Frage von jovetodimama, 63

Trennlinie zwischen pathologischem Narzissmus und narzisstischem Charakter?

Kann man eine saubere Trennlinie ziehen zwischen pathologischem Narzissmus und narzisstischem Charakter? Wenn ja, was sind dafür die Kriterien?

Expertenantwort
von DottorePsycho, Community-Experte für Psychologie, 32

Narzissmus an sich ist keine Krankheit, sondern zunächst einfach nur ein ganz normaler Wesenszug, den die meisten Menschen mehr oder weniger stark entwickelt haben und der bis zu einem gewissen Grad Teil eines gesunden Selbstbewusstseins ist. Auch Menschen, bei denen dieser Wesenszug besonders stark ausgeprägt ist, leiden nicht zwangsläufig an einer psychischen Störung. Erst dann, wenn der narzisstische Wesenszug krass in den Vordergrund tritt und verschiedene krankhafte Symptome zusammen auftreten, wird von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gesprochen.

Narzissmus, der zu einer gesunden Persönlichkeit gehört, wird als "positiver Narzissmus" bezeichnet:

Positiver Narzissmus meint eine positive Einstellung zu sich selbst, die ein stabiles Selbstwertgefühl bewirkt und erhält. Ein "positiver" Narzissmus äußert sich in einer positiven Einstellung zu sich selbst, d. h. dass diese Menschen ein stabiles Selbstwertgefühl haben, das auch erhalten bleibt, wenn es Rückschläge gibt. Positiv narzisstische Menschen ruhen in sich selbst, strahlen Wärme aus und sind anderen zugewandt. Positiver Narzissmus ist gesunder Bestandteil einer harmonischen Persönlichkeit.

„Negativer Narzissmus“ kann potentiell krankhafte Züge tragen:

Negativer Narzissmus basiert auf mangelndem Selbstwertgefühl, der auf einer Säugling-Elternteil-Beziehung beruht, die dem Kind nicht genügend Einfühlungsvermögen und Bestätigung entgegenbrachte. Ein ausgeprägter oder "negativer" Narzissmus bedeutet, dass diese Menschen vorwiegend sich selbst zugewandt sind, ein eher passives Liebesbedürfnis haben und "lieben, nur um geliebt zu werden". Eine Beziehung mit einem Narzissten ist geprägt vom Geben des Partners und Nehmen des Narzissten. Ein Gleichgewicht mit abwechselndem Geben und Nehmen gibt es nicht. Narzissten sind kaum oder gar nicht zu Empathie fähig (Mitgefühl mit anderen). Sie haben (fast) kein Selbstwertgefühl und sind auf ständige Bestätigung von außen angewiesen. Bleibt diese aus, kommt es zu erheblichen Problemen. Oft neigen negativ narzisstische Menschen auch dazu, andere abzuwerten, um das eigene Ego aufzuwerten.

Grundsätzlich und stark vereinfacht könnte man sagen, dass jedwede übersteigerte Verhaltensweise dann als psych. Störung anzusehen ist, wenn die Person selbst ODER ihr Umfeld unter diesem übersteigerten Verhalten leiden.

Diagnostische Leitlinien sind diese; hiervon müssen mindestens drei der Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen.

1. Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle,
Wahrnehmen und Denken sowie in den Beziehungen zu anderen.

2. Das auffällige Verhaltensmuster ist andauernd und gleichförmig und nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt.

3. Das auffällige Verhaltensmuster ist tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend.

4. Die Störungen beginnen immer in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter.

5. Die Störung führt zu deutlichem subjektiven Leiden, manchmal jedoch erst im späteren Verlauf.

6. Die Störung ist meistens, aber nicht stets, mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden.

Antwort
von djNightgroove, 30

Eine saubere Trennlinie gibt es da nicht, denn der Grat von einem zum anderen kann sehr schmal sein. Allerdings haben pathologische Narzissten (narzisstische Persönlichkeitsstörung) überhaupt kein Gewissen, sind gefühlskalt und können keine Reue empfinden, sind pathologische Lügner und beziehungsunfähig.

Ein bisschen Selbstliebe dagegen schadet nicht, sondern tut sogar gut. Aber diese Menschen verletzen nicht ständig andere mit ihren Verhalten und besitzen Mitgefühl.

Antwort
von Joergi666, 42

Diagnostisch klassifiziert ist meines Wissens nur die narzisstische Persönlichkeitsstörung - alles andere sind umgangsprachliche Begriffe und entsprechend wird es da auch keine Trennlinie geben.

Antwort
von CheGuevara5, 32

pathologisch ist der Narzissmus dann wenn der betroffene darunter leidet. betrifft dann vor allem die Entstehungsgeschichte (niemand liebt mich also liebe ich mich selbst (verliere dadurch aber vlt die Fähigkeit andere zu lieben)

Kommentar von jovetodimama ,

Wenn der Betroffene nicht darunter leidet, seine Angehörigen aber umso mehr, handelt es sich da um pathologischen Narzissmus oder "nur" um einen narzisstischen Charakter?

Kommentar von djNightgroove ,

Stimmt so absolut nicht, das Umfeld eines Narzissten leidet deutlich mehr unter seinem Verhalten als er selbst, Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung können durchaus zufrieden sein, dass sie sich ständig als Opfer präsentieren, um Mitleid zu empfangen, ist Teil dieser Störung, wirklich leiden tun aber die Opfer, in der Regel jemand aus dem nahem Umfeld, z.B. der Partner oder sogar das eigene Kind.

Oft wird die Opferrolle nur als Mittel benutzt, um andere zu diffamieren und zu isolieren.

Kommentar von CheGuevara5 ,

Also die klassische Pathogenese eines Narzissten verläuft so dass er von seinen Eltern Geschwistern etc kaum liebe erfährt und diese durch Selbstliebe zu kompensieren versucht. Da jeder Mensch geliebt werden muss um sich "normal" zu entwickeln bildet sich die Persöhbluchkeitsstörung aus die über die selbstverliebtheit weit hinausgeht. Ich sehe da den Patienten zunächst einmal als Opfer.

Kommentar von Klarsehen ,

Es handelt sich eben nicht um eine Selbstliebe, wie irrtümlich vielfältig angenommen wird, sondern um eine Selbstsucht. Die Sucht von Außen anerkannt zu werden, weil sie sich selbst nicht lieben können. Um ein selbstbewußtsein und liebevoller Mensch mit Empathie sein zu können, muss man in der Lage sein sich selbst annehmen - lieben zu können. Reinhard Haller hat das sehr schön in seinem Bestseller "Die Narzissmusfalle" zusammengefasst.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten