Frage von annablanka, 58

Türkische Politik?

Hallo zusammen,

Aufgrund der aktuellen Putschversuches würde mich interessieren, wie das genau in der türkischen Politik aussieht.
Mein aktueller Stand ist, dass das Volk gespalten ist in Erdogan-Befürworter und Erdogan-Gegner. Zudem ist mein Stand, dass dort eigentlich eine Demokratie besteht, aber unter der Hand davon weggeht in Richtung Diktatur. Zudem habe ich gehört, dass er als der EU-Erpresser verrufen ist. Der Putschversuch sollte wohl als ein Eingriff mit nachhaltigem Friedenshintergrund werden, weil Erdogan das mit den IS-Terroristen nicht genug im Griff hat. Ich möchte nur nochmal betonen, dass das die Dinge sind die ich gehört habe (Medien, Berichte etc), nicht MEINE Meinung!
Mich würde jetzt interessieren, was denn (auf neutraler Ebene) für und gegen Erdogan spricht? Und warum die Menschen in der Türkei gegen den Putsch gekämpft haben, obwohl so viele wohl (so kam es zumindest immer rüber) unzufrieden mit ihm sind?

Ich möchte nochmal betonen, dass ich dazu keine Meinung habe, sondern einfach nur gerne die aktuelle Situation verstehen möchte, da ich mich bisher zu wenig mit der türkischen Politik beschäftigt habe.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von uyduran, 38

Pro: Erdogan ist ein guter Rhetoriker, mit seinen Reden erreicht er das Volk. Früher als Bürgermeister von Istanbul hat er noch mehr Volksnähe gezeigt, z.B. hat er beim Marathon mitgemacht. Auch kann man einige Errungenschaften der Anfangsjahre seiner Regierungszeit loben. Dazu zählen beispielsweise die Friedensgespräche mit der PKK, die Rechte für Kurden oder die Abschaffung der Todesstrafe. Der wirtschaftliche Aufschwung hat der Türkei zumindest in Erdogans ersten beiden Legislaturperioden genutzt. (Längerfristig ist das auf Kreditblasen aufgebaute Wirtschaftswachstum jedoch ein großes Problem.)

Kontra:
Erdogan hat einen abartigen Charakter. Er ist ein Großmaul, ein Lügner, ein Dieb und ein skrupelloser Machtmensch. Das sind Persönlichkeitseigenschaften, die man als Muslim ablehnen sollte. Ich glaube zwar schon, dass Erdogan ein gläubiger Mensch ist. Sein Charakter ist aber absolut unislamisch und außerdem instrumentalisiert er den Islam für seine eigenen Machtzwecke. Wer den Koran auf die Bühne nimmt, um Wahlstimmen zu kriegen, der missbraucht Gottes Schrift. Und einem aufrichtigen Muslim würde es niemals in den Sinn kommen, Geld in Milliardenhöhe zu klauen (größter Korruptionsskandal in der Geschichte der Türkei). Demokratie ist für Erdogan nur Mittel zum Zweck. Er hat die Türkei so lange demokratisiert, wie es ihm zum eigenen Vorteil genutzt hat. Jetzt wo er oben an der Macht steht und die Kritik an ihm wächst, schafft er die Demokratie Schritt für Schritt ab. Es gibt keine Gewaltenteilung mehr in der Türkei, sowohl Polizei als auch Medien und Justiz sind unter Kontrolle Erdogans. Das bedeutet, die Gerichte entscheiden nicht mehr unabhängig - mit anderen Worten, Bürger können sich nicht mehr auf ihre Rechte berufen und Erdogan kann sich über alle Gesetze hinwegsetzen. Alles, was sich ihm in den Weg steht, wird weggepfegt, egal ob auf legale oder illegale Weise. Wir haben das bei der konservativen Zeitung Zaman gesehen, die kritisch berichtet hat und kurzerhand von Polizisten gestürmt wurde. Seitdem druckt sie nur noch Erdogan-Propaganda. Oder Ahmet Davutoglu, der in einigen Punkten andere Ansichten hatte als Erdogan und dann plötzlich "zurückgetreten" ist. Das alles bereitet mir Sorgen. Je autokratischer Erdogan regiert, je mehr Macht er bekommt, umso abhängiger wird die Türkei von ihm alleine. Das ist nie gut, wenn ein Land so abhängig von einem einzigen Menschen ist. Überhaupt steuert die Türkei aktuell in eine problematische Richtung. Erdogan legt sich mit alles und jedem an, mit den USA, mit Russland, mit Deutschland, mit Syrien, mit dem Iran, mit Ägypten. Somit steht die Türkei ziemlich isoliert da. Durch die Militäreinsätze gegen die PKK und mangelnde Konsequenz gegen den IS steht das Land wieder unter permanenter Terror-Gefahr. Die Folge ist, dass der Tourismus-Sektor (eine wichtige Einnahmenquelle) einbricht und sich viele ausländische Investoren aus der Türkei zurückziehen. Auch innenpolitisch ist die Türkei so gespalten wie nie, das türkische Volk hält nicht zusammen, sondern feindet sich gegenseitig an, ständig gibt es Konflikte zwischen konservativen und säkularen Türken. Diese Spaltung haben wir ebenfalls Erdogan zu verdanken, weil er ständig Sunniten und Aleviten, Konservative und Atatürk-Anhänger gegeneinander aufhetzt.

