Frage von kindagurl, 95

Verliebtsein aus philosophischer Sicht?

Wenn ein Mensch in einen anderen wirklich sehr verliebt ist, weil er sich ihm verbunden fühlt durch verschiedene Sachen (z.B. dass ihn die gleichen Dinge beschäftigen, er gleiche Vorstellungen hat vom Leben und der Welt, den gleichen Humor hat usw.) wie kann es dann sein, dass dieses Verliebtsein manchmal nicht auf Gegenseitigkeit beruht? Weil wenn zwei Menschen zusammenpassen dann sollte der andere es doch auch merken oder? Ist das nicht so eine Art Urinstinkt, der da eintritt? Es war ja früher auch so, dass sich Mann und Frau so zusammengefunden haben, wie sie am besten zusammenpassen damit sie starke, überlebensfähige Nachkommen zeugen konnten. Die zwei müssten sich doch in dem Fall fast magnetisch anziehen? Oder kann es gerade deshalb so sein, dass zwei zwar gleich, aber zusammen zu schwach wären (sich gegenseitig nicht stärken sondern eher runterziehen würden) und da auch der Urinstinkt das zusammenkommen verhindert?

Bitte nur antworten wenn du die Frage ernstnimmst, danke.

Antwort
von Andrastor, 27

Übers Verliebtsein und Verlieben kann man nicht wirklich philosophieren. Es ist so ziemlich bis aufs kleinste Detail ergründet und erforscht.

Ebenso die Fragen die du hier stellst:

wie kann es dann sein, dass dieses Verliebtsein manchmal nicht auf Gegenseitigkeit beruht?

Das kann sehr viele Gründe haben. Nennen wir unsere beiden Menschen A und B. A ist in B verliebt und empfindet diese Liebe so wie du sie beschrieben hast.

All diese Gefühle sind jedoch rein subjektiv. Sie sind ausschließlich im Menschen A und dringen höchstens durch einige Pheromone und Verhaltensmuster nach aussen.

Es kann nun beispielsweise sein dass Mensch B...

...weder die Pheromone noch die Verhaltensmuster erkennt.

... bereits eine/n Partner/in hat

...Mensch A trotz der Gemeinsamkeiten nicht anziehend findet.

...unter psychischen Problemen wie Stress, Depression, Angststörungen etc. leidet, welche das Verlieben erschweren bzw. unmöglich machen.

u.v.m.

Weil wenn zwei Menschen zusammenpassen dann sollte der andere es doch auch merken oder?

Ja und nein. Menschen merken es durchaus ob sie zusammenpassen, jedoch ausschließlich auf genetischer Ebene. Wenn dir der Geruch eines Menschen zusagt, bedeutet das dass eure Gene zusammenpassen. Bei Menschen bei denen die Gene nicht zusammenpassen, empfindest du ihren natürlichen Geruch als unangenehm.

Das geschieht durch Pheromone. Diese beinhalten Informationen über das Immunsystem des Menschen und diese werden vom Gehirn verglichen und bei unpassendem Immunsystem wird der Geruch als unangenehm interpretiert.

Alle anderen Arten des "Zusammenpassen" sind für den Körper irrellevant und daher nehmen wir diese auch nicht wahr.

Es war ja früher auch so, dass sich Mann und Frau so zusammengefunden
haben, wie sie am besten zusammenpassen damit sie starke,
überlebensfähige Nachkommen zeugen konnten.

1.) Nur aufgrund der oben beschriebenen Pheromone

und 2.) Hat man festgestellt dass unsere Vorfahren zum Einen polygam gelebt haben, sprich es gab keine festen Ehen von ausschließlich 2 Partnern und der ganze Stamm hat bei der Kindererziehung geholfen und

3.) Haben unsere weiblichen Vorfahren (zumindest in einer gewissen Zeitspanne) ihre Partner nach der Größe deren Genitalien ausgewählt. Das ist auch der Grund warum der Mensch unter den Säugetieren im Vergleich zur eigenen Körpergröße den größten Penis hat.

Alle Klarheiten beseitigt?

Kommentar von kindagurl ,

Wow darf man fragen woher du das weißt? (Studium?) Das war mal wirklich hilfreich.

Kommentar von Andrastor ,

Biologiestudium und Eigenstudium weil mich die Materie interessiert.

Liebe ist, wenn man sie analysiert, nicht halb so romantisch wie man sie empfinden kann, aber so lernt man viel über die Liebe an sich und sich selbst.

Falls du noch Fragen hast, nur raus damit. ;)

Kommentar von kindagurl ,

Haha ist ja cool, Biologie zu studieren hatte ich eh schon in Betracht gezogen und du hast mich noch ein bisschen mehr bestärkt! :)

Kommentar von Andrastor ,

Meiner Meinung nach gehören Biologie und Psychologie zu den interessantesten Fächern die man studieren/lernen kann. Herauszufinden WIE die Dinge funktionieren macht mir persönlich Riesenspaß und jede neue Information ermöglicht eine Kettenreaktion an neuen Erkenntnissen und AHA-Erlebnissen ;)

Kommentar von knallpilz ,

Das war jetzt Verliebtsein aus biologischer Sicht...

Kommentar von Andrastor ,

Es gibt keine andere Sicht, da es sich um einen rein biologischen (um genau zu sein biochemischen) Vorgang handelt.

Natürlich kann man das ganze Thema unnötigerweise romantisieren, aber das ergibt keinen Sinn, immerhin romantisiert man ja auch den Stuhlgang nicht (aus gutem Grund).

Antwort
von whynot63, 14

Hallo!

Ich habe bereits einen Kommentar zu der Antwort von JBEZorg abgegeben und kann dem, was sie geschrieben hat, auch nicht mehr viel hinzufügen - denn besser und richtiger kann man es kaum sagen.

Ich glaube, man muß einfach zwischen Verliebtheit und Liebe unterscheiden. Dann wird auch einsichtig, weshalb man sich selber zwar in jemanden verlieben kann, dieser das umgekehrt aber nicht tut.

Eine Verliebtheit kann durch alles Mögliche ausgelöst werden, Liebe hingegen bezieht sich immer auf das Wesen eines anderen.
Eine Verliebtheit kann sich etwa auf das Aussehen beziehen (und das z. B. muß eben nicht notwendig auf Gegenseitigkei beruhen) oder auf die erotische Anziehung oder meinetwegen auch auf die angesprochenen Pheromone. Oder einfach auch auf Erwartungen, die man selber hat. Auf irgendwelche einzelnen Aspekte, Vorteile, Vorzüge.
Bei der Liebe hingegen spielt das Wesen eines Menschen - in seiner Gesamtheit, also durchaus auch etwaige "negative Aspekte" - die entscheidende Rolle.

Aus diesem Grund läßt einen die Liebe auch wachsen, während die Verliebtheit schwindet, sobald der ursprüngliche Reiz durch die Gewöhnung abstumpft oder Schattenseiten sichtbar werden (und dann vielleicht gleich die Flucht angetreten wird).
Ebenfalls aus diesem Grund ist Verliebtheit im Grunde mehr oder weniger beliebig (einzelne Eigenschaften und Vorzüge wird man bei vielen Menschen finden), während Liebe ewas viel Beständigeres und Verbindenderes (aber auch Herausfordernderes) ist, das auch nicht so leicht aufgegeben wird, weil man einem Menschen, dessen Wesen man liebt, nicht so oft begegnet im Leben als einzelnen Eigenschaften und Eigenheiten.

Mit einer Verliebtheit kommt man vielleicht bis zur nächsten Straßenecke, mit der Liebe (mit etwas Glück) durch das ganze Leben, durch Dick und Dünn, bis ans Ende der Welt, wie man sagt.

Vielleicht kann man es ein wenig vergleichen mit einer Heimat. Eine Heimat, wo immer sie ist, läßt sich nicht austauschen, es ist mit einem besonderen Gefühl verbunden, auch wenn es anderswo genauso aussehen mag, es dieselben Dinge gibt, man genauso vor dem Fernseher oder dem PC sitzen kann usw. All das Äußere mag sich ganz ähnlich sein. Doch das Innere, die Verbindung, die man dazu hat, sind völlig anders.
Liebe, diese tiefe Liebe, die den Namen auch verdient, ist, könnte man sagen, eine Art "Seelenheimat". Und das ist eben etwas ganz anderes als Verliebtheit oder erotischer Reiz oder Beziehung um der Beziehung willen.

Liebe Grüße

Antwort
von JBEZorg, 25

Es gibt viele Lieben. Das wird meistens unter den Tisch gekehrt. Die meisten davon(wenn man ehrlich zu sich selbst ist) sind egoistisch, Werden aber immer noch Liebe genannt oder für Liebe gehalten. Und eine egoistische Liebe ist auch subjektiv und auf vielen Augen blind und schaut ganz und garnicht drauf ob man den zu dem anderen wirklich passt. Es wird von "Verliebten" zurechtgemacht und zugeschnitten was das Zeug hält bis man ein Bild von der perfekten eigenen Liebe hat und dann hat das Objekt der Liebe bitte schön diesen Vorgaben zu entsprechen. Diese Art von "Liebe" ist viel verbreiteter als man glaubt. Weil die wenigsten sich trauen in den Spiegel zu schauen und sich selbst ins Gesicht zu sagen was denn was ist. Viel zu oft ist de Liebe das Besitzenwollen von etwas was einem gefällt(muss nicht mal ein Mensch in direktem Sinne sein. Man ergötzt sich auch gerne an dem eigenen Verliebtsein oder an den Taten, die man im Namen der Liebe vollbringt).

Liebe ist aber selbstlos. Und um so zu lieben muss man an sich selbstlos sein. Wer ist das schon? Liebe will nicht besitzen, Liebe will niemand "mein" nennen. Liebe kann auch nicht zu negativen Emotionen und Gefühlen führen. Wer verliebt ist, ist jede Sekunde glücklich. Wenn man so liebt, ja dann müsste der/die Geliebte einafch von den Strahlen dieser Liebe erfasst werden und könnte hr kaum widerstehen.

Aber wir sind ja eher bemüht Beziehungen zu führen und den Kauf des Eigenheims auf Pump zu planen. Und viele werden sagen, dass es ja auch praktischer ist und sie werden Recht haben.

Kommentar von kindagurl ,

Das hast du ehrlich wunderbar formuliert. Und auch diesen Ansatz finde ich absolut plausibel und einleuchtend. Aber unter welchen Voraussetzungen packt dann zwei Menschen gleichzeitig die Liebe, die sich noch nicht allzu lange kennen? Und: was geht vor sich, wenn man auch die negativen Seiten und die Seiten, die nicht zu einem passen, erkennt und trotzdem noch verliebt ist?

Kommentar von JBEZorg ,

Ich sehe Liebe als eine universelle Kraft, die einen läutert. Sie kann dich zu einem besseren Wesen machen. Und ich glaube auch sie kann Andere besser machen. Dass man die negativen Aspekte an anderen Menschen erkennt ist unumgänglich selbst für Verliebte. Wenn man aber nicht urteilt und verurteilt kann man Wunder vollbringen. Alle Boshafigkeit ist machtlos vor einem Menschen, der sich selbst ihr nicht ergibt.

Wenn zwei Menschen diesen Funken in sich haben, dann kann zwischen ihnen die Liebe wachsen, denn sie werden sich gegenseitig vergeben und sich bessern wollen.

wenn man auch die negativen Seiten und die Seiten, die nicht zu einem passen, erkennt und trotzdem noch verliebt ist?

Es gibt keine perfekten Menschen. Und einen nicht perfekten Menschen zu lieben ist ja DIE Liebe, denn das heisst, dass man seine Fehler und Kanten ihm nicht zum Vorwurf macht und ihm mit gutem Willen begegnet. Mit Liebe eben.

Das kann natürlich nicht immer perfekt enden. Man sollte aber nie den eigenen Bemühungen nachtrauern oder eben dem Verlust von etwas was man nie besessen hat.

Kommentar von whynot63 ,

Sehr gut geschrieben, JBEZorg, wirklich großartig! Wenn Du das nicht nur schreibst, sondern auch lebst, dann kann man nur Hochachtung vor Dir haben!

Das gefällt mir wesentlich besser und ist auch bei weitem richtiger und tiefsinniger als dieser biologistische Ansatz, der, denkt man einmal ernsthaft darüber nach, ja einigermaßen lächerlich ist, aber eben dem rationalistischen Zeitgeist entspricht, auch wenn ihm alle Hände und Füße fehlen.

Liebe vermag zwar vielleicht nicht alles, aber zumindest sehr vieles - wenn es denn Liebe ist.

Antwort
von Ottavio, 19

Ich finde es eigentlich erstaunlich, wie wenig sich die Philosophie mit dem Thema Liebe beschäftigt hat. Eigentlich müsste sie doch ein wichtiger Bestandteil der philophischen Anthropologie sein und es müsste einen breiten philosophischen Kurs darüber geben. Aber auf Anhieb fallen mir dazu nur Platons Symposion ("Gastmahl") und Simone de Beauvoirs Das Andere Geschlecht ein. Freilich, wenn man jetzt die Psychoanalyse usw. mit zur Philosophie rechnet, wird das Spektrum wesentlich breiter.

Deine, kindagurls, Vorstellung, dass Liebe darauf beruht, dass Gleiches sich zusammenfindet, könnte man herauslesen aus einem der verschiedenen Beiträge im Symposion, dem von den geteilten Leibern. Im Hinblick auf heterosexuelle Liebe halte ich sie für eher falsch. Platon war eher homosexuell. 

Nun hat die Libido der Menschen ja immer einen heteroerotischen und einen homoerotischen Anteil. Der homoerotische Anteil dient dem Zusammenhalt der Horde und spricht vor allem an auf Geschlechtsgenoss_in_en der eigenen Horde, also mit ähnlichen Genen. Andrastor hat schon angedeutet, wie das (unter anderem) an Pheromonen erkannt wird. Im Gegenschluss  bezieht sich Fremdenfeindlichkeit  vor allem auf Fremde des eigenen Geschlechts.

Andererseits ist m.E. zu beobachten, dass für Heterosexuelle Menschen Fremde des jeweils anderen Geschlecht eine besonders hohe erotische Anziehung ausüben (auch wenn das nur selten ausgelebt wird.) 

Das entspricht der biologischen Beobachtung, dass aus der Mischung besonders unterschiedlicher Gene derselben Art meist besonders lebenstüchtiger Nachwuchs entsteht. Die Ausbildung möglichst vieler Immunitäten ist ein Aspekt davon, die Hybridisierung in der Pflanzenzucht ein anderer.

Die Inzesthemmung und Exogamie, die von Freud ausführlich beschrieben wurde, ist ein psychologischer Aspekt dieses Phänomens. Die Schimpansenforschung von Frans de Waal zeigt, dass es ähnliche Phänomene auch bei Schimpansen schon gibt.

Kommentar von kindagurl ,

Auch von deiner Antwort bin ich absolut begeistert, danke für die Ernsthaftigkeit, mit der du meine Frage beantwortet hast. Du scheinst philosophisch wirklich sehr informiert zu sein. Vielen Dank für deine einleuchtenden Ansätze!

Kommentar von Ottavio ,

Danke für Deine positive Bewertung., Die engen Grenzen meiner philosophischen Infformiertheiit kenne ich sehr gut; aber ich habe einmal erfolgreich  Philosophie studiert ..

Kommentar von kindagurl ,

Darf man fragen, ob und wenn ja, was du aus dem Studium dann gemacht hast? Denn ich interessiere mich sehr für Philosophie aber weiß nicht, was ich damit nach dem Studium machen sollte...

Kommentar von Ottavio ,

Ich war Lehrer am Gymnasium. Allerdings hatte ich noch zwei weitere Fächer.

Antwort
von achimhausg, 10

Liebe ist eine Form des Wahnsinns, weil sie zwangsläufig dazu führt, dass zwei Körper versuchenden den  gleichen Raum einzunehmen, was zwar nicht gelingt, weil es physikalisch unmöglich ist,  aber  Spaß macht und der Arterhaltung dient.

Antwort
von wuerfli, 22

Erich Fromm schrieb:

"Zwei Menschen verlieben sich ineinander, wenn sie der Meinung sind, das Beste am Markt verfügbare Objekt zu kriegen unter Berücksichtigung des eigenen Wertes"

Wenig romatisch, aber Fromm ist einer der bekannteren Philosophen Deutschlands.

Kommentar von RosaliaMagnolia ,

Ja. Das ist Philosophie! Aber auch dieses Konzept klärt nicht warum der eine verliebt ist und der andere nicht.

Kommentar von kindagurl ,

Ja zieh ich auch in Betracht also klingt plausibel aber wieso passt es dann bei so vielen? Also dass viele zufällig die gleiche Ansicht haben und absolut dieselbe Vorstellung von dem perfekten puzzlestück zu ihrem Wert? Und wenn sich jemand in einen verliebt, der sich nicht auch in ersteren verliebt, hat dann erstere eine falsche Vorstellung von seinem Wert oder schätzt er seinen Wert zu hoch ein? Oder liegt das einfach an dem Toleranzbereich den es evtl gibt? (Hoffe das ist verständlich ausgedrückt)

Kommentar von wuerfli ,

Naja, wenn sich bspw. ein Mann in eine unerreichbare Frau verliebt, das ist ja blöd.

Dann müsste er ja sein Leben lang alleine bleiben. Darum ist es notwendig, daß er sich wieder entliebt und wieder verliebt usw. bis der richtige Deckel gefunden ist, der passt.

Kommentar von Ottavio ,

An den Gedanken, dass Erich Fromm ein Philosoph war, muss ich mich erst gewöhnen. Eigentlich war er ja Arzt und Psychoanalytiker und mit der philosophischen Diskussion weniger vertraut. Andererseits greift diese zunehmend auf die Psychoanalyse zurück, und die Psychologen schieben sie ab in die Philosophie.

Hello, Psychoanalyse, wellcome to the club !

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