dialektischen Sinne aufzuheben bedeutet, sich diesem "Etwas" entgegenzustellen und ihm gleichzeitig treu zu bleiben; es nicht nur negieren, sondern gleichzeitig forttragen, in seiner Tradition stehen wollen. Ganz naiv ausgedrückt: Der Kapitalismus wird "abgeschafft", während das, was es wert ist, gerettet zu werden, gerettet wird. Deshalb stehen wir Kommunisten in der Tradition der bürgerlichen Revolutionäre und nicht das heutige Bürgertum: Wir wollen die bürgerliche, formale Demokratie aufheben, um die Werte der Französischen Revolution fortzutragen und zu verwirklichen. Wir sagen nicht, dass die formale Demokratie an sich unberechtigt ist, sondern verteidigen sie gegenüber der "Authentizität" (im Hinblick auf die Grausamkeit und Unterdrückung) des russischen und chinesischen Staatsapparats; wir sagen nur, dass die bürgerliche Demokratie nicht demokratisch genug ist.

Oder, um dir ein anderes Beispiel zu geben: Marx war hegelianischer als Hegel selbst, indem er ihn (d.h. seine Dialektik) aufgehoben hat. Seine Kritik an Hegel zielte nicht auf dessen bloße Beseitigung ab und darauf, dass wir alle Hegel und den Deutschen Idealismus vergessen sollten. Im Gegenteil, Marx argumentierte, dass die Schranken des Idealismus Hegel dazu brachten, seine dialektischen "Prinzipien" zu verraten. Daher ist der marxistische Materialismus das wahre Erbe des Hegelianismus. Daher konnte Marx 30 Jahre später, als Hegel im deutschen Diskurs irrelevant war, behaupten, dass er Hegels Dialektik "vom Kopf auf die Füße" stellte und seinen "rationellen Kern" aufdeckte, und sich gleichzeitig als Schüler des "großen Denkers" bezeichnen. Daher konnte Marx Feuerbachs Materialismus dafür kritisieren, vorhegelianisch zu sein: Feuerbach wollte Hegel vergessen, weil er Idealist war, aber ignorierte dabei, dass der einzige Materialismus, der seinem Namen und seinen postulierten Prinzipien würdig ist, nur aus dem Deutschen Idealismus herauswachsen konnte.

Der springende Punkt ist also, man kann den Kapitalismus nicht "vermeiden", man kann ihn nur aufheben; man kann ihn nicht entfernen, sondern ihn als aktives Subjekt, als aktiver Teil des Kapitalismus von innen heraus transformieren. Das ist die Essenz des Kommunismus.

Was das alltägliche Leben in einer kommunistischen Gesellschaft betrifft, lässt sich darüber nicht viel sagen. Wir können uns weniger ausdenken, wie es aussehen wird als wie es nicht aussehen wird. Das heißt, selbst wenn wir sagen können, dass, sagen wir, Kunst notwendigerweise avantgardistisch sein wird, dann auch nur, weil wir - naja, erstens diese historische Erfahrung bereits gemacht haben (Russland), aber auch zweitens, weil die romantische Kunst, also diejenige, die an die bürgerliche Sentimentalität appelliert, nun mal durch bürgerliche Standards für Schönheit etc. aufrechterhalten wird. Das ist nochmal ein anderes komplexes Thema, darauf müssen wir gar nicht näher eingehen, ich versuche nur zu erklären, worauf ich hinaus will.

Was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass die Rationalität der kommunistischen Gesellschaft sich qualitativ, d.h. essentiell von der kapitalistischen unterscheidet. Der Kommunismus ist nicht einfach nur ein "besserer" Kapitalismus, in anderen Worten, er gibt nicht vor, "die" Bedürfnisse des Menschen besser oder effizienter befriedigen zu können. Das Argument ist, dass der Kommunismus das Leben in allen denkbaren Aspekten (Produktion, Kultur, ja, auch das sogenannte Privatleben) radikal verändert, dass Menschen also neue "Bedürfnisse" entwickeln. Es gibt keinen "Luxus" im Kommunismus usw.

Was eine kommunistische Gesellschaft grundsätzlich treibt, ist die endlose Beherrschung der Natur durch den Menschen, nicht mehr als Mittel zu irgendeinem Zweck, sondern als Selbstzweck. Der Kommunismus beseitigt den gesellschaftlichen Antagonismus, wodurch nur noch der Antagonismus zwischen Mensch und Natur bleibt. Anstatt also unter der konsumeristischen Rationalität des Kapitalismus zu produzieren, werden eher von der Menschheit als Gesamtes koordinierte Großprojekte im Mittelpunkt stehen, wie etwa Geoengineering (also die buchstäbliche Anpassung des Ökosystems nach dem Willen des Menschen), Weltraumfahrten und die Besiedelung neuer Planeten (zugegeben, ein Ziel, von dem wir noch sehr weit entfernt sind, aber warum nicht?), die Transformierung des menschlichen Körpers durch entweder Gentechnik/Bioengineering oder Nanotechnologie etc. etc. etc.

Ich sollte hinzufügen, dass ich, und ich meine das ernst, dir hier nur eine sehr kurze Zusammenfassung von Themen geben kann, die wesentlich umfangreicher und sehr schwierig sind. Wir sprechen hier von Sachen, die man nicht mal eben auf einer Internetplattform vollständig begreifen kann und das erwarte ich auch nicht von dir. Ich hab versucht, es so verständlich wie möglich zu erklären. Wenn trotzdem irgendetwas unklar sein sollte, kannst du mich darauf hinweisen und ich will versuchen, es zu erläutern.

Antwort
von regex9, 22

Alltag der Bürger unter Stalin:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article12045649/Stalins-millionenfacher-Hu...

Kapsel dich ab von der Gesellschaft oder suche nach einer Wohngemeinschaft, die sich ihre eigenen Prinzipien gesetzt hat. Vielleicht kommst du so dem antikapitalistischen Leben näher.

Antwort
von Trollkeks, 7

Du bist leider mehr oder weniger dazu gezwungen. Du könntest in Wohngemeinschaften leben oder alles für dich selbst herstellen, aber das funktioniert heutzutage auch kaum.

Man könnte auch nach Nordkorea auswandern :3

Das einzige was man hier machen kann ist rebellieren, sich bilden, den großen Medien aus dem Weg gehen, vermeiden Großkonzerne zu unterstützen, sich organisieren und Leute von seiner Meinung überzeugen. 

Antwort
von Attagus, 23

Du kannst dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in welchem wir leben und das uns den heutigen Wohlstand überhaupt erst ermöglicht, nur entgehen, indem du dich aus dieser Gesellschaft zurückziehst und irgendwo auf einer Insel in einer Kommune lebst, die kein Geld nutzt.

Antwort
von mairse, 20

Weißt du denn überhaupt was der Kapitalismus ist?

Wir leben in einer zum Großteil kapitalistischen Welt, es ist nicht möglich dem aus den Weg zu gehen ohne das normale Leben aufzugeben.

Der Kapitalismus ist allgegenwärtig.

Antwort
von GNLS18, 23

Das ist so gut wie nicht möglich.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten