Frage von Mira100, 65

Wie ist der Unterschied zwischen attischer und moderner Rechtssprechung?

Welche Unterschiede gibt es zwischen der attischen Rechtssprechung und unserer heutigen? Also wie war das damals mit Anklage, Ermittlungen, Dokumenten usw im Vgl zu heute?

Antwort
von berkersheim, 65

Die Gesetze in Athen waren weniger differenziert. Da die modernen Möglichkeiten der Kriminalistik total fehlten, kam es viel darauf an, dass der Anwalt seine Rhetorik beherrschte. Rhetorik war ein zentrales Ausbildungsprogramm seit der Sophistik. Selbst Sokrates, der auch Rhetorik gelehrt hat, wurde der Vorwurf gemacht, dass er seinen Gegnern das Wort im Mund rumdrehte. Es gab allerdings bereits Verträge, Geschäftsverträge, Eheverträge, Ausbildungsverträge.

Kommentar von berkersheim ,

Eigenkorrektur: Mit dem letzten Satz, von wegen Verträge, habe ich mich geirrt. Das kommt erst in der römischen Zeit. Da hat man allerdings sogar in Ägypten und in Israel Belege gefunden. In Attika gab es noch keine Gewaltenteilung und so nur bedingt professionelle Richter und Anwälte.

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte & Philosophie, 31

Eine Rechtskodifizierung hat in Athen in archaischer Zeit stattgefunden (in der Überlieferung Drakon zugeschrieben). Solon hat einige neue Bestimmungen herbeigeführt. Anscheinend hat er auch die Heliaia (ἠλιαία) eingeführt, eine Gerichtsversammlung des Volkes (entweder die Volksversammlung insgesamt oder eine Auswahl als Gericht).

Zuerst hat es im antiken Athen auch endgültige Rechtssprechung durch Beamte/Amtsträger/Amtsinhaber gegeben. In der athenischen Demokratie waren die Gerichtshöfe (Dikasterien; δικαστήρια [dikasteria]) der Heliaia die entscheidende letzte Instanz. Unbescholtene athenische Bürger konnten sich melden, als Richter zur Verfügung zu stehen. Es gab jährlich eine Liste mit 6000 daraus ausgelosten Richtern. Für einen bestimmten Prozeß wurden die Richter jeweils am Morgen ausgelost.

Daneben gab es weitere Institutionen der Rechtsprechung.

Areopag (ehemalisge Archonten) mit dem Archon Basileus als Vorsitzendem: Tötungsdelikte

Archon eponymos: Familien- und Erbsachen

Archon Polemarchos: Angelegenheiten der Fremden und Metöken

Thesmoteten: politische Strafklagen

Rat: Ordnungsstrafen von bis zu 500 Drachmen, Anklage von Beamten/Amtsträgern/Amtsinhabern (bei Anklagen wegen Amtspflichtverletzung und Vergehen von Ratsmitgliedern waren die Gerichtshöfe letzte Instanz)

Es gab schon im antiken Athen Testamente und Vertragsdokumente mit Zeugen und Verwahrern.

Klagen mußen schriftlich fixiert werden.

Beamte/Amtsträger/Amtsinhaber übernahmen Voruntersuchung/Vorbereitung des Prozesses, Einberufung und Vorsitz der Gerichtshöfe.

Vorladung: Beamter/Amtsträger/Amtsinhaber prüfte Prozeßunterlagen und stellle formelle Zuständigkeit fest. Es gab eine Klageschrift und eine Gegenschrift des Beklagten als Antwort darauf.

Befragung: Erörterung des Sachverhaltes und der Beweiserhebung, Auffoderung zu eidlicher Bekräftigung

Zuweisung der meisten privaten Klagen an Schiedsrichter, wenn die Streitparteien mit derem Urteil nicht einverstanden waren, ging die Sache vor Geschworenengerichte

Eigene Freunde und andere Helfer konnten als Beistand herangezogen werden und den Vortrag des Hauptteils, wichtiger Abschnitte der Argumentation und des Schlußwortes übernehmen. Frauen, Sklaven und zumindest weibliche Metöken wurden von ihrem Vormund, Eigentümer bzw. Patron/Schutzherrn vertreten.

Zeugen sagten im 5. Jahrhundert v. Chr. aus und wurden feierlich vereidigt, im 4. Jahrhundert v. Chr. wurden Ausagen der Zeugen verlesen und von anwesenden Zeugen bestätigt.

Von Sklaven durch Folter erreichte Aussagen und dem Prozeßgegner abgeforderte Eide galten als Beweismittel. Sie kommten nur mit Zustimmung des Prozeßgegners gewonnen werden und sind tatsächlich so gut wie nie zur Ausführung gekommen.

Es gab Logographen (gewerbsmäßige Verfasser von Gerichtsreden).

Redebegabung/Rhetorik spielte eine Rolle. Als ein Schlußappell war ein rührseliges Bitten um Mitleid verbreitet, bei dem sich Familienangehörige zeigten.

Das athenische Recht war sehr formal und ziemlich starr auf Gesetzespositivismus gegründet. Nur bestehende schriftliche Gesetze (das positive [gegebene] Recht) und Beschlüsse des Volkes und des Rates durften herangezogen und zitiert werden, nicht „ungeschriebene Gesetze“. Gewohnheit galt nicht als Rechtsquelle.

Kommentar von Albrecht ,

besondere Merkmale des antken athenischen Rechts:

  • Laienrichter, keine juristisch ausgebildeten Berufsrichter große Anzahl von Geschworenen: Es gab bei öffentlichen Klagen 500, 1000, 1500 oder mehr Richter (in einem fall sind 6000 überliefert), bei privaten Klagen je nach Streitwert 200 oder 400 Richter (zeitweise ist anscheinend ein Geschworener mehr zugelost werden, also 501 Richter usw., auch wenn Stimmengleichheit einen Freispruch bedeutete).
  • Geschworene entschieden selbständig ohne fachliche Hilfe sowohl über Frage der Schuld als auch Frage des Strafmaßes
  • kein Statsanwalt, Kläger und Angeklagte trugen selbst Gesetze und Beweismittel vor
  • kurze Dauer der Prozesse: Jeder Prozeß mußte an dem Tag, an dem er begonnen wurde, auch abgeschlossen werden.
  •  festgesetze Redegelegenheiten mit bestimmtem Zeitmaß: In privaten Prozssen durfte jede Seite nur einmal auf den Vortrag der Gegenseite antworten. Es gab in Prozessen ein bestimmtes vorgegebenes Zeitmaß (nach Gießeinheiten einer Wasseruhr [κλεψύδρα (klepshydra)] berechnet) für die Reden.
  • Richter der Gerichtshöfe hatten kaum gestalterische Initiative, sie mußten eine Wahl zwischen dem Vorschlag der Kläger und Vorschlag der Angeklagten treffen (z. B. im Sokrates-Prozeß 399 v. Chr. beim Strafmaß zwischen Todesstrafe und geringer Geldbuße von 30 Minen)
  • keine Debatte der Richter untereinander, nur geheime Abstimmung
  • in der athenischen Demokratie im Prinzip keine selbständigen Einzelrichter, selbständige Entscheidungen nur in Bagatellverfahren unter einem Wert von 10 Drachmen
  • Kriterium der Unterscheidung zwischen privaten und öffentlichen Klagen ist die Klageberechtigung: bei privaten Klagen nur unmittelbare Interessierte (bei Mord z. B. nächste Verwandte), bei öffentlichen Klage jeder (Popularklage)
  • einfaches Zurückziehen der Klage kostete den Ankläger 1000 Drachmen Buße und er durfte zukünftig nicht wieder eine Klage der gleichen Art einreichen
  • Geldbuße des Klägers von 1000 Drachem bei weniger als 1/5 der Stimmen in öffentlichen Klagen, er durfte zukünftig keine Klagen der gleichen Art einreichen, bei privaten Klagen Geldbuße in Höhe von 1/6 des Streitwertes
  • Fehlen einer Rechtsliteratur, die für die richterliche Praxis von Belang war (es gab Rechtsphilosophie und Gedanken über Gerechtigkeit, aber keine Fachliteratur zur Urteilspraxis)
  • Wiedeaufnahme war nur gestattet bei Nachweis, die Gegenseite habe falsche Tatsachenbehauptungen aufgestellt

Informationsquellen für einen Einstieg:

Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie. 2., völlig überarbeitete und wesentlich erweiterte Auflage. Paderborn ; München ; Wien ; Zürich : Schöningh, 1994, S. 191, S. 201 – 228, S. 351 – 358, S. 514 – 522 und S. 564 – 568

Gerhard Thür, Attisches Recht. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Weimar : Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 2: Ark – Ci. Stuttgart ; Metzler, 1997, Spalte 258 - 260

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