Frage von Tragosso, 108

Treffe mich demnächst mit meinem 'Erzeuger', wie kann ich selbstsicherer auftreten?

Huhu.

Der Titel lässt vermuten, dass unser Verhältnis schlecht oder gar nicht vorhanden ist, es bestand die letzten Jahre auch kein Kontakt.

Ich habe einem Treffen letzten Endes trotzdem zugestimmt, bin aber generell eine ängstliche Person. Ich leider unter Sozialer Phobie, Depressionen und einer Panikstörung.

Ich will dennoch nicht gerade wie eine Maus wirken und ihm stumm gegenüberstehen. Schließlich bin ich schriftlich sehr wohl in der Lage mich zu äußern und meine Meinung zu vertreten. Einen Brief habe ich bereits geschrieben, allerdings ist es real eine ganz andere Situation. Beim Treffen werden auch seine Frau und sein Sohn dabei sein, ich nehme meinen Freund mit.

Ich erhoffe mir von dem Treffen nicht allzuviel, ich möchte ihm einfach bloß meine Lage/Meinung von Angesicht zu Angesicht schildern können, wobei mir meine Einschränkungen wahrscheinlich in die Quere kommen. Deshalb wäre ich über ein paar Tipps zur Vorbereitung dankbar.

Antwort
von conelke, 42

Zunächst einmal finde ich es toll, dass Du bereit bist, Deinen Vater kennenzulernen. Auch wenn der Kontakt nicht gut war oder überhaupt nicht existierte, ist es für Dich sehr wichtig. Vielleicht lösen sich dadurch auch ein paar Probleme, die Du mit Dir selber hast.

Was ich jedoch total doof finde, ist die Tatsache, dass Ihr Beiden Euch nicht alleine trefft, sondern dass auf beiden Seiten Verstärkung mit dabei ist. Warum? Aufgrund der Tatsache, dass Ihr mit Sicherheit Beide Angst vor einem Treffen habt und Ihr ja auch versuchen wollte offen und ehrlich miteinander umzugehen und Ihr Euch ja auch erst einmal beschnuppern wollt, kann ich Dir nur den Rat geben, dass Du auf ein alleiniges Treffen mit ihm bestehst, am besten auf neutralem Boden in einem Cafe oder so.

Anfänglicher Scham und Angst wird auf beiden Seiten mit Sicherheit schnell vergehen, wenn Ihr erst ein paar harmlose Worte gewechselt habt.

Aber ganz ehrlich, das Treffen sollte zunächst ganz privat und persönlich nur unter Euch beiden stattfinden. Wenn Ihr Euch ein wenig besser kennengerlernt habt, könnt Ihr Euch gerne den Rest der Familie oder Freunde vorstellen.

Kommentar von Tragosso ,

Ich kenne ihn durchaus, er lebte mit meiner Mutter und mir zusammen bis ich 11 war. Ich bin zu dem Treffen bereit gewesen, weil er von mir verlangt ihm eine Chance zu geben. Ich möchte aber keine Chancen verschenken, ich habe an sich kein Interesse an Kontakt oder daran ihm zu vergeben, da er aber den Schritt getan hat mir zu schreiben, auch wenn ich es nicht für ehrlich gemeint halte, interessiert mich was er mir denn zu sagen hat und ob er wirklich versteht was er falsch gemacht hat. Das würde mir für einen inneren Frieden ausreichen.

Er und seine Familie kommen nicht wegen mir hauptsächlich, sondern besuchen Verwandte von ihm, es gab eben den Vorschlag für ein Treffen, wenn sie schonmal da sind. Deshalb sind die dabei. Ich denke, wenn wir uns allein gegenüberstehen spricht gar keiner von uns.

Kommentar von conelke ,

Darf ich fragen, wie alt Du bist?

Ich kann mir vorstellen, dass Du in Dir sehr viel Wut, Enttäuschung und Trauer hast. Vermutlich auch ein Gefühl des im Stichlassens vom eigenen Vater. Das tut weh. Sehr weh.

Im Grunde genommen hast Du schon recht, dass man keinem hinterherlaufen braucht und wenn Dein Vater Dir kein Entgegenkommen zeigt, sollte man für sich persönlich wahrscheinlich einfach einen Schlussstrich ziehen, um selbst einen Weg zu finden, damit klar zu kommen und um sich selbst zu schützen.

Jedoch halte ich es für wichtig, dass man einen Schritt aufeinander zugeht, wenn man das Gefühl hat, dass da doch noch irgendwas ist zwischen Euch - das alleine schon für Dein Seelenheil und Deinen Seelenfrieden. Vielleicht kannst Du dann ein wenig Wut, Trauer und Enttäuschung beiseite schieben.

Du hast eine gewisse Vorstellung von Deinem Vater, weißt aber vielleicht gar nicht genau, warum er Euch verlassen hat und was seine Beweggründe waren und wie es ihm dabei ging, Dich im Stich zu lassen. Es ist wichtig, dass für Dich herauszufinden. Schließlich ist er Dein Vater und es gibt mit Sicherheit nichts Schlimmeres als das Gefühl zu haben, dass Vater oder Mutter, das Kind nicht mochten.

Egal was passiert, gebt Euch eine Chance. Wenn andere dabei sind, wird es mit einem offenen Gespräch vielleicht nicht allzu weit kommen, aber vielleicht ist es ja ein Anfang. Alles Gute.

Kommentar von Tragosso ,

Auch dir danke ich für deine Worte. Und natürlich darfst du fragen. Ich bin 22.

Leider weiß ich vielzu gut, was die Gründe waren und meine Mutter ist auch nicht unschuldig daran, das ist mir natürlich bewusst. Ich weiß das deshalb, weil beide sich keine Mühe gegeben haben, ihre Streitereien vor mir zu verheimlichen. Es lief vor mir ab, aber das Kind versteht ja schließlich nichts...

Mama aber hat mir nie gesagt, dass ich ungewollt bin, sie hat sich Mühe gegeben, sich um mich gekümmert, auch wenn es nicht perfekt war. Das ist für mich viel wert.

Mein Erzeuger dagegen hat mich ignoriert oder angebrüllt, obwohl ich immer schon ein sehr schweigsames und ängstliches Kind war. Meine Mutter hat er laufend betrogen, darüber mit seinen Kumpels gesprochen, während ich dabei war, auch da wieder 'das Kind versteht ja eh nichts'.

Auch hat er Schulden gemacht, so dass mir natürlich auch unsere Geldprobleme bewusst waren. Alles Themen mit denen Kinder eigentlich nichts zu tun haben sollten.

Er hat mir damals auch klar und deutlich gesagt, was ich für ein sch**** Gör bin und, dass er keinen Bock auf mich hat. ich habe es als große Erleichterung empfunden als er endlich abgehauen ist als ich 11 war. Ich war nicht traurig und ich habe ihn schon einige Jahre davor nicht mehr als 'Papa' bezeichnet. Ich bin nur wütend...Diese Wut wäre ich gerne los.

Kommentar von conelke ,

Da hast Du als Kind wirklich eine Menge mitgemacht...und so kann ich Deine Einstellung Deinem Vater gegenüber durchaus nachvollziehen. Letzten Endes geht es dann wohl wirklich nur darum, dass Du Dein inneres Seelenheil auf die Reihe bekommst. Mit anderen Worten "Frieden mit sich selbst machen", dass würde jedoch bedeuten, dass Du Deinem Vater verzeihen müsstest, entweder in der Form, dass er sich persönlich bei Dir entschuldigt, was natürlich schön wäre, aber vielleicht nicht sein wird oder Du verzeihst ihm insgeheim. Aber das ist nicht so einfach, weil Du natürlich immer im Hinterkopf haben wirst, wie kann ein Vater sein eigenes Kind in der Art behandeln. Für alles gibt es vermutlich eine Eklärung, eigene Unzulänglichkeit, Überforderung, Geldnöte, schlechte Beziehungen. Das alles können Gründe sein, warum man mit seinen Kindern so umgeht. Dir muss letztendlich bewusst werden, dass nicht Du schuld bist und dass es auch nciht wirklich um Dich ging, sondern Du wurdest einfach in eine miserable Situation hineingeboren. Das ist wirklich tragisch und tut mir sehr leid für Dich.

Aus Dir scheint aber dennoch eine vernünftige junge Frau geworden zu sein, die beziehungsfähig ist und eine klare Sichtweise hat. Nachdem, was ich nun alles von Dir weiß, würde ich Dir auch den Rat geben, dass Du nur das tust, was Du auch tun möchtest. Wenn Du aufgrund der Geschehnisse in der Vergangenheit so gar keine Lust mehr auf Deinen Vater hast, dann lass es bleiben. Wenn Du jedoch der Meinung bist, dass Deinem Vater vielleicht doch so einiges klar geworden ist und er versteht, was er Dir als Kind angetan hat, dann gib ihm die Chance, vielelicht einen kleinen Teil wieder gut zu machen in der Zukunft. Wenn nicht, dann vergeude keine Zeit.

Wenn man mit einem Menschen nicht reden kann und man selbst jedoch soviel auf der Seele hat, wäre vielleicht auch ein Brief nicht schlecht, dem Du ihn schickst. In dem Brief erklärst Du mal Deine Sicht der Dinge und wie schlecht es Dir ging als KInd. Es wird Dich auch befreien. Erwarte nichts zurück, mache Dir einfach nur Luft.

Ich wünsche Dir wirklich alles alles Gute.

Antwort
von eversoul, 19

Hey Du

Ich hatte ein ähnliches problem; Mein Vater hat unsere Familie verlassen (4kinder) ich war 9. Jahre. Er hat eine andere Frau geheiratet und es war schwer für mich zu wissen das mein Vater sich nie um mich kümmern wollte, kein intresse an mir. Ich habe ihn dafür gehasst... nun bin fast 30 und er hat wenn ich Glück hatte an meinen Geburtstagen angerufen. 

Es war wirklich schlimm. Aber wenn ich mir die Situation anschaue, dann weiss ich, dass niemand perfekt ist und schon gar nicht immer das richtige tut. Also hab ich mich darum bemüht meinen Vater nach 10 jahren ohne kontakt, ihn wieder zu treffen. 

Ich hab mir vorgenommen kein Hass oder Vorwürfe an meinen Vater zu vergeuden, Es ist gift und macht einen Krank.

Ich weiss von mir aus wer ich bin, brauche keine Anerkennung von ihm aber ich wollte wissen, wer er ist. Ob ich vielleicht etwas von ihm habe. Ich habe mich mit ihm getroffen weil ich es wollte. Hätte ich auf ihn gewartet hätte ich ewig gewartet. 

Seine Frau war mit dabei und ich musste sagen. Es geht ihm gut... wieso sollte ich dann seine entscheidung bezweifeln? Er schreibt gedichte und macht Skulpturen, er ist sehr talentiert. Da habe ich was endeckt das auch in mir steckt. Ich mag sogar seine Frau Sie ist sehr nett. Ich habe mir gedacht. Unsere Zeit auf dieser Welt ist kostbar, man weiss nie wann es zu spät ist. Wie lang wir Zeit haben uns kennenzulernen und das ich nicht die sein wollte,die ihren Vater nur als problem der Kindheit betrachtet. Ich mache auch fehler aber darum sind wir Menschlich.

Wenn du dir ein ruck gibst und ihnen eine Chance gibst, was du gerade tust. Dann verschliesse dich nicht. Die Zeit kann mann nicht zurück drehen aber die Zukunft können wir bestimmen. Ist doch schön wenn die Familie auf einen schlag grösser wird.

Wenn er dir entgegenkommt ist des schon sehr viel mehr als das was mein Vater getan hat aber ich hab es nicht bereut.

Das ist grob meine Geschichte. Ich kann nur von mir ausgehen und rate dir ganz klischeehaft; Hör auf dein Herz, lass alles raus was du sagen willst. Verstell dich nicht. Nimm kein Blatt vor den Mund, du bist Erwachsen nicht mehr die kleine Tochter du hast überhaupt nichts zu verlieren oder zu beweisen. 

Ich find es Klasse, dass dich dein Freund unterstützt! Dein Freund an deiner Seite macht dich stark und erinnert dich daran, dass du auch ohne deinen Erzeuger erwachsen geworden bist. 

Ich hoffe ich konnte dir etwas beistehen und ich drück dir fest die Daumen. 

Alles liebe 

Antwort
von boeserApfeltee, 43

Den Ratschlag schlecht hin habe ich leider nicht für dich. 

Was ich dir aber rate ist: Rede mit deinem Freund vorher genau darüber, damit er dir im Ernstfall den Rücken stärken kann, falls du in einem Moment nicht die richtigen Worte findest. 

Wenn du dich absolut nicht wohl fühlst in der Situation, dann geh einfach.

Dein Erzeuger, wie du ihn nennst, hat anscheinend selber keinen Antrieb dich näher kennenzulernen, daher bist du ihm nichts schuldig und sollte froh sein, wenn du überhaupt hingehst. 

Kommentar von Tragosso ,

Das sehe ich auch so.

Kommentar von aribaole ,

Ich auch!

Antwort
von teafferman, 18

Ich sehe sehr gute und wesentliche Gründe für Dich. darauf zu bestehen, dass Du Dich mit Deinem Vater alleine triffst. 

