░critter░ am 03.04.2007 um 11:45 Uhr
Die Frage stellt sich mir nach einer Radiomeldung heute früh. Dort hieß es, dass Telekommitarbeiter in andere Gesellschaften "ausgelagert" werden. Menschen = Ware? Ich war entsetzt.
In einer späteren Sendung hieß es dann wenigstens "ausgegliedert".

Den Eindruck habe ich auch, zumal vor Jahren der Ausdruck "Human-Kapital" zum Unwort des Jahres von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürt wurde.

Bei einem Telefonunternehmen heißt es nicht mehr kündigen, sondern "wir haben den Mitarbeiter aktiv verloren."
Beim Verkehrsfunk warnen sie immer wieder: "Gefahr durch Kinder auf der Autobahn"; da wäre ein für sicher auch angebrachter.

Nun finde ich den Fakt wesentlich schlimmer als die Formulierung. Man kann in jedes Wort, je nach Standpunkt, immer auch etwas anderes hineininterpretieren, als der Sprecher gemeint hat.
Persönlich würde ich nicht jedes Wort eines Moderators auf die Goldwaage legen. Der "quatscht" den ganzen Tag ellenlange Texte, die ihm oftmals auch noch von anderen aufgeschrieben werden.

Wie Kai schon richtigstellte, hat die Person, die die Nachrichten verliest, in der Regel kein Mitspracherecht über den Inhalt. Man kann sich darüber streiten, ob zu Recht oder nicht.
Natürlich ist das gesprochene und vor allem das geschriebene Wort ein Mittel zum Zweck, manchmal sogar eine Waffe. Worte und Wörter transportieren das, was wir denken (oder das, was wir denken sollen) und drücken aus, was wir mitteilen wollen.
Wenn ein Redakteur tatsächlich die geringschätzende Formulierung "Mitarbeiter auslagern" gewählt hat, dann ist immer auch ein Fünkchen Wahrheit dahinter. Denn genau das trifft doch den Nagel auf den Kopf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Herren in der Vorstandsetage derart großer Firmen wie der Deutschen Telekom noch ein Gefühl für ihre Mitarbeiter/innen haben können. Sie werden ihr Hauptaugenmerk auf ihre Aktienwerte, ihren Cash Flow und den ganzen anderen BWL-Mist legen und dabei -- wie schon oft zu beobachten -- die Menschen aus den Augen verloren haben.
Generell kann ich Deine Hauptfrage getrost mit ja beantworten.
Im letzten "Ottis Schlachthof" hat sich der Kabarettist Vince Ebert diesem Thema gewidmet und gesagt: Denken lohnt sich! -- Denken sei quasi das Einzige, was wir besser können als alle anderen Lebewesen. Schade sei nur, dass es so wenige auch tun.
░critter░ am 3. April 2007 12:13 Das ist ja das Verrückte: Eigentlich hat der Nachrichtensprecher mit dem "Auslagern" den Nagel auf den Kopf getroffen. Es drückt ja genau das aus, was es ist. Und so gehen Firmen eben mit Menschen"material" um.