Fazit:
Für die Türkei wie für den Rest der Welt wäre es gut, wenn Erdogans Ära endlich beendet würde. Dies muss jedoch vom Volk aus kommen und darf nicht durch z.B. einen Militärputsch forciert werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass früher oder später eine bedeutsame Mehrheit gegen Erdogan sein wird, weil eine Wirtschaftskrise praktisch unausweichlich ist. Geht es den Leuten an den Geldbeutel, spielen Religion, Ideologie und Personenkult nur noch eine untergeordnete Rolle (vergleiche aktuelle Lage in Venezuela). Wie schon andere Größenwahnsinnige zuvor wird sich auch Erdogan durch seinen Fanatismus sein eigenes politisches Grab schaufeln.

Kommentar von annablanka ,

Vielen Dank für Deinen wirklich gut und ausführlich geschriebenen Text und dass du Dir die Zeit genommen hast, das zu erklären.

Hier zeigt sich aber für mich erneut, dass es viel mehr und intensivere Punkte bei Contra gibt. Jedoch wurde in den Medien berichtet, dass selbst in Deutschland Menschen auf die Straße gegangen sind und GEGEN den Putsch demonstriert haben. Ich verstehe das nicht, wenn er doch wirklich so korrupt und falsch sein soll? Wo waren die Erdogan-Gegner? Warum hat keiner den Putsch dann unterstützt? Das ergibt für mich keinen Sinn und ich würde sehr gerne wissen warum das so gelaufen ist.

Kommentar von uyduran ,

Gern geschehen! Ich finde es lobenswert, dass du an einer möglichst objektiven Betrachtung dieses Themas interessiert bist. Das trifft leider nur auf einen kleinen Personenkreis zu.

Nun zu deinen Fragen: Also zunächst einmal musst du differenzieren zwischen den Türken in der Türkei und den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund im Ausland.

Fangen wir mit dem türkischen Volk an. Immer schon gab es in der Türkei diese zwei rivalisierenden Lager, einmal das kemalistische Lager, das dem Staatsgründer Atatürk nahestand und deren laizistisch-nationalistischer Linie folgte. Und dann das konservative Lager, das den Islam politisieren wollte und eine Rückkehr zum Sultanat eingefordert hat. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Türkei vom kemalistischen Militärregime geführt, und zwar in relativ autoritärer Form. Anschließend gab es viele Regierungswechsel und insgesamt kam es zu drei Militärputschen, bei denen die Kemalisten die jeweilige Regierung aufgrund von "Verfassungsfeindlichkeit" gestürzt haben. Zuletzt war das die radikalislamische Partei von Necmettin Erbakan, der als politischer Ziehvater von Recep Tayyip Erdogan betrachtet wird. Ob es einem gefällt oder nicht, man muss akzeptieren, dass das kemalistische und das konservative Lager etwa gleich viele Sympathisanten hatte. Die Konservativen haben sich seit je her als unterdrückt angesehen und konnten vor allem durch religiose Institutionen ihre Ideologie verbreiten. Irgendwann hatten die Türken die Schnauze voll von Bevormundung und wollten endlich echte Demokratie. 2001 ereignete sich außerdem die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes. Zeitgleich wurde die AKP gegründet, als eine Partei, die sich aus reformorientierten ehemaligen Mitgliedern der verbotenen Erbakan-Parteien zusammensetzte. Sie bekannte sich öffentlich zu Demokratisierung, Wirtschaftsaufschwung und gleichzeitig konservativ-religiösen Werten, wobei die Trennung von Staat und Religion jedoch weiter fortgeführt werden sollte. Diese Mischung kam bei den Leuten sehr gut an und wurde an die Macht gewählt. Erdogan stach als charismatische Gallionsfigur heraus, als ein guter Redner, der aus armen Verhältnissen stammte und sich so als "echter Volksmann" präsentierte. Durch eine Vielzahl von Krediten, die die Regierung aufnahm, kam es zu einem anfänglichen Wirtschaftswachstum, das dem Volk mehr materiellen Wohlstand und Arbeitsplätze verschaffte. Zudem wurden endlich Friedensgespräche mit der PKK gesucht. Dies alles führte dazu, dass Erdogan weite Teile des Volkes für sich gewinnen konnte, darunter auch viele (konservative) Kurden. In den Folgejahren setzte sich das fort, Erdogan präsentierte sich dem Westen als gemäßigt-konservativ, demokratisierte die Türkei, um in die EU eintreten zu können. Durch das künstliche Geld der Kredite wurden haufenweise Straßen, Moscheen und Einkaufszentren gebaut. Die Türken beeindruckte das sehr, war das Land vorher noch am Abgrund gewesen, blühte es nun auf und spielte eine internationale Rolle. Hinter den Kulissen lief es natürlich anders ab, Erdogan bastelte an seiner konservativ-religiösen Republik mit Extra-Machtansprüchen für ihn selbst. Ich glaube, er hat im tiefsten inneren einen Atatürk-Komplex, weil er sich den gleichen Heldenstatus wünscht, den Atatürk beim Volk hat. Wie auch immer, so gegen 2008 - 2010 vergrößerte sich der Widerstand gegen ihn, u.a. aufgrund von Problemfeldern wie Frauenrechten oder repressiven Regelungen vom Alkoholkonsum. Je größer der Widerstand wurde, umso repressiver reagierte Erdogan darauf, in der Macho-Manier, die nun mal sein Wesenszug ist. Höhepunkt des Unmuts waren die Gezi-Proteste im Jahr 2013. Weitere Skandale, wie der Korruptionsskandal, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen folgten. Seitdem kommt die Republik nicht mehr zur Ruhe, die Spaltung und Aufhetzung treibt sich unaufhörlich weiter. Längst wird Erdogan entweder prophetengleich verehrt oder aber abgrundtief gehasst. Er ist der Macho, der aggressiv und provokant alles Westliche verteufelt und die Türkei auf "neo-osmanische" Werte einschwört. Der eine Stimmung von "alle sind gegen uns Türken, aber ihr habt mich an der Spitze und ich werde uns retten und triumphieren" beim Volk verbreiten will. Nach wie vor ist es aber so, dass er deshalb von einer knappen Mehrheit des Volkes unterstützt wird, weil die Türkei (noch) wirtschaftlich gut da steht. Der Mehrheit der Türken, die nun mal größtenteils in ländlichen Gebieten leben, sind Konsum, Genuss und materieller Reichtum wichtiger als Demokratie, Menschenrechte und Freiheit. Auch sind sie für konservativ-religiöse Werte eher empfänglich als für laizistische. Bei der jungen Bevölkerung in den Großstädten und in den westlichen Regionen des Landes sieht das anders aus, aber die befindet sich in einer Minderheit.