Sie werden nun also als Familie einen weiten Weg zurück legen der es ermöglicht, dass Ihr Euch trefft. Das ist aber noch lange kein Grund dafür, dass seine neue Frau und sein anderes Kind mit anwesend sind. Die können in der Zwischenzeit andere Dinge unternehmen. 

Da Du schriftlich gut bist, bereitest Du Dich also auch schriftlich vor. Dazu hast Du verschiedene Möglichkeiten: 

Du kannst ihm einen fertigen Brief vorlesen. Du kannst auch verschiedene Notizen mitnehmen und diese nach Bedarf nutzen. 

Weiter wähle den Treffpunkt gut aus. Es ist heutzutage relativ leicht, ein Restaurant oder so auszuwählen, welches den Blick von einem anderen Restaurant leicht ermöglicht. Im anderen Restaurant mag dann die neue Familie Deines Vaters und auch Dein Freund warten. 

An Deiner Stelle würde ich meinem Vater von meinen Erkrankungen Mitteilung machen. Achte auf seinen nonverbale Kommunikation dabei. Viele Männer kennen kaum Worte, um ihren Gefühlen Ausdruck verleihen zu können. Das ist reine Erziehungssache. Aber Worte machen nur 20% der Kommunikation aus. Halt wenn wir mal Tonfall, Körpersprache und so fort auslassen. 

Weiter würde ich ihm gleich zu Beginn mitteilen, dass Du die Situation verlässt, sobald Du sie nicht mehr aushältst. Auf diese Weise nimmst Du Dir selbst einen Rechtfertigungsgrund. 

Sicherlich hat Dich die Trennung Deiner Eltern in einer sehr empfindlichen Entwicklungsphase getroffen. Ich möchte Dir dazu noch mitgeben: 

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: So gut wie immer gehören zu einer Trennung zwei Personen. Und sie ereignet sich so gut wie nie aus heiterem Himmel. 

Schuld und Unschuld führen in der Regel zu keiner Lösung. Sie führen in der Regel zu einem Kreislauf von Wiedergutmachung / Aufrechnung und dem durchaus häufigen erneuten Entstehen von Schuld / Beschuldigung. 

Kein Mensch ist perfekt. Wir sind alle fehlerhaft. Genau deshalb sind diese komischen sogenannten Soft-Skills so wichtig wie Toleranz, Rücksicht, Vorsicht, Nachsicht.....

Noch ein Letztes:

Wir sollten Nichts so sehr fürchten wie die Furcht. 

Kommentar von Tragosso ,

Sehr weise, vielen Dank für deine Worte.

Antwort
von Virginia47, 20

Ich finde es ein bisschen zu viel, für das erste Treffen gleich eine Familienveranstaltung draus zu machen. 

Du solltest dich erstmal allein mit ihm treffen. Wenn er denn wirklich an dir interessiert ist. 

Ansonsten lass es und erspare dir die Enttäuschung. 

Oder beende das Gespräch, wenn es dir nichts bringt. 

Antwort
von Mignon4, 46

Wäre es nicht besser, ihr führt ein 4-Augen-Gespräch ohne deinen Freund und ohne Frau und Sohn (= dein Hallbruder!) deines Vaters? Ich denke, dann wird es dir leichter fallen, mit deinem Vater zu reden.

Kommentar von Tragosso ,

Ich schätze er wird selbst nicht gerade viel sagen. Problematisch ist, dass seine Frau sich den Kontakt wünscht und nicht er. Es geht immer von ihr aus, von alleine würde er gar nicht auf die Idee kommen sich mit mir zu treffen und das Kind wird als Türöffner vorgeschoben. Für mich ist es nicht mein Halbbruder, sondern einfach nur deren Sohn, ich habe keinen Bezug zu ihm.

Kommentar von Mignon4 ,

Ach so.

Aber trotzdem könntest du ein 4-Augen-Gespräch vorschlagen. Die Frau deines Vaters kann ja nicht über dich bestimmen.

Kommentar von conelke ,

Selbst wenn die Frau Initiatorin ist, bedeutet das nicht, dass Dein Vater Dich nicht sehen will. Ich denke, bei ihm wird auch Einiges im Kopf vorgehen. Mit Sicherheit wird er Schamgefühl haben und ein schlechtes Gewissen. Oft drückt man sich vor solchen Treffen aus Angst und ist später traurig, dass man den Schritt nicht gewagt hat. Am besten lernst Du Deinen Vater kennen und er Dich, wenn Ihr unter Euch seid. Das wäre ein Türöffner für eine gemeinsame Zukunft oder zumindest für eine Annäherung.

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community