Frage von goldscheurerin, 90

Tyrannenmord (z.B Attentat auf Hitler) - warum ist es ein ethischer Grenzfall?

Ich mache für mein Abitur einen Vortrag über Dietrich Bonhoeffer und über Tyrannenmord. 

D. B. war ein evangelischer Theologe, der sich in den Widerstand gestellt hat und Attentate auf Hitler unterstützt hat.

Ich bin mit meiner Präsentation nun fast fertig und habe auch als Fazit abgewogen, ob und wann  Tyrannenmord überhaupt ethisch vertretbar ist und wann nicht.

Meine Leitfrage ist aber "Tyrannenmord - ein ethischer Grenzfall?"

Klar ist es ein Grenzfall, denn es ist ja nicht "erlaubt", wenn man nach dem christlichen Glauben geht.

Aber mir fallen einfach keine guten Gründe ein dafür, warum und ob es ein Grenzfall ist.

Ob und warum es ethisch vertretbar ist oder nicht weiß ich schon.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von kdd1945, 25

Hallo goldscheurerin ,

Du schreibst:

Aber mir fallen einfach keine guten Gründe ein dafür, warum und ob es ein Grenzfall ist.

Ein Grenzfall  -  in welcher Hinsicht?  Im Vergleich zu welchem Normalfall?

Der Normalfall ist hier gegenüber dem Tyrannenmord der alltägliche Mord, "normalerweise" aus niederen Beweggründen, Hass, Wut, Gier, Rachsucht, Eifersucht u. ä.

Solcherart Taten wurden zu jeder Zeit, in jedem Kulturkreis geächtet und sanktioniert.

Die Tötung eines bedrückenden Tyrannen, der etwa ein ganzes Volk als Gewaltherrscher unterjochte, Eroberungskriege  führte, konnte schon immer den Status einer Heldentat erreichen - bleibender Erfolg vorausgesetzt. Dem erfolgreichen Attentäter werden fast regelmäßig hehre und uneigennützige Motive zuerkannt. 

Beispiele sind hier aus der weltlichen Geschichte ( evtl. Legende) der Nationalheld der Schweizer, Wilhelm Tell. https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Tell

Aus der biblischen Geschichte der Richter Ehud. 

Richter 3,12 (NEÜ) Aber die Israeliten taten weiterhin Böses vor Jahwe. Da gab Jahwe Eglon, dem König der Moabiter11, Macht über Israel, und zwar weil sie taten, was Jahwe missfiel. 13 Eglon verbündete sich mit den Ammonitern12 und Amalekitern13. Er besiegte Israel und besetzte die Palmenstadt14. 14 Achtzehn Jahre lang mussten die Israeliten dem Moabiterkönig Eglon Tribut zahlen.

15 Da schrien sie zu Jahwe um Hilfe und er ließ ihnen einen Retter erstehen: Ehud Ben-Gera, einen Linkshänder aus dem Stamm Benjamin. Die Israeliten hatten ihn ausgewählt, den Tribut an König Eglon zu überbringen. 16 Da ließ sich Ehud einen 40 cm15 langen beidseitig geschliffenen Dolch schmieden und gürtete ihn an seine rechte Hüfte unter sein Gewand. 17 So vorbereitet ließ er dem König von Moab den Tribut überbringen. Dieser Eglon war übrigens ein sehr fetter Mann.

18 Nach der Übergabe schickte Ehud die Leute, die den Tribut getragen hatten, nach Hause. 19 Er selbst kehrte bei den Götterbildern16, die in der Nähe von Gilgal standen, wieder um und ging noch einmal zurück. "Ich habe eine geheime Botschaft an dich, o König!", sagte er.

"Pst! Ksch!", machte Eglon. Da gingen alle Diener des Königs hinaus. 20 Nun trat Ehud an den König heran – er saß nämlich in dem kühlen Obergemach, das für ihn allein bestimmt war – und sagte: "Eine Sache Gottes17 habe ich für dich!"

Sogleich erhob sich dieser vom Sitz. 21 Da fasste Ehud mit der linken Hand den Dolch, der an seiner rechten Seite hing, und stieß ihn dem König in den Bauch. 22 Die Klinge drang so tief ein, dass das Fett auch den Griff noch umschloss, denn Ehud riss den bis zum Gesäß eingedrungenen Dolch nicht wieder heraus.

23 Danach verriegelte er die Tür des Obergemachs, stieg durchs Fenster und ging über die Vorhalle hinaus. 24 Als er gegangen war, kamen Eglons Diener und sahen, dass die Türflügel des Obergemachs verriegelt waren. "Er verrichtet wohl gerade seine Notdurft in der kühlen Kammer", meinten sie. 25 Sie warteten aber vergeblich, denn er öffnete die Tür nicht. Schließlich holten sie einen Schlüssel und schlossen auf. Da lag ihr Herr tot auf dem Boden.

