Frage von antvc, 62

Unterschied der Menschenrechtserklärung von 1789 & deren Vorbilder + Kritik?

Also ich würde gerne wissen worin sich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits, de l'Homme et du Citiyen) von deren Vorbildern wie beispielsweise der Bill of Rights unterscheidet? Wenn mir zusätzlich noch jemand Kritikpunkte zur Menschenrechtserklärung von 1789 nennen könnte wäre das prima. Als Kritik hab ich bis jetzt nur aufgeschrieben, dass Frauen immer noch nicht wählen durften und das viele Menschen trotz Recht auf Meinungsfreiheit hingerichtet wurden aufgrund dessen, dass sie öffentlich ihre Meinung gesagt haben. Vielen Dank im Voraus

Antwort
von Grautvornix16, 23

Hi,- ein interessantes aber auch sehr komplexes Thema. Wer versucht, dieses an dieser Stelle auf einen überschaubaren Kern oder "Roten Faden" zu komprimieren geht natürlich auch das Risiko ein, nicht alles was dem einen oder anderen als wesentlich erscheint zu erfassen. Ich will es aber mal versuchen.

Nach dem "Roten Faden", den ich sehe könntest du aber auch bei der "Magna Carta" anfangen soweit es um codifizierte Formen von Emanzipationsversuchen gegen die Vorstellung einer unumschränkten / absolutistischen Vorstellung von Herrschaftslegitimation geht. Als nicht-codifizierte Form dieser In-Frage-Stellung könntest du aber sogar die Bauernkriege (Thomas Münzer) in Deutschland sehen, soweit es um ein erstes Aufflackern eines kritischen Bewußtseins im Verhältnis des Menschen zu dieser Form des Machtanspruches Einzelner über Viele geht.

Zum "Roten Faden: zwischen der Magna Carta und der Proklamation der Allgemeinen Menschenrechte durch die UNO-Vollversammlung 1948 ist eine Entwicklung zu beobachten, die sich von einer "Bindestrich-Emanzipation" bestimmter gesellschaftlicher Gruppen / Schichten / Eliten gegenüber absolutistischen Herrschaftsideen / -ansprüchen zur Definition der Natürlichen Rechte des einzelnen Individuums entwickelt, ausweitet und in logischer Konsequenz generalisiert.

Wenn aber von "Emanzipation" bei dieser Entwicklung durchgängig die Rede ist muß betrachtet werden wer sich da entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen Verhaltnisse emanzipieren will - also politische Teilhabe und Gleichberechtigung oder sogar Vorrang vor absolutistischen Herrschaftsideen beansprucht. Ist es bei der Magna Carta noch der Adel, der sich als Funktionselite und eigentlicher Träger staatlicher Funktionsfähigkeit ansieht ist es bei der Bill of Rights, zumindest ansatzweise bereits auch das aufstrebende Bürgertum,- bei weitem jedoch nicht als Idee eines Parlaments als einzig legitimer Ort politischer Teilhabe, Willensbildung und deren Umformung in Gesetze als Ausdruck des Willens und der Teilhabe aller Menschen eines Staatswesens (ähnlich den attischen "Demokratien").

Selbst die Erklärung der Menschenrechte im Zuge der Französischen Revolution 1789 ist zwar aus der Perspektive des sog. 3. Standes und als Ausdruck des Aufstandes der Gerechtigkeit gegen die Ungerechtigkeit überliefert, zeigt aber in der Folge, daß die politisch Handelnden und letztlich auch Profitierenden die Bürger / das Bürgertum waren welche im Zuge der Revolution ihre Interessen durchsetzten. Die Französische Revolution war letztlich eine bürgerliche Revolution (Bindestrich-Revolution) gegen den Absolutismus. Gemeint ist auch hier nur ein bestimmter Teil der Gesellschaft, nämlich das aufstrebende, im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung sich selbst als Funktionselite begreifende, "Besitzbürgertum", welches entsprechend seiner real-gesellschaftlichen Macht als Wirtschafts- und Funktionselite nun auch die entsprechende politische Macht einforderte. Bauern und Tagelöhner hätte man in der damaligen Nationalversammlung vergebens gesucht und insofern ist die nachträgliche Verklärung der Französischen Revolution auch ein bischen hinderlich bei ihrer konkreten Bewertung. Im Sinne einer allgemeinen Befreiung des Menschen aus der Knechtschaft des Einen durch den anderen muß sie sogar als gescheitert angesehen werden. Sie war eine Revolution einer bürgerlichen Elite gegen die Vorenthaltung von Rechten, welche dieser Elite aus deren Sicht aufgrund ihrer Bedeutung für den Staat zustand. - Der Marsch der Marktweiber auf die Bastille als Symbol für die Revolution ist deshalb letztlich nur nette Folklore.

Diese Differenzierung während der Revolution bewegte K. Marx auch dazu ab dann von einem "4. Stand" zu sprechen - unterhalb des Bürgertums.

Nichts desto trotz zeigt die Erklärung der Menschenrechte im Zuge der Französische Revolution eine bis dahin nie gekannte logische Präzision und Einbindung in staatliche Legitimationstheorien und den damit verbundenen staatlich legitimierten Anspruch auf das Gewaltmonopol und das Verständnis eines Gesetzes als Ausdruck des Willens der Gemeinschaft aller wie sie bis dato noch nicht erfolgt war. - Die Idee war da! - Wenn auch bis heute nicht wirklich umgesetzt. - Parlamentarische Demokratien sind eben "Bindestrich-Demokratien",- also bedingte / konditionierte Demokratien denn wie bisher ist auch heute die Frage wer, wie mit welchen Möglichkeiten Zugang zur Willensbildung dieser Parlamente hat und ggf. realpolitisch dann doch wieder etwas gleicher unter gleichen ist.

Was abschließend die Allgemeine Proklamation der Menschenrechte durch die UNO betrifft so ist dies für mich der schlußendliche "Urknall" einer Naturrechtslogik, basierend auf dem Funken von 1789, die das Recht des Einzelnen gegenüber Machtansprüchen Einzelner universell darstellt und die mit logischen Mitteln nicht hintergehbar ist.

Für mich stellt sich hier eine Entwicklungsgeschichte aufgeklärten Denkens dar, die, um es einmal in einem melodramatischen Bild zusammenzufassen von einem ersten Docht-Glimmen bis zum hellen Aufgehen der Flamme zeigt, daß menschliche Vernunft am Ende immer die richtigen Fragen stellt - egal wie lange es dauert und ganz gleich ob Menschen durch bloße Gewalt ihr Licht für eine Zeit "unter den Scheffel stellen müssen".

Aber vom Indio im Amazonasgebiet, der sich gegen die Zerstörung seines Lebensraumes für Mc Donalds-Rinder wehrt, über den nordkoreanischen Dissidenten, den us-amerikanischen Wistleblower, den NGO-Mitarbeiter in Flüchtlingslagern,  den ehrenamtlichen Helfer an einer Hartz IV-Tafel in Deutschland und viele, viele andere - sie alle haben das Prinzip verstanden. Und solange wir uns unser Gewissen nicht durch ein bischen Wohlstand korrumpieren und uns nicht durch plumpe Politanmache verblöden lassen wird diese Kerze auch nicht ausgehen.

Jedem steht frei, sich dumm zu verhalten,- das gehört zur Freiheit dazu. Aber er wird irgendwann zugeben müssen, dass er nur versucht hat, Logik durch Tricks oder Gewalt zu ersetzen.

PS:

Neuestes Ergebnis dieser Idee: Der Internationale Gerichtshof in Den Haag :-)

In diesem Sinne

Gruß;-)

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