Frage von C612001, 161

Transsexuell - und jetzt?

Hallo.

Wie die Frage schon vermuten lässt, ich bin transsexuell. Ich denke, dass ich das schon seit knapp einem Jahr weiß, allerdings fehlte bisher jeglicher Mut mich zu ,,outen" (Sagt man das in dem Kontext so?). Diesen Sommer beende ich allerdings die Schule und werde anfangen zu studieren. Und ich habe mir vorgenommen von jetzt an auch öffentlich, als der Mensch zu leben, als der ich wahrgenommen werden möchte. Natürlich habe ich, seit ich mir das vorgenommen habe, allerhand im Internet recherchiert. Bleibe allerdings trotzdem etwas verwirrt zurück. Was muss ich machen? Ich würde gern eine Hormonbehandlung beginnen und weitere geschlechtsanpassende Maßnahmen und ich weiß, dass das natürlich nicht einfach so geht. Zunächst steht natürlich ein ,,outing" vor einer nahestehenden Person an. Aber was kommt dann? Gehe ich zu meinem Hausarzt und sage; ,, Hey, was geht. Ich bin Transsexuell. Machen sie was." . Kann vielleicht jemand aus eigener Erfahrung sprechen? Gibt es einen staatlich vorgesehenen Ablaufplan? Wie gesagt, Transsexuell - und jetzt?

Ich würde mich riesig über etwaige Antworten freuen und bedanke mich jetzt schon dafür.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von JimmyPea, 77

Das Schwierigste hast du schon hinter dir: Dein inneres Outing, also die Einsicht, dass du trans bist. Das ist schonmal gut! Wie lange weißt du es schon? Hast du es mehrfach hinterfragt?

Wenn ja, dann wende dich an eine Selbsthilfegruppe in deiner Nähe. Keine Angst - die Leute, die dort sitzen haben auch mal so angefangen wie du! :) Dort findest du Anschluss zu anderen Betroffenen und auch wenn sie dir vlt. nicht jede Frage beantworten können, so wissen sie, an welchen Psychotherapeuten du dich wenden kannst. Denn gerade bei Transsexuellen ist es immens wichtig, dass du einen erwischst, der sich damit auskennt und Erfahrung mit den dutzenden bürokratischen Fallstricken hat! Die Leute in den Selbsthilfegruppen wissen auch, welche Gutachter (für die juristische Vornamens- & Personenstandsänderung) gut, human und v. a. günstig sind - du bezahlst sie nämlich selbst!

Um das ganze etwas zu entwirren, hier folgende Hinweise. Es gibt die

- medizinische Angleichung (Hormone & OPs)
- juristische Angleichung (Vornamens- & Personenstandsänderung)

Beide Verfahren sind offiziell voneinander unabhängig, in der Praxis jedoch nicht ganz. Erfahrungsgemäß ist folgende Vorgehensweise sinnvoll:

1. Selbsthilfegruppe finden & nach trans-erfahrenen Psychotherapeuten erkundigen.
2. Sobald wie möglich einen Probe-Termin bei einem Therapeuten machen. Achte darauf, dass die Harmonie zwischen euch stimmt! Du wirst mit ihm/ihr sehr viel Zeit verbringen!
3. Sog. Alltagstest beginnen. Was darunter fällt kann sehr weit ausgelegt werden. Du musst dich nicht sofort überall outen, sondern kannst erstmal für dich experimentieren. Ein Outing ist ein großer Schritt und sollte gut überlegt sein! Du wirst nämlich mit Situationen konfrontiert, an die du im Leben nicht gedacht hättest. ;)
4. Beim zuständigen Amtsgericht Vornamens- & evtl. auch Personenstandsänderung beantragen. Je nach Auslastung des Gerichtes kann das Verfahren bis zu 18 Monaten dauern! Erst mit dem Beschluss kannst du deine persönlichen Dokumente ändern! Je schneller das passiert, desto besser, denn es ist nur ein Verwaltungsakt und jederzeit reversibel. Ohne diesen Wisch vom Gericht wirst du während deiner Transition durchgehend falsch angesprochen, beim Arzt falsch aufgerufen, kannst irgendwann nicht mehr mit deiner EC-Karte bezahlen, nicht mehr mit deinem Perso am Flughafen einchecken, etc. pp. Glaube mir - die Schwierigkeiten kommen! ;)
5. Alltagstest machen & regelmäßig zum Therapeuten gehen. Je besser er/sie dich in den ersten Monaten kennenlernt, umso wahrscheinlicher ist es, dass er/sie bald eine Indikation für gegengeschlechtliche Hormone ausstellt. Viele trans-erfahrene Therapeute machen das heute schon nach 6 Monaten. WICHTIG: Hormone NIEMALS bei der Krankenkasse beantragen!
6. Termin zur Voruntersuchung beim Endokrinologen machen. Der ist zuständig für Hormone. Dann kann der Arzt schonmal ein Blutbild machen und von ärztlicher Seite klären, ob du überhaupt Hormone nehmen kannst. In wenigen Fällen bedarf es Speziallösungen. Wo in deiner Nähe der nächste Endokrinologe ist, der auch andere Trans-Menschen behandelt, erfährst du von deiner Selbsthilfegruppe. ;)
7. Ausharren und warten. Ohne Witz! Die meiste Zeit während deiner Transition verbringst du mit warten...
8. Schritt-für-Schritt-Outing. Mach das mit deinem Therapeuten zusammen. Es ist einfacher, wenn du Strategien mit ihm/ihr besprechen kannst!
9. Schau dich schon mal nach Operateuren um und vereinbare Voruntersuchungen, bzw. ein Beratungsgespräch zu einer OP deiner Wahl. In Deutschland gibt es ein paar die auf Trans-Menschen spezialisiert sind. Einige machen "Komplett-Operationen", einige arbeiten an ihrem"Kunstwerk" in mehreren Schritten, wieder andere decken nur einen Teilbereich ab. Lass dir in jedem Fall schriftlich bestätigen, dass du dich hast beraten lassen! Du brauchst den Wisch für Anträge auf Kostenübernahme bei der Krankenkasse.
10. Lt. MDK-Richtlinien kannst du für einige medizinische Angleichungsmaßnahmen eine Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragen. Voraussetzungen sind 1,5 Jahre therapeutische Begleitung, ein 1,5 Jahre währender Alltagstest, 6 Monate gegengeschlechtliche Hormontherapie. Meistens will der MDK auch (ungerechtfertigterweise!!!) die Gutachten für deine Vornamens- & Personenstandsänderung haben. Die hast du ja dann schon, weil du klug warst und das Gerichtsverfahren schon sehr früh beantragt und bestenfalls auch schon abgeschlossen hast. ;) Leider fordert der MDK immer wieder die Gutachten, obwohl sie nicht das Recht dazu haben. Wenn du dir Stress ersparen willst, stell sie zur Verfügung. Der MDK entscheidet manchmal einfach nach Gusto, ob sie dir das Leben weiter zur Hölle machen möchten oder nicht... :-/
11. Vereinbare frühzeitig OP-Termine. Je nach Operateur musst du mit Wartezeiten von 6-18 Monaten rechnen. ;)

Ich hoffe, ich konnte dir etwas damit helfen, auch wenn das ganze Verfahren verwirrend ist. Wenn du Fragen hast, dann frag mich. :-)

Kommentar von C612001 ,

Ui. Das ist ausführlich. Vielen vielen lieben Dank! Ich denke, dass ich dann mal bei Schritt 1 anfangen werde. Kennst du eventuell gute Anlaufstellen in Berlin? 

Kommentar von JimmyPea ,

Gern geschehen! Bei diesem Thema findet man keinen Anfang und kein Ende, weil es insgesamt sehr komplex ist. Ich kenne in Berlin keine Selbsthilfegruppe persönlich. Allerdings gibt es dort einige Gruppen, auch eine für Jugendliche, bzw. junge Leute. Die Gruppe heißt Lambda Trans*Gruppe für junge Menschen, die treffen sich jede Woche Do. um 19 Uhr im Lambda Berlin-Brandenburg e. V., Sonnenburger Str. 69 in Berlin. Schau mal unterwww.transsexuell.dee bei den Selbsthilfegruppen, da findest du noch mehr in Berlin und auch die Kontaktdaten für Lambda, die ich hier aber nicht veröffentlichen möchte. Trau dich, schreibe die Kontaktperson an und geh hin! :-) Wenn dir eine Selbsthilfegruppe nicht gefällt, dann probier noch mal eine andere. Viel Erfolg bei der Selbstfindung :)

Kommentar von C612001 ,

Danke, danke, Dankeschön. :)

Antwort
von AdrianDarkLord, 78

Was du tun solltest, ist einen Psychologen mit einem solchen Spezialgebiet aufzusuchen und dich von ihm beraten zu lassen. :)

Darf ich fragen ob FtM oder MtF?

Kommentar von C612001 ,

FTM. Und danke für die liebe Antwort.

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