26 Während die Diener gewartet hatten, war Ehud entkommen. Er war schon an den Götterbildern vorbei und konnte sich nach Seïra18 in Sicherheit bringen. 27 Sobald er dort angekommen war, blies er überall auf dem Gebirge Efraïm das Signalhorn19. Da zogen die Männer Israels hinter ihm her vom Gebirge hinab. 28 "Folgt mir!", rief er, "Jahwe hat eure Feinde, die Moabiter in eure Hand gegeben."

So folgten sie ihm bis ins Jordantal hinunter und besetzten die Flussübergänge, sodass die Moabiter nicht entkommen konnten. 29 Damals erschlugen sie an die 10.000 Moabiter, alles starke und kriegstüchtige Männer. Keiner entkam. 30 An diesem Tag musste sich Moab der Gewalt Israels unterwerfen. Daraufhin hatte das Land 80 Jahre lang Ruhe vor seinen Feinden.

Grüße, kdd

PS: Wegen der Gebote, die einen Christen bei seinem Handeln leiten, sieh meine Antwort au Deine Frage:

 https://www.gutefrage.net/frage/kann-mir-jemand-eine-kurze-textstelle-erklaeren-...

Antwort
von matmatmat, 41

Ich denke es gibt da zwei Streitpunkte, Ethisch:

1) Würde diese einzelne Tötung etwas zum positiven ändern oder hätte man einfach weiter gemacht? Vielleicht sogar noch bestimmter und fanatischer?

2) Es ist ein Mord. An einem Menschen. Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit?

Das von Dir angesprochene Christentum hat ja eine lange Liste von Gründen wann ein Mord kein Mord sondern nur eine Tötung ist (und damit o.k.). Da steht z.B. Du sollst nicht "morden", aber wenn Du dich an die Regeln hällst und eine gerechte Strafe ausführst (zum Beispiel Homosexuelle oder dir widersprechende Kinder steinigst) ist es kein "Mord", also keine "Straftat". Auch steht in der Bibel, das man sich z.B. als Sklave mit seinem Schicksal abzufinden hat, also darf man vielleicht gar nichts an einem solchen Tyrann ändern?

Wie wichtig diese Punkte sind hängt davon ab, welche ethischen Grundsätze man vertritt. Es kann ein Grenzfall sein, oder auch nicht, je nach eigener Ethik.

Kommentar von goldscheurerin ,

Vielen Dank für die schnelle Antwort! 

Kommentar von matmatmat ,

Ich hoffe es hilft weiter...

Antwort
von Hardware02, 35

Die Sache ist die: Wir wissen heutzutage natürlich, was Hitler alles zu verantworten hat, und dass es in diesem Fall wohl vertretbar gewesen wäre, ihn zu ermorden. 

Nur: Wusste man das 1939 auch schon?

Und wie sah es 1933 aus? Da wäre es noch relativ einfach gewesen, ihn zu treffen. Nur: Da hatte er ja noch gar nichts getan, wofür der den Tod verdient gehabt hätte. Alle Verbrechen waren noch in Planung.

Insofern ist das mit dem Mord an Hitler natürlich schon ein Grenzfall. Aber die Frage ist hier weniger, "sollte man ihn töten oder nicht?" sondern eher, "ab WANN hätte man ihn töten sollen? Warum ab diesen Zeitpunkt? Woher hätte man wissen können, dass man damit im Recht gewesen wäre?" Insofern sehe ich dieses Attentat als Grenzfall an.

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Religion, 33

Ob und warum es ethisch vertretbar ist oder nicht weiß ich schon.

Dann weißt du auch, weshalb es ein Grenzfall ist.

Immerhin wird hier die Absolutheit eines religiösen Gebots in Frage gestellt und der Wert des Leben eines Einzelnen, gegen das Leben Vieler aufgewogen.

  • Einerseits ist es Mord - Andererseits gibt es keine egoistischen Motive
  • Einerseits ist es Mord - Andererseits wird evtl. ein Massenmord verhindert
  • Einerseits ist es Mord - Andererseits wird einem Volk die Freiheit gerettet

Es ist also deutlich, weshalb man durchaus einen Grenzfall darin sehen kann.

Kommentar von goldscheurerin ,

Vielen Dank für die Antwort! Ich bin mir aber gerade immernoch total unsicher, da ich finde, dass die Fragestellung lieber hätte lauten sollen "ethisch vertretbar?" anstatt "ein ethischer Grenzfall?".

Ich habe ehrlich gesagt Angst, dass die Prüfer dann später sagen, die Leitfrage wurde nicht richtig beantwortet. Meine Lehrerin hat mir auch gesagt, ein Grenzfall KANN nicht ganz ethisch vertretbar sein, da es ja sonst kein Grenzfall wäre, oder so ähnlich... 

Ich weiß leider immer noch nciht wirklich, wie ich die Frage beantworten soll *kopfzerbrech*

Kommentar von goldscheurerin ,

Ich glaube, Ich habe den Begriff "Grenzfall" erst jetzt richtig verstanden. Ich hatte irgendwie die ganze Zeit im Kopf: eine Sache, die ethisch überhaupt nicht vertretbar ist, aber trotzdem aus einem bestimmten Grund durchgeführt wird.

Dabei heißt es ja lediglich : ein Problemfall, der zwischen zwei möglichkeiten liegt und sich daher nicht eindeutig bestimmen lässt.

Kommentar von Enzylexikon ,

Richtig.

Ein Grenzfall ist so etwas wie eine Ausnahmesituation bei der zwischen zwei Möglichkeiten abgewogen werden muss.

"Soll ich..oder nicht?" - "Darf ich...oder darf ich nicht?"

Deshalb gibt es ja beispielsweise überhaupt Gesetze, weil eben nicht  alle Entscheidungen eindeutig sind

Kommentar von Enzylexikon ,

Da ein Mord grundsätzlich als verwerflich gilt, ist es ein Grenzfall.

Das fünfte Gebot des Alten Testaments besagt "Du sollst nicht morden". Dort steht nicht "außer in folgenden Fällen..."

Jesus hat zur Feindesliebe aufgefordert - man solle lieber die andere Wange hinhalten. Auch verbot Jesus seinem Jünger Petrus den Gebrauch des Schwertes.

Theologisch gesehen ist der Fall eindeutig.

Aber rational gesehen ist es vernünftig einer Tyrannen zu töten

"Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende"

Es bleibt also ein ethischer Balance-Akt.

Kommentar von goldscheurerin ,

Okay, erneut vielen Dank, ich glaube ich habe jetzt alles verstanden! 

Kommentar von Enzylexikon ,

Keine Ursache. :-)

Kommentar von matmatmat ,

Und das ist... eindeutig falsch. Ich kann kein alt-hebräisch, aber es wird wohl in den Geboten ratsach (morden) und in den Tötungsanweisungen - von denen die Bibel voll ist - harag (töten) verwendet. Du findest sogar innerhalb des Buch Mose das Gebot nicht zu morden und die Aufforderung zu töten.

Natürlich ist es wie alles in der Bibel interpretationssache, was man rauslesen möchte, aber es gibt Stellen, die wörtlich sagen, daß die alten Gesetze noch gelten und jeder in diesem Sinne wandeln und handeln soll.

Aber so eindeutig ist das nun nicht, das man sagen kann, daß ein Leben zu nehmen automatisch schlecht ist und es wurde und wird auch von vielen Christen so gesehen.

Antwort
von MrMcSauerkraut, 14

Ich habe hierzu mal einen Aufsatz im Studium geschrieben. Ist schon etwas länger her. Wenn Du willst, schicke ich ihn Dir mal zu. :-)


Das Thema ist sehr interessant und meiner Meinung nach auch noch immer aktuell.

Antwort
von alexander329, 14

Ich denke es ist wie mit Krieg. Unter bestimmten Vorrausetzungen sagt die Kirche, dass Krieg und wahrscheinlich auch Attentat das geringere Übel und somit angebracht ist.

Nach allen anderen gescheiterten Wegen , ist auch Krieg erlaubt- wir würden heute sagen humanistische Intervention.

Dieser Vortrag war dazu passend:

http://www.horeb.org/xyz/podcast/credo/20150924cr.mp3

Antwort
von vonGizycki, 18

Grüß Dich goldscheurerin!

https://de.wikipedia.org/wiki/Tyrannenmord

Auszug:

"Das deutsche Grundgesetz enthält seit 1968 ein Widerstandsrecht (Artikel 20, Absatz 4). Es schließt den Tyrannenmord als letztes Mittel gegen einen verbrecherischen Diktator nicht aus."

Artikel 20 Absatz 4:

Dieses Recht – 1968 im Zuge der Notstands-Gesetzgebung eingefügt – lautet in seinem Verfassungstext:

Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Was das genau heisst, bitte hier weiterlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Widerstandsrecht

Herzlichen Gruß

Rüdiger

Antwort
von nowka20, 6

das liegt lediglich im auge des betrachters

kannibalen sehen das völlig anders)

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