Ich stimme Kai und Ulf bei dem was sie schreiben zu, möchte aber noch einen anderen kleinen Denkanstoß geben:
Bei der von Dir formulierten Frage fällt Dir auf, dass "ausgelagert" für Sachen benutzt werden sollte, nicht für Menschen... Aber wie viele Menschen benutzen den Ausdruck "Stück" für ihre Kinder???
Beispiel:
Frage: "Wie viele Kinder haben Sie?"
Antwort: "Drei Stück!"
Ich finde das einfach nur abwertend, wenn es viele auch sicher nicht so meinen...es ist einfach nur Gedankenlosigkeit.... :((
UlfDunkel am 3. April 2007 12:15 Hallo, Flattervogel. :-)
Es gibt sicher tausende Beispiele unpassender Bezeichnungen. Die Stück-Kinder erinnern mich immer automatisch an die "Großvieheinheiten", von denen Bauern heutzutage reden.
Kolibri am 3. April 2007 12:20 Sicher hast Du Recht - wie so oft...
Nur fällt mir dieses Beispiel immer wieder negativ auf! Gestern hatte ich ein Telefonat mit einem "Umfrager". Er fragt mich wieviele Kinder ich habe, ich sage "2". Er notiert: "2 Stück" Ich sage: "Nein, 2(!) - meine Kinder sind Menschen, keine Gegenstände...er war leicht vor den Kopf gestossen, stimmte mir dann aber zu und gelobte Besserung! :))
Kai aus Berlin am 3. April 2007 12:37 Aber mal ehrlich: Man kann sich aber alles auch schwerer machen als es ist. Du die Aussage Deines Gegenübers negativ beleget, obwohl wir davon ausgehen können, was er das nicht so verstanden wissen wollte. Somit hast Du ein "Problem" geschaffen, was nicht wirklich da war. Oder? Man möge doch bitte auch beachten, dass man mit dem gleichen Maß gemessen werden könnte, wie man selbst misst. Menschen haben nun einmal unterschiedliche Bildung und ein unterschiedliches Sprachvermögen. Für mich ist die Motivation eines Redners entscheidend, nicht unbedingt die Nuancen und Interpretationsmöglichkeiten der deutschen Sprache.
Kolibri am 3. April 2007 12:45 Hallo Kai!
Ob ich ein vorher nicht dagewesenes Problem "geschaffen" habe oder mein Gegenüber für eine etwas feinfühligere Wortwahl sensibilisiert habe, lasse ich mal dahingestellt....
Erwähnen möchte ich ergänzend vielleicht noch, dass es sich bei meinem "Gegenüber" um einen Pädagogik-Studenten gehandelt hat! Und der fühlte sich nicht "auf den Schlips getreten", sondern unterhielt sich mit mir ganz sachlich und nett!
Kai aus Berlin am 3. April 2007 13:58 Hallo Kolibri, ich bitte Dich zu bedenken, dass es keinen Standard für Feingefühl gibt. Wenn ich ein Wort benutze, kann ich aufgrund meiner Erfahrung oder Bildung etwas anderes damit verbinden, als Du oder jemand anderes. Wir sind doch sicherlich einer Meinung, dass der Anrufer die Formulierung "Stück" nicht abwertend gemeint haben wird, Du es aber so interpretiert hast. Trotzdem belehrst Du in diesem Fall eine erwachsene Person wie ein Kleinkind, wie sie die deutsche Sprache korrekt anzuwenden hat. Ich sehe dies nicht im Verhältnis zu dem Sachverhalt. Sicherlich kann ich Deinen Gedanken nachvollziehen, auf mich wirkt wirkt diese Situation jedoch sehr oberlehrerhaft.
UlfDunkel am 3. April 2007 13:05 Hai Kai. In dieser Frage geht es aber gerade um das GEDANKENLOSE Daherreden. Ich finde es daher absolut richtig, dass Menschen mit mehr Feingefühl andere in solchen Zusammenhängen immer wieder darauf hinweisen, wenn diese dummes Zeug daherreden.
Es ist ein Problem.
Bitte denk z.B. mal an die ständige Diskriminierung von Frauen durch unsere patriarchalische Sprache. Die Motivation eines Bänkers, der meiner Frau erklärt, sie sei mit "Der Kontoinhaber" oder "Der Darlehnsnehmer" ja auch gemeint, ist mir herzlich egal. :-)
Kabark am 3. April 2007 13:52 Genau. Es lebe die Salzstreuerin.
Kai aus Berlin am 3. April 2007 13:59 ;)

Das Sprachempfinden vieler Menschen ist leider nicht besonders ausgeprägt und das führt häufig einmal zu Missverständnissen, manchmal eben auch zu etwas unglücklichen Formulierungen wie in Deinem Beispiel.
Nur mal ein paar Beispiele, auch aus jüngster Vergangenheit:
"der Mitarbeiter wurde gekündigt" - nach meinem Verständnis kann man nur einen Vertrag kündigen, keinen Mitarbeiter.
"der Betriebsrat Schelsky sagte..." - ein Betriebsrat ist immer ein Gremium, nie eine einzelne Person.
░critter░ am 7. April 2007 02:31 Richtig, aber mit diesen Worten tut man niemandem richtig weh. Anders ist es eben bei dieser "Auslagerung" oder - Ältere werden die Redensweise noch kennen - es wurde etwas "bis zur Vergasung" gemacht. Man überlege mal, was hinter diesen dahergesagten Worten steckt.