Kommentar von uyduran ,

Und nun zu den türkischstämmigen Deutschen: Die "Deutschtürken" sind zu 90% Nachfahren der Gastarbeiterströme, die in den 50er und 60er Jahren nach Deutschland kamen. Gastarbeiter wurden aus armen Regionen angeschleppt, weil sie billige Arbeitskräfte mit niedrigen Ansprüchen waren. Mit anderen Worten, die türkischen Gastarbeiter waren die Unterschicht des türkischen Volkes, arm, bildungsfern und aus ländlichen Dorfregionen. Diese wurden in Deutschland in eine völlig neue Welt geworfen, von konservativer morgenländischer Dorftradition ins urbane, säkulare Abendland. Sprachbarrieren und Stigmatisierungen aufgrund des Aussehens kamen hinzu. Papa arbeitete hart, Mama blieb zuhause, sprach kein Deutsch, erzog aber die Kinder. Somit hatten auch die Folgegenerationen Sprachprobleme. Da es lange Zeit keine Integrationspolitik gab, konnte es gar nicht anders passieren, als dass sich eine Parallelgesellschaft bildete, die von der Kerngesellschaft ausgeschlossen war. Logisch, dass es auch zu Folgeerscheinungen wie Kriminalität etc kam. Grob beschrieben sind das die Gründe, wieso wir auch heute noch eine Parallelgesellschaft haben. Da die Wertevorstellungen sehr unterschiedlich sind, vor allem bezüglich religiöser Werte und auch dem Status von Religion in Gesellschaft und Politik, kommt es immer wieder zu Kollisionen. Auch sind Vorurteile und Rassismus weit verbreitet. Wie du weißt, gibt es nicht nur in Deutschland aufgrund des internationalen Terrors viele Ressentiments dem Islam gegenüber. Dies alles gibt den Deutschtürken das Gefühl, nicht akzeptiert zu sein, benachteiligt zu sein und in der Opferrolle zu stehen. Wieso lieben diese Menschen Erdogan, wieso ist der Anteil der deutschtürkischen Erdogan-Sympathisanten um etwa ein Doppeltes höher als in der Türkei? Weil sie Nachfahren der konservativen Schicht sind und deswegen selber konservative Werte vertreten. Weil sie sich in der Opferrolle fühlen und deswegen eher mit der eigenen konservativ-türkischen Identität verwurzelt sehen statt mit der westlichen deutschen. Weil ihnen in ihrer Lebenssituation der großkotzige Erdogan aus der Seele spricht und ihr Selbstbewusstsein und ihren National- und Religionsstolz aufwertet.

Natürlich gibt es in Deutschland auch eine winzige türkischstämmige Minderheit, die Erdogan nicht ausstehen kann. Die stammen dann aber nicht von anatolischen Dörflern ab, sondern haben Großeltern aus Städten wie Izmir, Istanbul, Tekirdag oder Tunceli. In der Türkei ist es übrigens so üblich, dass wenn man einen Menschen neu kennenlernt und dessen politische Orientierung erfahren will, man oft nach der Herkunftsstadt von ihm/ihr fragt. Diese gibt zumeist Aufschluss auf die politische Haltung, ohne dass man dieses Thema offen anspricht und es zu unangenehmen Meinungsverschiedenheiten kommt ;-)

Kommentar von cocky407 ,

besser hätte man es gar nicht sagen können. er ist ein Diktator und solange er an der spitze ist wird nichts besser. aber wen er fällt kommen vielleicht noch schlimmeres Menschen an die macht. Gott bewahre!

Kommentar von wfwbinder ,

@uyduran

Aus meiner Sicht eine kluge und zutreffende Einschätzung.

Aber man sollte jedem Volk seine Ansicht zugestehen und man kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass er mit seiner AKP regelmäßig gute Wahlergebnisse erzielt.

Das er das seiner großen Klappe zu verdanken hat, die mit der von Donald Trump vergleichbar ist, ist einfach so.

Wenn die Wähler in der Türkei nicht aufwachen, dann bleibt Erdogan, bis ihn Allah ins Paradies ruft.

Kommentar von uyduran ,

So ist es leider, wfwbinder. Als Säkularer gefällt es mir auch nicht, aber man belügt sich selbst, wenn man nicht zugibt, dass in der Türkei wie auch im arabischen Raum eine nicht unbedeutende Mehrheit für einen Gottesstaat mit religiösen Gesetzen ist. Umso wichtiger, hier zwischen Demokratie (alleine an demokratischen Wahlen gemessen) und Rechtsstaatlichkeit zu differenzieren. Ein demokratischer Rechtstaat charakterisiert sich nicht nur durch Volksentscheide, sondern ebenso dadurch, auch bei Machtübernahme demokratische Instrumente fortwährend zu schützen und die Menschenrechte zu achten. Deswegen ist die Türkei für mich keine funktionierende Demokratie und schon gar kein Rechtsstaat. Wie erwähnt glaube und hoffe ich aber, dass mit dem wirtschaftlichen Einbruch auch ein Sympathieeinbruch zu Erdogan einher geht.

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